Riverside / Mechanism - Live in Oberhausen

In der Zeit von “Second Life Syndrome” (2005) bis “Anno Domini High Definition” (2009) habe ich Riverside regelmäßig live gesehen und auch keine Gelegenheit ausgelassen, sie mir anzugucken. Nun war das letzte Mal aber viel zu lange -nämlich bereits vier Jahre- her, damals noch mit dem 2016 überraschend verstorbenen Gitarristen Piotr Grudziński. Und da das aktuelle Album „Waste7and“ super geworden ist, war es dringend mal wieder an der Zeit, sich die Band anzugucken.

Nach dezentem Anfahrtschaos ging es also in die wirklich schöne Location Turbinenhalle 2. Den Anfang machten Mechanism, eine ebenfalls aus Polen stammende Band. Mit ihrem Stil waren sie auch gar nicht allzu weit von Riverside weg, klangen aber etwas härter und waren mehr im klassischen Prog Metal verwurzelt, hier und da fühlte ich mich an Evergrey erinnert. Technisch war die Band sehr gut, und Sänger Rafał Stefanowski verfügt über ein relatives breites Stimmspektrum, wobei besonders seine tiefen, sonoren Vocals überzeugten. Zudem hat er durchaus Charisma. Am Songwriting können Mechanism aber für meinen Geschmack hier und da noch ein wenig feilen. Im Prinzip machen sie vieles richtig, aber teilweise uferten die Songs etwas zu sehr aus und waren einfach zu lang. Dennoch ein unterhaltsamer Gig, der durchaus ein kleines Ausrufezeichen setzte und Lust machte, sich die Musik der Band auch mal in Ruhe zu Gemüte zu führen.

Nach der Pause betrat dann der Headliner die Bühne und überzeugte von der ersten Sekunde an. Los ging es mit „Acid Rain“ vom aktuellen Album, und von Beginn an wirkte die Band selbstsicher, souverän und war einfach präsent. Das war früher nicht immer so, da brauchte man mitunter ein paar Songs zum Auftauen. Vorbei, die Zeit. Optisch unterstützt von einer wirklich beeindruckenden und schlichtweg superben Lightshow sowie zwei Videoscreens, die links und rechts neben dem Schlagzeug standen, spielten sich Riverside durch ihr Set, und trotz des starken Beginns wurde es dann trotzdem von Minute zu Minute immer noch besser.

Der Neuzugang an der Gitarre, Maciej Meller, machte seine Sache hervorragend. Mariusz Duda sprach in seinen Ansagen manchmal von „The new Riverside“ oder „A new version of Riverside“, und da kann man ihm nur zustimmen. Natürlich steht da jetzt eine andere Band auf der Bühne als zu der Zeit, als Piotr Grudziński noch dabei war. Man sieht einen Unterschied, man hört einen Unterschied – und das ist auch gut so. Alles andere wäre merkwürdig. Meller setzt eigene Akzente, klingt für meine Begriffe ein bisschen „dreckiger“ in seinem Spiel als sein Vorgänger und irgendwie scheint das auch auf die übrige Band, insbesondere Mariusz Duda, abzufärben. Sie rocken mehr.

Interessant war, dass in der Pause auf den Videoscreens darum gebeten worden war, auf den Einsatz von Smartphones doch bitte zu verzichten, was auch erstaunlich gut funktionierte, eine wahre Wohltat. Den ein oder anderen Vollidioten, der sich darum natürlich nicht kümmert und trotzdem das komplette Konzert hindurch Fotos macht, hat man natürlich trotzdem, klar. Aber insgesamt hielten sich die Leute wirklich gut an diese Aufforderung. Eher peinlich war hingegen, dass tatsächlich ein Security-Mann abgestellt worden war, um trotzdem fotografierende/filmende Leute darauf hinzuweisen, dies bitte zu lassen. Bis der arme Kerl jeweils vor Ort war, war das entsprechende Handy natürlich immer längst wieder weggepackt worden und der „Straftäter“ war nicht mehr auszumachen. Insgesamt schon eher eine Lachnummer. Aber wie gesagt, der überwiegende Teil des Publikums brauchte ohnehin keine Extraaufforderung.

