Jahresrückblick 2017 Part 1 - Die EPs (und solche, die es werden wollen)

Das Jahr 2017 geht zu Ende. Ich fand, dass es ein gutes, aber kein herausragendes Musikjahr war. Dennoch kann und will ich das Jahresende zum Anlass nehmen, zumindest vorübergehend mal aus meiner Lethargie zu erwachen, und mich hier mal wieder zu äußern. Los geht es mit einem Rückblick auf die EPs, die sich 2017 in meine Sammlung begeben haben.

Dabei ist die Klassifizierung "EP" in den vier vorliegenden Fällen lediglich bei der Hälfte eindeutig. Die anderen beiden Platten wurden zwar als Album verkauft (und bepreist), aber von mir eher als EP wahrgenommen. Letztlich egal - hier sind die vier Scheiben, die irgendwie keine Alben sind und darum gesondert erwähnt werden sollen.


Platz 4: ZEAL & ARDOR - DEVIL IS FINE

01. Devil Is Fine (3:08)

02. In Ashes (2:44)

03. Sacrilegium I (1:55)

04. Come On Down (3:22)

05. Children's Summon (3:11)

06. Sacrilegium II (2:09)

07. Blood In The River (3:38)

08. What Is A Killer Like You Gonna Do Here? (2:15)

09. Sacrilegium III (2:43)

Obwohl es so verkauft wird, weigere ich mich tatsächlich diese Platte als vollwertiges Album wahrzunehmen. "Devil Is Fine", das Debüt von ZEAL & ARDOR ist in seiner Gesamtheit bereits kürzer als das kürzeste Bad Religion-Album, wenn man dann noch die drei recht überflüssigen Dudel-Instrumentals "Sacrilegium" abzieht, die eher Zwischenstück-Charakter haben, bleiben gerade einmal noch lumpige 18 Minuten Musik über. Und das ist auch mit gutem Willen kein Album, so leid es mir tut.

Musikalisch  versucht dieses in der Schweiz beheimatete Ein-Mann-Projekt von Manuel Cagneux jedoch, tatsächlich einmal ganz neue Wege zu gehen.

Der Grundgedanke ist: Was wäre wenn die Sklaven in Amerika sich damals nicht Gott, sondern Satan zugewandt hätten? Sich also statt in gospeligen Lobpreisungen des Herrn in finsteren Beschwörungsformeln Richtung Luzifer ergangen hätten? 

ZEAL & ARDOR verknüpfen "Sklavengesänge" auf dieser Platte mit Versatzstücken aus Black Metal, aber auch Rock und teilweise fast triphoppigem Material, dazu rasseln in Songs wie dem eröffnenden Titeltrack die Ketten.

Das Ganze funktioniert zumindest zum Großteil erstaunlich gut. Hier und da läuft die Musik noch nicht ganz rund (hierzu tragen vor allem die drei erwähnten Instrumental-Tracks bei, die den Gesamtfluss meiner Meinung nach eher stören) und manchmal wirkt "Devil Is Fine" auch etwas arg auf Kunst getrimmt, aber Stücke wie "Children's Summon" oder "Blood In The River" erzeugen dafür eine umso dichtere, bedrohliche Atmosphäre.

Dafür, dass diese Platte eigentlich ein völliges Experiment ist und hier Dinge verknüpft werden, die einfach noch nie jemand zuvor verknüpft hat, ist "Devil Is Fine" aber ein ziemlich beeindruckendes Projekt. Da Cagneux die Musik inzwischen auch auf die Bühne bringt, kann man vermutlich davon ausgehen, dass er ZEAL & ARDOR nicht als kurzlebige und einmalige Sache  betrachtet. Von daher bin ich wirklich gespannt, was uns in Zukunft von diesem Projekt noch erwartet. Fürs Erste hat Manuel Cagneux aber schon einmal ein dickes Ausrufezeichen gesetzt, das mich 2017 auf jeden Fall hat aufhorchen lassen und ziemlich beeindruckt hat.

