Schattenscheiben Part 2: Manic Street Preachers - Lifeblood (2005)

In der Reihe "Schattenscheiben" soll es heute um das siebte Album der Manic Street Preachers gehen: "Lifeblood"

Im Gegensatz zum letzten Mal, als es mit Depressive Age um eine Band ging, die den Untergrund nie wirklich verlassen hat, sind die Manic Street Preachers natürlich schon eine ganz andere Hausnummer. In ihrer Heimat Wales spielen sie auch gerne mal in Fußballstadien, und selbst bei uns kann man mit etwas Glück ab und an noch Hits wie "Your Love Alone Is Not Enough" oder "If You Tolerate This Your Children Will Be Next"  bei den Gurkensendern von WDR, SWR und Co. hören.

"Lifeblood" hingegen, das siebte Album der Band, geht immer etwas unter: Selbst im Vereinigten Königreich erreichte die Scheibe nur Platz 13 der Charts - gemessen an der Tatsache, dass dort selbst Compilations und Livealben der Manic Street Preachers regelmäßig die Top 10 knacken und bei den regulären Alben durch die Bank nichts unter Platz 3 bis 5 geht und man auch einige Male an der Spitze der Charts stand, kann man das schon als kleinen Misserfolg werten.

Die Band hat inzwischen zwölf Studioalben veröffentlicht und müsste ich wählen, so wäre "Lifeblood" ziemlich sicher in meiner persönlichen Top Drei der Band. Das war nicht immer so und hat sich erst über die Jahre ergeben - und darum möchte ich dieses Album heute einmal ein wenig genauer beleuchten.

01. 1985 (4:08)

02. The Love Of Richard Nixon (3:38)

03. Empty Souls (4:05)

04. A Song For Departure (4:19)

05. I Live To Fall Asleep (3:57)

06. To Repel Ghosts (3:58)

07. Emily (3:34)

08. Glasnost (3:14)

09. Always / Never (3:41)

10. Solitude Sometimes Is (3:21)

11. Fragments (4:02)

12. Cardiff Afterlife (3:26)

 

Die Manic Street Preachers waren schon immer eine Band, die sehr abwechslungsreich und auch unvorhersehbar war. Von Glamrock über Punk und kratzigen Alternative bis hin zu breitwandig angelegtem Stadionrock haben die Burschen eigentlich schon alles abgedeckt, was die Rockmusik so hergibt. "Lifeblood" fällt aber selbst für diese Band stilistisch etwas aus dem Rahmen:

Das Album ist ziemlich wenig Rock und dafür sehr viel Pop. Pop im guten Sinne, von Synthies dominierte, ihre Einflüsse immer wieder aus den Wavebands der Achtziger ziehende Musik. Poliert und oft eingängig zwar, niemals aber fröhlich oder flach, sondern mit einem unglaublichen Tiefgang und jeder Menge Melancholie und Traurigkeit. Nicky Wire, der Bassist der Band hat den Stil des Albums einmal mit "elegiac pop" beschrieben, was die Sache auf den Punkt bringt.

Das Album klingt so "schön" wie kein zweites der Band. Die verzerrten Gitarren fehlen im Grunde vollkommen, dafür gibt es jede Menge Synthies, Klaviere und sehr offen, klar klingende E-Gitarren mit viel Hall, die an den Sound solcher Bands wie The Mission oder auch das "Senderos De Traición" - Album der Héroes Del Silencio erinnern. Wenn James Dean Bradfield wie am Ende von "A Song For Departure" mal ein kurzes "klassisches" Gitarrensolo einstreut, so fällt das tatsächlich richtig aus der Reihe, was den Klang betrifft.

Schnellere Songs wie "Empty Souls" und "To Repel Ghosts" wechseln sich mit eher balladesken und langsamen Liedern der Marke "Solitude Sometimes Is" oder "Glasnost" ab.

"Lifeblood"  ist wie bereits erwähnt ziemlich auf Wohlklang getrimmt. Damit meine ich nicht nur den generellen Klang im Sinne von Produktion, die tatsächlich ebenfalls sehr glatt und einfach unglaublich gut klingt - ich meine auch die Musik als solche.

