Steven Wilson / Donna Zed: Live in Essen

Ich gebe zu, ich habe mich ja eigentlich geweigert. Als der Vorverkauf für die "To The Bone"-Tournee von STEVEN WILSON vor einigen Monaten startete, habe ich das trotz des eiligst anberaumtem Zusatz-Zweitkonzertes in Essen, also quasi vor der Haustür, geflissentlich ignoriert. Grund war der Eintrittspreis von rund 60 Euro, den ich einfach nicht zu zahlen bereit war. Kurzfristig fiel dann bei einem Freund jemand aus und es wurde eine Karte frei - und dann konnte ich dann doch nicht anders und gab der Versuchung nach.

Zu gut waren mir die letzten Tourneen WILSONs und natürlich auch die mit seiner Exband Porcupine Tree in Erinnerung - also hin da, irgendwie lebt man ja dann doch nur einmal und kann sich auf diese Weise so manches schönreden. Ort des Ganzen war das Colosseum Theater in Essen, hier finden wohl normalerweise Musicals statt. Dementsprechend edel ist der Laden: Das Foyer mit Teppichen ausgelegt, es gibt eine Bar, Platzanweiser in weißen Hemden und natürlich ist das Auditorium bestuhlt - im Sinne von mit rotem Plüsch gepolsterten Sesseln. Ganz schön luxuriös und ganz schön wenig Rock. Um 20 Uhr sollte es losgehen.

Was niemand so wirklich zu wissen schien und was meiner Meinung nach auch vorab nirgends angekündigt wurde, war die Tatsache, dass es einen Opening Act gab. Und so betrat gegen 19:15 Uhr eine junge Dame namens DONNA ZED die Bühne - und fand sich vielleicht 50 Nasen gegenüber, die sich bereits in der Halle befanden. Der Rest der Leute war noch gar nicht drin (die Türen waren erst um 19:00 Uhr geöffnet worden), befand sich noch im Foyer und wusste mit Sicherheit zum Großteil auch gar nicht bescheid.

DONNA ZED bestritt einen Solo-Gig, hatte lediglich ein Keyboard zur Verfügung und gab vier oder fünf Lieder zum besten. Langsam füllte sich auch die Halle, so dass es mit jedem Lied etwas weniger peinlich und mitleiderregend für die arme Frau wurde. DONNA ZED kann übrigens richtig toll singen und ebenso toll Klavier spielen. Die ein oder andere Melodie blieb auch hängen, so richtig fest setzte sich aber nichts. Macht nichts, denn sie schlug sich sehr beachtlich für die doch etwas unglückliche Situation und war zudem in ihrer schüchternen Bescheidenheit überaus sympathisch. Nächstes Mal wäre es aber dann doch durchaus sinnvoll, wenn man vorher bescheid wüsste, dass vor dem Hauptact noch jemand spielt. 

Während der Umbaupause wurde ein durchsichtiger Vorhang vor der Bühne gespannt, ein Effekt, mit dem STEVEN WLSON ja schon öfters gearbeitet hat. Eingeläutet wurde das Konzert mit einem kurzen Film, der auf ebenjenen Vorhang projiziert wurde - eine Abfolge von Fotos, kombiniert mit verschiedenen Begriffen wie "Truth", "Love", "Religion", "Lie", "Fake", Compassion" und so weiter - hierbei wurden die Bilder dann mit den Begriffen immer wieder neu kombiniert. Wohl ein Hinweis darauf, dass "Wahrheit" je nach Blickwinkel sehr verschiedene Dinge bedeuten kann.

Umso eigenartiger war dann die Wahl des ersten Songs - statt "To The Bone", dessen Spoken Word-Intro ja immerhin genau diesen Sachverhalt thematisiert, startete man mit "Nowhere Now" - eigenartig. Es folgte sogleich das erste Highlight: Für mich überraschend früh im Set wurde anschließend "Pariah" gespielt, der große Hit von "To The Bone". Die Gesangspassagen von Ninet Tayeb wurden vom Band eingespielt, während man ihr Gesicht dazu überlebensgroß auf dem Vorhang sah. Speziell der Ausbruch gegen Ende sorgte für eine erste, sehr dicke Gänsehaut und die ersten rollenden Tränen bei mir - und ich merkte: Jetzt hat WILSON mich - es ist schlicht nicht möglich, sich der Großartigkeit dieses Moments zu entziehen, live noch deutlich weniger als auf Platte.

Der Vorhang wurde weggezogen und das recht poppig begonnene Konzert nahm nun eine deutlich Wendung: "Home Invasion" und "Regret #9" vom Vorgängeralbum "Hand. Cannot. Erase.", gefolgt vom Porcupine Tree-Song "The Creator Has A Mastertape" wurden -in Ermangelung eines passenderen Begriffs- regelrecht ins Auditorium geballert. Ein extrem druckvoller und wuchtiger aber auch lupenreiner Klang tat da sein Übriges - es ist faszinierend, wie toll Rockkonzerte klingen können, wenn man neben vernünftigen Musikern auf der Bühne auch jemanden am Mischpult hat, der seinen Beruf gelernt hat. Es war tatsächlich unfassbar heavy und wurde etwas später im Instrumentalteil von "Ancestral" sogar noch einmal gesteigert. WILSON und seine inklusive ihm fünfköpfige Band erzeugten einen Druck, von dem die meisten Metalbands nur träumen können. Mal abgesehen von "Refuge", das aber auch um einiges intensiver und fordernder dargebracht wurde als das auf dem Album der Fall ist, war der erste Teil des Gigs nach "Pariah" also erstaunlich lärmig und unerwartet heavy. 

