Schmuddelkinder Part 2+3: Iron Maiden - The Virtual X(I) Factor

Iron Maiden - eine Band, zu der im Grunde alles gesagt ist. Aber noch nicht von mir. Und schon gar nicht zu der weithin geschmähten Ära mit Blaze Bayley am Mikrofon. Die heutigen Schmuddelkinder: "The X Factor"  (1995) und "Virtual XI" (1998).

Kurz vorab: Die ersten sieben Alben von Iron Maiden sind unantastbar. Danach beginnt für mich ein neuer Abschnitt, in dem jede Menge Mittelmaß und auch diverser  Murks veröffentlicht wurde und für viele zählen eben auch diese beiden Alben dazu. Aber stimmt das wirklich?

Die Blaze Bayley-Ära von Iron Maiden ist unter Fans umstritten wie meiner Meinung nach nur wenige Phasen bei wenigen Bands. Nach dem Ausstieg Bruce Dickinsons verpflichteten Iron Maiden den ehemaligen Wolfsbane-Sänger Blaze Bayley und machten sich damit nicht nur Freunde. Ganz im Gegenteil: Das Unternehmen Iron Maiden wurde zunehmend heruntergewirtschaftet - was heutzutage unvorstellbar ist, war in den Neunzigern Realität: Iron Maiden spielten in Läden wie der Essener Grugahalle oder der Stadthalle Offenbach. Der neue Sänger hatte live sichtliche und hörbare Mühe, die alten Songs der Band auch nur halbwegs vernünftig zu interpretieren - was kein Wunder ist, wenn man die grundverschiedenen Stimmlagen von Dickinson und Bayley bedenkt. Aber auch die Platten fanden nicht gerade großen Anklang. Folgerichtig bot man Ende der Neunziger Herrn Dickinson dann offenbar soviel Geld für seine Rückkehr, dass dieser nicht mehr ablehnen konnte, zu Iron Maiden zurückkam und Adrian Smith (Gitarre) gleich mitbrachte. 

Und in dieser Besetzung existieren Iron Maiden nun tatsächlich bereits seit 17 Jahren und haben fünf Studioalben veröffentlicht - die stabilste und produktivste Besetzung der Band seit Karrierestart. Und sie spielen in größeren Hallen und Stadien als je zuvor. Aus rein geschäftlicher Sicht hat man also ganz klar alles richtig gemacht. Mir hat es für Blaze Bayley, der sich bis heute in irgendwelchen Winzschuppen den Arsch aufreißen muss, aber immer etwas leid getan, und darum nehme ich die Maiden-Phase mit ihm heute mal etwas genauer unter die Lupe.

THE X FACTOR (1995)

01. Sign Of The Cross (11:17)

02. Lord Of The Flies (5:03)

03. Man On The Edge (4:13)

04. Fortunes Of War (7:23)

05. Look For The Truth (5:09)

06. The Aftermath (6:20)

07. Judgement Of Heaven (5:12)

08. Blood On The World's Hands (5:57)

09. The Edge Of Darkness (6:38)

10. 2 A.M. (5:37)

11. The Unbeliever (8:09)

VIRTUAL XI (1998)

