Schattenscheiben Part 1: Depressive Age - Symbols For The Blue Times (1994)

Den Anfang der Reihe "Schattenscheiben" macht heute "Symbols For The Blue Times", das dritte Album der Berliner Band Depressive Age. 

Im Grunde könnte man hier die Band als solches vorstellen, denn über den Status Geheimtipp haben Depressive Age es eigentlich nie hinausgeschafft. Die Berliner Band gründete sich Anfang der Neunziger und brachte es auf insgesamt vier Alben, bevor man sich kurzzeitig in D-Age umbenannte und danach sang- und klanglos in der Versenkung verschwand. Die vier Alben sind allesamt verdammt eigenständig und klingen untereinander auch ziemlich verschieden. Depressive Age waren vermutlich ihrer Zeit etwas voraus, außerdem waren sie wahrscheinlich auch einfach zu speziell, um wirklich ein größeres Publikum ansprechen zu können. Hier und heute soll es wie gesagt um ihr drittes und meiner Meinung nach bestes Album gehen - "Symbols For The Blue Times".

01. Hills Of The Thrills (4:37)

02. World In Veins (4:37)

03. Garbage Canyons (4:14)

04. Hut (4:59)

05. Subway Tree (4:27)

06. Port Graveyard (4:14)

07. We Hate Happy Ends (3:45)

08. Friend Within (5:28)

09. Neptune Roars (3:51)

10. Sorry, Mr. Pain (3:46)

11. Kotze! (2:38)

12. Rusty Cells (4:36)

13. Mother Salvation (5:04)

 

Depressive Age begannen ja eigentlich als Thrash Metal-Band, die zum Teil auch Einflüsse aus dem Death Metal verarbeitete. Für "Symbols For The Blue Times" wurden die Thrash-Einflüsse jedoch stark zurückgefahren und durch eine stärkere Hinwendung in Richtung Melodie und gothische Düsternis ersetzt.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich 1994 auf die Band aufmerksam wurde, vermutlich entweder durch einen Schulfreund oder durch einen der damals berühmt-berüchtigten "Crossing All Over"-Sampler, auf denen sich seinerzeit alles tummelte, was irgendwie hart, dabei aber nicht true war. 

 

Auf ihrem dritten Album machten Depressive Age jedenfalls alles richtig, was man damals für mich richtig machen konnte und trafen mich darum mitten ins Zentrum: Melancholie, Weltschmerz und Ausweglosigkeit, gepaart aber mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch und dem unbedingten Willen, nicht aufgeben zu wollen. 

Ich habe die Platte damals rauf und runter gehört und sie lief über Monate hinweg eigentlich jeden Tag mindestens einmal bei mir. Und sie hat bis heute auch nichts von ihrer Magie und Faszination verloren. Ob sie noch genauso zünden würde, würde ich sie erst heute kennenlernen, weiß ich aber nicht - damals war es mir schlichtweg egal, dass Sänger Jan Lubitzki eigentlich nicht wirklich singen kann und auf dem Album teilweise ganz schön schräg durch die Gegend lallt. Ebenso war es mir egal, dass Englisch ganz offensichtlich nicht die Muttersprache der Band ist, und man so das ein oder andere unfreiwillige "Bonmot" in die Texte mit eingebaut hat - sowas hat damals einfach überhaupt keine Rolle gespielt - und man hatte einfach auch noch mehr Zeit, sich ein teilweise ganz schön sperriges Album wie "Symbols For The Blue Times" auch über einen längeren Zeitraum zu erarbeiten. Zu so etwas fehlt heute leider immer öfter die Zeit. Gelohnt hat es sich aber, denn auch 23 Jahre nach seiner Veröffentlichung liebe ich dieses Album noch immer - zumindest größtenteils.

Auf dem Album geben sich schnellere, aber stets melodische Songs wie "Garbage Canyons", "Subway Tree" oder "Friend Within" mit langsamen, schleppenden Liedern wie "World In Veins", "Hut" oder "Rusty Cells" die Klinke in die Hand. Zudem lassen Depressive Age in der wütenden Hassattacke "We Hate Happy Ends" sowie in dem vollkommen überflüssigen "Fun"-Song "Kotze!" (wie sehr ich diese Nummer hasse, selten hat ein Lied den Fluß eines Albums noch mehr kaputtgemacht, als dieser Totalausfall) ihre Thrashwurzeln mehr als nur aufblitzen. Hier wird noch einmal richtig gewütet.

