Rock Hard Festival 2017

Das Rock Hard Festival ist aufgrund seiner Größe, seiner familiären Atmosphäre, seiner Location und nicht zuletzt natürlich auch aufgrund seiner räumlichen Nähe für mich das schönste Festival Deutschlands und auch das einzige, auf das ich überhaupt noch gehe. Nach zweijähriger Abstinenz sollte es 2017 wieder einmal soweit sein: Das Billing war super und so machte man sich am Freitag auf ins Gelsenkirchener Amphitheater.

In diesem Jahr war sogar ein Parkticket vorhanden und im Gegensatz zu früher, wo man auch als Besitzer eines solchen gerne mal irgendwo in einer Hecke oder der dritten Reihe parken musste, weil irgendwelche Deppen sich mit Caravans und Zelten quer auf sieben Parkplätze stellten, wird das inzwischen wohl besser kontrolliert. An allen drei Tagen fanden wir relativ problemlos einen Parkplatz und das, obwohl wir nie ganz pünktlich da waren. Lob!

 

Auch ansonsten gab es an der allgemeinen Organisation des Festivals einmal mehr wenig auszusetzen. Gut, die Einlasskontrollen scheinen extrem willkürlich und zufallsartig - an einem Tag wird nur mit einem halben Auge mal eben grob in den Rucksack gelinst, am nächsten Tag muss man selbst Brillenetuis öffnen, damit geschaut werden kann, ob dort auch wirklich eine Brille drin ist. Nach welchen Kriterien da vorgegangen wird - keine Ahnung, das ist aber auch schon das einzige, was es anzumerken gibt. Für die wie üblich kurz vor moderner Wegelagerei angesiedelten Preise für Getränke und Essen kann ja der Festivalveranstalter nichts. 

0.4 Liter Bier/Cola/Fanta 4 Euro, 0.4 Liter Wasser 3 Euro, Cocktails 7.50 Euro, wer sich aus welchen Gründen auch immer für das Litergebinde beim Cocktail entscheidet, wird mit 25 (!) Euro zur Kasse gebeten und beim Essen sieht es nicht viel anders aus. 

5 Euro für 100 Quadratcentimeter Pizza oder einen kleinen Würfel Nudeln sind schon derb. Einzig der Schwenkgrillstand bietet ein halbwegs akzeptables Preis/Leistungsverhältnis, zumindest was die Freßstände anbelangt, die innerhalb des Festivalgeländes sind. Draußen ist es zum Teil etwas moderater, hier muss man aber natürlich dann jedes Mal wieder durch den Einlass. Naja, so ist das eben und das war ja auch vorher bekannt.

Kommen wir zu dem, weswegen man gemeinhin auf ein Festival fährt: Zur Musik.


FREITAG, 02. JUNI

 

Den Opener machten in diesem Jahr Dust Bolt, aufgrund von Anfahrt durch den Berufsverkehr, Bändchen holen und allgemeinem Begrüßungsgeplänkel habe ich von der Band aber leider nur noch drei Songs gesehen. Diese waren aber durchaus überzeugend. Thrash Metal, aber nicht nur stumpf ins Gesicht, sondern schon durchdacht, durch den angepissten Gesang aber trotzdem mit dem nötigen Aggressionslevel. War wohl ziemlich gut, das war auch die einhellige Meinung der anwesenden Thrash Metal-Fans aus dem Freundeskreis.

Robert Pehrssons's Humbucker waren danach dann allerdings weniger mein Ding. Hard Rock im Stil von Thin Lizzy kann ja eigentlich nichts schlechtes sein - war es auch nicht, aber es lief komplett an mir vorbei und ließ auf Dauer auch schon etwas die Eigenständigkeit vermissen. Pehrssons Musik erreichte mich jedenfalls überhaupt nicht, was aber auch daran gelegen haben könnte, dass ich aufgrund der unmenschlichen Temperaturen (es ist so "toll", wie sich dieser Betonkessel von Amphitheater bei ohnehin schon menschenunwürdigen 30 Grad immer weiter aufheizt) auch damit beschäftigt war, einfach nicht ohnmächtig zu werden. Insgesamt, auch wenn es eine Plattitüde ist, könnte ich mir vorstellen, dass diese Band in einem kleinen Club deutlich besser funktioniert als auf einer großen Festivalbühne, auf der sie streckenweise doch etwas verloren wirkte.

Nun war es Zeit für eine ordentliche Portion Wut und Hass. 