01. Futureal (2:55)

02. The Angel And The Gambler (9:52)

03. Lightning Strikes Twice (4:50)

04. The Clansman (8:59)

05. When Two Worlds Collide (6:16)

06. The Educated Fool (6:44)

07. Don't Look To The Eyes Of A Stranger (8:03)

08. Como Estais Amigos (5:29)


"The X Factor" und "Virtual XI" unterscheiden sich schon recht deutlich voneinander und sollten daher vermutlich auch einzeln betrachtet werden. Gemein ist den beiden Platten aber ein jeweils knochentrockener Sound, der in beiden Fällen sehr basisch ausfällt. Steve Harris hatte hier erstmals seine Finger an den Reglern und zeichnete für die Produktionen (mit)verantwortlich, nachdem Stammproduzent Martin Birch in Rente gegangen war. Besonders bei "The X Factor" finde ich den Sound aber durchaus passend zur Musik, auch wenn ein Song wie "Sign Of The Cross" mit einer richtig mächtigen Produktion ("Rock In Rio") zugegeben schon noch einmal deutlich gewinnt.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist bei beiden Platten das fragwürdige Artwork. Auf "The X Factor" ist Eddie erstmals als Foto zu sehen, eine Wachspuppe (o.ä.) wird hier auf dem Cover per elektrischem Stuhl hingerichtet bzw. lobotomiert. Das Wendecover mit der Totalen finde ich dabei aber gar nicht mal so schlecht, Hugh Syme ist halt auch kein Anfänger. Das eigentliche Cover ist hingegen schon ziemlich häßlich. Auf "Virtual XI" ist Eddie, der meines Wissens ursprünglich nach seiner "Hinrichtung" nicht zurückkehren sollte, dann aber doch wieder da. Diesmal als eine Art Teufelsmonster, das nach einem mit Virtual Reality-Brille am Bildrand vor einem Fußballfeld hockenden Jungen (virtuell... Fußball... elf Spieler... elftes Album... eleven... XI... Virtual XI - klar soweit?) greift. Mit "Dance Of Death" und "The Final Frontier" haben Iron Maiden dieses Cover einige Jahre später zwar noch zweimal unterboten, aber ansonsten ist "Virtual XI" schon klar der Tiefpunkt der Covergeschichte der Briten. Furchtbar, wie schlecht das ist.

 

Kommen wir zur Musik; und hier macht eine getrennte Betrachtung tatsächlich Sinn, denn die Alben unterscheiden sich nicht nur von der musikalischen Ausrichtung her sondern auch qualitativ schon recht erheblich.

Das zuerst veröffentlichte "The X Factor" ist meiner Meinung nach das klar bessere Album und, soviel schon einmal vorweg, eines der drei Alben der Band, die man neben den ersten sieben überhaupt noch braucht. Die anderen wären "Fear Of The Dark"  (1992, wegen einiger herausragender Einzelsongs) sowie das Reunion-Album "Brave New World"  (2000 - weil das einfach ein saugutes Album ist).

 

"The X Factor" ist das düsterste Album von Iron Maiden, und zwar mit Abstand. Im Grunde ist es sogar das einzige Album, auf das das Prädikat "düster" überhaupt in irgendeiner Form zutrifft. Damit hatten viele natürlich ein Problem. Huch, Heavy Metal, der düster ist, wo gibt's denn sowas? Viele der Texte drehen sich um das Thema Krieg  und nehmen Bezug auf die verschiedensten bewaffneten Konflikte der Menschheitsgeschichte. "The X Factor" ist zudem ein relativ gleichförmiges Album - oder ein homogenes, um es positiv auszudrücken. Abgesehen von der Single "Man On The Edge" bewegen sich die Songs eigentlich durchgehend im Midtempo, sind teilweise sogar richtiggehend langsam. Tempoausbrüche nach vorne gibt es im Grunde keine. Viele Songs beginnen mit einem ruhigen Intro und enden dann auch genauso wieder, ein Stilmittel, das von Iron Maiden heutzutage immer noch sehr oft angewandt wird und darum nun ziemlich ausgelutscht ist - hier war es aber noch neu und originell. 

Das Album ist voll von herausragenden Liedern. "Sign Of The Cross" macht mit seinen über elf Minuten gleich den Anfang. Mal abgesehen von "Afraid To Shoot Strangers" (1992) ist das meiner Meinung nach der beste Song, den diese Band nach 1988 veröffentlicht hat - vielleicht ist es sogar wirklich der beste. Was für ein genialer Spannungsaufbau mit dem langen Intro mit Mönchsgesängen, dem sich dann anschließenden typischen Maidenstampfer und vor allem dem sich über Minuten hinziehenden, epischen Instrumentalpart, in dem sich Iron Maiden alle Zeit der Welt lassen, ihre Musik zu zelebrieren und den Song immer weiter zu steigern. Und wie durchdacht und ausgeklügelt hier jede einzelne Note klingt - Top!

