Jahresrückblick 2017 Part 6 - Die Plätze 4 bis 1

Mit den Top 4 der besten Alben endet mein Jahresrückblick 2017. Auf ein musikalisch großartiges 2018!


Platz 4: WOLVES IN THE THRONE ROOM - THRICE WOVEN

01. Born From The Serpent's Eye (9:36)

02. The Old Ones Are With Us (8:35)

03. Angrboda (10:02)

04. Mother Owl, Father Ocean (2:33)

05. Fires Roar In The Palace Of The Moon (11:29)

Es gibt meiner Meinung nach ja im Metal kaum ein Genre, bei dem die Grenze zwischen absolut großartiger Musik und komplett hanebüchenem Unfug einen derart schmalen Grad darstellt, wie im Black Metal. Und für mich ebenso klar ist, dass das Gros der Bands jenseits dieser Grenze landet. Eine der wenigen Ausnahmen sind die Amerikaner von WOLVES IN THE THRONE ROOM, die 2017 ihr sechstes (zählt man das Ambient-Album "Celestite" mit) Album veröffentlichten und mich einmal mehr auf voller Linie begeistern konnten. Immerhin sechs Jahre sind seit ihrem letzten 'regulären' Album "Celestial Lineage" vergangen, eine Zeit, in der die Band viel getourt ist, sich zwischendurch aber auch mal auflöste. Nun, wie das immer so ist: Sie sind wieder da.

Und mit "Thrice Woven" präsentieren sich die Weaver-Brüder, die sich inzwischen mit Kody Keyworth ein drittes Mitglied fest ins Line-Up geholt haben, dabei so zugänglich wie nie zuvor. Konsequent wird die Linie von "Celestial Lineage" fortgeführt und noch verfeinert.

Das Album ist zum einen sehr gut produziert und daher leichter zu hören als das höhenlastige Gerumpel so mancher Kollegen, aber auch die Songs sind zugänglicher als das früher bei der Band der Fall war. "The Old Ones Are With Us", bei dem WOLVES IN THE THRONE ROOM von Steve von Till (Neurosis) unterstützt werden, ist sogar ein richtiger kleiner Hit. Steve von Till sorgt zunächst mit seiner tiefen Sprechstimme für ordentlich Stimmung, bevor sich ein Midtemposong entspinnt, in dessen Verlauf auch seine tolle, sonore Gesangsstimme zum Einsatz kommt.

Im überragenden Opener "Born From The Serpent's Eye" sowie dem Zwischenstück "Mother Owl, Father Ocean" werden WOLVES IN THE THRONE ROOM zudem von der schwedischen Sängerin und Organistin Anna Von Hausswolff gesanglich unterstützt. Auch sie sorgt durch ihren Beitrag für reichlich Atmosphäre. Die ersten drei Songs sind jeder für sich herausragend, am Stück gehört könnte man ihnen allerdings den Vorwurf machen, dass sie sich vom Aufbau her mit ihren ruhigen Mittelteilen etwas zu sehr ähneln, andererseits: Wen interessiert's, wenn dabei derart hochklassige Musik herauskommt wie hier.

Der mächtig betitelte Schlusssong "Fires Roar In The Palace Of The Moon" fasst am Ende noch einmal die ganze stilistische Bandbreite der Band zusammen, von epischen Slow Motion-Passagen bis hin zur Black Metal-typischen Raserei ist hier alles vertreten. Der Song hätte für mich gerne auch noch etwas länger ausfallen können.

Eine knappe Dreiviertelstunde dauert die Reise, auf die  "Thrice Woven" den Hörer mitnimmt in die Tiefen der nordwestamerikanischen Wälder. Klischee, ich weiß - aber so ist es nunmal. Wie immer ist es WOLVES IN THE THRONE ROOM gelungen, eine eigenartige, oft fast unwirkliche Stimmung zu erzeugen und gerade unterm Kopfhörer schafft es die Band erneut, dass man schon nach kurzer Zeit alles um sich herum vergisst und sich fallen lassen kann in die von ihr erzeugten Klangwelten. Absolut stark und daher für mich das beste Metalalbum des Jahres.