Mantar betraten die Bühne und da ich sie noch nie gesehen hatte, war ich einigermaßen gespannt. Interessant war schon die Konstalletion aus nur zwei Musikern (Sänger/Gitarrist und Schlagzeuger), die jeweils seitlich zum Publikum stehen und sich dabei angucken. 

Was Mantar dann abzogen, war verdammt beeindruckend. Wie man mit nur zwei Leuten einen derartigen Druck erzeugen kann, das hat mich schon erstaunt und hätte ich nicht für möglich gehalten. Respekt!  Ihre doch recht eigenständige Mischung aus Doom, Black Metal, Sludge und irgendwie auch einer Prise Rock 'N' Roll wusste jedenfalls vollends zu überzeugen. Dazu kamen ein paar wenige, eher schüchterne, dafür aber grundsympathische und auch lustige Ansagen. Die Band macht auf jeden Fall sehr viel richtig und konnte mit ihrer Musik glaube ich eine Menge Leute begeistern. Ich denke mal, Mantar dürften dieses Wochenende einige neue Fans hinzugewonnen haben.

Was nun folgte, war natürlich das völlige Kontrastprogramm. The Dead Daisies aus den Staaten, eine Allstarband mit diversen Ex-Whitesnake-Musikern wie Doug Eldritch und Marco Mendoza, am Mikrofon Jon Corabi, der mit Mötley Crüe irgendwann mal ein Album aufgenommen hat. Eigentlich  Könner und Koryphäen also - Was aber natürlich nichts bringt, wenn solche Profis dann komplett aufgeblasenen Ami-Hardrock spielen, dem es an allen Ecken und Enden an Substanz mangelt. Top-Musiker und auch ein wirklich guter Sänger spielen völlig egale Songs, nerven mit dem einzigen Schlagzeug-Solo des Festivals und bauen bei einem Zwölf-Song-Set ganze fünf Coverversionen ein - die es dann allerdings auch nicht mehr rumreißen konnten. Und beim 26. "Put your hands in the air! I wanna see your hands" von Corabi fing es dann auch irgendwann an, nicht mehr dezent, sondern tierisch zu nerven. 

Die Sonne war nun endlich hinter ein paar schönen Wolken verschwunden und es gab zwischendurch sogar einmal ein paar erfrischende Tropfen kühlen Sprühregens. Das perfekte Wetter für die Doom Metal-Legende Candlemass. Bei denen steht inzwischen ja Mats Leven am Mikrofon, der unter anderem auch bei Krux singt, einer weiteren Band von Candlemass-Chef Leif Edling. Da mir Levens kraftvoller, metallischerer Ansatz deutlich mehr liegt als der mir oft zu theatralische Messiah Marcolin, kam mir das natürlich entgegen.

Die Band überzeugte von Beginn an, hatte allerdings unten vor der Bühne einen derart bescheidenen Sound (zu hören waren nur Bass und Bass Drum sowie ein paar entfernte Gitarren), dass ich mich ernsthaft wunderte, warum die Band mit einem Black Sabbath-Cover ("Children Of The Grave") in ihren Gig einsteigt, dabei war das ihr eigener Song "Born In A Tank".  Das war übrigens der einzige Song in der Setlist, der neueren Datums als 1989 war. Candlemass beschränkten sich fast ausschließlich auf ihre vier ersten Alben. Das fand ich etwas schade, zumindest ein, zwei Songs aus der Phase mit Robert Lowe hätte man schon bringen können - für einen Song wie "Emperor Of The Void" ist Levens Stimme doch wie gemacht. Naja. Nachdem der Sound nicht besser wurde, flüchtete ich wieder auf die Stufen, wo es dann gleich mal um drei Ligen besser klang. Und so wurde der Auftritt der Band doch noch zu einem Highlight des Freitags.

Den Headliner am Freitag gaben Blues Pills, die mit ihrem letzten Album "Lady In Gold" die Nummer Eins der deutschen Albumcharts belegt hatten - soviel zu der Frage, ob die Band überhaupt headlinerwürdig sei - ja, ist sie. 

