Mark Lanegan Band / Duke Garwood / Lyenn: Live in Bochum

Seit vielen Jahren bin ich begeisterter Anhänger von Mark Lanegan, den ich seinerzeit über seine Band Screaming Trees  kennenlernte und der in den letzten 20 Jahren eine kaum noch zu überblickende Anzahl von Solo-Alben, Kollaborationen, Gastauftritten und anderem Material veröffentlicht hat. Es vergeht eigentlich kein Jahr ohne nicht mindestens ein Album mit seiner Beteiligung. Alles ist mindestens gut, meistens ist es deutlich mehr. Nun bot sich endlich die Gelegenheit, Lanegan und seine Soloband einmal live zu erleben, und das auch noch direkt vor der Haustür in der Zeche zu Bochum. Also nichts wie hin da!

Im Gegensatz zu früheren Gelegenheiten begann das Konzert tatsächlich einmal pünktlich und nicht 30 bis 45 Minuten zu früh. Den Anfang machte Lyenn aus Belgien, ein junger Mann mit seiner Gitarre, der als Opener ein Set aus ca. sieben oder acht Songs zum besten gab.

Lyenn selbst sagte zu Beginn, er würde nun ein kurzes Set präsentieren, bestehend aus "quiet, intimate and depressing songs".  Damit hatte er seine Musik eigentlich schon ziemlich gut zusammengefasst.

Die von Lyenn präsentierten Lieder waren allesamt sehr ruhig und wurden lediglich von ihm selbst auf seiner Gitarre vorgetragen. Sehr minimalistisch, reduziert, ruhig und düster, im Grunde kann man sich das Ganze wie eine noch mehr aufs Wesentliche reduzierte, männliche Form von Emma Ruth Rundle vorstellen. Dabei machte der Herr eine durchaus überzeugende Figur und wusste die zu diesem Zeitpunkt noch sehr spärliche Menge in seinen Bann zu ziehen, denn die Songs waren wirklich gut.

Dazu ringt mir der Mut, den man haben muss, sich ganz allein auf eine Bühne zu stellen und dort solche Lieder darzubieten schon von ganz alleine eine gehörige Portion Respekt ab. Von daher beide Daumen hoch für diesen wirklich gelungenen Auftakt des Abends.

Ich entschloss mich dann auch bald, mich mal um eine Evolutionsstufe zurück zu entwickeln und mich unter die nervige Spezies derjenigen zu begeben, die auf Konzerten mit ihren Handies fotografieren. Da ich aber weder die Künstler noch die Umstehenden nerven wollte, beschränkte ich mich auf wenige Fotos pro Band und verzichtete vor allem auf den Blitz. Die Qualität der Bilder ist darum und aufgrund des Schummerlichts eher mittelgut, aber irgendwas ist ja immer.

Zweiter Act des Abends war Duke Garwood, mit dem Mark Lanegan vor ein paar Jahren für das Album "Black Pudding" zusammenarbeitete, eine seiner wenigen Platten, die mich nicht ganz so überzeugt haben. Da war es fast schon folgerichtig, dass auch der Livegig von Duke Garwood mich nicht vollständig begeistern konnte. Garwood präsentierte ebenfalls seine Songs auf der Gitarre, wurde dabei aber zumindest von einem Schlagzeuger unterstützt. Die Songs waren größtenteils sehr ausufernd, Garwood hat außerdem eine tolle Stimme und entlockt auch seiner Gitarre recht spannende Töne, allerdings wollte der Funke auf mich nicht so richtig überspringen. Lauter und packender als Lyenn und zum Teil schon Richtung Post Rock schielend. Mein Ding war es nicht so richtig, aber beim Publikum kamen die beiden durchaus gut an.

Spätestens jetzt wurde klar, in welch familiärem Rahmen diese Tour stattfindet:

Garwood und sein Drummer halfen selber beim Abbau ihres Equipments und auch der folgende Umbau und Soundcheck des Headliners wurde komplett von der Mark Lanegan Band selber durchgeführt. Lediglich der Chef selbst kam für den kurzen Mikrofoncheck nicht persönlich auf die Bühne. Zudem fungierte Lyenn nun als Bassist und auch Duke Garwood war an Gitarre / Keyboards / Percussion Teil der Mark Lanegan Band. Hier bekam man den Eindruck eines verschworenen Haufens von Freunden, die so eine Tour vor allem aus Leidenschaft durchziehen. Wirklich schön.

