Jahresrückblick 2017 Part 5 - Die Plätze 8 bis 5


Platz 8: STEVEN WILSON - TO THE BONE

01. To The Bone (6:41)

02. Nowhere Now (4:03)

03. Pariah (4:46)

04. The Same Asylum As Before (5:14)

05. Refuge (6:44)

06. Permanating (3:34)

07. Blank Tapes (2:08)

08. People Who Eat Darkness (6:02)

09. Song Of I (5:21)

10. Detonation (9:19)

11. Song Of Unborn (5:55)

STEVEN WILSONs fünftes Solo-Album "To The Bone" ist nicht sein bestes. Genaugenommen rangiert es in meiner persönlichen Bestenliste zusammen mit dem Debüt "Insurgentes" gerade einmal auf Platz Drei - und dennoch ist es ein über weite Strecken sehr gelungenes Album. Was vermutlich einfach daran liegt, dass WILSON keine schlechte oder auch nur ganz nette Musik schreiben kann.

Noch songorientierter als auf dem Vorgänger "Hand. Cannot. Erase." geht der Brite auf "To The Bone" zu Werke und orientiert sich dabei zumindest teilweise an der anspruchsvollen Popmusik der Achtziger Jahre, also zum Beispiel Peter Gabriel, Kate Bush, Talk Talk, Tears For Fears oder Prince. Diese Einflüsse gemischt mit dem "typischen" WILSON-Sound und -Songwriting (sofern es das überhaupt gibt) ergeben ein Album, das ausgesprochen abwechslungsreich ausgefallen ist, erstmals in seiner Solokarriere aber nicht wirklich in sich geschlossen wirkt. Um "To The Bone" bloß als eine lose Ansammlung von Songs zu bezeichnen, hat es dann aber auf der anderen Seite doch wieder zuviel Albumcharakter, aber es gibt ein, zwei Brüche auf dem Album, und die merkt man eben.

Der Opener "To The Bone" erinnert noch am ehesten an spätere Porcupine Tree, bevor sich mit "Nowhere Now" ein lupenreiner Popsong anschließt, der so auch auf den ersten beiden Alben von Blackfield hätte stehen können. Für die Ballade "Pariah" hat sich STEVEN WILSON einmal mehr mit der israelischen Sängerin Ninet Tayeb zusammengetan, die in diesem Song eine absolute Gänsehaut-Performance hinlegt. Für mich ist der Song vom Aufbau und auch der Thematik her eine klare Verbeugung vor Peter Gabriels Megahit "Don't Give Up". "The Same Asylum As Before" ist ein Song, mit dem ich bis jetzt nicht klarkomme. Falsettgesang steht WILSON nicht wirklich zu Gesicht, und auch ansonsten wirkt in dem Lied für mich alles willkürlich und relativ sinnfrei aneinandergeklatscht, so dass ich tatsächlich von einem Totalausfall sprechen würde. "Refuge" schlägt wieder sehr ruhige Töne an und steigert sich dann im Verlauf, insgesamt klingt der Song ein wenig nach "Hand. Cannot. Erase."-Zeiten. Es folgt zumindest für mich ein kleiner Bruch zum nächsten Song, hier fließt das Album erstmals nicht richtig.

"Sometimes I like to upset my fans a little bit..." sagt WILSON selbst über das nun folgende "Permanating", und dieser Song dürfte so manchen Fan tatsächlich ganz schön herausgefordert haben. Nie klang WILSON poppiger, eingängiger, mehr nach den Achtzigern und einfach radiokompatibler - aber ein toller Song bleibt ein toller Song und das ist "Permanating" ganz eindeutig, auch wenn ich mir da zugegebenerweise anfangs auch nicht ganz sicher war. 

