2016 in Alben - Platz 12 bis 9

Langsam wird es ernst - wir knacken die Top 10 der für mich besten Alben des Jahres 2016.


PLATZ 12: MARILLION - F.E.A.R. (FUCK EVERYONE AND RUN)

 

01. El Dorado (16:34)

I. Long Shadowed Sun

II. The Gold

III. Demolished Lives

IV. F.E.A.R.

V. The Grandchildren Of Apes

02. Living In F E A R (6:25)

03. The Leavers (19:06)

I. Wake Up In Music

II. The Remainers

III. Vapour Trails In The Sky

IV. The Jumble Of Days

V. One Tonight

04. White Paper (7:18)

05. The New Kings (16:43)

I. Fuck Everyone And Run

II. Russia's Locked Doors

III. A Scary Sky

IV. Why Is Nothing Ever True?

06. Tomorrow's New Country (1:47)

Marillion sind eine Institution. 33 Jahre nach ihrem Debüt "Script For A Jester's Tear" haben sie 2016 ihr sage und schreibe 18. Studioalbum veröffentlicht - "F E A R - Fuck Everyone And Run" heißt es, ich mache es mir aber einfach und nenne es im weiteren Textverlauf einfach "Fear"

Der Titel wirkt zunächst einmal plakativ, hierzu sollte man am besten ein Interview mit ihnen lesen. Das Album thematisiert die Zeit, in der wir leben und was in dieser alles schiefläuft. "Fuck Everyone And Run" bezeichnet laut Marillion die heutige Mentalität vieler Menschen, Unternehmen und Regierungen: Nehmen, nehmen, nehmen, ausbeuten ohne Rücksicht auf Verluste, danach schnell abhauen und verbrannte Erde hinterlassen. Darum geht es in "The New Kings". Es werden aber auch andere aktuelle gesellschaftliche Themen angeschnitten, wie zum Beispiel die Flüchtlingskrise und religiöser Terror ("El Dorado") oder die reichlich paradoxe Entwicklung, dass in der heutigen nachweislich sichersten Zeit, die es je gab die Menschen  immer mehr Angst vor allem haben, was irgendwie neu, unbekannt, fremd oder anders ist ("Living In F E A R").

"Fear" ist mit knapp 70 Minuten Dauer ein ganz schöner Brocken geworden, aber Marillion haben eben nicht nur textlich, sondern auch musikalisch immer noch jede Menge zu sagen. "Fear" ist meiner Meinung nach ihr bestes Album seit "Marbles" (2004) und nach "Afraid Of Sunlight" (1995) und eben "Marbles" für mich wohl sogar das beste aus der nun immerhin schon 14 Alben andauernden Bandphase mit Sänger Steve Hogarth.

"Marbles"  ist ohnehin ein ganz guter Bezugspunkt, denn musikalisch gibt es durchaus Parallelen zu dem Meisterwerk. Weitere Alben, die beim Hören in den Sinn kommen sind sicherlich "Brave" (1994), "This Strange Engine" (1997) oder auch "Happiness Is The Road - Essence" (2008). "Fear" geht also mehr in die ruhige, besinnliche, melancholisch-düstere und hier und da auch durchaus ausschweifende Richtung. Drei Longtracks, die ihrerseits in vier bis fünf Parts unterteilt sind spendieren Marillion ihrem Publikum, dazu gibt es zwei kürzere Songs plus einen ganz kurzen, den man eher als Outro wahrnimmt. 

Highlights sind meiner Meinung nach "El Dorado" und "The New Kings"  in denen Marillion es wieder einmal verstehen, fantastische Spannungsbögen aufzubauen und quasi Filme ohne Bild zu erzeugen. Unfassbar schöne Melodien und Aufbauten wie zum Beispiel in "The Gold" oder "Fuck Everyone And Run" lullen einen vordergründig ein, allerdings täuscht das, denn inhaltlich geht es hier teilweise ganz schön zur Sache.  Hogarth gelingt es meiner Meinung nach im Gegensatz zu "Gaza" vom Vorgängeralbum, ernste Themen angemessen umzusetzen.

Das neue Marillion-Album ist definitiv etwas zum Zuhören und Texte mitlesen, erst dann entfaltet die Platte ihre volle Wirkung. Das gilt insbesondere natürlich für die Longtracks. So lange Marillion immer noch auf diesem Niveau musizieren (und, das muss man ja auch mal sagen, es weiterhin schaffen, genau kein einiges Mal in ihrer Karriere wirklichen Mist abgeliefert zu haben), mögen sie uns bitte noch lange erhalten bleiben.

