2016 in Alben - Platz 4 bis 1

Es ist soweit - der Jahresrückblick 2016 ist zu Ende. Hier sind meine Plätze 4 bis 1.


PLATZ 4: FATES WARNING - THEORIES OF FLIGHT

 

01. From The Rooftops (6:51)

02. Seven Stars (5:33)

03. SOS (4:34)

04. The Light And Shade Of Things (10:14)

05. White Flag (5:20)

06. Like Stars Our Eyes Have Seen (5:13)

07. The Ghosts Of Home (10:31)

08. Theories Of Flight (4:00)

 

01. Firefly [Acoustic] [Bonus Track] (3:14)

02. Seven Stars [Acoustic] [Bonus Track] (4:25)

03. Another Perfect Day [Acoustic] [Bonus Track] (3:25)

04. Pray Your Gods [Acoustic] [Bonus Track] (3:45)

05. Adela [Acoustic] [Bonus Track] (2:25)

06. Rain [Acoustic] [Bonus Track] (4:03)

 

Fates Warning sind bei mir schon immer eine zwiespältige Angelegenheit gewesen. Mit den frühen Alben mit Ursänger John Arch kann ich aufgrund dessen Stimme schlicht überhaupt nichts anfangen und auch die ersten Alben mit dem jetzigen Sänger Ray Alder sind nur teilweise mein Ding. Trotz der unbestreitbaren Klasse von Alben wie "Perfect Symmetry", wirklich interessant wurde die Band für mich eigentlich erst 1998 mit "A Pleasant Shade Of Gray" - dann aber eben auch so richtig. Mir ist bewusst, dass ich mit dieser Aussage den heiligen Gral schände, aber ich kann es nicht ändern - so ist es nunmal.

"Theories Of Flightist ihr nun immerhin zwölftes Album. Und nach dem gerade genannten Meisterwerk "A Pleasant Shade Of Gray" ist es für mich tatsächlich ihr bisher bestes. Schon auf dem Vorgänger "Darkness In A Different Light" waren Fates Warning wieder metallischer und härter geworden, hatten die Gitarren wieder weiter in den Vordergrund gestellt und die düsteren Loop-Geschichten etwas zurückgefahren. Diese Entwicklung setzt sich auf dem neuen Album fort. "Theories Of Flight" klingt knackig, frisch und richtig unverbraucht - man hört, dass hier Vollprofis am Werk sind, von Routine oder Verwaltung des eigenen Erbes aber meilenweit keine Spur. Dafür gibt es jede Menge neuer und spannender Ideen.

Mit "Seven Stars", "Like Stars Our Eyes Have Seen" und "White Flag" trifft die Band ohrwurmtechnisch gleich dreimal voll ins Schwarze. Das hier sind bei aller Komplexität der gebotenen Musik und aller Vielschichtigkeit der Arrangements lupenreine Hits, die sich sehr schnell einbrennen. "From The Rooftops" und "SOS" stehen dem in nur wenig nach. Fates Warning komponieren und spielen exakt auf den Punkt, hier ist keine Note überflüssig und kein Beat zuviel. Große, ausladende Refrains überstrahlen jeden dieser fünf Songs. Mit "The Ghosts Of Home" und "The Light And Shade Of Things" gibt es zudem zwei Longtracks von je über zehn Minuten Länge. Hier sticht insbesondere "The Light And Shade Of Things" hervor, der meiner Meinung nach nicht nur der beste Song des Albums, sondern eventuell sogar der beste Song dieser Band überhaupt geworden ist - Ein Spannungsbogen und ein Songaufbau wie aus dem Bilderbuch, dass hier wirklich zehn Minuten vergehen nimmt man nicht einmal dann wahr, wenn man dabei auf die Uhr guckt. Mit welcher Finesse und Leichtigkeit Fates Warning hier Parts ineinanderfließen lassen und wie selbstverständlich alles ineinandergreift - das können wirklich nur die ganz Großen. Auch dieser Song gipfelt in einem genialen Chorus, was für eine tolle Melodieführung. Im Heavy Metal hat es 2016 jedenfalls keinen besseren Song gegeben als diesen. "The Ghosts Of Home" kommt da nicht ganz heran. Der Song ist zwar ebenfalls toll, aber er ist nicht ganz mit dieser fast schon unverschämten Leichtigkeit komponiert wie sein Gegenstück. Dennoch verweist auch dieser Song eine Band wie beispielsweise Dream Theater, die solch eine Klasse seit knapp 20 Jahren nicht einmal ansatzweise erreicht hat, wieder einmal in ihre Schranken. 