Bei "Blank Tapes" und meinem persönlichen Albumhighlight "People Who Eat Darkness" ist erneut Ninet Tyeb mit von der Partie. Letztgenannter Song ist der rockigste und härteste des Albums und überzeugt mich vor allem durch seinen epischen Refrain. Dennoch wirkt das Lied ein wenig wie ein Fremdkörper auf dem Album. Für sich genommen ist es super, aber in den Albumfluss passt es an der Stelle für mich nicht so ganz hinein. Das perkussive "Song Of I" lässt wieder stark an Peter Gabriel denken, in diesem Fall an dessen Song "Digging In The Dirt" -  gesanglich unterstützt wird STEVEN WILSON hier von Sophie Hunger. "Detonation" ist der einzige Song von "To The Bone", der zumindest annähernd als Longtrack bezeichnet werden kann. Hier wird es etwas ausufernder, recht düster und eigentlich wieder sehr typisch WILSON. Den Abschluss bietet das textlich wie musikalisch wunderschöne "Song Of Unborn", eine Halbballade, in der WILSON wieder einmal nicht mit Wundermelodien geizt. Grandios gut.

Bis auf "The Same Asylum As Before" ist "To The Bone" also von vorne bis hinten sehr gelungen. Ich bleibe aber dabei, dass das Album erstmalig nicht wie aus einem Guss klingt und dass das den Hörgenuss letztlich ein wenig trübt. Und guter Pop hin oder her: Für sein sechstes Album darf STEVEN WILSON dann auch gerne insgesamt wieder etwas tiefer in der Prog-Kiste wühlen.


Platz 7: LEPROUS - MALINA

01. Bonneville (5:28)

02. Stuck (6:48)

03. From The Flame (3:51)

04. Captive (3:43)

05. Illuminate (4:21)

06. Leashes (4:09)

07. Mirage (6:48)

08. Malina (6:14)

09. Coma (3:55)

10. The Weight Of Disaster (6:00)

11. The Last Milestone (7:30)

12. Root [Bonus Track] (4:07)

LEPROUS gehören für mich zu den spannendsten Progressive Metal-Bands des neuen Jahrtausends. Die Band aus Norwegen klingt verdammt eigenständig und ist mit niemandem so wirklich vergleichbar. Auf "Malina", ihrem fünften Album, kommen sie so schnell auf den Punkt wie selten zuvor. Die Songs sind kürzer, haben weniger Schnörkel (Ausnahmen bestätigen die Regel) und in seiner Gesamtheit ist das Album auch deutlich eingängiger als sein Vorgänger "The Congregation"

Auch auf "Malina" spielen LEPROUS recht düstere, oft sehr rhythmusorientierte Musik, dominiert von der herausragenden Stimme ihres Sängers Einar Solberg. Fast alle Songs gipfeln in Refrains, bei denen man sich fragt, wieso in Gotten Namen noch niemand vor diesen Kerlen auf diese Melodien gekommen ist. In den Strophen oft unruhig und teils fast hektisch wirkende Songs wie "Stuck", "Mirage" oder "Illuminate" münden in ihren Refrains jeweils in ausladende, epische und schwelgerische Passagen, die oft schon cinemaskopisches Breitwandformat aufweisen. Melodien, die man so schnell nicht vergisst. Das konnten LEPROUS zwar schon immer - ich muss nur an den Song "Foe" ihres dritten Albums "Coal" denken, um dessen Chorus für drei Tage im Kopf zu haben - auf "Malina" bekommen sie das aber so effektiv hin wie bis dato noch nie.

Neben den "typischen" LEPROUS-Nummern sind aber noch andere Songs bemerkenswert: So beginnt der Opener "Bonneville" sehr verhalten, zurückhaltend und für einen ersten Song sehr ungewöhnlich, ehe er nach fast drei Minuten endlich explodiert.

Auch der Titelsong sticht hervor: Er beginnt ganz leise, kaum hörbar und steigert sich in der ersten Hälfte immer mehr zu einem kleinen Orkan, was besonders an dem originellen Drumming liegt. In der zweiten Hälfte lassen LEPROUS das Stück dramatisch, fast soundtrackartig werden, über allem thront erneut der schier unfassbare Gesang Solbergs.

Und dann wäre da noch "The Last Milestone", der letzte reguläre Song des Albums. Lediglich Streicher bilden hier das musikalische Fundament, das Stück wirkt eigentlich eher wie Kammermusik, ist dabei aber hochdramatisch und wirkt zudem recht bedrohlich, obwohl es musikalisch das ruhigste Stück der Platte ist. Man wartet bis zum Ende auf einen Ausbruch, der aber nicht kommt. Die Ruhe nach dem Sturm. 