Blues Pills , bzw. vor allem  Frontfrau Elin Larsson gaben von Beginn an Vollgas. Wie ein Derwisch fegte Larsson über die Bühne und war ständig in Bewegung, hüpfte herum und fuhr ein Sportprogramm ab, dass schon in Aerobic-Dimensionen vordrang, während sie quasi wie nebenbei auch noch vollkommen überragend sang. So beeindruckend das auch war - etwas weniger Stage Action und Herumgehüpfe hätten dem Konzert eventuell gut getan, die Frau kam ja überhaupt nicht zur Ruhe und machte einen auf Dauer schon etwas nervös. Zumal die übrigen Musiker eher Standfußballer sind und sich kaum vom Fleck bewegten. Ansonsten gibt es aber nichts zu meckern. Ein schönes Programm aus Songs, der bisherigen zwei Alben, kurz vor Schluß coverte man "Somebody To Love"  von Jefferson Airplane und erging sich in Songs wie "High Class Woman" auch schonmal in ausgiebigen Jam Sessions. Insgesamt ein tolles Konzert einer unglaublich talentierten Band, von der wir hoffentlich noch viel hören werden.


SAMSTAG, 03. JUNI

 

Monument und Ketzer, die ersten beiden Bands des Samstags wurden vom Verfasser dieser Zeilen erstmal verpasst, was im Falle von Ketzer ein wenig schade war, die hätte ich eigentlich ganz gern gesehen. Aber was will man machen, klappte halt nicht.

 

The Night Flight Orchestra, die Band um Soilwork-Frontmann Björn Strid war somit die erste Band des Samstags, die ich zu Gesicht bekam. Diese furchtbare Melange aus Kiss, 80er-Jahre-AOR und Miami Vice Soundtrack fand ich auf Platte zum davonlaufen und auch live nervte mich die Band zu Beginn ziemlich. Mit zunehmender Spielzeit fand ich es dann allerdings immer besser. Zu gut passten diese eigentlich ekligen  Keyboard-Fanfaren und unglaublich cheesigen Melodien zu der Situation mit dem ersten Bier im Amphitheater anzukommen und sich erstmal gemütlich auf den Stufen niederzulassen. Doch, man muss schon sagen, das war wirklich gute Livemusik, die auch kompetent dargebracht wurde. Auf CD kann es für mich nach wie vor nicht funktionieren, da vieles auch einfach klar zu aufgesetzt ist, aber live war das schon spaßig, da gibt es nichts dran zu rütteln.

Skyclad sind eine Band, mit der ich noch nie etwas anfangen konnte und daran hat auch der Auftritt beim Rock Hard Festival nichts geändert. Es ist völlig klar und auch offensichtlich, dass Skyclad das was sie machen, unglaublich gut machen. Es ist aber leider Musik, die konträr zu allem läuft, was ich im allgemeinen so gutfinde. Entgegen kam mir zwar, dass die Geige diesmal nicht dabei war (krankheitsbedingter Ausfall, wenn ich es richtig verstanden habe) und das Gefiedel so schonmal wegfiel. Aber deswegen finde ich die Songs als solche ja nicht besser. Und der Sänger.... naja! Es schien eher Zufall oder Glück zu sein, wenn der zwischendurch auch mal einen Ton traf. Nichts für mich. Trotzdem hat man gesehen, dass hier Profis am Werk sind, die wissen was sie tun und in diesem Genre nach wie vor federführend sind. Die Frage, ob man wirklich x mal ausführlich darauf hinweisen muss, das man ja nur 45 Minuten Spielzeit hat und deswegen jetzt dann lieber schnell einen Song spielt, anstatt es eben einfach zu machen, kann man sich trotzdem stellen.

Nun war es Zeit für Stumpfsinn! Eine Stunde lang ballerten die Niederländer von Asphyx alles gnadenlos in Grund und Boden, was sich ihnen in den Weg stellte. Ich bin weiß Gott kein großer Death Metal-Fan, aber wenn, dann bitte so. Was für ein herrliches Geholze, immer wieder auch aufgelockert durch midtempolastige und groovige Passagen und Songs. Sänger Martin van Drunen mit seiner vollkommen kaputten Stimme setzte dem Ganzen die Krone auf. Wie kann man so singen, ohne dass die Stimmbänder nach zehn Minuten einfach die Grätsche machen? Irre. Seine wie immer überaus sympathischen und oft zum totlachen witzigen Ansagen rundeten den Gig ab. Perfekt und einfach nur gute Laune.

Als nächstes war dann wieder eine Legende dran. Exodus betraten die Bühne. Leider ohne Gary Holt, der offenbar parallel mit Slayer unterwegs ist, dafür mit meinem Lieblings-Exodus-Sänger Steve Souza. Sein wütendes Gekeife passte wie die Faust aufs Auge zu dem einmal mehr auf den Punkt dargebrachten Thrash Metal von Exodus, die natürlich viele alte Songs von ihren ersten drei Alben spielten, aber auch aktuelles Material wie "Body Harvest" einbauten, das sich meiner Meinung nach super ins Programm einfügte und sich nicht wirklich hinter den alten Liedern verstecken musste. Etwas überrascht war ich, dass man den (inzwischen für mich etwas totgenudelten) Hit "War Is My Shepherd" außen vor ließ und stattdessen "Blacklist" vom "Tempo Of The Damned"-Album spielte. Fand ich klasse.