Größte Stärke von "Theories Of Flight" ist aber trotz aller unglaublichen musikalischen Klasse einmal mehr Sänger Ray Alder. Wenn es im "klassischen" Prog Metal derzeit einen Sänger gibt, der besser ist und der diese Musik mit mehr Emotionalität rüberbringt als er, so ist er mir zumindest nicht bekannt. Aber ich denke, besser als Alder geht es einfach nicht. Was für eine Jahrhundertstimme!

Das instrumentale Outro "Theories Of Flight" wirkt ein wenig wie ein Anhängsel und will nicht so recht zum Rest passen, es erinnert eher an die beiden Titelstücke des "Disconnected"-Albums, jedoch in weniger gut. Letztlich aber nicht wirklich tragisch, das leicht zerfahren und ziellos wirkende Stück taugt zumindest sehr gut dazu, einen nach den vorangegangenen sieben Göttergaben wieder halbwegs auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Ein Wort noch zum Sound, für den neben Gitarrist und Bandboss Jim Matheos der Schwede Jens Bogren zuständig war: Weltklasse!

Fates Warning sind im 34. Jahr ihrer Karriere tatsächlich in der Form ihres Lebens. Bitte weiter so!


PLATZ 3: HAKEN - AFFINITY

 

01. Affinity.exe (1:24)

02. Initate (4:15)

03. 1985 (9:08)

04. Lapse (4:44)

05. The Architect (15:39)

06. Earthrise (4:48)

07. Red Giant (6:05)

08. The Endless Knot (5:49)

09. Bound By Gravity (9:28)

Und gleich noch einmal Prog Metal. Haken aus England haben 2016 ihr viertes Studioalbum "Affinity" herausgebracht und damit bei mir für eine sehr positive Überraschung gesorgt. Mit dem Vorgänger "The Mountain" war ich so überhaupt nicht klargekommen (inzwischen geht es, es ist aber immer noch das klar schwächere Album) und dann knallen Haken einem auf einmal ein derartiges Meisterstück wie eben "Affinity" vor den Latz.

Das Album ist nicht nur in Sachen Musik sondern auch vom Artwork her von den Achtziger-Jahren beeinflusst. Nun sind die Achtziger bei weitem nicht gerade mein Lieblingsjahrzent, was Musik angeht, sogar ganz im Gegenteil. Haken schaffen es auf ihrem neuen Album aber, Einflüsse aus diesem Jahrzehnt mit neuen und eigenen Ideen zu verbinden und so etwas sehr eigenständiges zu schaffen. Im Prinzip machen sie nichts anderes als zum Beispiel Opeth - Nur, dass sie sich eben auf die Achtziger statt auf die Siebziger beziehen. Erstaunlicherweise gelingt das auf "Affinity" bis kurz vor die absolute Perfektion.

Das Album beginnt nach kurzem Intro mit "Initiatenoch fast verhalten, so als würden Haken erst einmal ausloten, was so möglich ist. Der Song wirkt fast zurückhaltend. Dann aber platzt in "1985" der Knoten mit voller Wucht. Schon der Beginn klingt so, als hätten Rush zu Zeiten von "Power Windows" eine Metalplatte aufgenommen. Großartig. Im weiteren Verlauf schichten Haken hier Melodien aufeinander (wobei man auch vor einem fiesen Synthiesolo nicht zurückschreckt), dass einem Hören und Sehen vergeht. Ein fantastischer Song. Es geht aber noch besser:

