Schattenscheiben Part 3: IQ - The Seventh House (2000)

Das siebte Album von IQ hört auf den Namen "The Seventh House" und erschien im Jahr 2000. Zwischen seinem Vorgänger, dem Magnum Opus "Subterranea" (1997) und dem Nachfolger "Dark Matter" (2004), dem meiner Meinung nach besten Album von IQ,  geht "The Seventh House" ein wenig unter. Anläßlich der kürzlichen Wiederveröffentlichung der Platte auf Vinyl will ich mich heute einmal etwas genauer mit diesem Album auseindersetzen .

Wie schon erwähnt wirft "Subterranea", eines der besten und spannendsten Konzeptalben aller Zeiten, einen recht großen Schatten auf das Nachfolgealbum der Band. IQ machten eigentlich alles richtig und versuchten gar nicht erst, auf das Doppelalbum noch einen draufzusetzen. Stattdessen wählten sie einen anderen Ansatz, begannen quasi von vorn und ließen dem für Bandverhältnisse teilweise fast schon kantigen und vor allem stark unterkühlt klingenden "Subterranea" ein warm, sanft und einfach nur schön klingendes Album folgen. Das schlägt sich von den Songs über den Sound bishin zum Artwork nieder. Wo auf dem Vorgänger und auch dem Nachfolger "Dark Matter" kaltes Blau dominierte, ist auf "The Seventh House" alles in warmen Orange- und Rottönen gehalten.

01. The Wrong Side Of Weird (12:23)

02. Erosion (5:43)

03. The Seventh House (14:25)

04. Zero Hour (7:11)

05. Shooting Angels (7:21)

06. Guiding Light (9:57)

Gleich zu Beginn des Openers "The Wrong Side Of Weird" wird der neue Ansatz klar: Wenn nach den einleitenden Keyboardsequenzen die Band einsetzt und Michael Holmes die ersten Leads aus seiner Gitarre fließen lässt, fällt unmittelbar der unglaublich warme und fast schon heimelige Klang auf, in den man sich umgehend hineinlegen will. Mehr Bass, mehr Tiefen, die Keyboards umfangen den Hörer wie ein Mantel und die sanft gestreichelte Gitarre perfektioniert das Ganze. Wenn dann Peter Nicholls zu singen beginnt, ist man zu Hause. "The Wrong Side Of Weird" ist dreigeteilt: Die ersten Minuten sind im Bandkontext vergleichsweise schnell und klingen zudem relativ leichtfüßig. Nach gut fünf Minuten leitet die Band in einen ruhigen, von Klavier und Nicholls' Stimme dominierten Part über. Dieser wiederum mündet dann in einen Midtempo-Teil, der sehr hymnisch und geradezu episch ist und den Song dann zu seinem Ende führt.

Trotz der recht ordentlichen Länge des Songs von mehr als zwölf Minuten schaffen IQ es wie eigentlich immer in ihren Longtracks, die Spannung zu halten und ungemein kurzweilig zu klingen. Zu keinem Zeitpunkt wird hier sinnlos herumsoliert, gefrickelt oder sonstwie das eigene technische Können herausgekehrt. Auch bei einem solchen Longtrack steht der Song im Vordergrund, längere Instrumentalpassagen sind nicht vorhanden und der Song ist eben dann zu Ende, wenn die Geschichte zu Ende erzählt ist.

 

"Erosion" ist dann so etwas wie der Singlehit von "The Seventh House". Ruhig und balladesk beginnend steigert sich der Song im Verlauf zu einer Art poppigem Rocksong, der sich vor vergleichbaren Liedern von zum Beispiel Genesis oder Marillion absolut nicht zu verstecken braucht. Der Chorus ist ein lupenreiner Ohrwurm und ginge es auf der Welt mit rechten Dingen zu, dann müsste so ein Song im Radio rauf und runter laufen. "Erosion" ist mit seinen fast geisterhaften Strophen und dem explodierenden Chorus erneut sehr abwechslungsreich angelegt und weist eine schöne Wellenbewegung auf.

