2016 in Alben - Platz 8 bis 5

Auf zum Endspurt - hier sind meine persönlichen Plätze 8 bis 5 des Jahres 2016.


PLATZ 8: METALLICA - HARDWIRED... TO SELF DESTRUCT

 

01. Hardwired (3:09)

02. Atlas, Rise! (6:28)

03. Now That We're Dead (6:58)

04. Moth Into Flame (5:50)

05. Dream No More (6:29)

06. Halo On Fire (8:14)

 

07. Confusion (6:40)

08. ManUnkind (6:55)

09. Here Comes Revenge (7:17)

10. Am I Savage? (6:29)

11. Murder One (5:44)

12. Spit Out The Bone (7:08)

 

01. Lords Of Summer [Bonus Track] (7:09)

02. Ronnie Rising [Bonus Track] (9:02)

03. When A Blind Man Cries [Bonus Track] (4:34)

04. Remember Tomorrow [Bonus Track] (5:49)

05. Helpless [Live] [Bonus Track] (3:07)

06. Hit The Lights [Live] [Bonus Track] (4:06)

07. The Four Horsemen [Live] [Bonus Track] (5:18)

08. Ride The Lightning [Live] [Bonus Track] (6:55)

09. Fade To Black [Live] [Bonus Track] (7:23)

10. Jump In The Fire [Live] [Bonus Track] (5:12)

11. For Whom The Bell Tolls [Live] [Bonus Track] (4:31)

12. Creeping Death [Live] [Bonus Track] (6:42)

13. Metal Militia [Live] [Bonus Track] (6:07)

14. Hardwired [Live] [Bonus Track] (3:29)

 

Metallica sind an allem schuld. Ohne pathetisch klingen zu wollen, aber diese Band ist und war für mich so wichtig, wie keine andere sonst, nicht einmal annähernd. Mein großes Hobby, die Musik - daran sind Metallica schuld. In letzter Konsequenz ist es tatsächlich so, dass ich bis auf eine einzige Person niemanden aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis kennen würde, hätte ich damals nicht als 13jähriger Bengel das Video zu "Enter Sandman" auf MTV gesehen, was letztlich der Auslöser war, dass ich mehr von diesem Heavy Metal wissen wollte. Von daher ist es durchaus legitim zu sagen: Metallica haben mein Leben verändert.

Die Band war in den letzten Jahren alles andere als faul - nur neue Musik ließ wirklich ewig auf sich warten - Stolze acht Jahre sind seit dem Vorgänger "Death Magnetic" vergangen, dabei salbaderte Lars Ulrich bereits Ende 2010 davon, man wolle bald wieder ins Studio  und die neue Platte angehen. Tja, was daraus wurde, hat man gesehen: Die Zeitspanne zwischen "Death Magnetic" und "Hardwired... To Self Destruct" ist tatsächlich um etwa anderthalb Monate größer als die zwischen ihrem Debüt "Kill 'em All" und dem immerhin fünften Album "Metallica", das die Band 1991 zum Multi-Platin-Act avancieren ließ. Veröffentlichungsfaulheit neu definiert - aber egal, denn Mitte November 2016 war der Zeitpunkt für die neue Metallica dann endlich gekommen. 

"Hardwired... To Self Destruct" ist ein Doppelalbum geworden, hätte von der Spielzeit her aber auch auf einer einzelnen CD Platz gefunden. Da das Teil dennoch zum Preis einer Einzel-CD verkauft wird, verbuchen wir das ganze einmal unter künstlerischer Freiheit. Dabei macht die Pause bzw. der Bruch vielleicht sogar Sinn, denn die beiden CDs unterscheiden sich nicht nur musikalisch, sondern auch qualitativ, letzteres auch durchaus erheblich. Im Einzelnen:

