EPs 2016 - Platz 2 - Rome: Coriolan

Wir begeben uns auf die Zielgerade mit Platz 2: "Coriolan" von Rome.

Rome sind eine Band, oder viel mehr ein Ein-Mann-Projekt des Luxemburgers Jerome Reuter. Rome waren seit ihrer ersten Veröffentlichung, dem Debütalbum "Berlin"  (2006) ungewöhnlich produktiv. Ganze zehn weitere Studioalben plus diverse EPs bzw. Maxis sind seit dem erschienen. Jerome Reuter selbst bezeichnet seine Musik als "Chanson Noir", was wohl ziemlich zutreffend ist. Die Band hat dabei stets eine Message, beschäftigt sich mit Themen wie Freiheit(skämpfern), Flucht, Kriegen, Exil und ähnlichem. Auf vielen ihrer Alben streuen sie meist deutschsprachige Samples und Soundeffekte ein, die dem Ganzen immer eine fast greifbare Atmosphäre verleihen und die teilweise einen leichten Hörspielcharakter aufweisen. Wer Rome nicht kennt und sich mal ein Bild machen möchte, dem empfehle ich dringend das 2009er Album "Flowers From Exile".

 

Neben dem elften Album "The Hyperion Machine" erschien im letzten Jahr auch diese EP - "Coriolan" ist dabei als komplett eigenständige Veröffentlichung zu sehen und weist keinerlei Überschneidungen mit dem Longplayer auf. 

Auf "Coriolan", das von Shakespeares "Coriolanus" inspiriert ist, bieten Rome einen guten Querschnitt durch ihr bisheriges musikalisches Schaffen. Von ruhigen, chansonartigen Songs über Material, das man eher dem Dark Wave bzw. Gothic zuordnen kann bis hin zu leichten Industrialklängen wird auf dieser EP jede Menge Abwechslung geboten. 

Das erste Stück "Investiture" hat eher Introcharakter und ist gleich ein Beispiel für die oben erwähnten Samples und Hörspielanleihen. Wir hören eine Art Hymne, gespielt von einem Orchester, allerdings ist der Klang auf alt getrimmt und klingt wie eine historische Aufnahme, die jemand bei einem Konzert heimlich mitgeschnitten hat. Stimmensamples flirren durchs Bild und obendrüber singt Reuter mit seiner tiefen, beschwörenden Stimme sanfte Töne. Sehr stimmungsvoll. Nahtlos schließt sich das nur einminütige "Make You A Sword Of Me" an, das ebenfalls eher Klangcollage als Song ist. Keyboards, Effekte, dazu eine tiefe Sprechstimme, die bedrohlich daherredet, später lautes Getrommel. Inhaltlich wird das Lied von "Investiture" getrennt sein, musikalisch jedoch gehören sie als Intro meiner Meinung nach zwingend zusammen.

 

"Broken" ist dann der erste "richtige" Song. Ein Beispiel für die eher gothic/wave-orientierten Sachen von Rome. Ein monotoner Beat, Reuters wie immer großartiger Gesang, beschwörend und einlullend, düstere Instrumentierung. Der Chorus ist ein Ohrwurm sondergleichen und verlässt einen nach dem Hören erstmal für einige Stunden nicht. Ein toller Song, der sich für mich ein wenig wie der Bruder von "One Fire" vom Vorgängeralbum "A Passage To Rhodesia" anfühlt. Definitiv ein Hit. 

Weiter geht es mit "Fragments", hier wird das Tempo erhöht und auch insgesamt ein wenig mehr auf die Pauke gehauen. Der Gesang ist zumindest leicht verzerrt, die Instrumentierung pendelt zwischen Rock und leichten Industrial-Anleihen, wobei wir hier natürlich nicht von Ministry-artigem Gepolter reden. Die Melodie steht bei Rome stets im Vordergrund, da macht auch dieser Song keine Ausnahme. Die Stimmung ist jedoch eine völlig andere als bei "Broken" und der Song für Bandverhältnisse schon eher laut.

