Jahresrückblick 2017 Part 2 - Die Plätze 20 bis 17

2017 - ein wie schon geschrieben gutes, aber nicht herausragendes Musikjahr. Aber auch in diesem Jahr habe ich eine Top 20 erwähnenswerter Alben zusammenbekommen und möchte diese hier nun nach und nach vorstellen. Auf geht's.


Platz 20: SEER - VOL. III & IV: CULT OF THE VOID

Vol. III

01. Ancient Sands (Rot Preacher) (9:33)

02. Acid Sweat (4:11)

03. They Used Dark Forces (9:01)

04. Burnt Offerings (7:24)

 

Vol. IV

05. I: Tribe Of Shuggnyth (2:08)

06. II: Spirit River (2:53)

07. III: Passage Of Tears (3:03)

08. IV: संसार (6:55)

Hin und wieder kaufe ich ja Alben einfach, weil mir das Cover gefällt. So war es dieses Jahr auch bei SEER aus Kanada. Die Band kannte ich vorher nicht einmal namentlich, aber das schicke Schwarzweiß-Cover mit einer Gruppe verhüllter Figuren, die sich auf einen Wald zubewegt, sprach mich sofort an. Ergo ran mit dem Ding. Und ich wurde nicht enttäuscht. "Cult Of The Void", wie ich die Platte hier einmal der Einfachheit halber nennen möchte, bietet im ersten Teil herrlich räudigen Doom / Sludge-Metal mit fein tiefer gestimmten Gitarren und viel Bass. 

SEER gewinnen eigentlich schon nach ein paar Sekunden. Wer ein von mächtigen Riffs untermaltes Sample aus Lucio Fulcis Splatter-Meisterwerk "The Beyond" bzw. "L'Aldilà" bzw. "Über dem Jenseits" zur Eröffnung seines Albums verwendet, kann kein schlechter Mensch sein. "And you will face the sea of darkness - and all therein that may be explored..." - Zack, schon bin ich zu Hause.

Die ersten vier Songs von "Cult Of The Void" beinhalten also sehr rifflastigen Sludge-Metal, der sich geschwindigkeitstechnisch zwischen fast völligem Stillstand und gehobenem Midtempo bewegt. Der Gesang ist teilweise klar, teils ordentlich räudig gebrüllt. Im Grunde erinnert mich dieser Part des Albums an eine nicht ganz so kaputte Version von Behold! The Monolith, bei der eine theatralischere Version von Baroness' John Dyer Baizley für die klaren Vocals verantwortlich ist. Ich habe aber bezüglich des klaren Gesangs auch Vergleiche mit Michael Poulsen von Volbeat gelesen, was ebenfalls nicht völlig von der Hand zu weisen ist, auch wenn SEER-Sänger Bronson Lee Norton nicht ganz so sirenenhaft agiert.Die erste halbe Stunde des Albums ist jedenfalls ordentlich heavy, wunderbar schmutzig produziert und macht mir sehr viel Spaß.

Die unter "Vol. IV" zusammengefassten letzten vier Lieder von "Cult Of The Void" sind musikalisch jedoch ganz anders, nämlich fast ausschließlich akustisch. Die Songs sind zudem durchnummeriert und gehören thematisch offensichtlich zusammen. Die ersten drei Songs sind rein instrumental, zu hören ist lediglich eine (akustische) Gitarre, hier und da unterlegt mit ein paar Soundeffekten und Naturgeräuschen.

Im letzten Song "संसार "  gibt es zwar wieder Gesang,  aber auch dieser fällt sehr zurückhaltend und introvertiert aus.  Dennoch ist das der einzige Song dieses Teils des Albums, der auch im herkömmlichen Sinn als "Song" bezeichnet werden kann.

Ich finde diesen Part des Albums vor allem aufgrund der drei aneinandergereihten Instrumentals/Intros leider weniger spannend als den ersten Teil von "Cult Of The Void", weswegen eine höhere Gesamtplatzierung verhindert wird. 

Dennoch ist SEER hier (und übrigens auch mit den bereits in der Vergangenheit veröffentlichten EPs "Vol. I" bzw. "Vol. II") ein beeindruckender Genrebeitrag geglückt, der aufhorchen lässt und Vorfreude auf kommende Veröffentlichungen der Band weckt."Thus ends the first epoch of the SEER."  steht am Ende des Booklets. Ich bin gespannt, wie die nächste Epoche aussieht.


Platz 19: REX BROWN - SMOKE ON THIS...