CD Eins ist meiner Meinung nach klar die stärkere. Los geht es schnörkellos mit "Hardwired", das ohne Umschweife Vollgas gibt, nach vorne prescht und in der Mitte ein schönes "Metal Militia"-Zitat enthält. Übrigens ist das nach dem immerhin schon 33 Jahre alten "Motorbreath" der zweitkürzeste Metallica-Song aller Zeiten, Coverversionen nicht mitgezählt. Ein furioser Auftakt, der aber mit dem sich anschließenden "Atlas, Rise!" sofort nochmal deutlich getoppt wird. Ein fantastischer Song, an dem einfach alles stimmt, und der Metallica in Reinkultur ist. Stellvertretend möchte ich diesen Song für die herausragende Gesangsleistung James Hetfields auf "Hardwired... To Self Destruct" nennen. Der Mann klingt frisch, voller Energie, angriffslustig, regelrecht ungestüm. Ich hätte ihm das nicht mehr zugetraut, ganz ehrlich. Teilweise klingt sein Gesang so voller Kraft und einfach unverbraucht, dass er glatt aus der Zeit zwischen "Master Of Puppets" und "...And Justice For All" stammen könnte - und das gilt für wirklich jeden Song auf diesem Album.

Die weiteren Highlights auf der ersten CD sind "Moth Into Flame" und "Halo On Fire". Ersterer ist für mich spielend der beste Song der Band seit 20 Jahren. Wütende, abgehackte Strophen, die Bridge besteht aus einer genialen Leadmelodie von Kirk Hammett (am schönsten finde ich, wie er die Gitarre beim dritten Mal am Ende fast "abstürzen" lässt, was dann wirklich an eine taumelnde Motte erinnert) bevor mir dann im melodischen Chorus die Superlative ausgehen. Aber allein an der Stelle "...built a higher wall..." muss doch jedem Fan der Band einfach das Herz aufgehen. "Halo On Fire" beginnt als Halbballade und steigert sich immer mehr bis zu einem furiosen und dramatischen Schlußteil. Diese beiden Songs plus "Atlas, Rise!" müssen sich nach meinem Dafürhalten hinter keinem der ganz großen Bandklassiker verstecken. 

Das beschwingte, zunächst recht unscheinbare, dann aber sich aber mit jedem Durchlauf steigernde "Now That We're Dead" und "Dream No More", das wie eine Mischung aus "Sad But True" (Musik) und "The Thing That Should Not Be" (Text) wirkt, runden die erste CD super ab. Hätten Metallica das Niveau auf der zweiten CD gehalten, würden wir hier mindestens von der Top Drei des Jahres sprechen - aber sie halten es nicht.

 

Dabei geht es mit "Confusion", noch sehr vielversprechend los. Der Song ist keinen Deut schwächer als die Songs auf der ersten CD. Dann aber beginnt die Durststrecke:

Metallica haben seit "Load" das Problem, dass ihre Alben zu lang sind. Auf jedem der Alben seit 1996 sind Songs, die das Niveau der starken Lieder nicht halten und das jeweilige Album so zu sehr in die Länge ziehen. Mal sind es nur ein oder zwei Songs ("Load"), mal alle bis auf zwei ("St. Anger"), mal irgendwas dazwischen ("Reload", "Death Magnetic"). Auf "Hardwired... To Self Destruct" reihen Metallica diese Songs dummerweise auch noch alle aneinander und machen zudem den Fehler, nach "Confusion" vier weitere Songs im Midtempo folgen zu lassen. "ManUNkind" und "Murder One" sind dabei für sich genommen allerdings durchaus gut. Sie kommen nicht an die Highlights heran, aber das sind trotzdem gute Lieder mit Daseinsberechtigung, auch wenn "ManUnkind" deutlich zu lang geraten ist. "Murder One" überzeugt nicht zuletzt aufgrund der gut gelungenen textlichen Verbeugung vor dem verstorbenen Lemmy Kilmister. "Here Comes Revenge"  und "Am I Savage?" (letzterer wirkt zumindest vom Riff her wie ein Überbleibsel aus "Reload"-Tagen) müssen allerdings als echte Ausfälle verbucht werden. Langweilig, uninspiriert und im Falle von "Here Comes Revenge" schon ärgerlich schlecht. 