Ecken und Kanten wird man  auf dieser Platte im Gegensatz zu allen anderen Alben der Band vergeblich suchen. Alles ist sorgfältig geschliffen, auf Gesamtatmosphäre ausgerichtet und geht runter wie Öl. Das ist aber keineswegs negativ zu verstehen. Ich fand "Lifeblood" wie gesagt am Anfang gar nicht mal so gut - mir war das alles zu gleichförmig, zu ruhig, zu nachdenklich und auch zu schön. Viele Songs entfalten ihre Wirkung erst nach und nach, das hier ist trotz aller erwähnten Punkte keine flache Popmusik, sondern Musik mit sehr viel Tiefgang. Zwar verfügt ausnahmslos jeder Song über mindestens eine Hookline, die sich schon beim ersten Hören ins Hirn brennt, die Langzeitwirkung ist aber trotz aller Eingängigkeit enorm - ich habe dieses Album erst Jahre später wirklich schätzen gelernt und es wächst tatsächlich auch heute noch bei jedem Hören.

Und ich höre es in der Tat ziemlich oft, glaubt man der last.fm-Statistik, so ist es knapp nach dem komplett konträr angelegten "The Holy Bible" das Album der Manics, das ich am häufigsten auflege.

Songs wie zum Beispiel "Fragments" oder "Always / Never" sind versteckte Perlen, die ihre volle Wirkung und Schönheit erst relativ spät preisgegeben haben - zumindest bei mir war das so. Natürlich gibt es auch die großen Hits wie den Opener"1985" oder das brutal eingängige"Solitude Sometimes Is", die bereits beim ersten Hören zünden, aber die Regel ist das nicht auf diesem Album.

Passend zum unterkühlten Klang des Albums fällt auch das Artwork aus. Lediglich drei Farben bestimmen das Design, bzw. kommen überhaupt nur vor: Rot (das Blut), Grau (die Schrift) und Weiß (alles andere). Diese Aufmachung wirkt einerseits spartanisch, andererseits sehr edel. Das Booklet ist auf dickem Papier gedruckt und hochglänzend, wirkt fast wie Fotokarton. Das Frontcover und weitere Fotos im Booklet zeigen rote Farbe bzw. Blut auf etwas, das zum Teil erst beim zweiten Hingucken als nackter Frauenkörper zu erkennen ist. Und die Fotos der Bandmitglieder sind wohl die einzigen, die ich je gesehen habe, auf denen Blut (jaja, rote Farbe...) so zum Einsatz kommt, dass es stilvoll und ausnahmsweise einmal nicht grottenschlecht und grausam wirkt. Das Artwork rundet "Lifeblood" meiner Meinung nach perfekt ab und macht es zu einem Gesamtkunstwerk, das in sich stimmig ist und an dem einfach alles zusammenpasst.

Auch die Texte von "Lifeblood" fallen anders aus als sonst. Die Band bezieht deutlich weniger Stellung zu politischen oder zeitgenössischen Themen als gewohnt, die Texte sind hier dafür viel persönlicher und (selbst)reflektierender. Abgesehen von "Emily", einem Song über die britische Aktivistin und Frauenrechtlerin Emily Pankhurst, handeln die Lyrics laut Texter Nicky Wire zum Großteil von den drei Themenbereichen Tod, Einsamkeit und Geistern (im Sinne von Geister der Vergangenheit). Auch auf den 1995 spurlos verschwundenen Gitarristen Richey Edwards wird in "Cardiff Afterlife" noch einmal Bezug genommen.

Mit diesem Song endet "Lifeblood" dann auch nach einer Dreiviertelstunde.

Es ist ein sehr persönliches, sehr ruhiges und nach meinem Dafürhalten schlichtweg wunderschönes Album, das leider nicht die Anerkennung bekommen hat, die es meiner Meinung nach verdient hätte. Trotz aller vordergründigen Eingängigkeit und Schönheit ist die Platte durchzogen von einer Wehmut, Nachdenklichkeit und Melancholie, die die Band davor und danach nicht wieder erreicht hat - und das ja vielleicht auch gar nicht wollte. Darum war es mir wichtig, dem Album in dem kleinen Rahmen dieser Website einmal etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

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