Arena - 20 Jahre "The Visitor" & Live in Essen

Wieder einmal ist auf dieser Seite viel zu lange nichts passiert. Und ich würde Besserung geloben, wenn ich wüsste, dass ich mich dann auch auf jeden Fall daran hielte. Aber wer weiß das schon - nichtsdestotrotz: 2018 markiert das 20jährige Jubiläum des ARENA-Meisterwerks "The Visitor". Anlässlich dessen und natürlich auch zur Vorstellung des neuen Albums "Double Vision" befindet sich die Band derzeit auf Tournee und machte gestern in der Zeche Carl zu Essen Station. 

Anlass genug, sich hier mal wieder zu Wort zu melden. Doch bevor ich zum Konzert komme, möchte ich mich erstmal zu ebenjenem Album "The Visitor" äußern, das mich seit eben nunmehr 20 Jahren begleitet. 

Es begab sich irgendwann im Jahre 1998, als ich auf einer CD-Beilage des Rock Hard den ARENA-Track "A Crack In The Ice" hörte. Die Band war mir dato überhaupt kein Begriff, und ich hatte noch nie von ihr gehört. Aber dieser Song gefiel mir auf Anhieb. Aus mir unbekannten Gründen vergaß ich das Ganze dann aber erstmal wieder und erst einige Monate später fiel mir völlig ohne weiteren Hintergrund oder Sinn dieses Lied wieder ein. Flugs die erwähnte Magazinbeilage noch einmal rausgesucht und "A Crack In The Ice" war noch nicht zu Ende, da war ich auf dem Weg in die Stadt, um mir im Plattenladen meines Vertrauens - so etwas gab es damals tatsächlich - "The Visitor" zu besorgen.

Es war bereits beim ersten Hören klar, dass das hier nicht einfach irgendein Album war, sondern etwas ganz besonderes.

Die Musik war eingängig, aber komplex. Die Stimme war der Wahnsinn. Der Gitarrist erinnerte mich immer wieder an David Gilmour. Der Klang dieses Albums war mit 'überragend' nicht ansatzweise angemessen beschrieben. Das Cover-Artwork zog mich sofort in seinen Bann (Hugh Syme eben...). Das Artwork des Booklets war merkwürdig, aber schön. Die Texte schienen über jede Menge Tiefgang zu verfügen. Und das Album floss wie aus einem Guss dahin, Pausen gab es fast keine, alles schien irgendwie zusammenzugehören und mehr ein einziger, gewaltiger Song zu sein. Und die Melodien - unfassbar, durch die Bank. Kurz gesagt: Es war wie für mich geschrieben, aufgenommen und veröffentlicht worden. Genau meine Welt.

Ab sofort war ich Fan. Da "The Visitor" erst das dritte Album von ARENA war, war es nicht allzu schwierig, den Backkatalog heranzuschaffen ("Songs From The Lion's Cage" und "Pride" - zwei bis heute sehr gute Alben, aber der qualitative Sprung zum Drittwerk ist tatsächlich exorbitant).

"The Visitor" ist ein Album, das ich seit seinem Erscheinen regelmäßig gehört habe - bis heute. Es gab keine Phase, in der ich einmal keine Lust auf das Album hatte - diese Platte geht immer und überall und ich schätze, dass ich sie bis heute ohne weiteres 200 mal gehört haben dürfte, vielleicht öfter. Es ist eines meiner absoluten Lieblingsalben und mit Sicherheit in meiner ewigen Top 10 vertreten. 

Die Geschichte um eine Person, die auf einem zugefrorenen See ins Eis einbricht und in der Folge um ihr Leben kämpft, hat mich von Anfang an gepackt. Da alleine das Einbrechen als Handlung natürlich etwas dünn wäre, bekommt der Protagonist im Verlauf der Geschichte Besuch von der geheimnisvollen Figur des Visitors - von dem unklar bleibt, wer das ist, ob es ihn wirklich gibt und was seine Intentionen sind. In den Gestalten eines Priesters, eines Banditen, eines Vampirs und eines Clowns bzw. Hofnarrs nähert sich der Visitor immer wieder dem Sterbenden und interagiert mit ihm, versucht ihn zu beeinflussen, gibt ihm Ratschläge, bedroht ihn oder versucht ihm zu helfen. Dabei geht es textlich durchaus auch philosophisch in die Tiefe und ganz durchschaut habe ich den textlichen Inhalt nie - was aber auch gar nicht die Intention der Band ist.