D-A-D sind immer ein Garant für eine tolle Show und ein Festival der guten Laune. Sie sind eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige Rock/Metalband, die komplett fröhliche und positive Musik spiet und die ich trotzdem über die Maßen verehre. Normalerweise bin ich von fröhlicher Musik schnell genervt, bei D-A-D ist das anders. Die Dänen fuhren diesmal einen Bühnenaufbau auf, der seinesgleichen suchte. Eine überdimensionierte Couch, flankiert von ebenso überdimensionierten Lautsprechern. Im Hintergrund hing der mit vielen LEDs gespickte Kuhschädel, es standen zwei Vintage-Stehlampen herum (überdimensioniert, logisch) und der komplette Bühnenhintergrund sah allen Ernstes aus, als sei er tapeziert.

Für diesen Aufwand und diese Detailverliebtheit allein muss man die Band ja schon lieben. Sie hatten den Samstag schon gewonnen, da war noch kein einziger Ton gespielt. Und als sie dann loslegten war das einfach ein Glückshormonrausch der Sonderklasse. Diese unglaublich großartigen Songs, neu wie alt. Diese selbstgebauten Bässe von Stig Pedersen (der das komplette Konzert in einer Art Raumanzug spielte), dieses wahnsinnig gefühlvolle Gitarrenspiel von Jacob Binzer. Und natürlich diese in gebrochenem Deutsch vorgetragen Kultsansagen seines Bruder Jesper, der immer wenn D-A-D irgendwo spielen, der sympathischste Mensch der ganzen Veranstaltung ist. So auch diesmal. D-A-D sind eine der besten Livebands der Welt und auch 2017 haben sie das beim Rock Hard Festival wieder unter Beweis gestellt. Sie werden es zwar niemals lesen, aber ich möchte mich tatsächlich für diesen unfassbaren Auftritt bedanken, der der beste war, den ich bis jetzt von ihnen gesehen habe.

Danach konnte man nur noch verlieren, danach konnte einfach nichts mehr kommen und ich war so im Endorphin-Rausch, dass ich die Headliner Behemoth, auf die ich mich eigentlich richtig gefreut hatte, leider überhaupt nicht mehr ernstnehmen konnte.

Die Show von Nergal und seiner Mannschaft war natürlich erwartungsgemäß bis in die letzte Nanosekunde durchchoreographiert und null spontan - wie auch? Das macht auch nichts, denn das war ja vorher klar. Gerechnet hatte ich eigentlich mit so einer Art Rammstein in kleinerem Rahmen, aber die Show war abseits der Lightshow dann irgendwie doch relativ überschaubar. Hier und da mal ein paar Rauchsäulen, auch mal einige wenige Pyros und dann wurde einmal noch mit Konfetti geschossen. Insgesamt hatte ich da mehr erwartet. Musikalisch war das Ganze für mich sowieso relativ egal und nichtssagend, aber fairerweise muss man sagen, dass das zu einem Großteil an D-A-D gelegen haben dürfte, die für den Samstag einfach alles gesagt und mich in einen derartigen Rausch gespielt hatten, dass Behemoth mit ihrem Satans-Mummenschanz dann einfach null Chance hatten, mich noch irgendwie zu erreichen.

 

An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei Dieter Dengel für die tollen  Fotos in diesem Bericht bedanken. Mehr Fotos vom Festival und auch von vielen anderen Dingen findet ihr auf seiner Homepage. Leider war Dieter am Sonntag dann nicht mehr beim Festival, weswegen es ab jetzt (überwiegend) ohne Fotos weitergeht.


SONNTAG, 04. JUNI

 

Auch am Sonntag wurden die ersten beiden Bands Night Demon und Blood Ceremony verpasst, diesmal aber durchaus bewusst. Die auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang noch durch die Gegend wabernden Flöten- oder Klarinettensounds von Blood Ceremony zeigten auch, dass das wohl keine schlechte Entscheidung war. Okkultrock-Trend: Bitte jetzt vorbei sein, danke!

