Erstschläge Part 2: Tenhi - Kauan (1999)

In der Kategorie "Erstschläge" möchte ich mich heute mit dem Debüt der finnischen Band Tenhi befassen - "Kauan".

Irgendwann gegen Ende 1999 / Anfang 2000 war mir ein Labelsampler der Plattenfirma Prophecy Productions in die Hände gefallen. Darauf befand sich neben jeder Menge zweit- bis drittklassigem Neofolkgedudel und Gothic-Klischee-Krempel auch der Song "Lauluni Sinulle" von Tenhi. Der Song hatte mich auf Anhieb im Griff und ließ mich nicht mehr los. Folglich bestellte ich mir das dazugehörige Album "Kauan", bei dem es sich um das Debüt der Band handelt, sieht man von einem Demo und einer Zwei-Song-Single, die davor erschienen, einmal ab. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Tenhi haben mich seit dem begleitet, mal mehr, mal weniger intensiv, sie sind eine der Bands, die ich irgendwie nur phasenweise höre, dann aber ausgiebig. Inzwischen sind einige Alben von ihnen erschienen, seit dem 2011er Album "Saivo" ist es jedoch ruhig um die Finnen geworden. Allerdings sind sie derzeit wohl wieder im Studio, um eine neue Platte zu machen. 

01. Näkin Laula (7:40)

02. Huomen (6:45)

03. Revontulet (3:44)

04. Hallavedet (7:31)

05. Etäisyyksien Taa (5:51)

06. Lauluni Sinulle (5:42)

07. Taival (7:44)

08. Souto (8:19)

 

Tenhi spielen auf "Kauan" eine Mischung aus Folk und Rock, wobei sie sich ausschließlich auf akustische Instrumente (sieht man von den gelegentlichen Keyboardeinsätzen einmal ab) beschränken - will heißen: Es gibt keine E-Gitarren, sondern nur Klavier, Flöten, Geigen, Schlagzeug und natürlich akustische Gitarren zu hören. 

Das Album ist sehr ruhig, sehr entspannt, oft sehr melancholisch und nachdenklich. Die Songstrukturen folgen oft eher denen der klassischen Rockmusik, die Instrumentierung ist jedoch eben eher folkmusik-artig.

Das Cover mit dem in dichtem Nebel liegenden See vor einem Wald passt perfekt dazu, wie das Album klingt. Das Bild setzt sich auf der Rückseite fort, dort sieht man den See an ein Ufer samt Fischerhütte und Ruderboot münden.

 

Das Album beginnt mit "Näkin Laula" sehr minimalistisch, die ganze Zeit über beschränkt man sich auf eine simple Gitarrenmelodie, fast geflüsterten Gesang und sanfte Keyboards. Es entsteht so eine repetitive, fast monotone Struktur, und man kann gar nicht anders, als in Gedanken langsam wegzudriften und sich von "Kauan" mitnehmen zu lassen. Der perfekte Opener für diese Art von Musik, es wirkt beinahe so, als käme der Nebel vom Cover durch die Boxen ins Wohnzimmer gekrochen.

"Huomen" ist dann der erste Song, der sehr einprägsam ist und auch einer recht klassischen Songstruktur folgt. Die Band spielt nicht mehr ganz so zurückhaltend, sondern etwas fordernder, wobei das relativ zu sehen ist - auf einem normalen Rockalbum wäre "Huomen" immer noch die mit weitem Abstand ruhigste Nummer, aber das Lied klingt nicht mehr ganz so verhuscht und beinahe schüchtern wie der Opener. Der tiefe Gesang nach dreieinhalb Minuten wirkt sehr feierlich und beinahe sakral. Ein wundervoller Song, eine echte Perle eben.

In der Folge wechseln sich folkige, oft (weitgehend) instrumentale Songs und eben eher "klassische" Rocksongs, die einfach nur ruhiger gespielt sind, ab. "Revontulet" ist ein vergleichsweise kurzes Instrumental, das von der Stimmung als einziger Song des Albums ein wenig aus dem Rahmen fällt, da es recht laut gespielt wird und auch eher eine positive Stimmung verbreitet. Neben Geigen ist hier auch eine Maultrommel zu hören.