Soweit zum Inhaltlichen - musikalisch ist "The Visitor" eines jener Alben, die alle Superlative sprengen und die punktgenau meinen Nerv treffen - und das seit 20 Jahren. Das alleine ist schon bemerkenswert, denn mein Geschmack hat sich seitdem natürlich stets auch weiterentwickelt und verändert, aber es gibt diese Alben, die einfach Konstanten sind - und dieses gehört dazu und wird es auch bis in alle Ewigkeit - das weiß ich einfach.

ARENA, die sich auf ihren ersten beiden Alben noch recht deutlich an den frühen Marillion orientierten, schwammen sich hier frei. Sie wurden eingängiger, gleichzeitig aber auch komplexer, entwickelten mehr Tiefgang. Sie wurden ein gutes Stück härter, gleichzeitig aber noch melodischer. Eigentlich kann man sagen, dass sie sich in jede Richtung zugleich entwickelten und schlicht und einfach größer wurden.

Gitarrist John Mitchell war damals noch recht neu in der Band und brachte ARENA mit seinem Spiel auf ein völlig neues Level. Seine elegischen Soli in Songs wie "The Hanging Tree", "A Crack In The Ice", "Tears In The Rain", "Elea" oder "The Visitor" sind mit das deutlichste Markenzeichen des Albums.  Ich habe ihn, soweit ich mich erinnere, nie über seine Einflüsse reden hören, aber dass Gitarristen wie Steve Rothery oder David Gilmour ihn beeinflusst haben dürften, ist offensichtlich. Sein Spiel auf diesem Album treibt mir bis heute die Tränen in die Augen, weil es so gut ist - auch, wenn er sich mein Lieblingssolo sogar bis zum Nachfolgealbum "Immortal?" und dem Song "Moviedrome" aufsparte. Ansonsten ist vor allem der Klang des Albums hervorzuheben. Produziert von Simon Hanhart und ARENA-Keyboarder Clive Nolan klingt "The Visitor" schlicht bis ins letzte Detail perfekt. Glasklar, wuchtig, dynamisch, zeitlos. Eine Platte, die auf jeder Anlage super klingt und selbst auf billigen Kopfhörern oder den Schrott-Lautsprechern im Auto noch jede Menge Spaß macht. 

Zum Geburtstag spendierte die Band ihrem Opus Magnum einen remasterten Rerelease auf CD und erstmals auch auf Vinyl. Der CD liegt eine Bonus-CD bei, die Akustik- und Liveversionen sowie Demos zum Album enthält - nichts, was man als Besitzer der Fanclub-CDs nicht schon kennen würde, aber für alle anderen sicher eine nette Dreingabe. Ja, ARENA sind die einzige Band, bei der ich seinerzeit sogar dem Fanclub beitrat, so toll fand ich die. Regelmäßig gab es hier CDs mit Bonuskram, Live-Aufnahmen und Sachen speziell für die Mitglieder - leider gibt es "The Cage", so hieß der Fanclub, aber inzwischen nicht mehr, bzw. nur noch digital.

An der neuen CD gibt es nichts zu meckern, das Vinyl, auf das ich mich natürlich ganz besonders gefreut hatte, enttäuscht leider aber klangtechnisch. Oft scheint die Platte zu leiern, und klingt hier und da auch übersteuert - hier wurde leider die Chance vertan, "The Visitor" eine richtig großartige Vinylversion zu spendieren. Optisch und von der Aufmachung her ist alles im tiefgrünen Bereich, und das von allen damaligen Mitgliedern (drei von fünf sind bis heute dabei)  unterschriebene Poster ist natürlich eine coole Sache,aber beim Klang muss irgendetwas schief gelaufen sein. Schade.

 

Nun aber zum Konzert!

Wie gesagt befinden sich ARENA derzeit auf Tournee, um einerseits erstmals seit der Originaltour (auf der ich Idiot nicht war) "The Visitor" in voller Länge zu spielen und andererseits ihr neues Album "Double Vision" vorzustellen.

Es ist fast schon eine lieb gewonnene Tradition: ARENA kommen mit einem neuen Album auf Tour, das Album erscheint eigentlich erst in ein paar Wochen, man kann es aber beim Konzert schon kaufen und hört dort erstmals auch die neuen Lieder. 

Ich mag diese Vorgehensweise und die Band wohl auch, sonst würde sie es nicht zum dritten Mal in Folge so handhaben.