 

Secrets Of The Moon waren so die erste Band, die ich am Sonntag gesehen habe und sie waren für mich die positive Überraschung des Festivals. Ich kannte vorher keinen Ton der Band, werde mich aber nun einmal mit ihnen auseinandersetzen. Um 14 Uhr mit so einer düsteren Musik trotzdem Atmosphäre zu erzeugen, muss man erstmal schaffen. Versatzstücke aus Black Metal und Post Rock, die langsamen Sachen ließen mich zudem desöfteren an Tiamats "Wildhoney" denken, immer wieder schön wabernd und psychedelisch, doch, das war schon ziemlich meine Wellenlänge und wurde mit zunehmender Spielzeit auch immer besser.

 

Als nächstes waren Demon an der Reihe, die mit ihrem melodischen und oft hymnenhaften NWOBHM-Sound mit einer Prise Hardrock das Publikum gut im Griff hatten. Ein überzeugender Auftritt zum mitwippen und sich freuen. Insgesamt vielleicht nicht wirklich weltbewegend, aber es muss ja auch nicht immer alles weltbewegend sein. Gut war es in jedem Fall. Bei Demon gab es auch den einzig nennenswerten Regenguss des Festivals, aber auch der war nach zehn Minuten wieder vorbei. Gemessen an der Tatsache, wie speziell am Samstag in anderen Teilen des Ruhrgebiets die Welt unterging, muss man hier wirklich von Riesenglück mit dem Wetter sprechen.

 

Jetzt wurde es zwiespältig. Ross The Boss, der Gitarrist auf den ersten sechs Manowar-Alben (von denen das letzte "Kings Of Metal" immerhin vor nunmehr 29 Jahren erschien) spielte mit seiner Band ein Set mit Songs der, richtig, ersten sechs Manowar-Alben. Jetzt sind diese Alben natürlich bis heute immer noch Weltklasse, zumindest zum Großteil. Dennoch ist es schon ein wenig fragwürdig, wenn Ross The Boss mit einer De Facto-Covershow einen schon relativ prominenten Platz auf einem Festival besetzt. Dazu kam, dass der Sänger natürlich nicht an Eric Adams heranreichte, nicht einmal an den heutigen Eric Adams. Zuviel Geschrei und hohes Gequike, zuwenig richtiger Gesang. Und dann war da im Vorfeld noch die Diskussion auf Ross' Facebook-Seite bzgl. der Frankreich-Wahl, in deren Verlauf er sich als xenophober, ultrakonservativer Redneck-Depp und Trump-Fanboy outete, was den Spaß am Gig schon im Vorfeld deutlich trübte. 

Trotzdem: Gute Songs bleiben gute Songs und im Kreis von ein paar angetrunkenen Freunden hat der Gig dennoch Spaß gemacht, auch wenn der Trash- (nicht Thrash!) Faktor hier wirklich schon exorbitant groß war. Aber wenigstens kannte ich mal alle Texte.

Fates Warning waren die nächsten und sie machten eigentlich alles richtig, was man richtig machen kann. Der Gig war souverän, die Songauswahl stimmte auch und dass in der Band geniale Musiker und einer der besten Sänger der Szene spielen, ist ja ohnehin kein Geheimnis. Ich hatte auch durchaus Spaß, aber so richtig zu 100% wollte der Funke diesmal nicht auf mich überspringen.  Highlight des Konzertes war die tolle Version von "The Light And Shade Of Things" vom aktuellen Album "Theories Of Flight", bei dem sich die Gänsehaut dann doch noch einstellte. Insgesamt denke ich eh, dass es eher an mir als an Fates Warning lag, dass sich die Begeisterung aller Logik zum Trotz bei mir diesmal nicht so richtig einstellten wollte, denn bei den Fans kamen sie erwartungsgemäß sehr gut an. Danke an Axel Schäfer für das Foto.