Mit dem Titelsong "The Seventh House" folgt nun der längste Song des Albums. Nahezu eine Viertelstunde nehmen IQ sich Zeit, um die bewegende Geschichte zweier Soldaten aus dem ersten Weltkrieg zu erzählen, die sich viele Jahre nach dem Krieg wiedertreffen, um über das im Krieg erlebte zu sprechen und es vielleicht irgendwie zu verarbeiten. Bei diesem Song zeigt sich die erste der meiner Meinung nach größten Stärken von IQ mit am besten:

Wie kaum eine zweite Band vermögen es die Briten, in ihren Songs Geschichten zu erzählen und Bilder entstehen zu lassen. Weder folgt der Text der Musik (so wie es in den meisten Fällen ist), noch folgt  die Musik dem Text (wie es eine Band wie My Dying Bride in vielen ihrer Songs perfektioniert hat); viel mehr gehen die beiden Komponenten eine Symbiose ein und werden eins. Wenn Peter Nicholls nicht singt, geht die Geschichte trotzdem weiter, Holmes' elegische Gitarrenmelodien und die unfassbar riesigen Teppiche aus dem Keyboards von Martin Orford stehen gleichberechtigt neben der Stimme. Apropos Peter Nicholls:

Spätestens beim herzzerreißend schön und wehmütig gesungenen "My life is out of condition, I've held it together myself the best I can. I'll never feel this way again." wird klar, was die zweite große Stärke dieser Band ist: ihr Sänger. Neben Marillions Steve Hogarth und natürlich dem allmächtigen Peter Gabriel ist Peter Nicholls für mich der beste Sänger, den die gesamte Prog-Szene zu bieten hat. Für mich gibt es keinen Sänger, der die englische Sprache besser und schöner einsetzt, als Nicholls. An ihm ist ein kleiner Schriftsteller verloren gegangen, seine Wortwahl, seine Betonungen und einfach die Fähigkeit, wie er die Worte fließen lässt, sind für mich völlig ohne Vergleich in der übrigen Rockmusik. "The Seventh House" ist da ein sehr gutes Beispiel. Was für ein Epos, im Grunde ist dieser Song ein eigenes kleines Album im Album.

Mein Lieblingslied dieses Albums kommt aber erst jetzt: "Zero Hour". Das ist eines dieser Lieder, für die ich überhaupt keine Superlative habe. Langsam schleicht es sich herein, Hi-Hat, Bass, Klavier, erste vereinzelte Saxophon-Einsprengsel. Dann Nicholls' Stimme. Die Melodie ist unbeschreiblich und was er singt, sowieso. Was auch immer er genau mit einer Zeile wie "In the rooms where rocking horses carried us on moonlit strands"  sagen will - das hier ist ein weiteres Beispiel für sein Talent, die Sprache einzusetzen - was für eine toll klingende Zeile. Außerdem schafft es auch nur Nicholls, eine martialisch wirkende Zeile wie "Thunder crash and flash of lightning, storms of metal raining down"  so warm und einladend klingen zu lassen, dass man sich unmittelbar in diese Worte hineinlegen will.

Der Song nimmt langsam Fahrt auf und wird intensiver (diese Saxophon-Melodien! Unglaublich, wie toll Musik sein kann) bevor dann im Mittelteil die dritte große Trumpfkarte dieser Band gespielt wird: Martin Orford. Leider ist der Keyboarder inzwischen nicht mehr Teil der Band und seine Nachfolger sind bei allem Talent alle grandios an seinen Fußstapfen gescheitert, hier aber war er noch dabei. Für anderthalb Minuten dominiert er den kompletten Song, nimmt erst die Strophenmelodie von "Erosion" noch einmal auf, um dann eine weltumspannende, überlebensgroße Keyboardfläche auszubreiten, die schon Soundtrack-Charakter hat und die ihrerseits eine Melodie von "Guiding Light"  vorwegnimmt. Letzteres passiert aber derart subtil, dass es mir ernsthaft nach 17 Jahren vor ca. einer Woche beim sicher 100. Anhören dieser Platte zum ersten Mal aufgefallen ist. Sanfte Percussions leiten in den abschließenden Instrumentalteil über, der von einem wiederum genialen Gitarrensolo von Michael Holmes bestimmt wird. Ganz ehrlich, ein perfekter Song, an dem auch mit gutem Willen nicht das kleinste Fitzelchen zu verbessern wäre.