Ein schönes Detail noch am Rande: Der Song "F E A R" klingt meiner Meinung nach ziemlich nach späten Gazpacho - also der Band, die sich einst nach einem Marillion-Song benannte und in ihren Anfangstagen ein ziemlicher Klon der Briten war - so schließt sich der Kreis.

 


PLATZ 11: BLACK MOUNTAIN - IV

 

01. Mothers Of The Sun (8:33)

02. Florian Saucer Attack (3:21)

03. Defector (4:03)

04. You Can Dream (5:33)

05. Constellations (4:02)

06. Line Them All Up (3:55)

07. Cemetery Breeding (4:10)

08. (Over And Over) The Chain (8.49)

09. Crucify Me (4:46)

10. Earth To Bakersfield (9:05)

 

Jawoll,  sie wabern wieder! - Das Fazit gleich mal vorweg.

Was ich auf dem Vorgänger "Wilderness Heart" vermisst hatte, ist wieder da: Black Mountain nehmen sich auf ihrem (ach was?) vierten Album "IV" endlich wieder Zeit für ausgedehnte Spacerock-Sessions, in denen eben auch mal ausgiebig herumgewabert werden darf. Das gehört für mich bei dieser Band irgendwie dazu, der Vorgänger war zwar gut, letztlich mir aber zu songorientiert. Auf "IV" stehen aber auch wieder ein paar lange, recht ausufernde Songs, in denen Black Mountain zumindest gefühlt einen Joint nach dem anderen durchziehen. Parallel gibt es aber auch Songs wie die für Bandverhältnisse fast schon als Metal zu bezeichnende Vollgasveranstaltung "Florian Saucer Attack", die wunderschöne Ballade "Line Them All Up" (der Song könnte glatt von Amber Webbers und Joshua Wells' Zweitband Lightning Dust stammen)  oder die Spaßnummer "Cemetery Breeding", die ein wenig wie eine Parodie auf 80er-Wavebands wirkt und in der es darum geht, äh... tja, siehe Songtitel.

Der Gesang wird wie üblich geschwisterlich zwischen Stephen McBean und Amber Webber aufgeteilt. Mal dominiert er einen Song, mal tut sie es, mal stehen sie gleichberechtigt nebeneinander. Das ist eine Sache, die ich schon immer klasse an Black Mountain fand und die natürlich für ordentlich Abwechslung sorgt. 

Black Mountain sind so ziemlich die einzige Band aus diesem ganzen Retrozirkus, der ich nicht nur ernsthaft etwas abgewinnen kann sondern die ich richtig gut finde. Ihre Haupteinflüsse dürften wohl Pink Floyd und Black Sabbath sein, deren musikalische Zutaten sie zu etwas eigenem verquirlen. Passend dazu muss sich der Song "Defector" wohl auch vorwerfen lassen, von Pink Floyds "Young Lust"... nennen wir es einmal inspiriert zu sein. Aber was macht das schon, wenn dann so eine coole Nummer dabei herauskommt? Eben.

Apropos cool: Mit "Constellations" liefern Black Mountain ihren vermutlich coolsten Song überhaupt ab. Absolut großartig, wie an diesem Lied einfach alles stimmt, wie die Parts hier ineinandergleiten, das Ganze swingt und wie McBean und Webber sich gesanglich ergänzen. Trotz der eingangs erwähnten langen Wabersongs (bei "(Over And Over) The Chain" geht mir diesbezüglich echt das Herz auf - herrlich!) - "Constellations" ist mein Lieblingssong auf "IV" und zeigt, was für tolle Songwriter Black Mountain sind. Am Stück gehört hat "IV" eventuell das kleine Problem, dass es in der zweiten Hälfte etwas zu ruhig ist bzw. eine Ballade zuviel enthält. Für sich genommen sind sie Songs aber eben alle absolut toll und man möchte keinen einzigen missen. Von daher ist das sicherlich ein Kritikpunkt, der gut zu verschmerzen ist. 

Das Doppelvinyl kommt in schickem Weiß und weil Jagjaguwar eine coole Plattenfirma ist, gibt es auch einen Download-Code.