Wenn der Gig von Ross The Boss zwiespältig war,  dann muss für das nun folgende Konzert eigentlich ein neuer Begriff erfunden werden. Ex-Accept-Vokalist Udo Dirkschneider betrat die Bühne und spielte -man ahnt es kaum- einen Accept-Covergig. Natürlich mit Klassikern aus den 80ern, was sonst. Die Band war technisch einwandfrei, wirkte aber leider auch angeheuert und komplett distanziert und leblos. Wie Mietmusiker eben, die sich die Songs draufgeschafft aber keinen Bezug dazu haben. Udo selber singt inzwischen (?) immer mindestens am Limit, oftmals aber noch ein gutes Stück darüber. Dass ihm beim Singen nicht der Kopf platzt, grenzt eigentlich an ein Wunder. Davon ab sind natürlich auch die alten Accept-Songs zumindest größtenteils durchaus gut, aber eigentlich geht es um etwas anderes: Ist der Metal im Jahr 2017 tatsächlich so tot, dass auf einem Festival gleich zwei (Quasi-)Coverbands an einem Tag spielen müssen, die versuchen Zeiten heraufzubeschwören, die 30 und mehr Jahre zurückliegen? Zeiten, in denen sie das letzte Mal irgendetwas relaventes fabriziert haben? Eine davon ernsthaft als Co-Headliner? Gibt es keine spannenden Bands mehr, die Bock haben, frisches und unverbrauchtes Material zu präsentieren? Der Eindruck könnte zumindest entstehen und erschreckenderweise geben die Publikumsreaktionen den Veranstaltern Recht: Bei kaum einer Band war es so voll im Rund des Amphitheaters und standen (statt saßen) so viele Leute auf den Stufen wie bei Dirkschneider. Ganz ehrlich, das ist so erschreckend, wie es traurig ist.

 

Nach Dirkschneider leerte sich das Amphitheater tatsächlich sichtlich. Da spielt mit Opeth eine Band, die eigentlich für jeden, der sich irgendwie für Rock- und Metalmusik begeistern kann, Sachen im Programm hat und die Leute gehen, weil das ja "langweilig", "verkopft" oder "nicht mein Ding" ist und "der Headliner ja schon gespielt hat"? Gehen zu Dutzenden, zu Hunderten? Merkt von Euch noch irgendjemand irgendwas? Kompletter Wahnsinn, ganz im Ernst und auch eigentlich nicht mit persönlichem Geschmack zu erklären. Man gibt einer Band zumindest eine Chance. Egal, jeder wie er meint.

Opeth haben es dann tatsächlich geschafft, mich nach dem furchtbaren Dirkschneider-Gig und dem Ärger darüber, mit welcher Vehemenz die Leute danach einfach nach Hause gingen, mich innerhalb eines halben Songs zu versöhnen und glücklich zu machen. Noch vor dem legendären ersten  Iced Earth-Konzert beim Rock Hard Festival im Jahr 2008 war der diesjährige Gig der Schweden das beste Konzert, das ich bei einem Rock Hard Festival jemals erlebt habe. Eigentlich muss man es tatsächlich epochal nennen, was Opeth da ablieferten. Eine bunt durchgemischte Setlist, die neben drei Songs vom aktuellen Album "Sorceress" auch den Bogen in die Vergangenheit bis hin zum dritten Album machte, von dem man "Demon Of The Fall" spielte. Auf Platte mag die Band dem Death Metal abgeschworen haben, live aber zertrümmern Songs wie eben "Demon Of The Fall" oder "Ghost Of Perdition" immer noch alles zu Staub. Wie präzise und tight die Band ist und trotzdem über ein Feeling verfügt, das wieder einmal seinesgleichen suchte, ist bemerkenswert und eigentlich kaum fassbar. Mit "In My Time Of Need" spielten Opeth dann auch noch eine lupenreine Ballade, die so tränentreibend schön dargebracht wurde, dass ich mich in anderen Sphären wähnte. Highlights waren desweiteren die Jahrhundertversion von "Cusp Of Eternity" (Rockmusik ist besser nicht mehr machbar als das) und natürlich das abschließende "Deliverance", bei dessen Breakgewitter am Ende ich dann wirklich kurz vor der außerkörperlichen Erfahrung war. 

Zu einem Opeth-Konzert gehören immer auch der Humor und die tollen Ansagen von Mikael Akerfeldt, der wieder in seiner lakonischen Art diverse Brüller vom Stapel ließ. Toll war zum Beispiel, als man Napalm Death"You Suffer" coverte und zwar gleich zweimal hintereinander. "You don't need to be Bob Dylan" meinte Akerfeldt dazu dann nur trocken. Und auch seine übrigens Ansagen waren wieder einmal Gold wert. Ich hätte nicht erwartet, dass der Gig von D-A-D an diesem Wochenende noch getoppt werden würde, aber Opeth schafften das tatsächlich und zwar fast schon spielend. Vielen Dank für diesen unfassbar großartigen Auftritt, der mich wirklich glücklich gemacht hat. 

 

So geht ein wieder einmal tolles Rock Hard Festival zu Ende. Es war wie immer ein sehr schönes Wochenende in Gelsenkirchen, zu dem die Bands, die Fans und die Veranstalter alle ihren Anteil beitrugen. Mein Dank für die Opeth-Fotos geht noch an Andrea Born (oben) und Axel Schäfer (unten). 