Das gut viertelstündige "The Architect" ist sicher das Herzstück und auch das Highlight des Albums. Hier nimmt sich die Band alle Zeit, die nötig ist, um dieses Lehrstück in Sachen Epik und Dramatik sich zu voller Größe entfalten zu lassen. Ich persönlich gehe schon beim Intro völlig ein: Das haben die doch im Weltraum aufgenommen. Diese hallenden Synthiemelodien über bedrohlichen, wabernden Teppichen klingen wie die Vertonung der Eröffnungsszene von "The Empire Strikes Back", als dieser gewaltige Sternenzerstörer über den Zuschauer hinweggleitet. Im weiteren Verlauf nehmen Haken sich ausgiebig Zeit für lange Instrumentalparts mit so mancher Frickelei, die aber nie zum Selbstzweck verkommt und drücken teilweise mit Wucht aufs Gas, nur um im nächsten Moment wieder das Tempo komplett rauszunehmen. Die Stimme wird hier und da leicht in Richtung Roboter verfremdet, was dem ganzen einen noch stärken Science Fiction-Touch gibt als ohnehin schon. Der Song explodiert dann nach vier Minuten erstmals in seinem Refrain, der in seiner Großartigkeit schon an die diesbezüglichen Sternstunden von Threshold heranreicht. Und überall Weltraum, Weltraum, Weltraum. Das Ganze klingt so rumgreifend und einfach riesengroß und unendlich, dass ich es tatsächlich faszinierend finde, wie Haken das machen. Die Krone wird dem Song dann nach einem langen, ruhigen, fast ambientartigen Part durch einen aggressiv herausgekeiften  Gastbeitrag von Leprous-Sänger Einar Solberg aufgesetzt, der "The Architect" damit endgültig alle Grenzen sprengen lässt - und dann kommt natürlich auch nochmal dieser Refrain, um einen final fertigzumachen.

Danach kann eigentlich nicht mehr viel kommen - kommt aber. Wobei ich mit "Earthriseaufgrund seiner irgendwie albern wirkenden Gesangsmelodien in den Strophen bis jetzt nicht so ganz warm werde. Der Refrain ist einmal mehr super, die Strophen aber klingen irgendwie so... ja, tatsächlich doof und albern und Sänger Ross Jennings wirkt hier auf mich wie ein mit billigem Schnaps abgefüllter Märchenonkel. Geschenkt!

"Red Giant" und das abschließende, recht ruhig angelegte "Bound By Gravity" sind weitere Weltraum-Hynmen, die unendlich groß und ausladend klingen, Lieder wie Galaxien. Besonders die letzten beiden Minuten von "Red Giant" haben mir es hier angetan. Star Wars, Blade Runner, Matrix, 2001 - alle diese Filme und noch mehr in nur zwei Minuten. Wie machen die das? Dazwischen findet sich mit dem hektischen, dann aber erneut mit einem Wahnsinnsrefrain aufwartendem "The Endless Knot" noch ein weiteres Albumhighlight.

Haken ist mit "Affinity" für mich unerwarteterweise eines der besten Progressive Metal-Alben der letzten zwei Jahrzehnte geglückt. Das Album ist wirklich bemerkenswert und schlichtweg ein völliges Meisterwerk. Neben der Großartigkeit der neuen Blues Pills-Scheibe für mich die Überraschung des Jahres.

Wie bei Inside Out üblich liegt auch bei "Affinity" der Vinylversion des Albums das Ganze auch noch auf CD bei. Vorbildlich!


PLATZ 2: NEW MODEL ARMY - WINTER

 

01. Beginning (6:52)

02. Burn The Castle (3:10)

03. Winter (4:19)

04. Part The Waters (4:25)

05. Eyes Get Used To The Darkness (4:41)

06. Drifts (4:27)

07. Devil (4:31)

08. Strogoula (4:10)

09. Echo November (3:01)

10. Die Trying (3:37)

11. Born Feral (6:29)

12. Weak And Strong (4:19)

13. After Something (4:00)

 

Das ist die dann also - meine Lieblingsband. Dürfte ich aus irgendeinem absurden Grund nur von einer Band Platten behalten - das wäre sie. New Model Army begleiten mich nun auch schon seit Anfang der Neunziger Jahre, als ich allen Ernstes "Here Comes The War" im Radio hörte. Heute komplett unvorstellbar, aber damals, als die Sender sich noch ihres Kulturauftrags bewusst waren, war so etwas tatsächlich möglich.

