Schmuddelkinder Part 1: Fear Factory - Digimortal (2001)

Als erste Platte dieser Reihe widme ich mich heute dem Album "Digimortal" von Fear Factory.

Fear Factory hatten und haben natürlich ein Problem: "Demanufacture". Das Zweitwerk der Band aus dem Jahre 1995 ist tatsächlich so überlebensgroß, dass es die Karriere und Discographie der Band vollkommen überstrahlt. Natürlich brachte es der Band einerseits den großen Durchbruch, andererseits legten Fear Factory aber die Messlatte mit dieser Platte dermaßen hoch, dass sie sich bis an ihr Lebensende abmühen können, wie sie wollen - sie sind da nie wieder herangekommen und das wird auch niemals passieren. 

So etwas gibt's eben manchmal. Fear Factory legten 1998 mit "Obsolete" nach. Das war ein sehr anständiges Album, aber der Vorgänger war nun mal übermächtig. Zudem ging die Band das Wagnis ein, auf ihr Markenzeichen, diesen maschinellen und kalten Sound zu verzichten. "Obsolete" klingt vergleichsweise organisch und lebendig. Dieses Experiment ist meiner Meinung nach sogar geglückt und es wurde der Band soweit ich mich erinnern kann auch nie zum Vorwurf gemacht. Dennoch ist "Obsolete" einfach zwei Klassen schwächer als sein Vorgänger. Was jetzt negativer klingt, als es gemeint ist, denn "Demanufacture" ist spielend eines der besten fünf Metal-Alben der kompletten 1990er-Jahre, vielleicht ist es sogar das beste überhaupt.

 

Und dann kam 2001 "Digimortal"  und dieses Album kam noch einmal deutlich schlechter an als "Obsolete". Und ich verstehe bis heute nicht, warum. In den letzten Jahren und mit den Alben ab "Mechanize" kopieren Fear Factory sich nur noch selbst bis hin zur völligen Parodie und dem letzten Album "Genexus" - alte Motive der Alben Eins bis Drei werden hier wieder- und wiedergekäut, man hat das alles vor 20 Jahren schon einmal gehört - und die Leute feiern es ab und stellen diese Platten über ein Album wie "Digimortal", auf dem die Band sich zwar auch nicht gerade neu erfand, aber immerhin noch ein paar Dinge versuchte und nicht die vollkommene Nummer Sicher-Schiene fuhr.

01. What Will Become? (3:23)

02. Damaged (3:02)

03. Digimortal (3:02)

04. No One (3:36)

05. Linchpin (3:24)

06. Invisible Wounds (Dark Bodies) (3:54)

07. Acres Of Skin (3:55)

08. Back The F*** Up (3:09)

09. Byte Block (5:20)

10. Hurt Conveyor (3:40)

11. (Memory Imprints) Never End (6:49)

12. Dead Man Walking [Bonus Track] (3:16)

13. Strain Vs. Resistance [Bonus Track] (3:25)

14. Repentance [Bonus Track] (2:40)

15. Full Metal Contact [Bonus Track] (2:28)

 

Wir reden hier wohlgemerkt von Fear Factory, also einer sogenannten "Modern Metal Band" und nicht von irgendeiner Thrash- oder NWOBHM-Band aus den Achtzigern, die seit ihren Glanztaten nur noch Dienst nach Vorschrift tut und genau null Innovation zulässt - Nein, wir reden von einer Band, die sich darüber definiert (hat), modern zu sein, neues zu wagen und Stile miteinander zu verschmelzen. Ich habe ernsthaft einmal gelesen, "Digimortal" wäre deshalb so schlecht, weil es zu modern klänge - wie absurd ist das? 

 

"Digimortal" bietet im Grunde nichts anderes, als die Essenz von Fear Factory, auf das Wesentliche heruntergedampft und ohne jeden Schnickschnack. Das sieht man bereits an der Tracklist bzw. an den Spielzeiten der Songs. Acht Lieder müssen vergehen, bis überhaupt einmal ein Song die Vier-Minuten-Grenze überschreitet. "Digimortal" ist so direkt und auf den Punkt wie kein anderes Album dieser Band. 

