New Model Army / Triggerfinger / Gold - Live in Köln

Jedes Jahr ist Weihnachten - und jedes Jahr kurz vor Weihnachten spielen New Model Army (die wie viele wissen beste Band der Welt) eine kurze Tour und treten dabei auch jedes Mal in Köln im Palladium auf. Eine liebgewonnene Tradition - und doch war ich schon viel zu lange nicht mehr dabei. Letztes Jahr war es zumindest geplant, scheiterte dann aber kurzfristig an krankheitsbedingtem Ausfall. Nachdem dann für das 2018er Weihnachtskonzert auch noch u. a. Gold als Vorgruppe bestätigt wurden, war ein Besuch quasi unausweichlich. 

Konzerte in Köln sind immer so eine Sache. Regelmäßig verliert man wertvolle Stunden seiner Lebenszeit bei der Parkplatzsuche in dieser chaotischen Stadt, die Säle sind gerne mal überausverkauft und von jeglicher Luftzufuhr abgeschnitten, und knapp 100 Kilometer Anreise aus der Konzerthochburg Ruhrgebiet sind natürlich ein Luxusproblem, aber eben trotzdem nervig. Egal. 

Die Parkplatzsuche gestaltete sich jedoch diesmal easy, da der Bezahlparkplatz in der Nähe tatsächlich mal geöffnet und nicht bereits komplett zugestellt war - ein Novum. Draußen war es angenehm kalt, der Eingangsbereich des Palladiums wurde dennoch die ganze Zeit durchgelüftet, sodass es in der natürlich vollen (aber nicht überbuchten) Halle tatsächlich ganz angenehm war.

2017 haben Gold mit "Optimist" mein persönliches Album des Jahres veröffentlicht. Live gesehen hatte ich die holländische Band aber bis dato noch nicht. Dementsprechend war ich natürlich gespannt. Gegen 19 Uhr betraten die fünf Herren nebst Sängerin Milena Eva die Bühne, und nach einem nicht enden wollenden Intro (der Nina-Simone-Song "Images" vom Band) stiegen Gold mit "Summer Thunder" in ihr etwa 45-minütiges Set ein. 

Von Beginn an war das eine einzige Wand. Immerhin drei Gitarristen, perfekt aufeinander abgestimmt mit Bass und Schlagzeug. Das Zusammenspiel war sehr tight, der Sound klar und druckvoll. Die Band agiert eher statisch, in einer Reihe aufgestellt, alle gekleidet in schwarze Klamotten, das macht alleine optisch schon ganz schön was her. In der Mitte steht Milena Eva, gehüllt in einen schwarzen Mantel (den sie später ablegte), und bewegt sich fast schon entrückt zur Musik. 

Was auf "Optimist" schon so wunderbar funktioniert, diese sich durch die Songs ziehende Monotonie, diese unwirkliche Stimmung und irgendwie fremdartige, leicht kranke Atmosphäre, wird live noch einmal deutlich gesteigert. Milena Eva verfügt über eine äußerst intensive Ausstrahlung, wirkt streckenweise fast schüchtern, um dann aber im nächsten Moment mit einer knappen Geste die Band in den nächsten Songpart zu führen. Ihr Blick geht oft eher ins Leere, sie bewegt sich teilweise fast eckig, roboterartig, und scheint in anderen Sphären zu weilen. Dann wieder kommt sie fast ein wenig arrogant rüber, wobei man aber sieht, dass sie eine Rolle spielt und eben nicht bloß Sängerin, sondern auch Performerin ist. Schwer zu beschreiben und man muss es vermutlich erlebt haben. Die Songauswahl umfasste Stücke der beiden letzten Alben "Optimist" und "No Image" und war diesbezüglich recht ausgewogen. Mein persönliches Highlight war "White Noise" - der Song ist schon auf dem Album mein liebster, bei der in einer Höllenintensität dargebrachten Liveversion war dann bei mir alles aus.