Mit dem letzten Song "Spit Out The Bone" reißen Metallica das Ruder noch einmal herum und drücken das Gaspedal endlich noch einmal bis zum Anschlag durch. Gerade im Vergleich mit dem unbeholfenen Geholpere des letzten Rauswerfers "My Apocalypse" punktet "Spit Out The Bone" auf voller Linie.

Enthielte "Hardwired... To Self Destruct" nur zehn Songs, wäre es deutlich besser, das muss man schon ganz klar so sagen. Dennoch haben Metallica es geschafft, "Death Magnetic" in jeder Hinsicht zu schlagen, nicht zuletzt auch in Sachen Klang, der endlich mal wieder richtig gut ausgefallen ist. Über das wirklich pottenhäßliche Artwork (eine semitolle Idee grottenschlecht umgesetzt) hüllen wir indes lieber den Mantel des Schweigens. 

Die Deluxe-Edition enthält noch eine prallgefüllte dritte CD mit drei Coverversionen (alle bereits auf diversen Tribute-Samplern veröffentlicht, als besonders gelungen muss hier das Rainbow-Medley "Ronnie Rising" bezeichnet werden), den ebenfalls sehr guten neuen Song "Lords Of Summer" sowie zehn Livesongs von 2016, die hauptsächlich die Frühphase der Band abdecken. Gerade für die Coverversionen und "Lords Of Summer" lohnt sich das auf jeden Fall.

 

Warum trotz der offensichtlichen Schwächen dennoch Platz 8? - Nun, die Antwort steht im ersten Absatz. Zudem möchte ich mir an dieser Stelle erlauben, aus dem Review des von mir sehr geschätzten Wolf-Rüdiger Mühlmann zu zitieren: "Aber - und auch das muss mal deutlich gemacht werden- die große Legende haut nach wie vor den Großteil der (...) übertrieben gelobten Thrash-Newcomer mit ihren dünnen Storchenbeinchen, ihrem Rasierappartsound, ihren geklauten Bay-Area-Riffs und ihren bis zum absoluten Anschlag herausgepressten dünnen Stimmchen locker aus dem Ring."

Amen!


PLATZ 7: BLUES PILLS - LADY IN GOLD

 

01. Lady In Gold (4:31)

02. Little Boy Preacher (3:35)

03. Burned Out (4:35)

04. I Felt  A Change (3:57)

05. Gone So Long (4:16)

06. Bad Talkers (3:11)

07. You Gotta Try (3:38)

08. Won't Go Back (3:56)

09. Rejection (3:33)

10. Elements And Things (4:51)

Die größte Überraschung 2016 stammt von der schwedisch-französisch-amerikanischen Band Blues Pills. Im Zuge der positiven Berichterstattung (um das Wort "Hype" zu vermeiden) um das 2014er Debütalbum der Band hatte ich mir ebenjenes angehört und mir waren fast die Füße eingeschlafen.

Warum ich mir den Zweitling "Lady In Gold" überhaupt angehört habe - keine Ahnung, vermutlich eine Mischung aus Langeweile und es noch einmal mit der Band versuchen. Schon beim ersten Hören war die Steigerung, die die Band hingelegt hat wirklich unüberhörbar. Und dieser Eindruck verstärkte sich mit jedem Hören des Albums. Heimlich, still und leise wieselten sich die Blues Pills immerhin auf Platz 7 vor, und damit hätte ich niemals gerechnet.