Der Klang des Albums ist zwar immer noch vergleichsweise "fett" und mächtig, die weiter oben angesprochene maschinelle Kälte und das Unterkühlte, das Fear Factory auf ihrem Magnum Opus ausgemacht hatte, ist jedoch ebenfalls wieder da. Das Stilmittel, die Gitarrenriffs von Dino Cazares mit dem Doublebass-Spiel von Raymond Herrera bis auf die Nanosekunde aufeinander abzustimmen, haben Fear Factory in Songs wie "Damaged", "No One", "Acres Of Skin" oder "Byte Block" hier perfektioniert und auf die Spitze getrieben. Sie machen das seitdem zwar auf jedem Album und inzwischen ist das nichts besonderes mehr, hier aber wurde es erstmals stilprägendes Element und war tatsächlich noch etwas neues. 

Ansonsten komponieren Fear Factory auf diesem Album wie gesagt auf den Punkt wie zuvor und danach niemals wieder. Jeder der ersten acht Songs ist eine Lehrstunde in Sachen Präzision und Effizienz, hier scheinen tatsächlich Roboter am Werk zu sein, keine Intros leiten die Songs ein, kein Refrain wird unnötig wiederholt, es gibt einfach ohne Umschweife einen vor den Latz.

Lediglich die Halbballade "Invisible Wounds (Dark Bodies)" fällt etwas aus dem Rahmen, da sie langsamer und ruhiger angelegt ist als der Rest. Schnörkel oder Pomp weist aber auch dieser Song nicht auf. Das bewährte Wechselspiel aus aggressiven Strophen und melodischen Refrains gibt es auch hier, aber es wird nicht mit letzter Konsequenz durchgezogen. Die melodische Stimme verliert insgesamt etwas an Bedeutung, diverse Songs haben gar keinen melodischen Gesang, dafür ist der geshoutete Gesang aber oft auch weniger aggressiv und kommt etwas tiefer rüber als das bislang der Fall gewesen war ("What Will Become?", "No One").

Song Nummer Sieben "Acres Of Skin" ist vermutlich der aggressivste und schnellste und er hätte meiner Meinung nach auch auf "Demanufacture" stehen können, ohne dort stilistisch aus dem Rahmen zu fallen. Dennoch passt er eben auch perfekt auf "Digimortal". Vielleicht ist dieser Song das beste Beispiel um zu zeigen, dass Fear Factory auf ihrem vierten Album gar nicht so viel anders machen als man es von ihnen gewohnt war und dass lediglich die Mittel der Wahl teilweise andere sind.

Der größte Aufreger kommt freilich erst danach: "Back The F*** Up" - was für mich das absolute Highlight dieses Albums darstellt, war für viele wohl der größte Kritikpunkt: Da macht ein Rapper mit! B-Real von Cypress Hill übernimmt in diesem Song einen Großteil der Vocals und ja, es wird demnach gerappt. 

Wie kann das bitte nach den kompletten Neunzigern, Bands wie Faith No More, Rage Against The Machine oder Projekten wie dem Judgment Night-Soundtrack denn noch für irgendjemanden ein Aufreger sein? 

Zumal das Experiment zu 100% gelingt. B-Reals endlos coole Vocals ergänzen sich ganz hervorragend mit Burton C. Bells aggressiven Shouts, der Chorus von "Back The F*** Up" ist so wunderbar prollig, dass es eine wahre Freude ist - dazu groovt das Ganze wie aus dem Lehrbuch und es ist einfach wirklich nur saucool. Und wie gesagt, das hier sind Fear Factory, deren Fans eigentlich gut mit so etwas klarkommen müssten. Warum manche sich so über diesen Song aufgeregt haben, werde ich niemals verstehen, aber ich halte es dann auch am besten mit B-Reals letzter, mit nicht mehr topbarer Lässigkeit vorgetragener Zeile: "Don't let the time pass waiting for the answer."