Die Umbaupause war nicht länger als nötig (ebenfalls schön!) und so betraten Mark Lanegan und seine Band dann unter großem Applaus recht bald die Bühne. Das Publikum war nun zahlreicher vorhanden, hätte man die Leute aber etwas enger gestellt, wäre die Zeche dennoch maximal zur Hälfte gefüllt gewesen. Nun war der Eintrittspreis mit 37 Euro zwar vergleichsweise happig, andererseits erstaunt es schon, wie viele Leute sich ein solch tolles Konzert entgehen lassen, ich hatte eigentlich mit voller Hütte gerechnet. Egal.

Insgesamt sechs Musiker bevölkerten nun die Bühne. Neben Garwood war noch ein hauptamtlicher Gitarrist dabei plus noch einer, der zwischen Gitarre und Keyboard wechselte, so dass manche Songs von bis zu drei Gitarren begleitet wurden, was natürlich ordentlich Druck erzeugte. Je nach Song war es aber auch mal nur eine Gitarre, während ein Herr das Keyboard bediente und Garwood mit irgendwelchen Rasseln oder Schellenkränzen herumfuhrwerkte.

Lanegan selber beschränkte sich aufs Singen, dazu eben noch Schlagzeug plus Lyenn am Bass.

Schon mit den ersten gesungenen Tönen des Openers "Death's Head Tattoo" stellte sich die Gänsehaut ein. Was hat dieser Mann für eine tolle Stimme! Völlig irre, wie die Stimme gleichzeitig rau wie ein Reibeisen und sanft und warm klingt, wie ein Mantel, der sich umgehend um einen legt. Und er klingt tatsächlich live genauso wie auf Platte. Lanegan wirkte auf mich eigentlich das komplette Konzert hindurch etwas schüchtern. Er sang oft mit geschlossenen Augen, klammerte sich durchgehend an seinem Mikroständer fest und bewegte sich auch nicht vom Fleck. Zudem beschränkte er sich bis auf wenige "Thank yous" auf eine einzige Ansage ziemlich zu Beginn, in der er den Gig einem kürzlich verstorbenen Freund widmete, so wie ich es verstanden habe ein ehemaliger Musiker seiner Band, dessen Namen ich aber leider nicht verstanden habe.

Eigentlich war das das einzige, was etwas schade an dem Gig war - ich hätte Lanegan gerne ein paar Ansagen machen und Anekdoten erzählen hören, aber er gab sich eben betont wortkarg. Vielleicht ist das eben auch einfach nicht sein Ding.

Die Band beschränkte sich vornehmlich auf die zweite Karrierehälfte und gab Songs ab dem 2004er-Album "Bubblegum" zum besten. Da ich mit dieser Phase klar besser vertraut bin als mit dem alten Material, kam mir das natürlich zupass. Geschickt wechselte man zwischen schnellen, rockigen Nummern wie "Emperor"  oder "Beehive" und herzerweichenden Balladen der Marke "Goodbye To Beauty". Abgerundet wurde das dann von diesen herrlich düsteren, fast schon schwebenden Songs wie "Floor Of The Ocean". Absolutes Highlight waren die beiden "Blues Funeral"-Songs "Ode To Sad Disco" und "Harborview Hospital", die auch noch direkt hintereinander gespielt wurden. Gänsehaut am laufenden Band!

Als Zugabe präsentierte man dann gleich zwei Coverversionen von Joy Division.

Ganze 20 Songs hatte die Mark Lanegan Band im Programm, aufgrund des Verzichts auf Ansagen oder sonstiges Geplänkel verging die Zeit aber dennoch wie im Fluge, Pausen gab es im Grunde keine, Song wurde an Song und Hit an Hit gereiht. Auf die Uhr geschaut habe ich aber nicht, weil ich sowas nicht sonderlich interessant finde. Es war in jedem Fall ein tolles Konzert und ein rundum gelungener Abend. Ich hoffe, dass der charismatische Lanegan mit seiner Wahnsinnsstimme sein kreatives Potential noch lange nicht ausgeschöpft hat und noch viele Jahre Musik machen und live spielen wird. Das aktuelle Album "Gargoyle" lässt jedenfalls hoffen, dass er auch nach all den Jahren immer noch jede Menge zu sagen hat. Was für ein Ausnahmekünstler!

 

Setlist Mark Lanegan Band:

 

- Death's Head Tattoo

- The Gravedigger's Song

- Riot In My House

- No Bells On Sunday

- Hit The City

- Nocturne

- Emperor

- Goodbye To Beauty

- Beehive

- Ode To Sad Disco

- Harborview Hospital

- Deepest Shade

- Harvest Home

- Floor Of The Ocean

- Torn Red Heart

- One Hundred Days

- Head

- Killing Season

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- Atmosphere

- Love Will Tear Us Apart

 

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