 

Nun beginnt der beschauliche Teil der Platte. "The Light Shall Undress All" ist der erste von drei musikalisch eher ruhigen Songs. Sanfte Gitarren unterlegt mit jeder Menge Hall,der Gesang ist erneut leicht verfremdet. Trotz der ruhigen Ausrichtung wirkt der Song auf mich sehr von einer inneren Anspannung durchzogen. Nach zwei Minuten ist er schon vorbei und es beginnt "Coriolan", der Titelsong. Dabei handelt es sich um eine lupenreine Ballade. Akustikgitarren, ein paar Keyboardakzente und Jerome Reuters einmal mehr toller Gesang, mehr braucht es nicht in diesem Lied. Der Chorus hat ebenfalls ein gewaltiges Ohrwurmpotential. Tolles, für Rome ziemlich introvertiertes Lied. Erst in der letzten Minute wird das Ganze lauter und intensiver, fast hymnenhaft.

 

Ich kenne zwar noch nicht alle Alben von Rome, soweit ich weiß, ist "Der Krieg" aber der erste Song von ihnen, der komplett auf deutsch gesungen wird. Deutschsprachige Passagen gerade bei den Samples gab es schon immer, dass aber wirklich auf deutsch gesungen wird, ist glaube ich neu. Auch "Der Krieg" ist ein sehr ruhig instrumentierter Song, Akustikgitarren, ein paar versprengte Akzente auf der elektrischen, sanfte Keyboardteppiche, später kommen auch leise Percussions hinzu. Jerome Reuter schafft es in dem Song glücklicherweise sämtliche Klippen zu umschiffen, an denen man mit so einer Mischung aus Singer/Songwriternummer und Protestsong kentern könnte. "Der Krieg" klingt ungewohnt und eben aufgrund der Sprache sehr direkt, für mich gelingt das Experiment aber. Dass die Aussage des Songs bei der sonstigen thematischen Ausrichtung von Rome natürlich gegen den Krieg ist, dessen Sinnlosigkeit zeigt  und vor dem Weg dorthin warnt, auf dem man sich nach Reuters Meinung aber wohl bereits befindet, dürfte klar sein.

 

Den Abschluß der Platte bildet "Funeratio", das die Platte ähnlich abschließt, wie sie begann: Mit einer nach historischer Aufnahme klingenden, diesmal von einem gewaltigen Chor vorgetragenen, hymnenhaften Melodie. Im Hintergrund sind donnernde Geräusche zu hören, die eventuell Kanonenschläge sein könnten.

Dass Sachen wie dieser Song von Rome offenbar wirklich selber gemacht werden, es sich also in Wirklichkeit eben nicht um Samples alter Aufnahmen handelt, fasziniert mich immer wieder. Die Melodie, die der Chor in "Funeratio" singt, kommt mir zudem unglaublich bekannt vor. Ich weiß aber nicht, um was es sich dabei handelt und das Booklet schweigt sich aus. Ich könnte  schwören, dass das irgendeine historische Melodie ist. Wer mag, kann es sich in dem Video ja einmal anhören und mich wissen lassen, was das sein könnte. Nach ziemlich genau einer Minute gehts los:

Fazit:
Es ist und bleibt faszinierend, mit welcher Schlagzahl Rome solch hochklassige Musik auf die Menschheit loslassen. Woher Jerome Reuter all die Ideen und die Kreativität nimmt, ist mir ein Rätsel. Es darf aber natürlich gerne so weitergehen.

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Kommentare: 3
  • #1

    Menno (Donnerstag, 05 Januar 2017 14:40)

    OK, jetzt hast du mich überzeugt. Die beiden Songs klingen super, die EP hol ich mir.

  • #2

    M.o.D. (Donnerstag, 05 Januar 2017 18:34)

    Danke für das Einbetten der YT Videos.
    Ich hatte geahnt, dass Rome nix für mich sind, andererseits mag ich ja obskures Zeugs.
    Das hier ist zu wenig "obskur" *g*
    Irgendwie erinnert mich das an was aus der 80er Dark Wave-Melange. Komme grad nicht drauf. Wenn, werde ich es Die empfehlen.

  • #3

    Ploppi (Donnerstag, 05 Januar 2017 19:47)

    @MoD:

    Es gibt auch obskurere Sachen von ihnen, beispielsweise das Dreifachalbum "Die Ästhetik der Herrschaftsfreiheit", generell steht aber der Song schon immer im Vordergrund bei Rome.