Abgerundet wird das Gesamtbild durch zwei (Halb-)Balladen, nämlich zum einen das wunderschöne "Sorry, Mr. Pain", das mit Gänsehautmelodien ohne Ende aufwartet und zum anderen mit dem ganz ruhigen, sehr morbiden "Port Graveyard", in dem Lubitzki auf einmal doch richtig singen kann und über die zerbrechliche, ruhige Instrumentierung eine sehr intensive Darbietung hinlegt, die mir bis heute Schauer über den Rücken jagt.

Beinahe jeder Song verfügt über eine Widerhakenmelodie, die ihn unverwechselbar macht und an die man sich anfangs gut klammern kann. Die Refrains von "Garbage Canyons", "Hut" oder "Rusty Cells" sind hier sicherlich mit die besten Beispiele. Das sind schon richtige Ohrwürmer, die Depressive Age hier geschrieben haben und einfach auch vom Songwriting her kleine Meisterstücke.

Der Sound des Albums ist knochentrocken und roh - und klingt dabei erstaunlich zeitlos. Das trifft meiner Meinung nach aber auch auf die Musik an sich zu. "Symbols For The Blue Times" klingt für meine Begriffe zeitlos - oder aus der Zeit gefallen. Nichts hieran ist irgendwie "typisch 90er" oder ähnlicher Quatsch. Ganz im Gegensatz übrigens zu "Electric Scum", dem vierten und letzten Album der Band, auf dem diese modernere Töne anschlug und auch der Sound in Richtung Prong / Machine Head (fette Gitarren etc.) schielte. Nicht so "Symbols For The Blue Times" - diese Platte könnte auch vor zwei Jahren erschienen sein und klänge immer noch zeitgemäß.

Erwähnen muss man ansonsten noch das Cover - dieses stammt tatsächlich von Andreas Marschall, der ja damals für mehr oder weniger die gesamte deutsche und auch europäische Metalszene Cover zeichnete, sich dabei aber meist auf Fantasy-Artworks, Piraten, Orks, Gebirgsketten, Burgen, Elfen und ähnliches Gedöhns beschränkte und dessen Stil stets gut zu erkennen war. Seine Cover gehörten zu den Alben von Blind Guardian, Running Wild, Grave Digger oder auch In Flames einfach dazu - für "Symbols For The Blue Times" brach Marschall aber aus aus seinem sonst doch recht typischen stilistischen Rahmen aus und zauberte dieses ebenso düstere wie schicke Coverartwork. Das Booklet selbst wartet zudem mit finsteren Scherenschnitten auf, die die Atmosphäre des Albums prima einfangen.

Nach gut 55 Minuten endet das Album mit dem epischen "Mother Salvation", in dem Depressive Age das Tempo nochmal nahezu ganz rausnehmen und sich langsam steigernd einem Breitwand-Ende entgegenwalzen, tatsächlich ein perfekter Abschlußsong. 

Depressive Age blieb der große Erfolg leider verwehrt, sie fristeten stets ein Nischendasein und nach dem vierten Album "Electric Scum" war dann auch recht bald Schluß. Irgendwann gab es wenn ich mich richtig erinnere noch einmal ein paar Reunion-Konzerte, aus denen dann aber in der Folge auch nicht mehr geworden ist. Schade. Speziell mit diesem Album hat die Band aber ein richtiges Juwel geschaffen, ein Kleinod meiner Sammlung, das ich heute immer noch genau so gerne auflege wie 1994. Dafür kann ich mich eigentlich nur bei ihnen bedanken.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Thochsten (Samstag, 29 April 2017 23:54)

    Die fly!
    Kiss the abyss!

    Großartigste Scheibe von einer tollen Band, schön zusammengefasst. die Vorgängeralben liebe ich nach wie vor, auch wenn ein bissken fremdschämen angesagt ist, siehe oben ;-) Aber Symbols... ist schon wirklich wegweisend, leider hat sich dieser Weg zur "Road less traveled" entwickelt...