"Winterist das 14. Album der Army, die ja seit einigen Jahren so etwas wie einen zweiten Frühling erlebt und wieder Alben aufnimmt, die sich hinter den klassischen Platten aus den Achtzigern nicht zu verstecken brauchen. Nach dem etwas experimenteller ausgefallen Vorgänger "Between Dog And Wolf" ist "Winter" ein Schritt zurück zum klassischen, ursprünglichen Bandsound. Ungewöhnlichkeiten gibt es auch auf diesem Album ein paar, insgesamt ist es aber (sofern es so etwas gibt) wieder ein eher "typisches" New Model Army-Album geworden. Aber wie gesagt, ein paar Experimente gibt es und dazu zählt sicher die Tatsache, die Scheibe mit einem sehr langen und langsamen Song zu eröffnen. "Beginning" nimmt sich wirklich ewig Zeit und kommt in etwa so schnell in Fahrt wie eine alte Dampflok beim Bergauffahren, aber es steigert sich im Verlauf seiner sieben Minuten immer mehr und wird immer lauter, fordernder. Jedenfalls eine ungewöhnliche Opener-Wahl, wenn auch natürlich ein toller Song. "Burn The Castle" zeigt die Band so wütend, direkt und angepisst wie schon lange nicht mehr. Justin Sullivan ist inzwischen 60 Jahre alt, aber er ist immer noch ruhelos, getrieben und will sich nicht zufriedengeben mit der Scheiße, die auf unserer Welt passiert. Der Song könnte vor 32 Jahren schon auf "Vengeance" gestanden haben - und 2016 wirkt er kein Stück weniger glaubwürdig. 

Der Titelsong klingt, als stamme er aus der Zeit zwischen "Thunder And Consolation" und "Impurity", akustische Gitarren, Streicher, ein beinahe balladesker Aufbau und trotzdem ist das ein schneller, treibender Rocksong. Bei solchen Songs merkt man einfach: Das hier ist die beste Band der Welt.

In der Folge entspinnen New Model Army ein einmal mehr wirklich fantastisches Album. Immer wieder erinnern Songs an bestimmte Phasen der Band, ohne sie jedoch stumpf zu kopieren. Außerdem probieren sie immer auch neues aus. Bestes Beispiel dürfte der Song "Devil" sein, der in der Bridge mit merkwürdigen Soundeffekten aufwartet und ungewöhnlich laut und kratzig daherkommt - und der trotzdem einer der größten Hits auf "Winter" ist. Auf der anderen Seite stehen Songs wie "Echo November" oder "Born Feral", die ganz klassisches Army-Futter bieten, wie gesagt aber ohne sich zu wiederholen oder nur Abklatsche vergangener Großtaten zu sein. Diese Band hat immer noch jede Menge Feuer und sehr viel zu sagen und das macht sie auch.

Die Akustikballade war schon immer ein fester Bestandteil des Schaffens der Army. Ich möchte an Songs wie "Family Life", "Marrakesh" oder "Higher Wall" erinnern, Songs, die außer Gesang und akustischer Gitarre keine weiteren Zutaten enthalten und die besonders live immer zu den Highlights zählen. Der Song dieser Machart auf "Winter" heißt "Die Trying" und wenn ein Song das Jahr 2016 in weniger als vier Minuten zusammenfasst, dann ist es dieser. "Cross the border or die trying...." - hier geht es um Flüchtlinge, die Verzweiflung die nötig sein muss, um so etwas wie die Flucht aus der Heimat in eine ungewisse Zukunft überhaupt auf sich zu nehmen und um die Zäune, die Europa (und aktuell die USA) aufbauen, um die Leute draußen zu halten und ihnen beim Ertrinken und Verrecken zuzugucken. Es ist falsch, bei einem solchen Song in Kategorien wie gut und schlecht zu denken, man hat hier gefälligst die Fresse zu halten und demütig zuzuhören - abseits des Textes ist es aber dennoch einer der besten Songs dieser Machart, die diese Band aufgenommen hat. Ohne jeden Zweifel das wichtigste und eindringlichste Lied des Jahres 2016.