"Hallavedet" wurde bereits vor dem Album auf der gleichnamigen Single veröffentlicht, für "Kauan" aber noch einmal komplett neu eingespielt. In diesem Song bestimmen die Keyboards die Melodieführung und spielen das Hauptthema des Songs. Der Gesang ist erneut eher sakral. Stellt man sich diesen Song mit E-Gitarren und mehr Wucht vor, so könnte das glatt als typischer Doom-Metal-Track durchgehen. So ist es aber eben eine weitere, ruhige Ballade, die die herbstliche Stimmung des Albums perfekt einfängt.

 

Apropos Herbst: Die Texte des Albums sind natürlich alle auf finnisch, es gibt im Booklet aber englische Übersetzungen. Und logo, es geht in erster Linie um den Herbst, Wasser, Bäume, Vergänglichkeit, den Übergang vom Tag zur Nacht und umgekehrt und einfach um die Natur an sich. Das mag klischeehaft sein, aber wovon soll eine derartige Musik sonst schon groß handeln? Und da sie ja auf finnisch singen, ist es eigentlich sowieso egal, denn ich würde ja auch nicht merken, wenn die Songs in Wirklichkeit von Autos, Mädchen und Bier handelten oder Tenhi einfach das Telefonbuch von Helsinki vorlesen würden.

Nach dem wiederum sehr ruhig-repetitiven "Etäisyyksien Taa", das wieder völlig ohne Gesang auskommt, ist es an endlich an der Zeit für "Lauluni Sinulle" und damit den Grund, warum ich damals überhaupt auf Tenhi aufmerksam wurde und bis heute Fan bin. Was für ein grandioses Lied. Neben "Revontulet" ist "Lauluni Sinulle" der einzige Song des Albums, der das Tempo ein wenig anzieht und besonders im Vergleich zum Rest der Platte könnte man gerade die Bridge zum Chorus schon als "schnell" bezeichnen. Natürlich bleibt auch hier die Instrumentierung rein akustisch. Die Strophen sind schon wunderschön, die Melodieführung in der Bridge mit diesen Gitarren, den sanften Keyboards und dieser sehr eingängigen Gesangsmelodie zieht mir dann aber jedes Mal die Schuhe aus. Und dann folgt ja noch der Chorus, in dem das Tempo wieder rausgenommen und erneut eine unfassbar schöne Gesangsmelodie aufgefahren wird. Immer noch der beste Song des Albums und auch einer der besten von Tenhi überhaupt.

Die letzten beiden Songs "Taival" und "Souto" beenden das Album sehr beschaulich, sehr ruhig und geradezu minimalistisch. "Saival" basiert im Wesentlichen auf Klavier, ein paar sanften Percussions und tiefem Sprechgesang,  das soundtrackartige "Souto" verlässt sich weitgehend  auf Klavier, Geige und Keyboards und hat schon beinahe etwas von klassischer Musik. Erst gegen Ende kommen ein paar sanft geflüsterte Textpassagen dazu. Die letzte Viertelstunde des Albums ist somit ein wenig experimenteller und ausufernder als der Rest, allerdings nicht weniger gut.

"Kauan" ist ein wirklich tolles Debütalbum. Ich schätze besonders die Atmosphäre, dieses neblige, graue, den Hörer einlullende. Tenhi sollten auf ihren weiteren Veröffentlichungen die Extreme dann weiter ausloten. Die ruhigen Sachen wurden noch ruhiger uns ausladender, die songorientierten Sachen noch eingängiger und näher an "herkömmlicher" Rockmusik. 

 

Eine Band, deren Entwicklung immer spannend zu verfolgen war, auch wenn ihre Musik es im herkömmlichen Sinne vielleicht nicht ist, zumindest nicht unter den Maßstäben, die die meisten Menschen so anlegen. Dafür gibt es aber eben kaum bis nichts, was entspannender ist als die Musik von Tenhi. 

Wenn ich groß bin, möchte ich ihre Musik gerne einmal dort hören, wo sie entstanden ist - in Finnland, irgendwo im Nirgendwo an einem See. Ich glaube, dabei kann man wirklich seinen Frieden mit der Welt und sich selber machen.

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