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Kommentare: 6
  • #1

    M.o.D. (Montag, 05 Juni 2017 20:47)

    Gnihi.
    Und nun nimm die Opeth-Fanboy-Brille ab. Und stell Dir vor, Du hättest eine, sagen wir mal, SABATON-Fanboy-Brille auf. Wie viele Dein Urteil zu Opeth wohl dann aus ?

    Ich habe der Band durchaus schon Chancen gegeben (ok, nicht live) und nee, das ist nichts für mich.
    Wie konntest Du es denn ganz bewusst wagen, einer jungen, aufstrebenden Band mit Namen NIGHT DEMON bewusst keine Chance zu geben ?

  • #2

    Ploppi (Montag, 05 Juni 2017 22:00)

    Naja, es geht ja nicht um die Fanbrille, die ich bei Opeth ganz sicher sowieso nicht aufhabe. Ich mag die Band, mehr nicht. Es geht darum, dass es eine Menge über die Metalszene aussagt, wenn eine Covershow von (gefühlten) Mietfiguren und mit einem Sänger, der seit zig Jahren überhaupt nicht mehr Teil der Band ist, die er da covert deutlich mehr Leute interessiert als eine Band, die tatsächlich selber etwas zu sagen hat und regelmäßig Alben veröffentlicht - völlig egal, welchen Stil die spielt.

    Oder um bei Deinem Beispiel zu bleiben: Dass sich geschätzt ein Drittel des Publikums verabschiedet, wäre auch gegenüber Sabaton eine Unverschämtheit gewesen.
    Wenn der Einzelne damit nichts anfangen kann, geschenkt. Das Abwandern von zighundert, wenn nicht mehr Leuten, ist aber dann schon ein Offenbarungseid für die Szene.

    Der Night Demon Punkt geht dann schon ehr an Dich. Hier habe ich es vorgezogen, lieber noch vom Vorabend auszunüchtern *g* - Ich habe Night Demon aber nicht verpasst, weil ich sie scheiße finden würde - Ich kenne keinen Ton von der Band. Hätten sie gespielt, als ich da war, hätte ich sie mir selbstverständlich angesehen, so wie alle anderen Bands auch - und wäre ja vllt. ähnlich positiv überrascht worden wie bei Secrets of the Moon.

  • #3

    M.o.D. (Montag, 05 Juni 2017 23:18)

    Ich habe mir gerade die Schnipsel von OPETH auf dem RockHard auf YT mal angeschaut.
    Das ist leider nicht das, was die Szene hören will. Das mag für Dich wie der Niedergang der Szene wirken. Aber dann ist die Frage halt, wo was wie die Szene ist.
    Für das Party-Saufen-Moshen-Headbanger Volk sind OPETH nichts.
    Da wird keine Melancholie gewünscht, oder sanfte Gefühle.
    Da gilt nur Seek+Destroy.
    Oder Du meinst eine andere Szene. Die ist aber nicht in Gelsenkirchen. Der "typische" Metalfan - und davon gibt es nach meinen Erfahrungen auf dem Parkplatz und auf der Fressmeile sehr viele da - kann mit OPETH eher weniger anfangen. *g* Oder der übliche OPETH Fan kann mit dem Billing eher wenig anfangen und kommt gar nicht erst zum RHF.
    Ach so, Fanbrille. Klang ein bisschen danach. Alle doof, weil ihr die Genialität nicht erkennt. Aber so verteidigt auch ein WITHIN TEMPTATION Fan seine Band....
    Wie auch immer, mit OPETH hat das RHF vllt ein wenig daneben gegriffen.

  • #4

    Ploppi (Dienstag, 06 Juni 2017 08:13)

    Man ist ja nicht doof, wenn man die Genialität von Opeth nicht erkennt. Maximal selber schuld. *gg*
    Opeth waren ja nicht das erste mal Headliner beim RHF. Beim ersten Mal war ich nicht dabei (also ich war in dem Jahr überhaupt nicht beim Festival), kann mich aber nicht daran erinnern, dort ähnliche Berichte über "Massenabwanderungen" gelesen zu haben.