Platz 3: THE MIDNIGHT GHOST TRAIN - CYPRESS AVE.

01. Tonight (3:59)

02. Red Eyed Junkie Queen (4:09)

03. Glenn's Promise (4:23)

04. Bury Me Deep (4:05)

05. The Watcher's Nest (6:43)

06. Break My Love (3:33)

07. Lemon Trees (4:12)

08. The Boogie Down (3:41)

09. Black Wave (5:14)

10. The Echo (5:03)

11. I Can't Let You Go [Bonus Track] (5:55)

Ein schönes Cover springt ins Auge, das Review liest sich interessant, ein kurzes Reinhören verspricht großartiges - so leicht kann es manchmal sein. Dass THE MIDNIGHT GHOST TRAIN mit ihrem Album "Cypress Ave." es am Ende bis auf Platz Drei meiner persönlichen Bestenliste 2017 schaffen würden, hätte ich aber trotzdem anfangs selber nicht gedacht. Doch "Cypress Ave." ist eines jener Alben, die zunächst recht unscheinbar wirken, sich dann aber mit jedem Hören mehr und mehr entfalten und immer besser werden - und zwar bis zum heutigen Tag. 

Die Band kannte ich bis dato nicht einmal namentlich, diese Platte aber habe ich 2017 wirklich ins Herz geschlossen. THE MIDNIGHT GHOST TRAIN spielen eine Musik, die ich am ehesten als Stoner Rock mit Blues-Einflüssen bezeichnen würde. Oder als Bluesrock mit Stoner-Einflüssen - je nach Song. Hervorstechendstes Element ist sicherlich Sänger Steve Moss, der über eine Reibeisenstimme verfügt, die nicht selten an Tom Waits erinnert.

Die eigentlich aus Kansas stammende Band hat "Cypress Ave." der gleichnamigen New Yorker U-Bahn-Station (befindlich in der Bronx) gewidmet. Das betrifft das komplette Artwork, für mich spielen aber auch die Songs des Albums in dieser Gegend, und das ist vermutlich auch die Intention dahinter gewesen. Ohne dass es stilistisch großartige Gemeinsamkeiten gäbe, erinnert mich "Cypress Ave." darum manchmal an Bruce Springsteen und seine Songs über einfache Leute und ihren täglichen Kampf ums Überleben im Alltag. 

Die stilistische Bandbreite reicht von ordentlich walzenden Rocksongs wie "Red Eyed Junkie Queen" oder "Bury Me Deep" bis zu dunklen und traurigen Balladen wie "Black Wave". THE MIDNIGHT GHOST TRAIN geben sich dabei teils sehr nachdenklich ("Lemon Trees"), teils sehr fordernd ("Tonight"). Komplett aus dem Rahmen fällt "The Boogie Down", das musikalisch von Blechbläsern dominiert wird und bei dem Gastrapper Sonny Cheeba von Camp Lo für die Vocals verantwortlich ist. Ebenfalls auffällig ist "Break My Love", das in seiner Gesamtheit dermaßen wie ein Stück von Tom Waits klingt, dass ich hier fast eine Coverversion vermutet hätte - aber es ist wohl einfach nur eine Hommage.

Bei allem großstädtischen Flair ist "Cypress Ave." aber auch gerade in seinen ruhigen Momenten wie "The Watcher's Nest" oder "Black Wave" ein sehr intim und persönliches wirkendes Album. Eine rundherum gelungene Platte und insgesamt für mich wohl die größte Überraschung des Jahres.


