Neurosis / Deafkids: Live in Bochum

NEUROSIS sind eine Band, die man im Gegensatz zu vielen anderen nicht alle zwei Wochen an jeder Milchkanne sehen kann. Und wenn sie dann tatsächlich einmal quasi vor der eigenen Haustür spielen, ist ein Besuch des Konzertes natürlich Pflicht.

Ihre letzten beiden Alben waren gute Platten, die aber letztlich nur das eigene Erbe verwalteten. Doch live sind NEUROSIS immer noch eine absolute Bank, was sie in der Bochumer Zeche einmal mehr unter Beweis stellten.

Doch von vorn:

Los ging es pünktlich um 20 Uhr mit der mir bis dato unbekannten Band DEAFKIDS, drei offenbar noch recht junge Typen, die einen infernalischen Lärm erzeugten. Die Songs waren monoton, laut und im Grunde ein einziger Orkan. Während der Bassist stoisch seinen Kram herunterspielte, prügelte der dabei vollkommen entspannt und beinahe gelangweilt aussehende Drummer auf seinem Kit alles zu Staub. Der Dritte im Bunde spielte Gitarre und bediente das Mikrofon, wobei man hier nicht von Gesang sprechen kann. Unterstützt von unendlich viel Hall brüllte der Mann ab und an ins Mikro, der Schrei wurde dann gesampelt und mit jeder Menge Verfremdungseffekten als Loop in die Soundwand geschleudert. Gleiches galt für die Gitarre, auch hier regierten Hall, Echo und Verfremdung, auch wenn sich ab und an mal ein klassisches Punk- oder Thrash-Riff aus dem Nebel emporhob.

Der Gig war sehr intensiv und durchaus beeindruckend, auf Dauer aber auch etwas gleichförmig. Sollte ich einen Vergleich ziehen, so würde ich sagen, DEAFKIDS klangen in etwa wie Ministry, die beim Spielen ein sehr langes Treppenhaus hinunterfallen und, unten angekommen, erstmal von einer Lastwagenkolonne überrollt werden. Infernalisch. Durchaus interessant, aber auch anstrengend. Nach etwa 40 Minuten war der Spuk dann vorbei.

Umbaupause und Soundcheck liefen erfreulich effizient. Zumindest Steve von Till (Gitarre, Vocals), Dave Edwardson (Bass) und Noah Landis (Keyboards, Effekte) waren beim Soundcheck auch selber zugegen und legten Hand an.

Gegen 21 Uhr ging dann das Licht aus und der Gig der Hauptband begann. Vollkommen unspektakulär, ohne Intro oder sonstigen Firlefanz, betraten die fünf Herren die Bühne, Schlagzeuger Jason Roeder zählte kurz an, und los ging es mit „Given to the Rising“. Von Beginn an waren NEUROSIS verdammt tight und man merkte ihnen an, wie lange sie bereits zusammen Musik machen. Diese Band läuft wie eine Maschine, präzise und mit einer unfassbaren Wucht, die einen schier sprachlos macht. Was für eine Wand.

Früher war es bei der Band ja üblich, dass die Show auch eine visuelle Komponente hatte und auf großen Leinwänden die Musik unterstützende Videos und Animationen liefen. Josh Graham, der dafür verantwortlich war, ist allerdings nicht mehr dabei, und so gibt es nun quasi "nur" noch die Musik.

NEUROSIS aufs Wesentliche reduziert. 

Und obwohl das früher natürlich sehr beeindruckend war – groß gefehlt hat es mir bei diesem Konzert wiederum auch nicht, die Musik funktioniert eben auch so und man hatte etwas mehr Gelegenheit, sich auf die einzelnen Musiker zu konzentrieren und diesen zuzuschauen.

Besonders Keyboarder Noah Landis ist dabei immer ein Garant für gute Laune – ich habe noch keinen Keyboarder gesehen, der mit mehr Körpereinsatz spielt. Es scheint, als würde er mit seinen Instrumenten und Effektgeräten kämpfen, er wirft sich richtig in sein Equipment hinein und hämmert mit den Fäusten auf irgendwelche Knöpfe und Schalter ein, die dann entsprechende Töne und Soundeffekte erzeugen. Es macht wirklich Spaß, ihm dabei zuzusehen. Er wirkt stets so, als müsse er sich beherrschen, seine Instrumente nicht einfach ins Publikum zu werfen oder auf dem Bühnenboden zu zertrümmern.

Scott Kelly (Vocals, Gitarre) und Dave Edwardson geben ebenfalls alles, wirken wie zwei wütende Hooligans, mit denen man lieber keinen Streit haben möchte, und brüllen sich die Seele aus dem Leib. Und Steve von Till steht mit seiner Gitarre am Mikro und wirkt einfach nur unendlich cool und in sich ruhend, obwohl er sich natürlich mit Scott Kelly den Gesang teilt und ebenso angefressen herumbrüllt wie dieser.