 


Platz 3: MASTODON - Cold Dark Place

01. North Side Star (6:09)

02. Blue Walsh (5:12)

03. Toe To Toes (4:28)

04. Cold Dark Place (5:59)

Hier sind sich Künstler und Konsument (also in dem Fall ich) tatsächlich einig: "Cold Dark Place" von MASTODON ist eine EP, im Grunde die Definition einer solchen. "Cold Dark Place" enthält übrig gebliebene Songs aus den Aufnahmesessions zu "Emperor Of Sand" (der Song "Toe To Toes") bzw. dessen Vorgänger "Once More 'Round The Sun" (die drei übrigen Lieder). Die Band betont, dass das in erster Linie aus stilistischen Gründen geschah und nicht etwa, weil man das Material für B-Ware hält. Gut, das sagen Bands in solchen Fällen immer, im Falle von MASTODON scheint es aber tatsächlich zu stimmen. "Toe To Toes" braucht sich hinter dem hochklassigen "Emperor Of Sand" (Spoiler: Review kommt noch) jedenfalls nicht zu verstecken und die übrigen drei Songs gefallen mir ebenfalls sehr gut, obwohl ich "Once More 'Round The Sun" als Album eher wenig überzeugend fand und darum seinerzeit auch ausgelassen hatte.

Die vier Songs auf "Cold Dark Place"  lassen es etwas entspannter und zum Teil auch düsterer angehen, als man das von der Band aus den letzten Jahren gewohnt ist, den Titelsong kann man im Grunde sogar schon als Ballade bezeichnen. "Toe To Toes", meiner Meinung nach das Highlight der EP,  bietet hingegen eigentlich Classic Rock, hier und da durchsetzt von typischen MASTODON-Gitarrenfiguren. 

Die EP fällt wie gesagt in ihrer Gesamtheit recht entspannt aus. Der stilistische Unterschied zu den Alben ist zwar gegeben, abgesehen von "Cold Dark Place" dann aber  doch nicht allzu groß. Aber sowas sehen die Künstler dann ja gerne auch mit anderen Augen. So oder so ist "Cold Dark Place" aber eine lohnenswerte Anschaffung und für mich eine schöne Ergänzung zu "Emperor Of Sand". Menschen, die MASTODON erst so richtig schätzen gelernt haben, seit sie zugänglicher geworden sind (um "seit sie Songs schreiben können" einmal zu vermeiden), machen mit dieser EP auf jeden Fall nicht nur nichts verkehrt, sondern im Gegenteil alles richtig.


Platz 2: SCHAMMASCH - THE MALDOROR CHANTS: HERMAPHRODITE

01.  Prologue (5:08)

02. The Weighty Burden Of An Eternal Secret (6:24)

03. Along The Road That Leads To Bedlam (3:37)

04. Theses Tresses Are Sacred (1:40)

05. May His Illusion Last Until Dawn's Awakening (4:47)

06. Chimerical Hope (4:25)

07. Do Not Open Your Eyes (4:36)

2016 hatte mich das Dreifach-Album "Triangle" der Schweizer Band Schammasch ziemlich beeindruckt - und daran hat sich bis jetzt auch nichts geändert. Umso erfreuter war ich natürlich, als die Band dieses Jahr schon wieder neue Musik auf die Menschheit losließ. Zwar enthält "Hermaphrodite", das wohl die erste Veröffentlichung einer Reihe von EPs unter dem Titel "The Maldoror Chants" darstellt, nur eine gute halbe Stunde neuer Musik, diese hat es aber in sich.