01. Lone Rider (2:39)

02. Crossing Lines (2:55)

03. Buried Alive (4:48)

04. Train Song (2:36)

05. Get Yourself Alright (4:04)

06. Fault Line (4:16)

07. What Comes Around... (4:36)

08. Grace (3:14)

09. So Into You (4:01)

10. Best Of Me (5:34)

11. One Of These Days (4:39)

REX BROWN, seines Zeichens Bassist von Bands wie Pantera und Down hat dieses Jahr sein erstes Solo-Album veröffentlicht. "Smoke On This..." heißt es und es ist ein Album, das mir 2017 viel Spaß bereitet hat und das ich ziemlich oft aufgelegt habe. Es ist die perfekte Autofahr- und Sommerplatte. REX BROWN erfindet zu keinem Zeitpunkt das Rad neu oder ist sonstwie sonderlich originell. Eigentlich bekommt man genau das, was man erwartet, wenn man das Cover betrachtet - Nämlich eine sehr lässige, coole, mit Country- und Blueseinflüssen versehene Hardrockscheibe.

Besonderen Tiefgang sollte man hier nicht erwarten und zugegeben touchiert REX BROWN in zwei, drei Liedern auch mal die Grenze zur Belanglosigkeit - der Großteil des Albums ist aber eben einfach wirklich gelungen und sorgt für gute Laune. Obwohl es musikalisch keinerlei Gemeinsamkeiten gibt, hat mich "Smoke On This..." oft an "Heavy Metal Music" erinnert, das Soloalbum des Ex-Metallica-Bassisten Jason Newsted. Beide Platten mögen nicht der megagroße Wurf sein,  geben das aber auch gar nicht vor, sondern bieten von der Pike auf erlernte, mehr als solide, ehrliche und vor allem grundsympathische Handwerkskost. Ich mag beide Alben wirklich gern und habe vielleicht darum auch diese Parallele gezogen, auch wenn REX BROWN wie gesagt in eine musikalisch ganz andere Richtung geht als sein Kollege. 

"Smoke On This..." pendelt zwischen schnelleren, hardrockigen Songs wie "Lone Rider"  oder "Train Song"  auf der einen und eher langsamen, die bluesige Seite betonenden Songs wie das an Alice In Chains erinnernde "Fault Line" oder "What Goes Around..." (Ohrwurm!) hin und her. Die langsameren und ruhigen Lieder gelingen ihm  dabei meiner Meinung nach insgesamt etwas besser.

Wie gesagt, dieses Album ist sicherlich nichts revolutionäres, aber das muss ja auch nicht immer sein. Manchmal reicht es auch, bereits bekanntes einfach überzeugend noch einmal neu zu machen, und meiner Meinung nach ist REX BROWN das auf seinem Solodebüt über weite Strecken wirklich gut gelungen.


Platz 18: ALGIERS - THE UNDERSIDE OF POWER

01. Walk Like A Panther (3:10)

02. Cry Of The Martyrs (4:02)

03. The Underside Of Power (4:12)

04. Death March (4:31)

05. A Murmur. A Sign. (3:42)

06. Mme Rieux (3:34)

07. Cleveland (3:46)

08. Animals (2:32)

09. Plague Years (2:52)

10. Hymn For An Average Man (4:10)

11. Bury Me Standing (2:24)

12. The Cycle / The Spiral: Time To Go Down Slowly (5:24)

ALGIERS, eine weitere Band, die ich bis vor kurzem nicht kannte und deren Album "The Underside Of Power" mich dieses Jahr ziemlich beeindruckt hat. Allerdings ist dies eines jener Alben, für die ich schon in Stimmung sein muss und auf die ich nicht immer Lust habe. Das kommt nicht allzu oft bei mir vor, bei "The Underside Of Power" aber schon.

Es ist zudem eine Platte, die man sich schon ein bisschen erarbeiten muss - zu ungewöhnlich und eigenständig ist das, was hier passiert. ALGIERS nehmen Versatzstücke aus Industrial, Trip Hop, Wave und Pop und verknüpfen dies zu einem völlig eigenständigen Mix, über den Sänger Franklin Fisher stark vom Soul oder auch Gospel beeinflusste Vocals singt. 

"The Underside Of Power" klingt zudem sehr wütend, oft gehetzt und getrieben, man merkt, dass ALGIERS eine Message haben und diese auch dringend an den Mann bringen wollen. Daher ist es etwas schade, dass die handschriftlich abgedruckten Songtexte in einer ziemlichen Sauklaue verfasst sind, die man nur mit Mühe entziffern kann.