Nun gibt es einen kleinen Bruch im Album - "Byte Block" ist der erste Song, der sich etwas mehr Zeit nimmt und der darum auch ein wenig aus dem Rahmen fällt. Es gibt ein Intro, ein Riff wird durchaus auch mal wiederholt und einen atmosphärischen Mittelteil hat der Song ebenfalls. Er wirkt tatsächlich zuerst ein wenig wie ein Fremdkörper, weil einem hier eigentlich erstmals bewusst wird, wie direkt und schnörkellos Fear Factory bis hierhin musiziert hatten. Ein toller Song ist das trotzdem. 

"Hurt Conveyor" geht wieder direkter zu Werke, wirkt stilistisch aber trotzdem anders als die ersten acht Lieder - weniger geradeaus, dafür mit mehr Abwechslung, so ziemlich der einzige Song des Albums, der ein paar Wendungen nimmt. Starke Nummer und den besten Songtitel des Albums hat sie auch. 

"(Memory Imprints) Never End" ist die obligatorische Abschlußballade inklusive Ambient-Outro, das ja seit "A Therapy For Pain" bei dieser Band obligatorisch ist. An diese Blaupause kommt der Song nicht heran und im Gegensatz zu "A Therapy For Pain", das ich an so manchem Tag für den besten Song des ganzen "Demanufacture"-Albums halte, ist "(Memory Imprints) Never End" bei aller durchaus vorhandenen Klasse schon ziemlich deutlich der schwächste Song auf "Digimortal". 

Auf der Digipack-Version des Albums folgen nun noch vier Bonustracks, die allesamt durchaus hörbar sind (übrigens ganz im Gegensatz zum Bonusmaterial des "Obsolete"-Albums, das derart schlecht ist, das man sich ernsthaft fragen muss, ob diese Songs überhaupt ernst gemeint waren) , aber hinter dem eigentlichen Albummaterial zurückbleiben. Am ehesten überzeugt noch "Strain Vs. Resistance", essentiell ist jedoch keiner der vier Songs. Aber da es eben auch nur Bonustracks sind, sollten sie somit auch nicht in die Bewertung des eigentlichen Albums mit einfließen. 

 

Was bleibt am Ende übrig? Wie ich finde, ein kleines Meisterwerk und das zweitbeste Album der Band, das ich bis heute regelmäßig höre und zwar auch durchaus häufig und gern. Es ist zudem das letzte Fear Factory-Album in der klassischen Besetzung Bell / Cazares / Olde Wolbers / Herrera, die nach "Digimortal" zerfiel, da Cazares die Band im Streit verließ. Inzwischen ist er zwar wieder dabei, dafür aber Olde Wolbers und Herrera nicht mehr. Fear Factory haben danach meiner Meinung nach noch zwei Platten gemacht, die man kennen sollte: Das wäre zum einen der "Digimortal"-Nachfolger "Archetype", der trotz Cazares' Fehlen durchaus gelang und ein wenig als melodische Variante von "Obsolete" bezeichnet werden kann. Und zum anderen "Mechanize", das erste Album nach Cazares' Wiedereinstieg. Das ist zwar eine kreative Null-Lösung, da es nur bekanntes recycelt, dies aber auf teilweise durchaus schwindelerregendem Niveau.

Letztlich ist es ein bisschen schade, dass Fear Factory sich nie aus dem selbstgeschaffenen Schatten der "Demanufacture" lösen konnten. Wenn sie sich sowohl musikalisch als auch inhaltlich (das "Mensch gegen Maschine"-Thema ist doch nun nach über 20 Jahren auch einfach mal durch) mal etwas trauen würden, könnte ich mir vorstellen, dass noch ein großes Album in ihnen steckt. Allzuviel Hoffnung hege ich aber nicht.

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