Die Musik bzw. erzählte Geschichte(n) basieren auf "Les Chants De Maldoror", dem einzigen Werk des französischen Autors Lautréamont, veröffentlicht 1874. Die Geschichte des Hermaphroditen ist laut Liner Notes im CD Booklet zugleich eine Geschichte von Ausgleich und Balance (ein Wesen, das die Gegensätze von Mann und Frau in sich vereint und ausbalanciert) als auch von Isolation und Einsamkeit (unverstanden von der Gemeinschaft wird der Hermaphrodit von dieser ausgeschlossen und ins Exil geschickt). Man sieht, die Burschen machen sich auch auf ihrer neuesten Veröffentlichung wieder jede Menge Gedanken und geben ihrer Musik einen intellektuellen Überbau.

"Hermaphrodite" ist zwar in sieben einzelne Stücke unterteilt, wirkt auf mich aber eigentlich wie ein großer, zusammenhängender, halbstündiger Song und ergibt auch ausschließlich am Stück gehört Sinn. Stilistisch kann man sich diese Platte in etwa als eine Fusion der Parts II und III des "Triangle"-Albums vorstellen. Die Basis ist noch immer eine Mischung aus Death- und Black Metal, allerdings leichter zugänglich und teilweise in fast schon wavige Gefilde vorstoßend. Die Stücke folgen keiner klassischen Songstruktur, sondern bauen sich langsam auf, steigern sich und bilden dann am Stück gehört eine Art Strudel, der den Zuhörer immer tiefer in die Welt dieser Platte hineinzieht. Sänger C.S.R. beschränkt sich fast die gesamte Spielzeit über eher auf das gesprochene Wort und murmelt finstere Beschwörungsformeln. Erst im fünften Stück gibt es erstmals "richtigen" Gesang zu hören, hier in Form von tiefen Chorgesängen, die die fesselnde Wirkung von "Hermaphrodite" noch verstärken. Und erst im vorletzten Stück "Chimerical Hope" kommt die Death Metal-Stimme zum Einsatz, ist aber weit in den Hintergrund gemischt. Die Gitarre und vor allem auch das oft eher an große Trommeln und Pauken erinnernde Schlagzeug sind die vorherrschenden Elemente auf dieser EP. 

Leider ist "Hermaphrodite" nach einer halben Stunde schon vorbei. Das ist natürlich zugleich auch ein Vorteil, da man nicht wie bei "Triangle" jedes Mal 100 Minuten Zeit haben muss, wenn man Bock auf diese Platte hat. Andererseits befinden sich Schammasch offenbar in derart bestechender Form, dass es gerne noch ein wenig hätte weitergehen dürfen. So verbleibe ich mal mit der Hoffnung, dass 2018 den nächsten Teil der "The Maldoror Chants"-Reihe bereithält. Schammasch sind jedenfalls ohne Zweifel eine der spannendsten Bands, die der Metal derzeit zu bieten hat.


Platz 1: DREAD SOVEREIGN - FOR DOOM THE BELL TOLLS

01. For Doom The Bell Tolls (2:24)

02. Twelve Bells Toll In Salem (13:00)

03. This World Is Doomed (6:15)

04. Draped In Sepulchral Fog (2:26)

05. The Spines Of Saturn (7:56)

06. Live Like An Angel, Die Like A Devil (4:51)

Es klingt wie Korinthenkackerei und ist es vermutlich auch, aber wieso "For Doom The Bell Tolls" tatsächlich als vollwertiges Album verkauft wird, weiß der Geier. Nach dem überlangen Debüt "All Hell's Martyrs"  von 2014 schiebt die Band um Primordial-Frontmann Alan Averill dieses Jahr also diese Nachfolgescheibe hinterher. Gerade einmal halb so lang, gerade einmal drei vollwertige neue Songs, die stilistisch zudem alle komplett unterschiedlich klingen, eine Coverversion und zwei instrumentale Zwischenstücke. Dazu der offenkundig nicht ernstgemeinte Titel der Scheibe, und das von einer Band, die bisher nicht gerade durch Humor auffiel. Album, really? Nicht in meiner Welt. Aber egal.