Songs wie das eröffnende "Walk Like A Panther", das von einer Rede des Black Panther-Aktivisten Fred Hampton eingeleitet wird oder das noisige "Animals" sind regelrechte Lärmattacken und unterstreichen die in der Musik steckende Wut mehr als deutlich. Aber auch Songs wie der beinahe nach Düster-Disco klingende Titeltrack oder das epische "Death March"  sind bei aller vordergründigen Eingängigkeit sehr unruhig, stets am köcheln und scheinen immer kurz vor dem Ausbruch zu stehen. Und selbst eine Ballade wie das wunderschön gesungene "Mme Rieux" ist durchsetzt von einer inneren Anspannung, die greifbar ist. 

ALGIERS  sind wütend und das merkt man auch. "The Underside Of Power" ist ein verdammt beeindruckendes Album, nicht immer leicht zu hören und es verlangt ausgiebige Beschäftigung, bis es die großartigen Momente, die in ihm stecken wirklich preisgibt. Ich kann aber versprechen: Es lohnt sich.


Platz 17: PAIN OF SALVATION - IN THE PASSING LIGHT OF DAY

01. On A Tuesday (10:22)

02. Tongue Of God (4:53)

03. Meaningless (4:47)

04. Silent Gold (3:23)

05. Full Throttle Tribe (9:05)

06. Reasons (4:45)

07. Angels Of Broken Things (6:24)

08. The Taming Of A Beast (6:33)

09. If This Is The End (6:03)

10. The Passing Light Of Day (15:31)

Ich muss sagen, dass ich PAIN OF SALVATION ein solches Album nicht mehr zugetraut hätte. Nach dem die Schweden Ende der Neunziger und Anfang der 2000er mit Alben wie "One Hour By The Concrete Lake" und "Remedy Lane" Prog Metal-Geschichte geschrieben hatten, versanken sie danach zunehmend in verkopften Projekten wie "Be" oder langweilten zuletzt mit dem prätentiösem Quatsch der "Road Salt"-Alben. Lediglich "Scarsick" wusste mich noch zu begeistern und das ist nun immerhin auch schon wieder zehn Jahre her. Ich hatte die Band also im Grunde abgeschrieben und dann kam Anfang des Jahres "In The Passing Light Of Day", das tatsächlich das beste Album seit ebenjenem "Scarsick", vielleicht sogar seit "Remedy Lane" ist.

2014 erlitt Bandkopf Daniel Gildenlöw eine Infektion, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Fleischfressende Bakterien hatten ein Loch in seinen Rücken gegraben, durch das man laut seiner eigenen Aussage zur schlimmsten Zeit bis auf den Knochen sehen konnte. Gildenlöw lag lange Zeit im Krankenhaus und hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken, und so entstand "In The Passing Light Of Day", auf dem er sich in der für ihn typischen sehr offenen, schonungslosen und unverblümten Weise mit seiner Krankheit und seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt.

Das ist teilweise unglaublich nahegehend, gerade der weitestgehend balladeske, über 15 Minuten lange Titelsong, der das Album abschließt, geht wirklich zu Herzen. Und wenn dann die letzten Strophen deutlich werden lassen, dass Gildenlöw zu diesem Zeitpunkt mit seinem Leben abgeschlossen hatte und darauf vorbereitet war zu sterben, so kann das auch selbst den gefühllosesten Klotz nicht kalt lassen.

Abgesehen von den außergewöhnlichen Texten und der sehr persönlichen Thematik ist "In The Passing Light Of Day" aber auch musikalisch  beeindruckend ausgefallen. PAIN OF SALVATION  schaffen es endlich einmal wieder, mitreißende und zugleich berührende Musik zu schreiben. Sei es in dem bereits alle Band-Trademarks enthalten Opener "On A Tuesday", der herzerweichenden Ballade "Silent Gold", dem wütenden und vertrackten "Reasons" oder dem Hit des Albums, der auf den Namen "Meaningless" hört. Auch "Full Throttle Tribe" und "Tongue Of God" (in dem Gildenlöw mit der Zeile "I cry in the shower and smile in the bed" eindringlich beschreibt, wie er oft auch Familie und Freunden bezüglich seines Zustandes etwas vormachte) überzeugen auf der ganzen Linie.

Lediglich die Songs Sieben bis Neun fallen nach meinem Dafürhalten im Vergleich zum Rest etwas ab. Das sind immer noch gute Lieder, sie können aber das hohe Niveau des Restalbums nicht ganz halten. Macht insgesamt nicht allzuviel, denn "In The Passing Light Of Day" bleibt auch mit dieser kleinen Formschwäche wie gesagt immer noch das beste PAIN OF SALVATION-Album seit mindestens zehn Jahren. Und damit hatte ich schlicht nicht mehr gerechnet - vermutlich die positivste Überraschung dieses Jahres.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0