Platz 2: MARK LANEGAN BAND - GARGOYLE

01. Death's Head Tattoo (4:21)

02. Nocturne (4:22)

03. Blue Blue Sea (3:24)

04. Beehive (3:49)

05. Sister (5:03)

06. Emperor (3:36)

07. Goodbye To Beauty (3:15)

08. Drunk On Destruction (3:25)

09. First Day Of Winter (3:27)

10. Old Swan (6:30)

Die Kollaborationen mit Isobel Campbell oder Duke Garwood nicht mitgezählt, ist "Gargoyle" bereits das elfte Studioalbum von MARK LANEGAN bzw. der MARK LANEGAN BAND. Es vergeht im Grunde kein Jahr, in dem nicht ein Album erscheint, an dem der Mann irgendwie beteiligt ist. Sein Output ist gewaltig und inzwischen auch relativ unübersichtlich - bei einem aber kann man sich sicher sein: Etwas schlechtes oder auch nur durchschnittliches liefert LANEGAN nie ab. Und so ist das auch mit seinem aktuellen Album "Gargyole", das lange Zeit auch die Pole Position in meinem Poll innehatte.

Erneut präsentiert der Mann auf seinem neuen Album Alternative Rock der Extraklasse, gespickt mit Einflüssen aus Blues und Country. Diesmal geht er etwas direkter zu Werke als zum Beispiel auf dem verträumteren "Phantom Radio" von 2014. Was LANEGAN kann wie im Moment kein Zweiter ist Songs schreiben. Unterstützt wird er dabei von seinen Bandmitgliedern Alain Johannes und Rob Marshall und folgerichtig würde ich hier auch nicht von einem Soloprojekt, sondern von einer richtigen Band sprechen. Gut, es heißt ja auch MARK LANEGAN BAND, immer wieder aber wird das doch sehr auf seine Person reduziert, da er logischerweise die Musik mit seiner Stimme auch dominiert. 

Überhaupt, diese Stimme! Ich wüsste derzeit keine, die mich dermaßen anspricht wie seine. Wie er es (übrigens auch live) schafft, zugleich rau und samtweich zu klingen, fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Seine dunkle, volle Stimme verleiht der Musik diese düstere Note, die ich an seinen Platten so schätze. Das alles wäre aber natürlich ohne die grandiosen Songs nur die Hälfte wert, aber da muss man sich auch bei "Gargoyle" wie schon erwähnt keine Sorgen machen: Zehn Songs, zehn Hits.

Wunderschöne (es gibt dafür wirklich kein anderes Wort) Balladen wie "Goodbye To Beauty" oder "First Day Of Winter" stehen knackigen, auf den Punkt komponierten Songs wie "Beehive" oder "Emperor" gegenüber. Letzteres ist übrigens der größte Hit, der 2017 auf die Menschheit losgelassen wurde. Unterstützt von seinem Freund Josh Homme fackelt LANEGAN in "Emperor" ein Melodienfeuerwerk sondergleichen ab und präsentiert einen Song, der in einer auch nur halbwegs gerechten Welt millionenfach hätte verkauft werden müssen. Das mit Gospeleinflüssen versehene "Blue Blue Sea" überzeugt ebenso wie die beiden ersten Songs "Death's Head Tattoo" und "Nocturne", die recht zügig, aber mit einem gehörigen Wave-Einschlag zu Werke gehen. 

Kein Song fällt ab, wenn man unbedingt etwas zu meckern haben will, dann könnte man höchstens anmerken, dass "Sister" vielleicht einen Ticken zu lang geraten ist. Ansonsten ist das hier alles perfekte Musik, an der es schlicht nichts besser zu machen gibt. Ich hoffe, dass MARK LANEGAN und seine Band noch viele Jahre weiter so kreativ sind wie im Moment. Denn auf diesem Niveau kann und wird seine Musik niemals langweilig werden.


Platz 1: GOLD - OPTIMIST

01. You Too Must Die (5:33)

02. Summer Thunder (4:35)

03. White Noise (5:04)

04. Teenage Lust (5:41)

05. No Shadow (3:26)

06. I Do My Own Stunts (4:33)

07. Be Good (2:07)

08. Come With Me (3:13)

09. Tear (5:16)

"Binge-watching the world collapse / Comfortably sitting there / Hardly paying attention / Remember that you too must die." - Ganz ehrlich, im Grunde hatten GOLD mich schon mit der ersten Strophe des Openers "You Too Must Die" auf ihrer Seite. Was für ein grandioser Text, dargebracht auf fast teilnahmslose Weise von ihrer Sängerin Milena Eva.