Los ging das Konzert mit einer Komplettdarbietung von "The Visitor". Jetzt bin ich nicht unbedingt der größte Fan dieser History-"Band X spielt Album Y am Stück"-Klamotten, die ja seit einigen Jahren schwer in Mode sind. Aber hier muss ich von meiner üblichen Meinung abweichen. Dieses Album am Stück live zu hören, das war schon einfach richtig großartig. 

Nun spielen ARENA bis heute auch auf ihren regulären Tourneen immer viel von "The Visitor", aber bestimmte Songs wie zum Beispiel "Running From Damascus" hatte ich tatsächlich noch nie live gehört. Und es wirkt logischerweise am Stück dann auch einfach nochmal ganz anders.

Die Platte geht etwas über eine Stunde und dementsprechend lang war auch dieser Teil des Konzertes - logisch. Es kam mir aber deutlich kürzer vor. Ehe ich mich versah, war man schon bei "(Don't Forget To) Breathe" angelangt und gefühlt nochmal zehn Minuten später verlor sich John Mitchell bereits im abschließenden Über-Solo des Titelsongs. Dass das Ganze derart kurzweilig ausfallen würde, hätte ich nicht gedacht. Gut, nun hat "The Visitor" schlicht auch keinen Schwachpunkt und es gibt keinen Song, bei dem man wartet, dass er vorbei ist und wieder ein Hit kommt. Dennoch: Man weiß ja immer, was als nächstes passiert, wirklich spannend ist das also nicht. Trotzdem machte es unendlich viel Spaß, und Sänger Paul Manzi reichte seinem Vor-Vorgänger Paul Wrightson klar zur Ehre. Der "neue" Mann (er ist inzwischen auch schon seit drei Alben dabei) am ARENA-Mikrofon muss sich jedenfalls zu keinem Zeitpunkt vor dem Sänger der Originale verstecken, im Gegenteil. 

Nach dem ersten Teil des Konzerts machte Clive Nolan eine längere Ansage und erwähnte auch, dass man heute Abend auch einige neue Songs spielen würde und dass man das neue Album am Merchandise-Stand erwerben könne. Er bat darum, es aber bitte nicht ins Internet hochzuladen. "We made it for you, not for everyone". Das wurde mit reichlich Applaus bedacht - ich hoffe, die Leute halten sich tatsächlich daran. 

Neben zwei neuen Liedern gab es dann noch zwei von "Songs From The Lion's Cage" und je einen von "Pride", "Contagion" und "The Seventh Degree Of Separation". Highlight waren hier für mich der Debüt-Viertelstünder "Solomon" und die erste Zugabe "Ascension", pure und reine Erhabenheit und Epik. Gerne hätten es im zweiten Teil auch noch ein, zwei Songs mehr sein dürfen, die zwei Stunden Spielzeit vergingen tatsächlich wie im Fluge, und das trotz der komplett unmenschlichen Temperaturen in der Zeche Carl, bei denen man schon vom rumstehen dehydrierte und mit dem Nachkippen von Flüssigkeit kaum hinterher kam. Von der weitgehend sauerstofffreien Luft fange ich ja gar nicht erst an. Egal!

Mit "Crying For Help VII", wie üblich umfunktioniert zur Mitsing-Hymne, die in einer gerechten Welt Fußballstadien füllen müsste, endete das Konzert dann und mit einem fetten Grinsen im Gesicht fuhr man schweißgebadet nach Hause. 

Dort wurde "Double Vision", das neue Album natürlich noch einem ersten Hörtest unterzogen. Dazu dann aber später mehr - spätestens im Jahresrückblick. Mit dem über 20minütigen "The Legend Of Elijah Shade" gibt es aber einen Song, der an "The Visitor" textlich und teils auch musikalisch anknüpft und laut Clive Nolan offene Fragen zum Inhalt klären soll - während er aber (natürlich) genau so viele neue Fragen aufwirft. Ich bin gespannt und freu mich drauf.

(Bild-Quelle: Clive Nolans Twitter-Seite, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers - thanks!)

 

Setlist ARENA:

 

- A Crack In The Ice

- Pins And Needles

- Double Vision

- Elea

- The Hanging Tree

- A State Of Grace

- Blood Red Room

- In The Blink Of An Eye

- (Don't Forget To) Breathe

- Serenity

- Tears In The Rain

- Enemy Without

- Running From Damascus

- The Visitor

- Poisoned

- Jericho

- The Mirror Lies

- The Tinder Box

- Solomon

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- Ascension

- Crying For Help VII

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