Jahresrückblick 2017 - Ein kleiner Nachtrag

Etwas mehr als die Hälfte des Jahres ist mittlerweile vorbei. Zeit, einen kleinen Blick zurückzuwerfen auf drei Alben aus dem letzten Jahr, die mir 2017 aus irgendwelchen Gründen durch die Lappen gegangen sind, die aber  dennoch hier erwähnt werden sollen. Aus heutiger Sicht hätten es alle drei Alben in meine Top 20 des letzten Jahres schaffen müssen - nun, hinterher ist man ja immer schlauer.

1. GREG GRAFFIN - MILLPORT

01. Backroads of My Mind (3:53)

02. Too Many Virtues (3:04)

03. Lincoln's Funeral Train (3:44)

04. Millport (3:19)

05. Time of Need (3:33)

06. Making Time (3:24)

07. Shotgun (2:38)

08. Echo on the Hill (2:30)

09. Sawmill (2:12)

10. Wax Wings (3:27)

Was kommt dabei heraus, wenn der Sänger einer Punkrock-Legende (Greg Graffin, Bad Religion), sich mit den Musikern einer anderen Punkrock-Legende (Johnny Wickersham, Brent Harding und David Hidalgo Jr., alle Social Distortion) umgibt und eine Platte aufnimmt? Richtig: kein Punkrock-Album.

"Millport" ist nach 1997 und 2006 bereits der dritte Soloausflug von GREG GRAFFIN, wobei mir die ersten beiden Alben nicht bekannt sind. Auf seinem Drittwerk zelebrieren GRAFFIN und seine noch um diverse Gastmusiker verstärkte Hintermannschaft herrlich oldschoolige Countrymusik inklusive Slide Guitar, Hammondorgel und viel Western-Atmosphäre. Dabei klingen Social Distortion durchaus hier und da mal durch, insgesamt ist "Millport" aber eben deutlich weniger rockig und dafür viel entspannter als die jeweiligen Hauptbands. Der Ohrwurmfaktor ist allerdings ähnlich hoch wie bei Bad Religion.

Oft nimmt GRAFFIN das Tempo raus und klingt wunderbar laid back und einfach saucool ("Lincoln's Funeral Train"). Er wirkt dabei genauso überzeugend, wie er es auch seit über 30 Jahren bei Bad Religion in seiner Rolle als Punk mit Message tut. 

Textlich fällt "Millport" natürlich  weniger politisch aus, als man das bei der Hauptband von ihm gewohnt ist, die Texte sind deutlich persönlicher und selbstreflektierender. Ganz aus seiner Haut kann Mr. Graffin dann aber auch wieder nicht raus, und verwurstet so den bekannten Gospelsong "Hey Man (Amen)" in "Time of Need" zu einem religionskritischen Text, in dem er dazu aufruft, das Leben anzupacken anstatt sich auf seinen jeweiligen Gott zu verlassen. So kennt und liebt man ihn.

In interessanten Liner Notes erklärt GREG GRAFFIN seinen Ansatz, warum diese Art von Musik ihm viel bedeutet und wie er sie bereits quasi mit der Muttermilch aufsog. Zehn Songs stehen auf "Millport", und nach etwas mehr als einer halben Stunde ist das Album schon vorbei. Ein richtiges Kleinod, das ich im letzten Jahr zwar einmal gehört, dann aber wieder vergessen hatte. Erst im Zuge der diesjährigen Live-Übertragung des Bad Religion-Konzerts beim Rock am Ring-Festival erinnerte ich mich daran und kaufte das Album endlich. Es lohnt sich.


THE BLACK ANGELS - DEATH SONG

01. Currency (5:16)

02. I'd Kill for Her (3:37)

03. Half Believing (4:20)

04. Comanche Moon (4:51)

05. Hunt Me Down (3:53)

06. Grab as Much (As You Can) (3:51)

07. Estimate (5:09)

08. I Dreamt (4:22)

09. Medicine (3:31)

10. Death March (3:24)

11. Life Song (6:30)

THE BLACK ANGELS sind eine Band, die ich eigentlich schon immer gut fand, nach ihrem 2010er Album "Phosphene Dream" aber aus ungeklärten Gründen trotzdem aus den Augen verlor. Ende 2017, Anfang 2018 hatte ich eine derbe BLACK ANGELS-Phase und wollte ständig diese Platten hören. Nachdem sowohl die Musik als auch die Artworks ja nach Vinyl schreien und sie außerdem über ziemlich schicke T-Shirts verfügen, warf ich irgendwann im Frühjahr dann einen relativ unvernünftigen Geldbetrag in den Rachen der Band und deckte mich umfassend ein. Und im Zuge dessen kaufte ich auch endlich ihr aktuelles Album "Death Song", das eben 2017 erschienen war.

Die Band hat sich ja seinerzeit nach dem The Velvet-Underground-Stück "The Black Angel's Death Song" benannt und den Kreis mit dem aktuellen Albumtitel nun quasi geschlossen. Auch auf "Death Song" zelebriert die Band Psychedelic Rock der Extraklasse, wobei man vom ganz großen Gewaber der Alben wie "Directions to See a Ghost" inzwischen ein wenig abgerückt ist und (noch) songorientierter agiert. Zudem haben THE BLACK ANGELS über die Jahre ein gutes Händchen für Ohrwurmmelodien entwickelt. Natürlich soll, kann, darf und vor allem will man hier jetzt kein Hitfeuerwerk erwarten, das sich beim ersten Hören festsetzt und beim dritten Hören anfängt zu nerven - aber Lieder wie "Currency", "Half Believing", "Estimate" oder "Medicine" weisen schon gute Hooklines auf, an die man sich ein bisschen klammern kann. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Band zu immer besseren Songwritern wird, dabei aber ihre Wurzeln nicht vergisst und immer noch eine unwirkliche, fiebrige, treibende - eben psychedelische Stimmung erzeugt. Das liegt neben den mit jeder Menge Hall unterlegten Gitarren meiner Meinung nach vor allem an der sirenenhaften Stimme ihres Sängers Alex Maas. Ich liebe diese Stimme, sie passt herrlich wie die Faust aufs Auge zu dieser Musik. Bestes Beispiel ist vermutlich das abschließende "Life Song" - Hölle, was für eine Dramatik.