 


PLATZ 10: UNIVERSE 217 - CHANGE

 

01. Undone (5:04)

02. Counting Hours (4:54)

03. Here Comes (4:16)

04. Rest Here  (4:51)

05. Burn (7:07)

06. Call (4:57)

07. Change (12:23)

 

Das war auf den letzten Drücker - die vorangegangenen Veröffentlichungen ab dem 2013er Album "Never" der griechischen Band Universe 217 kenne und besitze ich zwar und fand diese auch gut bis sehr gut - "Change" ging aber bis wenige Tage vor Weihnachten komplett an mir vorbei. Ich hatte von dem Album schlicht nichts mitbekommen und wenn, dann hätte ich es vermutlich trotzdem nicht gekauft, weil mir die bisherigen Platten eigentlich reichten. Dachte ich.

Zum Glück hat man ja Freunde, die einem ab und an den rechten Weg zeigen - so auch in diesem Fall. Auf dringenden Hinweis, ich müsse das unbedingt haben, bestellte ich "Change" dann eben doch - und was soll ich sagen? - Zum Glück!

Universe 217 haben auf diesem Album einen ungeheuren Sprung gemacht und stellen sowohl "Never" als auch "Easemit fast schon erschreckender Leichtigkeit in den Schatten - was für ein großartiges Album! Ich habe die Platte glaube ich inzwischen öfter gehört als die beiden vorherigen zusammen und wenn ich nun Bock auf die Band habe, dann immer nur auf dieses Album.

Universe 217 spielen nach wie vor irgendwas zwischen donnerndem Doom Metal und ausschweifendem Psychedelic Rock, die Musik wirklich zu beschreiben, finde ich schwierig. Sie schaffen es aber wie bis dato nie zuvor, mich von der ersten Sekunde an in ihren Bann zu ziehen. Die Atmosphäre von "Change" pendelt je nach Song irgendwo zwischen schwärzester Tiefsee und den unendlichen Weiten des Weltraums. 

Dabei haben sie es geschafft, mit Songs wie "Counting Hoursoder "Here Comes" richtige kleine Hits zu fabrizieren, mit Hooklines, die ziemlich schnell ins Ohr gehen und dort bleiben. Das sind immer nur kurze Momente, an die man sich während der ersten Hördurchgänge klammern kann, bevor Universe 217 wieder in dröhnende Sphären abdriften, aber die Momente sind da und sie erleichtern den Zugang zur Musik meiner Meinung nach ungemein. Trotz der dunklen Färbung der Musik wirkt diese auf mich viel weniger unnahbar als das bisher der Fall war. 

Neben dem tollen, sehr passenden Sound und den alles zermalmenden Gitarren ist die größte Stärke von Universe 217 bzw. "Change" natürlich Sängerin Tanya. Diese fungiert als eine Art Zeremonienmeisterin, nimmt den Hörer mit ihrer sehr ebenso eigenständigen wie eindringlichen, dunklen Stimme schnell gefangen und lässt ihn nicht mehr gehen. Neu sind ihre Schreie, die sie an manchen Stellen einbaut und bei denen man immer kurz um ihren Geisteszustand und ihre Stimme fürchten muss. Kraftvoll, mit unendlicher Wucht und wunderbar kratzig kommen diese rüber und verleihen dem Album ein paar Energieschübe der Extraklasse. Der Titelsong am Ende der Scheibe ist zweigeteilt, nach ca. der Hälfte des Songs gibt es eine Pause von einigen Sekunden, bevor es mit dem zweiten Teil des Songs weitergeht. Bei der LP-Version fällt das natürlich nicht weiter auf, aber gelistet ist das Ganze eben nur als ein einzelner Song.

Eine rundum gelungene Sache - bis auf die Tatsache, dass Ván Records hier leider wieder einmal auf einen Download-Code verzichtet haben. Wer die Musik also auch im Auto oder generell unterwegs hören möchte, muss sich die CD kaufen. 

 


PLATZ 9 - IVAR BJØRNSON & EINAR SELVIK'S SKUGGSJÁ - A PIECE FOR MIND AND MIRROR

 

01. Intro: Ull Kjem (2:17)

02. Skuggsjá (6:36)

03. Makta Og Vanæra, For All Tid (10:27)

04. Tore Hund (3:46)

05. Rop Fra Røynda - Mælt Fra Minne (5:42)

06. Skuggeslåtten (6:44)

07. Kvervandi (6:26)

08. Vitkispá (5:21)

09. Bøm Om Ending, Bøm Om Byrjing (10:31)

10. Outro: Ull Gjekk (2:12)

11. Skaldens Song Til Tore Hund [Bonus Track] (3:00)

12. Quantum Pasts (Rop Fra Røynda - Bardspec Ed) [Bonus Track] (6:25)

 