Beeindruckend war wie gesagt vor allem das tighte Zusammenspiel der Band und die Wall of Sound, die die vier Saiten-Instrumentalisten zu den manchmal fast schon in Neurosis-Gefilde vorstoßenden Drumparts hochzogen. 

Eine absolut faszinierende und mitreißende Show, die mich binnen Sekunden komplett in ihren Bann zog. Beim Publikum kamen Gold mit zunehmender Spielzeit immer besser an, es gab aber auch trotzdem einige Fragezeichen in den Gesichtern der Zuschauer. Für mich aber, das kann ich schon verraten, die beste Band des Abends.

Nach dem Konzert hatte ich am Merchstand kurz die Gelegenheit, mit einem der Gitarristen zu plaudern, und der kündigte dann ein neues Album für April 2019 sowie eigene Headlinershows für Mai an. Ich frohlocke schon jetzt!

 

Setlist Gold:

  • Summer Thunder
  • Old Habits
  • I Do My Own Stunts
  • Shapeless
  • You Too Must Die
  • White Noise
  • Servant
  • Don't 
  • Tear

 

Als nächstes waren die mir bis gestern komplett unbekannten Triggerfinger dran. Die aus Belgien stammende Band spielt so eine Art schrammeligen Alternative Rock, baut aber immer wieder auch Elemente aus Pop, Punk und anderen Stilen ein. Ich fand den Gig zu Beginn richtig gut. Die vier Herren waren sehr gut aufgelegt und die ersten Songs machten durchaus Spaß. Sehr stilvoll in schicke Hemden und Anzüge gekleidet, die großen Rockstargesten hatten sie alle drauf, die Songs waren kurzweilig, abwechslungsreich und machten durchaus Laune. Irgendwann wurde dann ein sehr ruhiger und zudem sehr langer Song gespielt, und da verloren sie mich so ein bisschen. Dazu gab es dann noch ein ausgedehntes Schlagzeug-Solo in der zweiten Hälfte des Sets. Das wiederum war zwar insofern unterhaltsam, als dass die komplette Band daran beteiligt war (man stand um das Drumkit herum und drosch gemeinsam darauf ein), dennoch ist sowas irgendwie immer ein Stimmungstöter, zumal bei der Länge. Danach wurde der Gig dann wieder besser, das Ende markierte das Iggy-Pop-Cover "Funtime"

Triggerfinger machten ihre Sache also insgesamt schon ziemlich ordentlich, und nachdem Gold mich dermaßen weggepustet hatten, wäre es wohl für jede Band schwer gewesen, daran anzuknüpfen. Für mich hätte es vermutlich besser funktioniert, wenn die beiden Vorbands in umgekehrter Reihenfolge aufgetreten wären. Dafür, dass ich mit dem Songmaterial null vertraut war, aber insgesamt dann doch eine durchaus runde Sache.

 

Setlist Triggerfinger (ohne Gewähr):

  • Let It Ride
  • And There She Was Lying in Wait
  • First Taste
  • Short Term Memory Love
  • By Absence of the Sun
  • Flesh Tight
  • My Baby's Got a Gun / I Follow Rivers
  • Colossus
  • Drum Solo
  • All This Dancin' Round
  • Funtime

 

New Model Army sind eine lebende Legende. Seit beinahe 40 Jahren ist die Band nun dabei, hat in all den Jahren nicht eine einzige schwache Platte veröffentlicht und ist vor allem immer noch relevant, hat etwas zu sagen, ruht sich nicht auf der Vergangenheit aus oder verwaltet diese nur. Zwar ist von der Urbesetzung schon seit Jahren nur noch Frontmann Justin Sullivan dabei, doch die jetzige Fünferbesetzung existiert nun auch schon eine ganze Weile und wirkt besser aufeinander eingespielt denn je. Nach langer Umbaupause war es bereits fast 22 Uhr, als die Band die Bühne betrat und mit "Whirlwind" in ihr zweistündiges Set einstieg. 