Weitere Topsongs sind das vom Film "Falling Down" inspirierte "Man On The Edge", das schleppende "The Aftermath" (die "After the war, what will a soldier become..." - Passage ist einfach nur Weltklasse) und das sich ebenfalls im Doomtempo dahinwalzende "The Edge Of Darkness", bei dem man sich inhaltlich auf den Vietnamkrieg bzw. "Apocalypse Now!"  bezieht. Ebenfalls voll zu überzeugen wissen der Rauswerfer "The Unbeliever" mit seiner eigenwilligen Rhythmik und dem generell recht merkwürdigen Songaufbau, das zunächst von mir eher als Füller missverstandene "Blood On The World's Hands", der straighte Rocksong "Lord Of The Flies"  und die hübsche Halbballade "2 A.M."

Die übrigen drei Songs kommen da nicht ganz heran, wirklich schlecht ist aber keiner und ich würde aus heutiger Sicht tatsächlich auch keinen einzigen als Füller bezeichnen. Selbst das etwas unscheinbare "Look For The Truth" hat irgendwie etwas, dem ich mich nicht entziehen kann.

Drei Jahre später erschien dann "Virtual XI"

Ob sich Steve Harris und seine Mannschaft die Kritik an der zu düsteren und gleichförmigen Ausrichtung des Vorgängers zu Herzen genommen hatten weiß ich nicht, aber "Virtual XI" fällt zum einen deutlich abwechslungsreicher als auch klar weniger düster aus, ist dafür eher "klassisch Maiden" als "The X Factor". Leider hat das Album aber schon ein paar deutliche Schwächen.

 

Diesmal beginnt man mit dem kürzesten Song, eine weitere Antithese zum Vorgänger. "Futureal" dürfte neben "Wrathchild" (1981) tatsächlich der kürzeste Iron Maiden-Song überhaupt sein. Das schnörkellose Uptempostück macht auch durchaus Laune und vieles richtig. Dann aber geht es erstmal auf die Durststrecke. "The Angel And The Gambler"  wäre gar nicht mal so verkehrt, würde es anstatt zehn vielleicht fünf Minuten dauern. Der im zweiten Teil des Songs bis zur völligen Bewusstlosigkeit des Hörers ausgewalzte Einzeilen-Chorus "Don't you think I could save your life" nervt derart penetrant, dass es den kompletten Song zerstört und man sich streckenweise fragt, ob das hier eine Parodie sein soll und wenn ja, auf was bitte? "Lightning Strikes Twice" ist ein recht unspektakulärer Song, der nicht weiter auffallen würde, wäre da nicht der nervtötende Chorus. Wie Bayley hier nah an der Grenze zum Schiefen singt und besonders die Worte "strikes twice" beinahe herausspuckt, klingt leider einfach nur unbeholfen und ja - schlecht.

"The Clansman", der Song über William Wallace bzw. "Braveheart" (Gähn!) steht dann aber wieder auf der Habenseite. Ein stimmungsvoller Song mit wunderbarem Aufbau, evtl. auch einen Tick zu lang, aber geschenkt. Das Lied ist einfach toll, trotz oder auch wegen seines etwas arg plakativem "Freedom! Freedom!" - Refrains. 

"When Two Worlds Collide"  ist dann wieder eher unspektakulär ausgefallen, ein typischer Füller. Zwar punktet die Lead-Melodie nach dem zweiten Chorus etwas, sonst kann der Song aber leider auch wieder recht wenig. Der Text ist zudem auch eher albern.  Das Highlight von "Virtual XI" kommt dann: "The Educated Fool", ein leider weitgehend in Vergessenheit geratener Song. Was schade ist, denn das Lied überzeugt mit originellem Aufbau, ein paar neuen Ideen und den besten Lead-Melodien des gesamten Albums. Großartiger Song und für mich klar der beste des Albums.