Das ungewöhnlichste Album 2016 stammt wohl von Ivar Bjørnson (Enslaved) und Einar Selvik (Wardruna), die sich auf dieser Platte unter dem Namen Skuggsjá zusammengetan haben. Im Grunde genommen ist "A Piece For Mind And Mirror" eine Auftragsarbeit - als Liveaufführung zum 200-jährigen Bestehen der norwegischen Verfassung hatte man das Ganze bei den beiden Herren in Auftrag gegeben. Anschließend entschlossen die sich dann wiederum, das Projekt für die Nachwelt zu erhalten und ein Album daraus zu machen. Zunächst einmal: Man möge sich mal vorstellen, bei uns gäbe es ein vergleichbares Jubiläum und ein solches Projekt - wer dürfte das machen? - Mein Tip: Herbert Grönemeyer, Lena, Xavier Naidoo und ähnliche Koryphären - man muss schon in Norwegen wohnen, da dürfen bei sowas auch langhaarige Tätowierte ran, die in Black Metal Bands spielen. 

Wardruna frönen auf ihren Alben ja eher der norwegischen Folkmusik, während Enslaved aus dem Black Metal stammen, sich zwar über die Jahre immer wieder neu erfunden haben, aber eben immer noch eine Metalband sind. Und Skuggsjá bzw. "A Piece For Mind And Mirror" klingt dann tatsächlich wie die Mischung aus eben diesen beiden Polen - Wobei die Einflüsse der Musik von  Wardruna wohl schon etwas mehr im Vordergrund stehen. 

Metal gibt es aber durchaus auch zu hören, in "Makta Og Vanæra, For All Tid"  darf Enslaved-Sänger Grutle Kjelsson sogar derbe herumröcheln, was dem Song einen recht aggressiven Anstrich verleiht, der ihm sehr gut zu Gesicht steht. Ordentlich aufs Gaspedal wird ansonsten noch im Instrumental "Skuggeslåtten" getreten und auch in "Kvervandi" sowie Teilen von "Bøm Om Ending, Bøm Om Byrjing " dominieren elektrische Gitarren - ansonsten ist der Folk aber klar vorherrschend auf diesem Album. Skuggsjá verstehen es dabei, wundervolle, nachdenkliche und getragene Songs zu schreiben, die über tolle Widerhakenmelodien verfügen und eine sehr eigene, fast heimelige Stimmung erzeugen. Melodien wie die von "Tore Hund" , "Kvervandi" oder "Vitkispá"  sind nicht gerade leicht wieder loszuwerden, wenn man sie ein-zweimal gehört hat. Der warme, volle Klang der Platte tut sein übriges hinzu.

Dass bei so einem Projekt alle Texte auf norwegisch oder sogar alten norwegischen Dialekten gehalten sind, ist natürlich klar. Das Booklet bietet aber neben den Originaltexten auch englische Übersetzungen.

Ehrensache ist natürlich ebenfalls der Einsatz traditioneller nordischer  Instrumente wie Taglharpa (eine skandinavische Leier), Harlingfede (norwegische Violine), Neverlur (eine Art hölzerne Trompete), Bukkehorn (ein aus einem Ziegenhorn gebautes Blasinstrument) oder einer Knochenflöte. Das wirkt dann aber niemals aufgesetzt oder um seiner selbst willen eingesetzt, sondern das muss so sein und klingt absolut richtig und (ich hasse das Wort) authentisch. Man möchte den ganzen Odin- und Valhalla-Metallern am liebsten laut zurufen: Seht her, SO geht Wikingermusik!

Das Album ist eigentlich mit dem Outro "Ull Gjekk" beendet und meistens mache ich es danach auch aus, weil es so einfach eine Runde, in sich geschlossene Sache ist. Die beiden Bonussongs, bei denen es sich um alternative Versionen von zwei Albumssongs handelt, lohnen sich aber durchaus und bieten interessante Alternativen zu den Originalen.

Ein Wort noch zur Verpackung: Das Digipak besteht aus herrlich rauem, dicken, fast kartonartigen Material, passt wunderbar zur Musik und rundet das Gesamtkunstwerk "A Piece For Mind And Mirror" perfekt ab. Ein wirklich beeindruckendes Album.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Thochsten (Donnerstag, 26 Januar 2017 09:15)

    Nachdem du mir Skuggsja und Universe217 näher gebracht hast, muss ich wohl doch wieder in die Black Mountain reinhören. Genau das Space-rockige hat mir nämlich sehr gefehlt bei der letzten...