Nach ca. einer Stunde Spielzeit kündigte STEVEN WILSON eine 20-minütige Pause an. Zeit, um das bisher gesehene erst einmal sacken zu lassen - Fünf unglaublich gute Musiker (wobei Schlagzeuger Craig Blundell hier noch einmal herausragte, Wahnsinn, ist der gut!), eine sehr stimmige Lichtshow, immer wieder Videosequenzen auf der großen Leinwand hinter der Band - doch, hier wurde schon einiges geboten. Optisches Highlight außerdem wieder Keyboarder Adam Holzman, der in seiner stoischen Gelassenheit und scheinbar völligen Teilnahmslosigkeit immer wirkt, als spiele er gerade kein Rockkonzert, sondern mache sich eine Tasse Tee. Herrlich.

Der zweite Teil des Konzerts begann mit der einer unfassbaren Version von "Arriving Somewhere But Not Here", für mich einer der besten Porcupine Tree-Songs überhaupt. Dann hielt WILSON eine längere, sehr sympathische  Ansprache zum Thema Popmusik, über die Zeit als "Pop" noch kein Schimpfwort war (Abba, Prince, Depeche Mode...), über seine Ambitionen auch einmal einen guten Popsong schreiben zu wollen und über die Dummheit, sich als Musiker und/oder Zuhörer selbst so zu limitieren, dass man bestimmte Stile von vorneherein ausschließt. Recht hat er und so wurde das folgende "Permanating", zu dem die Zuschauer aufstehen sollten, auch angemessen abgefeiert.  Es folgte ein Potpourri aus neuen Songs, Liedern vorangegangener Veröffentlichungen und natürlich diversen Porcupine Tree-Stücken. 

Erfreulicherweise gab es nach "The Creator Has A Mastertape" mit "Heartattack In A Layby" (geniale dreistimmige Performance, der nächste Konzerthöhepunkt) einen weiteren Song von "In Absentia", den ich absolut nicht erwartet hätte. Auf Nummer Sicher ging STEVEN WILSON allenfalls mit dem wieder einmal herzzerreißend schön dargebrachten "Lazarus". 

Der Vorhang kam noch diverse Male zum Einsatz und die Projektionen waren zum Teil richtig gut. Insbesondere die überlebensgroße, aus Licht bestehende Tänzerin, die sich zu "Song Of I" über und vor der Band bewegte, war sehr stimmungsvoll und einfach super gemacht. Auch die etwas gespenstisch wirkenden Projektionen zu "Vermillioncore" waren eine geniale Ergänzung zu dem ebenfalls bretthart dargebrachten Stück. Auf der Leinwand hinter der Band waren zudem auch immer wieder die Songs unterstützende Filme zu sehen, die mal mehr ("Arriving Somewhere But Not Here", "People Who Eat Darkness"), mal weniger ("The Same Asylum As Before") gut gelungen waren.

Zur Zugabe betrat STEVEN WILSON alleine die Bühne und nach einem Exkurs über die Fender Telecaster, bei dem er herrlich nerdig über die Vorzüge dieser Gitarre referierte, spielte er ohne weitere Begleitung eine sehr reduzierte Version des Porcupine Tree-Klassikers "Even Less". Als letzten Song gab es dann das schlichtweg wieder nicht zu fassen berührende und wunderschöne "The Raven That Refused To Sing", natürlich auch wieder inklusive des Videoclips, der ja alleine schon so traurig ist, dass man ununterbrochen heulen möchte. Zusammen aber mit dieser Version war das Stück dann nach "Pariah" ganz zu Beginn der emotionale Höhepunkt des Konzerts.

Leider war das Essener Publikum recht reserviert und ging wenig aus sich heraus, was WILSON auch kurz vor Konzertende anmerkte, es aber gentlemanlike darauf schob, dass man eben besonders konzentriert zugehört hätte. Überrascht war ich dann, dass der zweite Teil des Konzertes tatsächlich anderthalb Stunden gedauert hatte. Das kam mir deutlich kürzer vor, was wohl am besten zeigt, wie gut diese Band ist. Zweieinhalb Stunden auf diesem Niveau abliefern, das muss man auch erst einmal schaffen. Und so fuhr ich nach diesem großartigen Konzertabend glücklich nach Hause und die 60 Euro waren mir dann auch egal.

 

Ganz herzlich möchte ich mich bei Andre Wilms für die Zurverfügungstellung des Fotos bedanken . Auf seiner Homepage findet Ihr Fotos von vielen weiteren Konzerten und auch zu weiteren Themengebieten.

 

Setlist STEVEN WILSON:

 

- Nowhere Now

- Pariah

- Home Invasion

- Regret #9

- The Creator Has A Mastertape

- Refuge

- People Who Eat Darkness

- Ancestral

(PAUSE)

- Arriving Somewhere But Not Here

- Permanating

- Song Of I

- Lazarus

- Detonation

- The Same Asylum As Before

- Heartattack In A Layby

- Vermillioncore

- Sleep Together

-------

- Even Less

- The Raven That Refused To Sing

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Markus (Dienstag, 13 März 2018 11:20)

    Tolle Konzertreview!
    Ich kann alles so unterschreiben... Es war wirklich ein unfassbar tolles Konzert! Ich bin mit sehr hohen Erwartungen hingegangen und die wurden noch übertroffen! Vielleicht einziges Manko: Von Donna Zed Auftritt habe ich mangels Bekanntmachung überhaupt nichts mitbekommen...