Nach zwei schnelleren und rockigeren Song endet das Album mit "After Something" dann mit einer weiteren Akustikballade, die die Platte auf ganz wunderbare Weise abrundet und abschließt. Außer New Model Army gibt es schlicht keine Band auf dieser Welt, die nach einer solch langen Karriere immer noch so dermaßen viel zu sagen und mitzuteilen hat. Ich wünsche mir, dass Sullivan und seine Mitstreiter noch möglichst lange weitermachen, aber wenn dann eines Tages das Ende da ist, dann dürfte das die am nachhaltigsten beeindruckende Discographie sein, auf die eine Band zurückblicken kann.

Ich habe "Winter", dessen Songreihenfolge sich in der zweiten Hälfte übrigens bei CD- und LP-Version deutlich unterscheidet, wie üblich direkt bei der Band gekauft. Ein Download-Code für die digitale Version wurde mir dann per Email zugeschickt. Wie sich das darstellt, wenn man das Album im Laden kauft, entzieht sich darum leider meiner Kenntnis.


PLATZ 1: THE JEZABELS - SYNTHIA

 

01. Stand And Deliver (7:29)

02. My Love Is My Disease (4:29)

03. Smile (4:51)

04. Unnatural (4:54)

05. A Message From My Mothers Passed (5:18)

06. Come Alive (5:46)

07. Pleasure Drive (5:20)

08. Flowers In The Attic (4:25)

09. If Ya Want Me (4:15)

10. Stamina (7:09)

Es soll noch mal einer sagen, moderne Streaming-Dienste wie Spotify wären komplett böse und der Untergang. Hätte ich 2012 (damals noch bei Simfy) nicht auf das Debütalbum "Prisoner" der Jezabels  geklickt, einzig und alleine aus dem Grund, weil ich das Cover gutfand, so wäre mir diese großartige australische Band mit Sicherheit durch die Lappen gegangen - und dabei ist das meine größte und wichtigste musikalische Entdeckung seit ewigen Zeiten.

2016 erschien nun das dritte Album der Band, getauft auf den Namen "Synthia" - und nach "Prisoner"  und dem 2014er Zweitling "The Brink" liefert die Band nun zum dritten Mal ein Album ab, das in dem jeweiligen Jahr meine persönliche Pole Position bekleidet. Manchmal gibt es ja diese Bands bzw. Alben, die einen so dermaßen ins Zentrum treffen, dass sie nur für einen selbst komponiert und aufgenommen zu sein scheinen. Den Jezabels ist das nun schon das dritte Mal gelungen. Und auch "Synthia" unterscheidet sich wieder ziemlich  von seinem Vorgänger. Wo "The Brink" noch deutlich poppiger, eingängiger und einfach radioorientierter war, ist "Synthia" sehr viel ausladender, epischer, düsterer und weniger auf Hit getrimmt. 

Mit "My Love Is My Disease", "Pleasure Drive" und mit Abtrichen noch "Flowers In The Attic" und "If Ya Want Me" gibt es zwar auch auf diesem Album wieder ein paar recht eingängige Songs, die in einer gerechten Welt tatsächlich die Heavy Rotation der Radiosender sprengen müssten, die übrigen sechs Nummern aber sind klar ausschweifender und weniger auf Airplay zugeschnitten als zuletzt.

Der Name "Synthia" impliziert ja schon ein wenig die musikalische Ausrichtung des Albums - es ist tatsächlich Keyboarderin Heather Shannon, die den Sound des Albums am stärksten prägt. Natürlich gibt es auch auf "Synthia" Gitarren zu hören, aber sie sind weniger prägend für den Gesamtsound der Musik als das bisher der Fall war.