"Zero hour, times are changing, calmer waters from now on. Found a girl whose laughter turned me round to face a brighter sun." - Kitschig? Meinetwegen.

"Shooting Angels" geht in eine ähnliche Richtung wie "Zero Hour", diese beiden Songs gehören für mich irgendwie immer zusammen, "Shooting Angels" ist allerdings ein wenig härter und düsterer (im Kontext der Platte natürlich, in Wirklichkeit ist hier genau gar nichts düster oder hart) und auch hier spielt Gastmusiker Tony Wright das Saxophon auf bezaubernde Art und Weise. Ich bin übrigens der Meinung, dass dieses Instrument viel öfter zum Einsatz kommen sollte. Natürlich kann man damit auch ganz schlimme Sachen machen, aber wenn man es so einsetzt wie IQ in diesen beiden Liedern, ist es ein riesengroßer Zugewinn. Auch bei "Shooting Angels" reiht sich Wundermelodie an Wundermelodie und man fragt sich, warum eine derart großartige Melodie wie die des Chorus einem solch kleinen Teil der Menschheit vorbehalten bleibt.

 

Den Abschluß des Albums, dessen Coverartwork übrigens bei der neuen Vinylveröffentlichung im Vergleich zum originalen CD-Release verändert und dabei klar verbessert wurde, bildet dann "Guiding Light".

Sollte es einen Song auf "The Seventh House" geben, dem ich nicht die Höchstpunktzahl geben würde, dann wäre es dieser. Die ersten drei Minuten ist der Song balladesk und basiert auf Klavier und Stimme, dann setzt die Band ein. Der Song bleibt aber relativ getragen, auch wenn die Rhythmik und Instrumentierung im Instrumentalteil zum Teil schon so etwas wie beschwingte Jahrmarktstimmung aufweist.

Es ist eine Plattitüde, aber andere Bands würden sich nach einem Song wie "Guiding Light" die Finger lecken. Im IQ-Kontext ist es aber der einzige Song von "The Seventh House", den ich nicht auf einen imaginären Best Of-Sampler packen würde, das letzte Quentchen zur Perfektion fehlt hier einfach - es ist eben ein sehr guter Song, mehr für mich aber nicht. Eigentlich liegt das einzig und allein an dem erwähnten Instrumentalteil, der der einzige des Albums ist, der etwas zu lang geraten ist und ein, zwei unnötige Wiederholungen beinhaltet. Eine, anderthalb Minuten weniger wären hier besser gewesen.

Ein Markenzeichen von IQ ist seit langem, dass sie Melodien aus anderen Songs innerhalb eines Albums wieder aufgreifen und so erstaunt es nicht, dass auch in "Guiding Light", das wie beschrieben auch zu "Zero Hour" eine Verknüpfung hat, gegen Ende eine Strophe gesungen wird, deren Melodie eigentlich aus dem Titelsong stammt. Die letzten Sekunden gehören wieder Nicholls' Stimme und Orfords Klavier, so schleicht sich das Album dann ganz leise heraus.

 

IQ sind eine völlige Nischenband und sicherlich nicht ganz unnerdig. Sie sind aber ebenso eine Band, die ein beeindruckendes Verständnis dafür hat, Musik und Text zusammen wirken zu lassen, ein Melodieverständnis und Talent für Arrangements und Produktionen hat, die man in der Rockmusik nur selten findet und die mit ihrer Musik Geschichten erzählt, in denen man sich problemlos verlieren kann. IQ zeigen, dass Prog eben nicht immer nur verkopft und hirngesteuert sein muss, sondern im Gegenteil auch äußerst gefühlvoll, lebendig und aus dem Bauch heraus klingen kann. Nicht zuletzt deswegen gehören sie zu meinen absoluten Lieblingsbands.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0