Jahresrückblick 2017 Part 4 - Die Plätze 12 bis 9

So, Zeit mal die Top 10 zu knacken. Hier sind meine Plätze 12 bis 9 des Jahres 2017.


Platz 12: ROGER WATERS - IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT?

01. When We Were Young (1:39)

02. Déjà Vu (4:27)

03. The Last Refugee (4:12)

04. Picture That (6:47)

05. Broken Bones (4:57)

06. Is This The Life We Really Want? (5:54)

07. Bird In A Gale (5:31)

08. The Most Beautiful Girl (6:08)

09. Smell The Roses (5:15)

10. Wait For Her (4:55)

11. Oceans Apart (1:07)

12. Part Of Me Died (3:14)

Ganze 25 Jahre hat sich ROGER WATERS Zeit gelassen, nach seinem letzten Album "Amused To Death" noch einmal ein neues Studiowerk zu veröffentlichen - mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit wohl sein letztes. "Is This The Life We Really Want?" ist dabei eines der wütendsten Alben des Jahres geworden. Nun war WATERS noch nie dafür bekannt, sonderlich subtil zu sein, auf seinem neuen Werk aber teilt er mit der richtig groben Keule aus und prangert vieles an, was auf dieser Welt verkehrt läuft.

Der 74-jährige hat dabei eine Wut im Bauch wie die meisten seiner Kollegen nicht, die 50 Jahre jünger sind als er. Mit einer Welt, in der ein Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, in der täglich Menschen auf der Flucht aus ihrer Heimat im Mittelmeer ertrinken, in der Journalisten in Gefängnissen festgehalten werden und in der man sich für etwas besseres hält, weil man zufällig im reichen Europa statt in Afrika oder irgendeinem Bürgerkriegsgebiet geboren wurde, kann und will WATERS sich nicht zufriedengeben.

Dabei hat er erkannt, dass man in der heutigen Zeit am ehesten dann wahrgenommen wird, wenn man seine Message herausschreit und mit dem Holzhammer verbreitet. Die Texte auf "Is This The Life We Really Want?" sind oft finster, böse und zynisch und lassen wenig Interpretationsspielraum zu. Im Titelsong werden beispielsweise Menschen mit Ameisen verglichen und die Frage gestellt, welche Spezies eigentlich die intelligentere ist. Und für  all jene, die selbst beim Mitlesen der Texte nicht verstehen, wer denn in "Picture That" mit der Zeile "Picture a shithouse with no fucking drains, picture a leader with no fucking brains" gemeint sein könnte, ist Trump dann auch gleich noch auf der entsprechenden Booklet-Seite abgebildet.

Musikalisch klingt "Is This The Life We Really Want?" meiner Meinung nach am ehesten nach einer Mischung der Pink Floyd-Alben "Animals" ("Picture That", "Bird In A Gale") und vor allem "The Final Cut" gewürzt mit einer Prise "Amused To Death", WATERS' letztem Solo-Album von 1992. Es gibt also rein musikalisch nicht wirklich viel neues, die Mischung stimmt aber und die Songs sind durch die Bank hochklassig ausgefallen. Der Stimme von WATERS, der auch in den Siebzigern nie ein (rein technisch) sonderlich herausragender Sänger war, hört man ihr Alter inzwischen natürlich an. Sie hat aber nichts von ihrem Charisma und ihrer Ausstrahlungskraft verloren. Ehrlich gesagt hätte ich nicht unbedingt damit gerechnet, dass ROGER WATERS, der ja zuvor jahrelang mit "The Wall"-Tourneen durch die Gegend zog und sich im Glanz des Vergangenen sonnte, noch solch ein wirklich gutes und vor allem relevantes Album in sich haben könnte. Doch der alte Mann hat mich eines Besseren belehrt.