In Sachen Songwriting hat die Band einen Riesensatz nach vorne gemacht. Man komponiert schnörkelloser, direkter, viel besser auf den Punkt. Mich hatten sie bereits nach dem ersten Chorus des eröffnenden Titelsongs. Was für eine geniale Melodieführung, was für ein toller Einstieg der Band nach dem Honky Tonk-artigen Intro. Spätestens aber mit dem Megahit "Little Boy Preacher" sollte klar sein, wie sehr diese Band sich gesteigert hat. Und so setzt sich das über die gesamte Spielzeit fort. Einen schwachen Song gibt es nicht auf "Lady In Gold", dafür Volltreffer am laufenden Band. Da fällt nicht einmal der etwas zu dumpfe Klang noch groß ins Gewicht. Die Band mischt auf kongeniale Weise hier klassischen Rock mit jeder Menge Blues und Soul. Natürlich ist das nicht wirklich zeitgemäß und klingt stark nach den 60ern und vor allem 70er Jahren - aber dafür ist es eben gut. Und was ist mir wichtiger? - Dass eine Band zeitgemäß klingt, oder dass sie gut klingt? Eben.

Bei allem tollen Songwriting - die größte  Stärke der Blues Pills bleibt natürlich Sängerin Elin Larsson. Was sie alleine in der Ballade "I Felt A Change" abzieht, geht auf keine Kuhhaut. Absolut faszinierend, wieviel Seele diese Frau in der Stimme hat, wie sie einen mitreißt und anscheinend alles was sie hat in ihre Gesangsdarbietung legt. "Gone So Long""You Gotta Try" , der Titelsong oder die gänsehauterzeugende "Liar, liar, liar"- Passage in "Little Boy Preacher" sind weitere Beispiele für die Außergewöhnlichkeit Elin Larssons.  Sie ist der Dreh- und Angelpunkt von "Lady In Gold", aber es ist nicht so, dass das Album nur allein mit ihr steht oder fällt - denn dafür ist eben auch die Musik viel zu gut. Larsson setzt dem Ganzen aber die Krone auf und macht "Lady In Gold" von einer guten zu einer außergewöhnlichen Platte.

Dieses Album hat mich wie gesagt wirklich überrascht und es gehört zu denen, die ich letztes Jahr am häufigsten gehört habe. Achja, mit dem Debüt habe ich es im Anschluß dann auch noch einmal versucht - ich finde es immer noch langweilig.


PLATZ 6: OPETH - SORCERESS

 

01. Persephone (1:52)

02. Sorceress (5:48)

03. The Wilde Flowers (6:48)

04. Will O The Wisp (5:07)

05. Chrysalis (7:16)

06. Sorceress 2 (3:49)

07. The Seventh Sojourn (5:29)

08. Strange Brew (8:44)

09. A Fleeting Glance (5:06)

10. Era (5:41)

11. Persephone (Slight Return) (0:54)

 

01. The Ward [Bonus Track] (3:14)

02. Spring MCMLXXIV [Bonus Track] (6:10)

03. Cusp Of Eternity [Live] [Bonus Track] (5:44)

04. The Drapery Falls [Live] [Bonus Track] (10:22)

05. Voice Of Treason [Live] [Bonus Track] (8:10)

Album Nummer Drei nach dem Stilwechsel, Album Nummer Zwölf insgesamt. Opeth waren schon immer eine Band, die regelmäßig neue Musik veröffentlicht hat und es war noch niemals etwas wirklich schlechtes dabei. Dafür zeigt die Formkurve aber die gesamte Karriere hindurch eigentlich stetig nach oben, mal mehr, mal weniger steil. Mit dem 2011er Album "Heritage" hatten Opeth den Stilwechsel, der sich bereits auf den vorangegangenen Alben angedeutet hatte, endgültig vollzogen: Weg vom Prog/Death-Metal-Stilmix, hin zu zwar immer noch progressiver, aber deutlich vom eher klassischen Prog Rock beeinflusster Musik. Die Death Metal-Einflüsse wurden gleich komplett ad acta gelegt. 2014 zog man mit "Pale Communion" nach - Zwar fehlte nun das Überraschungsmoment und die offenkundige Experimentierfreude von "Heritage", die Songs waren dafür aber fast durchweg besser.