THE BLACK ANGELS könnten mit ihrer Musik natürlich glatt den Siebzigern entsprungen sein, im Gegensatz zu den ganzen Retrolangweilern klingen sie aber trotzdem zeitgemäß und irgendwie modern. "Death Song" macht da keine Ausnahme und ist nach dem für mich nach wie vor unerreichten Debüt "Passover" vielleicht sogar ihr bestes Album, weil es völlig ohne Füller auskommt. 

Apropos "Passover" - Wenn jemand weiß, wo man diese Platte auf Vinyl herbekommt, ohne dafür sein Haus und Grund verkaufen zu müssen, bitte lasst es mich wissen.


3. CIGARETTES AFTER SEX - CIGARETTES AFTER SEX

01. K. (5:19)

02. Each Time You Fall in Love (4:50)

03. Sunsetz (3:34)

04. Apocalypse (4:50)

05. Flash (4:34)

06. Sweet (4:51)

07. Opera House (6:04)

08. Truly (4:03)

09. John Wayne (4:18)

10. Young & Dumb (4:33)

Bei keiner Platte "ärgert" es mich so, sie nicht bereits im Erscheinungsjahr gekannt zu haben, wie beim Debüt von CIGARETTES AFTER SEX. Hätte ich von diesem Album schon in 2017 gewusst - es hätte für die Top Drei im Poll gereicht. Naja, was will man machen. 

Aufmerksam auf diese Platte wurde ich durch den Blog des geschätzten Kollegen Flo, der "Cigarettes After Sex" wiederum in seinem Jahresrückblick erwähnte und mich neugierig werden ließ. Bereits nach drei Songs über den gammeligen Bluetooth-Lautsprecher auf der Arbeit war klar, dass ich dieses Album nicht bloß haben wollte, sondern dass es sich hierbei um etwas ganz besonderes handeln musste. Wikipedia spricht beim Stil der Band von Ambient Pop, ich finde allerdings Flos Beschreibung "Slomo-Slowdance-Blues-Smoothie-Hymnen" nicht nur lustiger, sondern auch deutlich passender. 

Diese Platte ist wie ein in schwarzem Samt ausgekleideter Raum, in dem dunkelrote Plüschsofas stehen und in dem eben nur dieses Album läuft, gerne auch laut. Eine weitere Assoziation, die ich bei den ersten Durchgängen hatte war David Lynchs Film "Mulholland Drive" (einer meiner absoluten Lieblingsfilme), an den mich die Musik von CIGARETTES AFTER SEX erinnerte. Songs wie "Sunsetz" oder "Apocalpyse" schienen so etwas wie einen deutlich später erschienenen Soundtrack dazu zu bilden. Was allerdings fehlt, ist das bedrohliche Element von "Mulholland Drive", die ständig mitwabernde Angst, dass gleich etwas furchtbares passieren wird. Hier gibt es kein Schnellrestaurant, hinter dem ein Monster lauert und keine Tür, unter der wahnsinnige Senioren durchgelaufen kommen. 

"Cigarettes After Sex" transportiert die unwirkliche, dunkle Atmosphäre des Films, aber die Musik lullt einen sanft ein, man kann sich hineinfallen lassen und muss sich um nichts mehr Sorgen machen. In der Tat ist es so, dass ich das Album einmal nach einem richtigen Scheißtag abends gehört habe und nach der Dreiviertelstunde, die es dauert, fühlte ich mich nicht nur besser, sondern tatsächlich gut. 

Die Musik auf "Cigarettes After Sex" fällt sehr homogen aus, die Songs klingen eigentlich alle relativ ähnlich und man könnte sogar sagen, zum Teil gleichen sie sich fast - aber das ist einfach so fürchterlich egal, ja, es muss sogar genau so sein. Über den keyboardgeschwängerten Soundteppichen, die von sanften, hallenden Gitarren durchsetzt sind, schwebt die androgyne Stimme ihres Frontmanns Greg Gonzalez. Über weite Strecken klingt diese Stimme tatsächlich fast weiblich, eigentlich kann man sich nie sicher sein, ob hier ein Mann oder eine Frau singt. Wenn man weiß, dass der Kerl Greg Gonzalez heißt, ist der Effekt natürlich weniger stark, aber völlig ohne Vorkenntnisse der Band hätte ich mich tatsächlich nicht festlegen wollen. Was für eine geile (in jedem möglichen Wortsinn) Stimme.

CIGARETTES AFTER SEX ist mit ihrem Debüt ein absolutes Meisterwerk gelungen, seitdem ich sie kenne, läuft diese Platte regelmäßig, und sie hat nach wie vor diese beruhigende, besänftigende Wirkung, die einen alles Schlechte für eine kurze Zeit vergessen lässt. Eskapismus in seiner schönsten und besten Form.

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