Denn wichtig ist natürlich vor allem, dass "For Doom The Bell Tolls" absolut großartig ausgefallen ist. Ich halte Dread Sovereign im Vergleich zu Primordial ohnehin für die bessere und auch spannendere Band, und mit dieser Platte wird der Abstand noch einmal ordentlich vergrößert. 

Nach stimmungsvollem Glockengeläut-Intro folgt mit dem 13minütigen "Twelve Bells Toll In Salem" gleich das Herzstück von "For Doom The Bell Tolls". Dieser Song erinnert stilistisch noch am ehesten an das Debütalbum, klingt insgesamt aber weniger schwer und ursuppig, dafür offener, epischer und auch ergreifender. Das liegt vor allem an Averills Gesang, der sich im Vergleich zum Debüt noch einmal steigern konnte und hier tatsächlich singt wie ein junger Gott. Aber auch die Produktion ist nicht ganz so sumpfig und versifft ausgefallen wie die von "All Hell's Martyrs". Die knappe Viertelstunde vergeht wie im Flug und zieht einen hinab in die finsteren Mittelalter- und Hexenverbrennungswelten von Dread Sovereign. 

Das sich anschließende "This World Is Doomed" reißt einen aber kurze Zeit später dann wieder hinaus aus dieser apokalyptischen Welt. Viel riff- und songbasierter als alles, was man von der Band bislang kannte, eigentlich ist das ein klassischer Rock/Metal-Song im versifften Dread Sovereign-Gewand. Selbst vor einem Gitarrensolo und einem zu Beginn reingerufenen "Let's Go!" schreckt man nicht zurück. In der zweiten Hälfte wird es mit einem ausufernden Instrumentalteil dann zwar wieder etwas bandtypischer, dennoch fällt "This World Is Doomed" schon ziemlich aus dem bisherigen Bandrahmen. Auch bei diesem Song fällt Averills verbesserter Gesang auf, er scheint sich einfach mehr zu trauen. 

Nach einem weiteren atmosphärischen Zwischenstück, das eher Soundtrack als Musik ist, folgt mit "The Spines Of Saturn" mein persönliches Highlight von "For Doom The Bell Tolls". Das Debütalbum hatte mit dem Rauswerfer "Transmissions From The Devil Star" bereits angedeutet, in welche Richtung sich Dread Sovereign auch mit diesem Lied bewegen. In Richtung Weltraum. Spacerock vom allerfeinsten. Das Tempo ist vergleichsweise hoch für diese Band (im normalen Musikkontext würde ich aber gerade mal von Midtempo sprechen), alles klingt unendlich weit, groß und eben nach Weltraum. Averills Gesang ist verzerrt und er singt tiefer als bei den übrigen Stücken, die Keyboards und Synthies nehmen mehr Raum ein, alles ist mit ohne Ende Hall unterlegt. Großartig. "The Spines Of Saturn" ist Spacerock auf allerhöchstem Niveau und wenn ich das aus einem Interview richtig in Erinnerung habe, will die Band mit dem nächsten Album vielleicht weiter in diese Gefilde vordringen - ich würde es auf jeden Fall sehr begrüßen. Ganz großes Kino!

Beendet wird "For Doom The Bell Tolls" dann schließlich mit dem Venom-Cover "Live Like An Angel, Die Like A Devil", das herrlich räudig und punkig heruntergerotzt wird und bei dem man der Band den Spaß anhört, den sie beim Aufnehmen hatte. 

 

Wie gesagt, stilistisch passen die vier Hauptsongs dieser Platte eigentlich hinten und vorne nicht zusammen und es kommt eben für mich auch kein richtiges Albumfeeling auf, sondern das Ganze wirkt mehr wie eine lose Ansammlung von Liedern. Diese ist dafür aber richtig gelungen und belegt folglich auch knapp vor Schammasch die Pole Position bei den für mich besten EPs des Jahres 2017.

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