Und nun erscheint mit "Sorceress" das dritte Album der "neuen" Opeth - und erneut hat man sich gesteigert. Das Songwriting ist noch einmal eine ganze Ecke besser und schlüssiger geworden und Opeth loten die Extreme mehr aus - In Songs wie "Chrysalis" oder "Era" wird wieder deutlich mehr auf die Tube gedrückt als zuletzt, Metal spielt hier wieder eine größere Rolle. Das gilt auch für das harte Hauptriff des Titelsongs. Auf der anderen Seite stehen in der Mitte des Albums mit "Sorceress 2", "The Seventh Sojourn" und den ersten Minuten von "Strange Brew" mehrere sehr ruhige Songs direkt hintereinander. 

Anfangs fand ich diese Passage auf dem Album etwas zäh und hätte eine andere Songreihenfolge bevorzugt - mittlerweile sehe ich aber ein, dass das genau so sein muss und auf diese Weise "Sorceress" mit rockigem Beginn, ruhiger Mitte und wieder härterem Ende eine wunderschöne Wellenbewegung aufweist und wunderbar fließt. Den einzigen kleineren Bruch gibt es zwischen dem auch eher balladesk angelegten "Will O The Wisp" und dem dann durchaus metallischen Ausbruch "Chrysalis". 

Neben dem tollen Aufbau des Albums schaffen Opeth es auf ihrem neuen Album auch erneut, das Songwriting zu verbessern. Die ersten drei "richtigen" Songs nach dem Intro "Persephone" weisen ein verdammt großes Hitpotential auf, "Chrysalis"  und "Sorceress 2" sind kaum weniger eingängig, bevor Opeth in der Folge dann doch wieder ausschweifender und weniger leicht nachvollziehbar werden, eben irgendwie typischer Opeth. Das finale "Era" setzt der eingängigen ersten Albumhälfte  dann die Krone auf - das dürfte tatsächlich der eingängigste Song sein, den Opeth bisher geschrieben haben.

Der Sound war bei dieser Band spätestens seit den ersten Zusammenarbeiten mit Steven Wilson immer top und auch "Sorceress" macht da keine Ausnahme - diese Musik klingt perfekt. Damit meine ich keine klinische Perfektion, sondern einen Klang, der atmet, lebt, dynamisch ist und bei dem man jedes Beckenstreicheln genau wahrnimmt. Besser geht's nicht.

Der oben abgebildeten Deluxe-Edition in einer schmucken Box liegt das Album auf Vinyl, CD und sogar als DVD mit 5.1-Surround-Sound bei. Hier ist also wirklich für jeden  Geschmack etwas dabei. Reichlich Bonusmaterial in Form von zwei weiteren gutklassigen Liedern sowie drei Livesongs ist ebenfalls dabei. Zudem gibt es ein großformatiges Poster des Coverartworks (passte nicht mehr mit aufs Foto) sowie natürlich Beileger mit Fotos und allen Texten. Die Komplettbedienung also. Ich bin gespannt, wohin Opeth zukünftig gehen werden. Das neue Album deutet schon an, dass sie den Metal noch nicht komplett vergessen haben, gleichzeitig aber gerne in den 1970ern und bei Bands wie Pink Floyd, Jethro Tull oder Camel wildern. Aus diesen Zutaten formen sie dann mit Bravour ihren eigenen Stil, der übrigens trotz aller Referenzen auf vergangene Zeiten zu keinem Zeitpunkt angestaubt oder antiquiert klingt. Es bleibt in jedem Fall spannend.

 


PLATZ 5: CULT OF LUNA AND JULIE CHRISTMAS - MARINER

 

01. A Greater Call (8:18)

02. Chevron (8:53)

03. The Wreck Of S.S. Needle (9:52)

04. Approaching Transition (12:58)

05. Cygnus (14:49)

Die schwedische Band Cult Of Luna tat sich für dieses Album mit der amerikanischen Sängerin Julie Christmas (Battle Of Mice, Made Out Of Babies) zusammen und diese Kollaboration landete dann einen echten Volltreffer: "Mariner". 