Währenddessen trommelt Jason Roeder im Hintergrund alles zu Klump und legt das Fundament unter die ganze Sache. Zusammen wirken NEUROSIS dann einfach nur beeindruckend. Wie sie es hinbekommen, ihre Musik lebendig wirken zu lassen, da kann man nur den Hut ziehen. Denn trotz aller Präzision klingt das Ganze organisch, lebendig, Songs wie riesige, wilde Biester, die nur schwer im Zaum zu halten sind.

 

Die Setlist war recht ausgewogen und beinhaltete neben neuen Songs auch Klassiker wie „Burn“, „End of the Harvest“ oder „An Offering“. Und man muss sagen, dass die aktuellen Songs live genau so eine Wirkung entfalten wie das alte Material. Hier ist tatsächlich keinerlei Qualitätsabfall zu erkennen. Während ich mich bei den Studioalben meist auf jene aus den neunziger Jahren beschränke – live funktionieren die neuen Sachen ebenso gut wie die alten.

 

Wie bei NEUROSIS üblich, gab es keinerlei Ansagen und auch keine Pausen. Zwischen den eigentlichen Songs liefen stets kurze Passagen mit ruhigen Ambientsachen oder Soundeffekten, bevor es dann mit dem nächsten Lied weiterging, 90 Minuten Musik ohne jede Pause. Das steigerte die ohnehin höllische Intensität noch einmal ein Stückchen weiter.

Zum letzten Song wurden dann zwei zusätzliche Ständer mit jeweils zwei Toms auf die Bühne gebracht, und da wusste man natürlich, jetzt kommt „Through Silver in Blood“, für viele (auch für mich) wohl der beste Song dieser Band überhaupt. Bei aller Wucht und Gewalt, die NEUROSIS bis hierhin erzeugt hatten, hatten sie aber dabei trotzdem immer noch kontrolliert gewirkt. Doch bei „Through Silver in Blood“ brachen alle Dämme und es wurde noch einmal eine Schippe draufgelegt.

Noah Landis legte sich derart in seine Keyboardständer und kloppte darauf herum, dass man befürchten musste, diese jeden Moment zusammenbrechen zu sehen. Scott Kelly schrie sich die Seele endgültig aus dem Leib und selbst Steve von Till fing langsam an, wütend zu werden.

Zum Finale des Songs schnappten sich von Till und Kelly dann jeweils ein paar Drumsticks und begannen, auf die erwähnten Zusatztrommeln einzudreschen, während die regulären Drums natürlich weitergespielt wurden. Komplette Zerstörung, dieses Drum-Outro ist schlichtweg der Gipfel der Allmacht und eine körperliche Grenzerfahrung für den Zuschauer.

Und nachdem der Song alles zerstört hatte, legte die Band ihre Instrumente weg, ging ohne weiteres Gehampel einfach von der Bühne und kam auch nicht mehr wieder. Kein „Thank you“, kein „Goodbye“, kein Winken, kein Nichts.

NEUROSIS legen in den zehn oder zwölf Minuten von „Through Silver in Blood“ wirklich alles in Schutt und Asche und gehen dann einfach von der Bühne, als sei nichts gewesen und man hätte sich gerade vielleicht maximal einen Kaffee aufgesetzt, während das völlig fertige Publikum verschwitzt und glücklich dasteht und wieder einmal nicht fassen kann, diesen Orkan gerade überhaupt überlebt zu haben. Cooler geht es nicht.

Erwartungsgemäß war dann auch tatsächlich Schluss, Zugaben gibt es bei NEUROSIS glaube ich prinzipiell nicht. Warum auch? Es hätte nichts mehr kommen können. Den Merchandise-Stand mit wie immer sehr stilvollem und einfach schönem Zeug hätte ich am liebsten leergekauft, beschränkte mich dann aber auf ein T-Shirt.

 Ein NEUROSIS-Konzert ist ein Erlebnis, das man als Musikfan einmal im Leben gemacht haben sollte. Es klingt klischeehaft, aber man fühlt sich danach einfach besser, die Band hat irgendwie eine kathartische Wirkung und hämmert alles aus einem raus, was man nicht gebrauchen kann. Mehr kann man von Musik eigentlich nicht erwarten.

Setlist NEUROSIS:

  • Given to the Rising
  • Bending Light
  • End of the Harvest
  • A Shadow Memory
  • The Last You’ll Know
  • Burn
  • An Offering
  • Reach
  • Through Silver in Blood

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