Wie gesagt, die Hitdichte auf diesem Album ist verdammt hoch. Und auch wenn "Stuck", "From The Flame", "The Weight Of Disaster" und mein persönlicher Lieblingssong "Leashes" diesbezüglich noch einmal herausstechen, so kann man LEPROUS attestieren, mit "Malina" die wohl auf Albumdistanz kohärenteste, ausgereifteste und songwritingtechnisch beste Arbeit ihrer bisherigen Karriere vorgelegt zu haben - auch wenn ich "Coal" als mein Lieblingsalbum von ihnen nach wie vor knapp vorne sehe.


Platz 6: MOTORPSYCHO - THE TOWER

01. The Tower (8:41)
02. Bartok Of The Universe (6:07)
03. A.S.F.E. (6:55)
04. Intrepid Explorer (9:50)
05. Stardust (3:34)
06. In Every Dream Home (There's A Dream Of Something Else) (8:23)
07. The Maypole (3:38)
08. A Pacific Sonata (15:38)
09. The Cuckoo (7:19)
10. Ship Of Fools (14:41)

MOTORPSYCHO - ein Name, den ich zwar kannte, mehr aber auch nicht. Dabei ist "The Tower" bereits das sage und schreibe 21. Studioalbum der seit Anfang der Neunziger existierenden Band aus Norwegen. Und es ist ein ziemlicher Brocken. Beinahe anderthalb Stunden Musik verteilen sich auf 2 LPs und die Musik ist ebenso detailreich und bunt wie das sich zu einem Riesenposter entfaltende Cover.

Es fällt mir schwer, für "The Tower" angemessene Worte zu finden. Hier passiert dermaßen viel, dass man es vermutlich auch mit einem zehnseitigen Text nicht umschreiben könnte. Prog. Classic Rock. Metal. Pop. Hippiekram. Jazz. Psychedelic. Postrock. Spacerock. All das passiert auf "The Tower" und es ist eine Platte, die man definitiv gerade zu Beginn nicht bloß nebenbei hören kann. Diese Musik verlangt Beschäftigung und ungeteilte Aufmerksamkeit, zumindest bis sich einem das Album halbwegs erschlossen hat. Das soll nun aber nicht heißen, dass MOTORPSYCHO hier irgendwie verkopft zugange wären. Das genaue Gegenteil ist der Fall: "The Tower" quillt förmlich über vor Spielfreude und tollen Einfällen, das Album klingt eigentlich sehr aus dem Bauch heraus gespielt und überhaupt nicht aus dem Kopf. Aber die schiere Menge an Musik, Stilen und einfach Ideen ist einfach nicht mal so eben nebenbei zu erfassen.

Eigentlich ist es egal, was MOTORPSYCHO auf diesem Album machen: Es ist alles toll und sie scheinen vor allem auch alles zu können. Vor Energie platzende Spacerock-Abfahrten wie "Bartok Of The Universe" und "In Every Dream Home (There's  Dream Of Something Else)" wechseln sich ab mit hippieesken Akustiksongs wie "The Maypole" und "Stardust", die beinahe schon von den Byrds stammen könnten. Einem vor Energie und Spielfreude überschäumenden Lied wie "A.S.F.E.", bei dem man das Grinsen beim besten Willen nicht mehr aus dem Gesicht bekommt, folgt mit "Intrepid Explorer" eine ausufernde Postock-Nummer, bei der sich MOTORPSYCHO scheinbar endlos Zeit lassen, langsam und bedächtig eine Soundwand hochzuziehen, die einen am Ende fast niederwalzt. Ausgiebige Jam-Sessions in den beiden Viertelstündern "A Pacific Sonata" und "Ship Of Fools" lassen durchaus auch eine Vorliebe für Jazz erkennen und im Falle von "A Pacific Sonata" kann sich das dann auch manchmal etwas ziehen. 