In dem Metier, das Cult Of Luna beackern, also diesen ganzen (Post-)Core/Metal/Sludge/Crust-Bereich (ich habe keinerlei Ahnung, wo da die Grenzen verlaufen und es interessiert mich auch nicht die Bohne) ist "Mariner" die mit Abstand beste und spannendste Veröffentlichung des vergangenen Jahres. Gerade einmal fünf Songs beinhaltet das Album, bei einer Spielzeit von rund 55 Minuten. Man sieht also, dass Cult Of Luna und Julie Christmas ihren Songs ordentlich Luft und Raum gewähren, um sich zu entfalten. Folgerichtig dauert es auch fast drei Minuten, ehe nach dem einschmeichelnden Intro von "A Greater Call" die Hölle losbricht. Cult Of Luna walzen sich ungemein heavy durch diesen Song, bei dem sich Julie Christmas und ein Sänger von Cult Of Luna (ich weiß leider nicht, ob das Johannes Persson oder Fredrik Kihberg ist, beide werden u.a. als Sänger geführt) den Gesang teilen. Während die männliche Stimme aggressiv herumbrüllt, singt Julie Christmas eine wundervolle Melodie obendrauf, ebenso einfach wie genial - eben eine echte Ohrwurmmelodie. Und Ohrwürmer gibt es in diesem Genre nun nicht so besonders oft zu bestaunen.

"A Greater Call" bleibt der zugänglichste Song auf "Mariner", die übrigen Lieder sind da schon deutlich fordernder, ohne jedoch ins völlige Chaos abzudriften. Cult Of Luna bzw. Julie Christmas schaffen es immer wieder, mitreißende Melodien einzuflechten, an denen man sich festhalten kann, während dieser heruntergekommene Sternenzerstörer, der dieses Album nun einmal ist, durch die Weiten des Weltalls brummt. Neben "A Greater Call" gibt es solche Passagen noch jeweils zum Ende von "Cygnus"  und vor allem "The Wreck Of S.S. Needle". Speziell in diesem Song wird mit der Passage "Put me down where I can see you run.." eine solche Eingängigkeit erzeugt wie ich sie bei dieser Art von Musik nicht für möglich gehalten hätte. Einmal gehört, nie wieder vergessen.

Immer wieder rastet Julie Christmas auf dem Album regelrecht aus, spuckt Gift und Galle und schreit wie eine Geisteskranke herum, nur um den Wahnsinn kurz vor dem völligen Überborden wieder einzufangen und eine Gesangsmelodie für die Ewigkeit zu präsentieren. Die unheimlich stimmungsvolle Musik bildet nicht nur das Fundament für die Stimme, sondern geht mit ihr eine einzigartige Verbindung ein - hier verschmelzen zwei Welten zu einer, wird aus zwei miteinander ringenden Wesen ein einzelnes, riesiges Ungetüm. Verschnaufpausen gibt es in der zweiten Hälfte von "Chevron" (die erste ist dafür die lauteste und wüsteste Stelle des ganzen Albums) sowie im hypnotisch-ruhigen "Approaching Transition", in dem Julie Christmas Pause hat und sich klare, männliche Vocals über die zumeist sehr ruhige Musik legen. Mit dem viertelstündigen "Cygnus" findet das Album dann ein Ende, das mit "episch" eigentlich noch unzureichend beschrieben ist - was für eine Wand, was für eine Walze.

Cult Of Luna und Julie Christmas ist mit "Mariner" ein wirklich außergewöhnliches Album geglückt, das zudem sehr, sehr eigenständig klingt. Ich weiß schon jetzt, dass das hier ein echtes Kleinod ist, an dem ich auch in vielen Jahren noch meine Freude haben werde. Besser geht es in diesem Genre nicht.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    DNA (Donnerstag, 04 Mai 2017 08:49)

    Danke für das Cult of Luna / Julie Christmas - Review, ohne das ich nie auf die Idee gekommen wäre, das Album anzuchecken (Postmetal entlockt mir sonst meist höchstens ein müdes Lächeln). Sehr sehr geiles, einzigartiges Teil.