    Die "Szene" (deren Niedergang ich überhaupt nicht beschrieen habe) hat und hatte schon immer Platz für beides. UDO-Ballermann und Opeth-Denkmucke. Und das ist auch gut so. Beides wurde ja auch beim RHF bedient (weitere Beispiele wären Fates Warning bzw. zum Bespiel Exodus und Asphyx).
    Beides kann und sollte nebeneinander existieren können, gerade beim einem Festival wie dem RHF, das sich eben nicht stilistisch so festlegt wie zum Beispiel das KIT.

    Dennoch kann man sich ja die Frage stellen, ob es a) für die "Seek and Destroy"-Metaller echt keine anderen Bands gibt als solche, die 30+ Jahre altes Material covern (und das nichtmal besonders gut), weil Alibi-mäßig noch irgendein Originalmitglied dabei herumhampelt und b) was es über die Szene aussagt, wenn geschätzt 25-30% der Leute eine Veranstaltung verlassen, nur weil Opeth spielen. Weit her kann es mit der allseits herbeigeredeten Einiggkeit, Toleranz und Brüderlichkeit ja dann mal eher nicht her sein. Wie gesagt, es ist ja okay, wenn der Einzelne mit Band X nichts anfangen kann, aber diese Massenabwanderung am Sonntag war einfach nur peinlich. Völlig egal, wer da spielt. Andererseits hatte es ja auch Vorteile, so kann man wenigstens in Ruhe den Gig genießen anstatt sich anderthalb Stunden das Gemecker der Leute reinzuiziehen wie damals bei Down. *g*

    Letztlich egal. Die Reihenfolge am Sonntag war jedenfalls unglücklich. Opeth wären am Samstag besser aufgehoben gewesen, bzw. D-A-D am Sonntag dann vor Opeth. Aber sowas kann man ja vorher nicht ahnen bzw. es muss ja auch von den Terminplänen her passen.

  • #5

    Grinder (Dienstag, 06 Juni 2017 13:32)

    Ich bin da ganz bei MOD. Das was Opeth machen scheinen sie ja auch echt bombe drauf zu haben. Das ist aber leider einfach die falsche Band für dieses Festival, jedenfalls für nen Headliner.
    Auf dem RHF sind traditionel eher die Fans des "klassischen Heavy Metal" vertreten. Also eben der typische Accept Fan. Auf diese Leute war das Billing in der Regel ausgerichtet. Und diese leute kannste mit Opeth halt nicht begeistern. Opeth hätten vor Dirkschneider spielen sollen, dann hätten sich das auch mehr angesehen (bzw hätten der band ne Chance gegeben).

    Ist wie bei Spock's Beard damals, da war das Amphitheater leer. Passte halt nicht dahin.

    Fand jetzt auch nicht, dass Opeth ne Band ist die man sich mal nebenbei ansieht und dann plötzlich geil findet. Das ist halt schon sehr speziell. Das ist ne typische Club Band bzw. eine die man wirklich nur auf Festival spielen lassen sollte wo mehr pitentielle Fans unterwegs sind.

    Ich hab sie zumindest positiv in Erinnerung behalten weil sie sich, trotzt ihrer komplexen Mucke, nicht sonderlich ernst nehmen. :)

    Und was die Covershows angeht: Auch wenn ich's mit abgefeiert habe hast du da recht, dass es eigentlich Schade ist dass es so was brauch. Ich glaube das ist in dem Fall aber auch ein bischen dem kleinen Geldbeutel des RHF geschuldet. Die können sich die großen nicht leisten, da sind die Coverdinger das nächstbeste.

    Allerdings noch als Nachsatz: Udo ist für mich Accept. Egal welche Hansel da Instrumente spielen, ohne Udo ist das nicht Accept sondern ne Coverband. is halt so. ;)

    Grinder

  • #6

    Ploppi (Dienstag, 06 Juni 2017 13:41)

    Spock's Beard passt tatsächlich nicht, weils ja auch nichtmal im Ansatz was mit Heavy Metal zu tun hat. Ansonsten finde ich, dass man von 22 Bands, die da spielen 1-2 proggressivere Bands schon ertragen kann.
    Sonst gibts ja gar keinen Unterschied zum KIT mehr.

    Und wenn Opeth, dann als Headliner. Anders dürften die fürs RH nicht bezahlbar sein, bzw. es wäre dann kein Geld mehr über für nen weiteren Headliner. Schätze ich zumindest.

    Das mit UDO verstehe ich übrigens. Für mich ist er als Stimme und auch als Person auch wichtiger, als die übrigen Accept-Musiker. Andererseits sind Accept mir aber auch komplett egal. *LOL*

    Übrigens danke für Eure Kommentare, Jungs. Wenigstens tut sich hier mal was *g*