Platz 11: MASTODON - EMPEROR OF SAND

01. Sultan's Cure (4:09)

02. Show Yourself (3:02)

03. Precious Stones (3:45)

04. Steambreather (5:02)

05. Roots Remain (6:27)

06. Word To The Wise (4:00)

07. Ancient Kingdom (4:54)

08. Clandestiny (4:28)

09. Andromeda (4:04)

10. Scorpion Breath (3:18)

11. Jaguar God (7:55)

Mit ihrem siebten Album konnten MASTODON mich 2017 wieder vollends überzeugen und auf ihre Seite bringen, nachdem das Vorgängeralbum "Once More 'Round The Sun" eher an mir vorbeigelaufen war. Wie schon auf "The Hunter" setzen MASTODON auch auf "Emperor Of Sand" auf eine Mischung aus knackiger Härte und gnadenloser Eingängigkeit. Eigentlich verfügt jeder der elf vorhandenen Songs über mindestens eine Hookline oder einen Refrain, der sich nach spätestens drei Durchläufen festsetzt und auch nachhaltig bleibt. Dabei haben MASTODON es auch hier wieder geschafft, dass sich die Songs trotz aller Eingängigkeit niemals abnutzen oder einem gar irgendwann auf die Nerven gehen. Ganz im Gegenteil: Es macht immer wieder Spaß, das Album aufzulegen und insbesondere mit den vier Songs in der Mitte ("Roots Remain" bis "Clandestiny") haben MASTODON absolutes Weltklasse-Material geschaffen. Das Album versprüht trotz des ernsten inhaltlichen Hintergrundes eine unbändige und vor allem positive Energie.

Wo ich gerade vom Hintergrund spreche: Ich finde es merkwürdig, dass dieser in vielen Interviews und Reviews eigentlich völlig außen vor blieb, so dass auch ich erst kürzlich und eher zufällig davon erfahren habe. In der letzten Zeit wurde wohl bei diversen Familienmitgliedern der Band Krebs diagnostiziert. "Emperor Of Sand" trägt diesem Umstand Rechnung. Es ist ein Konzeptalbum über jemanden, der vom titelgebenden 'Imperator des Sandes' (wobei der Imperator für den Tod und der Sand für die Zeit steht) zum Tode verurteilt wird. Der Protagonist wird auf einen langen Marsch durch eine Wüste bzw. Ödlandschaft (= die Krankheit) geschickt. Dabei steht zum Beispiel die Sonne für die Strahlentherapie. Es werden verschiedene Phasen der Verzweiflung, Dehydrierung und Orientierungslosigkeit durchwandert. Am Ende wird der Protagonist vom "Jaguar God" (in der Kultur der Maya der Herrscher der Unterwelt) sowohl gerettet als auch in Empfang genommen, das heißt, er stirbt. 

Laut Gitarrist Bill Kelliher soll "Emperor Of Sand" ein Album sein, dass man in schlechten Zeiten auflegen und sich solange dazu ausweinen kann, bis es einem besser geht. Ich finde, dass diese Aussage ganz gut zu der  von mir bereits vor Kenntnis dieses textlichen Hintergrundes wahrgenommenen positiven Energie passt. "Emperor Of Sand" ist ein sehr intensives und kraftvolles Album, und das hört man zu wirklich jeder Sekunde. Besser als hier kann man modernen bzw. zeitgemäßen Metal eigentlich kaum noch darbringen.


Platz 10: GIANT SLEEP - MOVE A MOUNTAIN

01. 12 Monkeys (6:20)

02. Freewill Myth (5:12)

03. Forever Under Ground (11:00)

04. Last Exit Aargau (4:20)

05. Love Your Damnation (7:51)

06. Denver (4:06)

07. Failsafe Plan (3:49)

08. Stella (8:57)

GIANT SLEEP stammen aus Süddeutschland naher der Schweizer Grenze und waren mir bis vor kurzem überhaupt kein Begriff. Die Band selbst bezeichnet ihren Stil als "Stoner-Doom-Heavy-Classic-Progressive-Postrock" - und sie trifft mit den Nagel tatsächlich ziemlich genau auf den Kopf, sogar was die Wichtigkeit der Stile in ihrer Musik in von vorne nach hinten absteigender Form anbelangt. Eigentlich fehlt gegen Ende noch "Blues" in der Auflistung, aber ansonsten passt das.

"Move A Mountain" ist das zweite Album der Band und verbindet irgendwie alles, was in der Rockmusik in den letzten 30 bis 40 Jahren toll war zu einem großen Potpourri, an dem aber nichts sinnlos aneinandergeklatscht wirkt, sondern wo alles genau so sein muss, wie es eben ist. GIANT SLEEP schaffen es zudem, einen sehr schönen Fluss auf dem Album zu erzeugen und lassen sich härtere, rockige Tracks mit langen, ausufernden und schleppenden Nummern abwechseln. Sänger Thomas Rosenmerkel verfügt zudem über eine tolle Stimme zwischen Blues und Reibeisen und singt mit jeder Menge Leidenschaft.