"Don't Look To The Eyes Of A Stranger" geht im Prinzip in eine ähnliche Richtung, im Rahmen ihrer Möglichkeiten experimentieren Maiden hier erneut ein wenig. Schon alleine deswegen ist der Song auf der Habenseite zu verbuchen, es wird sich was getraut und neues ausprobiert. "The Educated Fool" läuft etwas runder, aber auch "Don't Look To The Eyes Of A Stranger"  ist über weite Strecken gelungen, in der zweiten Hälfte aber wieder zu sehr in die Länge gezogen. Ohnehin nehme ich diese beiden Songs irgendwie als zusammengehörend wahr, wie Brüder.

Mit "Como Estais Amigos" gibt es eine der wenigen reinen Balladen dieser Band als Abschluß zu hören. Ich mag den Song. Balladen waren noch nie die Stärke von Iron Maiden (um nicht zu sagen die große Schwäche), der hier zählt aber zu den besseren Versuchen.

Unterm Strich bleiben drei gute Songs, zwei sehr gute und drei, die zwischen Füllmaterial und Ausschuß pendeln. Insgesamt ein bisschen wenig. Ein schlechtes Album ist "Virtual XI" deswegen nicht, aber im Gegensatz zu "The X Factor" kann man es wirklich nicht als essentiell bezeichnen. Was man öfters liest ist, dass man aus den Highlights beider Platten ein wirklich gutes Album hätte zaubern können. Das ist aber aus zwei Gründen Quatsch: 

Erstens ist "The X Factor" das für sich genommen schon und zweitens unterscheiden sich beide Alben stimmungstechnisch viel zu stark, als dass da irgendetwas ansprechendes bei hätte herauskommen können. Dieses "die besten Songs beider Alben würden ein gutes Album bilden"-Gerede ist meiner Meinung nach ohnehin eine ziemliche Plattitüde und trifft schon bei Alben nicht zu, die definitiv ("Use Your Illusion I & II" von Guns N' Roses) oder zumindest lose ("(Re)Load" von Metallica) zusammengehören - die Künstler haben sich bei solchen Aufteilungen in aller Regel schon etwas gedacht... - im Falle Iron Maidens würde es aber definitiv nicht funktionieren.

 

Was ist nun also mit den Schmuddelkindern? Im Falle von "The X Factor" halte ich die Kritik für komplett unberechtigt. Das ist ein richtig gutes Album und wie gesagt eines der drei, die ich nach 1988 überhaupt noch bei dieser Band für essentiell halte. Dass es nicht gut ankam, liegt meiner Meinung nach wohl eher daran, dass man den Fans mit dem neuen Sänger, dem trockenen Sound und der doch recht anderen musikalischen/atmosphärischen Ausrichtung damals einfach zuviel auf einmal zugemutet hat. 

Bei "Virtual XI" stimmt die Kritik zumindest teilweise. Gute Songs hat auch dieses Album zu bieten, es verliert sich aber zu oft im Mittelmaß und hat auch ein paar Passagen dabei, die einfach in die Hose gegangen sind. Zudem kommt zumindest bei mir auch kein richtiges Albumfeeling auf, sondern das ganze wirkt zu oft wie Flickwerk. 

Im Gegensatz zu den letzten paar Alben mit Bruce Dickinson wurde sich hier aber zumindest teilweise noch was getraut und nicht bloß das Erbe verwaltet und die kreative Null-Lösung gefahren. Von daher anderthalb Daumen hoch für "The Virtual X(I) Factor".

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Kommentare: 1
  • #1

    schneezi (Mittwoch, 03 Mai 2017 23:32)

    Fast alles richtig. Fast. Fear of the Dark hat in der Tat ein paar tolle Einzelstücke. In der Gesamtheit würd ich das Album aber doch als eher verzichtbar einstufen.