Wie gesagt, es ist schwer, "The Tower" mit Worten auch nur halbwegs gerecht zu werden. Man muss es wohl hören. Ich könnte mir vorstellen, dass Musiker (ich bin keiner) an diesem Album noch deutlich mehr Spaß haben als Leute, die nicht selber in einer Band spielen oder zumindest ein Instrument bedienen können. Man braucht sicherlich etwas Geduld, aber ich kann mich an wenig Fälle erinnern, in denen das so belohnt wurde wie bei dieser Platte von MOTORPSYCHO

"There is a song for everyone. There is a singer for every song" heißt es in "A.S.F.E." - Dem ist wohl nicht mehr hinzuzufügen.


Platz 5: ENSLAVED - E

01. Storm Son (10:53)

02. The River's Mouth (5:12)

03. Sacred Horse (8:12)

04. Axis Of The Worlds (7:49)

05. Feathers Of Eolh (8:05)

06. Hiindsiight (9:32)

07. Djupet [Bonus Track] (7:39)

08. What Else Is There [Bonus Track] (4:43)

Machen wir nach Leprous und Motorpsycho das Trio perfekt: Auch mein Platz 5 stammt aus Norwegen, und zwar von ENSLAVED. Diese Band will ich eigentlich gutfinden, seit ich das erste Mal ein Interview mit ihnen gelesen habe. Die Herren um Sänger Grutle Kjelsson und Gitarrist Ivar Bjørnson wirkten auf mich seit jeher grundsympathisch, hatten immer etwas zu sagen und es war offensichtlich, dass sie sich bei ihrer Musik etwas dachten - allein, ich kam nicht dahinter. Die letzten Alben konnte ich mir zwar allesamt gut anhören, aber wirklich gezündet hat da nie etwas. Das änderte sich 2017 nun also mit "E" - immerhin Album Nummer 14 der Band.

Dabei machen ENSLAVED eigentlich gar nicht so viel anders. Die wichtigste Neuerung dürfte wohl der Einstieg von Håkon Vinje sein, der Herbrand Larsen an den Keyboards und am klaren Gesang ersetzt und dessen Stimme mir deutlich besser gefällt als die seines Vorgängers. Ansonsten gibt es wie gewohnt epischen Viking Metal in teils ausufernden Songs. Mit dem Unterschied, dass ENSLAVED auf "E" das Songwriting entweder deutlich verbessert haben, oder dass es bei mir einfach endlich 'Klick' gemacht hat - ich weiß es nicht. 
Neue Alben der Band habe ich mir aufgrund der eingangs erwähnten Sympathie eigentlich immer angehört und so startete ich auch mehr oder weniger nichts erwartend den ersten Durchlauf von "E" - und wurde schier umgepustet. Was für grandiose Songs, was für eine tolle Atmosphäre, was für eine verdammt mächtige Produktion. Kjellsons herrlich gutturales Knurren und Krächzen (dieses Element mochte ich bei ENSLAVED schon immer) wechselt sich ab mit den tollen, oft eine fast heimelige Atmosphäre schaffenden Klargesangspassagen Vinjes. Die elf Minuten des Openers "Storm Son" vergehen wie im Flug. "The River's Mouth" ist so nahe an einem Megahit, wie man es in diesem Genre überhaupt nur sein kann. Im abwechslungsreichen und höllisch intensiven "Sacred Horse" tun sich Abgründe auf und auf diesem Qualitätslevel geht es weiter bis zum regulären Abschlusstrack "Hiindsiight", der mit seinen geisterhaften Saxophonpassagen für mich sogar das Highlight des gesamten Albums darstellt. Der erste Bonussong "Djupet" fällt qualititativ kaum zum übrigen Material ab, während es sich bei "What Else Is There" um ein Cover der Band Röyskopp handelt. Ebenfalls ein toller Song, aber natürlich schon rein vom Aufbau her nicht mit den eigenen Songs zu vergleichen. 

So oder so - mit "E" haben ENSLAVED mich endlich gekriegt. Eine gute Stunde (die Bonustracks mitgerechnet) musiziert die Band auf höchstem Niveau und agiert unglaublich mitreißend und energiegeladen. Ich hatte damit nicht gerechnet und  umso größer dürfte die Wirkung von "E" daher auf mich sein. Aber auch wenn man diesen Effekt weglässt: Kann man diese Art von Metal toller machen als ENSLAVED es auf dieser Platte tun? Ich wage es stark zu bezweifeln.

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