Meine persönlichen Highlights sind (wie so oft) die eher ausschweifenden Sachen, also das epische "Forever Under Ground", das hochdramatische "Love Your Damnation" und der Abschlusssong "Stella", der die Platte am Ende dann ins Weltall zu schießen scheint. Erwähnenswert ist außerdem "Last Exit Aargau", ein Song über das Thema Sterbehilfe (Aargau ist ein Schweizer Kanton), der recht wütend, aber zugleich auch voller Aufbruchstimmung ist. 

"Move A Mountain" ist ein verdammt beeindruckendes Album, und es ist sehr schön zu sehen, was für Perlen der Underground auch heute noch auszuspucken imstande ist. GIANT SLEEP verstehen es sehr gut, Emotion und Härte zu einem Gesamtpaket zu verschnüren, das es wirklich in sich hat. Für mich ist "Move A Mountain" vermutlich der Geheimtipp 2017. Einzig die doch arg spärliche Aufmachung der CD (kein Booklet, keine Texte) trübt ein wenig den Gesamteindruck.


Platz 9: TAU CROSS - PILLAR OF FIRE

01. Raising Golem (5:12)

02. Bread And Circuses (4:51)

03. On The Water (5:06)

04. Deep State (5:04)

05. Pillar Of Fire (4:15)

06. Killing The King (5:39)

07. A White Horse (3:00)

08. The Big House (5:26)

09. RFID (2:48)

10. Seven Wheels (4:45)

11. What Is A Man (4:08)

"Pillar Of Fire", das zweite Album von TAU CROSS, kam mir zunächst wie eine kleine Enttäuschung vor. Irgendwie fehlte mir das Feuer, das Ungeschliffene und Unbekümmerte, um nicht zu sagen das Angepisste des Debütalbums. Dieser Ersteindruck entpuppte sich dann aber zum Glück relativ schnell als falsch. "Pillar Of Fire" ist keinen Deut schwächer als "Tau Cross", es hat lediglich einen etwas anderen Ansatz. Noch immer klingt die Band wütend, sauer und roh. Das lässt sich schon allein aufgrund des einmal mehr völlig kaputten Gesangs von Amebix-Frontmann Rob Miller auch kaum vermeiden. TAU CROSS verpacken das aber jetzt in ausgefeilterem, tiefergehendem Songwriting. Wo einen das Debüt noch mit bloßen Fäusten verprügelte, nehmen TAU CROSS jetzt eben ein rostiges Messer zur Hand.

Gerade die beiden ruhigen Lieder "Pillar Of Fire" und "What Is A Man" erzeugen meterdicke Gänsehaut und sind atmosphärisch unglaublich dicht. Aber auch in den härteren Liedern macht die Band alles richtig, was man richtig machen kann.

Hier wechseln sich für diese Art von Musik recht eingängige Songs wie "Raising Golem", "Deep State" oder "On The Water" mit sperrigeren Sachen der Marke "The Big House" oder "Seven Wheels" ab. "RFID" betont zudem den Punk- und Hardcore-Hintergrund diverser Bandmitglieder stärker als bisher. Das epische "Killing The King" steht genau in der Mitte des Albums und wirkt wie ein Gipfel, auf den das Album bis dahin hinarbeitet und von dem es danach wieder hinuntersteigt - wobei ich diese Metapher nicht als Hinweis auf die Qualität der Musik verstanden wissen will.  Textlich geht es erneut ziemlich finster zu, wobei "Bread And Circuses" und das bitterböse "The Big House" diesbezüglich noch einmal hervorstechen.

Aus heutiger Sicht würde ich "Pillar Of Fire" gegenüber dem Debütalbum sogar ganz knapp den Vorzug geben. TAU CROSS haben jedenfalls mit ihrem Zweitling ein Album mit ordentlich Langzeitwirkung erschaffen. Erwähnenswert finde ich noch das schöne Booklet-Artwork, das fast allen Songs eine eigene Doppelseite inkl. passendem Bild/Foto spendiert. Das etwas 0/8/15-artige Frontcover fällt da eher aus der Reihe und will nicht so recht zum Rest passen. Ansonsten aber beide Daumen hoch für "Pillar Of Fire".

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