Das Oberhausener Publikum war anfangs etwas reserviert, ging dann aber immer mehr aus sich heraus, und in der zweiten Hälfte des Gigs wurden Riverside frenetisch gefeiert, was sie natürlich auch sichtlich freute. Insbesondere bei Keyboarder Michał Łapaj ist es immer wieder schön zu sehen, was er für einen Riesenspaß auf der Bühne hat. Neben dem Bedienen seiner Instrumente, zu denen inzwischen auch ein Theremin gehört, hat er immer noch Zeit, um Faxen mit dem Publikum zu machen, und er geht parallel komplett in seiner Musik auf. Bestimmten Musikern guckt man ja besonders gerne zu, und für mich gehört Łapaj definitiv dazu.

Während des etwas mehr als zweistündigen Gigs bauten Riverside tatsächlich (abgesehen vom Intro) das komplette neue Album „Waste7and“ ein. Und selbst der lange Instrumentalsong „The Struggle for Survival“, der auf dem Album für mich einen kleinen Durchhänger darstellt, funktioniert live ganz hervorragend. Ohnehin großartige Songs wie „Vale of Tears“ oder „Lament“ ja sowieso.

Riverside spielten ansonsten von jedem Album außer „Shrine of New Generation Slaves“ mindestens ein Lied, von Debüt „Out of Myself“ waren es gar drei. Und mit „Forgotten Land“ von der „Memories in My Head“-EP griff man sogar tief in die Raritätenkiste. Trotz des auf dem neuen Album liegenden Fokus war die Setlist also recht ausgewogen, und lange nicht gehörte Songs wie „Reality Dream I“ oder „Loose Heart“ wieder einmal live zu erleben, war natürlich super.

Nach einer höllisch intensiv dargebotenen Version des Titelsongs der aktuellen Platte verließen Riverside die Bühne, kamen dann aber natürlich noch einmal für drei Songs zurück. Und die Zugabe steigerte das ohnehin tolle Konzert dann endgültig in denkwürdige Regionen. „The Night Before“, nur von Duda und Łapaj intoniert, bildete den stimmungsvollen Anfang, bevor mit einer Jahrhundertversion von „02 Panic Room“ mein persönliches Konzerthighlight folgte. Was für eine Wucht, was für ein Druck, was für eine Atmosphäre, unfassbar. Die Menge rastete endgültig aus und Riverside waren sichtlich bewegt von den Publikumsreaktionen. Eine wunderschöne, dem verstorbenen Gitarristen gewidmete Version von „River Down Below“ setzte dann den finalen Schlusspunkt unter ein tolles Konzert. Die Band badete noch eine Zeitlang im Applaus und an der ehrlichen Freude dieser immer noch sehr bescheiden wirkenden Musiker hat sich seit ihren Anfangstagen nichts geändert. Man muss die Jungs einfach liebhaben. Ein fantastischer Gig, an dessen Ende eigentlich nur ein Fazit stehen kann:

Riverside machen glücklich.

 

Die Fotos stammen von  Andre Wilms (der natürlich einen entsprechenden Fotopass hatte ;-) ), auf dessen flickr-Seite Ihr auch Fotos von vielen anderen Konzerten und Events findet. Herzlichen Dank für's zur Verfügung stellen!

 

Setlist Riverside:

 

  • Acid Rain
  • Vale of Tears
  • Reality Dream I
  • Lament
  • Out of Myself
  • Second Life Syndrome (Part I: From Hand to Mouth)
  • Left Out
  • Guardian Angel
  • Lost (Why Should I Be Frightened By A Hat?)
  • The Struggle for Survival
  • Forgotten Land
  • Loose Heart
  • Wasteland
  • The Night Before
  • 02 Panic Room
  • River Down Below

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