Das Album beginnt mit dem längsten Song - "Stand And Deliver" - eine kleine Parallele zum New Model Army-Album, denn auch hier lässt sich der Opener scheinbar ewig Zeit für seinen Aufbau und seine langsame Entfaltung und Steigerung. Weiter geht es mit dem erwähnten Superhit "My Love Is My Disease", ein schnelles Lied, das an Achtziger-Wave/Rock-Bands der Marke Siouxsie And The Banshees denken lässt. Bisher alles super - nun aber wird es legendär:

The Jezabels lassen ab "Smile" vier Lieder folgen, die sich alle im langsamen Midtempo bewegen, teilweise balladesk sind und sich von der Stimmung auch etwas ähneln. Eigentlich ist das mehr ein großer, in vier Parts unterteilter zwanzigminütiger Song, zumindest wirkt es auf mich so. In diesen 20 Minuten haben die Keyboards ganz klar das Sagen, es gibt riesengroße, flächige Soundteppiche, Dark Wave ohne Ende und einfach jede Menge Düsternis. Anfangs dachte ich, dass die Reihenfolge der Songs etwas ungeschickt gewählt sei, weil diese vier Songs eben alle in den gleichen Gefilden wildern - aber es ist genau richtig so. Man kann sich in diesen Part des Albums hineinlegen und sich wegtreiben lassen und es ist eben einfach nur großartig. Neben Heather Shannon, die mit ihren Synthies den Sound bestimmt ist es natürlich vor allem Sängerin Hayley Mary, die dieser Passage wie auch dem kompletten Album ihren Stempel aufdrückt. Diese Frau ist bereits seit "Prisoner" meine absolute Lieblingssängerin. Ihr Gesang ist einfach dermaßen großartig, dass ich dafür kaum die richtigen Worte finde. Wie mich diese Stimme mitten ins Mark trifft, sowas habe ich in meiner Laufbahn als Musikfan nur sehr, sehr selten erlebt. Bestes Beispiel ist die Passage gegen Ende von "A Message From My Mothers Passed", bei der sich Mary in immer größere Höhen aufschwingt, immer intensiver singt und mir beim bloßen Gedanken an diese Stelle eine Gänsehaut der Sonderklasse beschert. Wie man so unglaublich gut singen kann, entzieht sich meinem Verständnis. Die zweite Hälfte des letzten Songs "Stamina" ist ein weiteres Beispiel. Intensitätssteigerung neu definiert. Sie beginnt ganz ruhig und mit tiefen Noten, beinahe schon Sprechgesang und steigert sich immer weiter zu hohen, fast sirenenartigen Klängen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Was für eine Stimme und was für eine Intensität!

Viele Songs auf "Synthia" beginnen ruhig und mit nach alten Computerspielen klingenden Synthie-Sounds. Das Intro von "Unnatural" beispielsweise klingt eigentlich 1:1 wie die Musikuntermalung des C64er-Klassikers "Lazy Jones". Weitere Beispiele sind das Intro zu "Come Alive" (ein weiterer Jahrhundertsong mit einer musikalischen und gesanglichen Steigerung, die nur als State of the Art bezeichnet werden kann) und das lustige Gefiepe bei "Pleasure Drive", dem größten Hit des Albums und vielleicht der Band überhaupt bislang. Die Band schafft es aber, dass diese Parts und Sounds überhaupt nicht angestaubt oder anachronistisch klingen - im Gegenteil klingt das in Verbindung mit der übrigen Musik sehr zeitgemäß und passend. 

Es gibt keine einzige schwache Note auf "Synthia". Hier sitzt jeder Ton, jede Silbe, jeder Beat. Jeder der zehn Songs ist ein völliger Überhit, wobei die Songs von "Smile" bis "Pleasure Drive" plus "Stamina" da sogar noch einmal herausstechen. 

Diese ja noch relativ junge Band scheint ein derartiges Potential in sich zu haben, wie man es meiner Meinung nach nur selten findet. Ich bin gespannt, was uns da in Zukunft noch erwartet. Zunächst einmal würde ich mich aber über neue Konzerte in Europa freuen. Bitte kommt uns bald besuchen!

Die LP-Version des Albums enthält einen Download-Code.

 

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