Doch von vorne: Eigentlich hatte ich die Niederländer als zweitklassiges Retro-Rock-Projekt abgespeichert, und für das Debüt "Interbellum" kann man das auch durchaus so sehen. "Optimist" allerdings ist ihr inzwischen drittes Album und wenn bestimmte Leute aus dem Freundeskreis eine Platte abfeiern wie geschnitten Brot, dann wird man nun mal hellhörig und vor allem neugierig. Einer jener Freunde war es auch, der kürzlich den Satz "GOLD sind schon irgendwie David Lynch als Tonspur." äußerte und der den Nagel damit tatsächlich exakt auf den Kopf traf. Besser und vor allem treffender kann man "Optimist" eigentlich nicht beschreiben. 

Es geht ja schon beim Cover los (zu sehen ist hier übrigens ein Kinderfoto von Milena Eva), was für ein herrlicher Kontrast zwischen Bild und Titel, so eine Art von Humor kommt mir immer sehr gelegen. Es geht weiter bei der Musik, die sich als sehr eigenständig und mit niemandem wirklich vergleichbar herausstellt. Klar, man hört Einflüsse von Bands wie Killing Joke oder auch Joy Divison, insgesamt aber klingen GOLD wie GOLD und wie niemand sonst. Laute, flächige, oft fast brachiale Gitarrenwände treffen auf "Optimist" auf grandiose Melodien, in der Regel erzeugt durch den Gesang. Die Stimmung auf dem Album ist oft schräg, irgendwie verschroben und tatsächlich erinnert die Musik an Filme wie "Mulholland Drive" oder "Lost Highway"  bzw. sie erzeugt eine ähnliche Atmosphäre und spricht die gleichen Rezeptoren im Gehirn an - zumindest in meinem. Fast gespenstisch wirkt es, wenn zum Beispiel in "Teenage Lust" über tief wabernden Keyboards am Anfang diese Gitarrentöne erklingen. Geisterhaft, unheimlich, irgendwie post-apokalyptisch. Überhaupt ist die Steigerung der Intensität in gerade diesem Song schon wirklich außergewöhnlich.

Andere Lieder wie "Summer Thunder", "White Noise" oder "I Do My Own Stunts" (mein Lieblings-Songtitel 2017) gehen da deutlich direkter, nicht aber weniger intensiv vor.  Textlich geben GOLD ebenfalls Rätsel auf, Texte wie "Tear", "White Noise" oder "Be Good" scheinen Momentaufnahmen oder Szenen aus eigentlich längeren Geschichten zu sein.  Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase entpuppt sich "Optimist" zudem als wahres Hitsammelsurium. Jeder Song enthält Hooklines oder Refrains, die sich recht schnell festbeißen, Ohrwurmmelodien, ohne aber auch nur im Ansatz aufdringlich zu sein. "No Shadow" oder "I Do My Own Stunts" sind hier mit die besten Beispiele.

GOLD lagen lange auf Platz Zwei in meinem Poll, grandios fand ich das Album also sowieso. Es war eine Fahrt zur Arbeit, bei der ich die Platte alleine im Auto und auf stockdunkler Straße hörte, die letztlich die finale Erleuchtung brachte und die am Ende kein anderes Ergebnis zuließ als "Album des Jahres 2017". 

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Kommentare: 2
  • #1

    Thomsen (Dienstag, 23 Januar 2018 21:02)

    Hm, ja. Schon sehr gut alles, Gold fetzen sowieso, allerdings ist auch deren erstes Album formidabel, aber halt eben anders. Gib dem mal 'ne Chance.

  • #2

    Ploppi (Dienstag, 23 Januar 2018 21:05)

    Ich kenn die ja. Ist sicher gut, aber das Zeug der anderen beiden Alben liegt mir deutlich mehr.