Eine Sache, die ich an New Model Army seit jeher schätze, ist die Unvorhersehbarkeit ihrer Setlists. Wenn sie keinen Bock haben, ihre offensichtlichen Hits wie "51st State" zu spielen, dann machen sie das eben nicht. Auch beim Konzert in Köln sparte man sich abgesehen von "White Coats" und "Green and Grey"  die 'Klassiker'  wieder für die Zugabe auf. 
Dafür gab es seltener gehörtes Material wie "States Radio" oder "Guessing" en masse, Songs aus der zweiten Reihe also. Und mit "Brother" griff die Band gar richtig tief in die Klamottenkiste, eine B-Seite aus "Strange Brotherhood"-Zeiten. Lustigerweise sorgte ausgerechnet dieser Song für die mit am frenetischsten ausfallenden Reaktionen beim Publikum. Toll! Weiter weg von Event-Publikum als bei New Model Army können Zuschauer tatsächlich nicht mehr sein, gerade die Weihnachtskonzerte haben immer auch etwas von einem großen Familientreffen, und da bildete das gestrige Konzert wieder einmal keine Ausnahme.

Das Spektrum der Emotionen war groß und reichte von absoluten Gänsehautmomenten wie dem nur von Sullivan mit seiner Akustikgitarre dargebotenen "These Words" bis zu einem wütenden Komplettabriss wie "Today is a Good Day". Gerade bei letztgenanntem Song zeigte sich, was für einen Energieschub die Hinzunahme von Bassist Ceri Monger vor einigen Jahren dieser Band noch einmal verpasst hat: Propellerbangend fegte der Mann über die Bühne und peitschte die Band vor sich her, das grenzte fast schon an Thrash Metal. Herrlich!

Justin Sullivan indes ist ein Getriebener und wird das wohl auch zeitlebens bleiben. Obwohl er sich selbst ein 'Redeverbot' bezüglich der Lage der Welt auferlegt hatte, kam er nicht umhin, sich doch zumindest wütend zum "fucking Brexit" zu äußern und diverse Male auf die immer noch vorherrschende Aktualität verschiedener Songs hinzuweisen, die zum Teil 20, 30 oder noch mehr Jahre auf dem Buckel haben. Auch nach all den Jahren kann man hören, sehen und spüren, wie es in ihm brodelt, wie das Feuer in ihm brennt und wie er an Teilen des Weltgeschehens einfach nur verzweifelt. 

"I said I'm not gonna say much, but I'm gonna say this: Don't let them divide us!" - Was will man dem noch hinzufügen? Mit diesen, mit frenetischem Beifall bejubelten Worten kündigte er den letzten regulären Song "Green and Grey" an, der natürlich wie üblich für feuchte Augen und Gänsehaut sorgte. Rockmusik ist schlicht nicht besser machbar.

Für insgesamt drei Zugaben und sieben Songs kam die Band dann noch diverse Male auf die Bühne. Hier freute ich mich besonders über "Drummy B", einer meiner Lieblingssongs der Band, den ich, wenn ich mich richtig entsinne, tatsächlich noch nie live gehört hatte - Gänsehaut auf Gänsehaut.  Mit "Get Me Out", "Stupid Questions" und "Purity" gab es dann auch ein paar der Songs, die bei New Model Army so etwas wie Hits am nächsten kommen. Letztlich ist sowas bei dieser Band aber Nebensache und eigentlich vollkommen unwichtig - denn die Stimmung ist immer super und es wird jeder noch so vielleicht eher unscheinbare oder unbekannte Song auf gleiche Weise vom Publikum abgefeiert. Das hat man tatsächlich nicht bei vielen Bands und nicht nur deswegen, aber eben auch deswegen sind und bleiben sie die beste Band der Welt.

 

Setlist New Model Army:

  • Whirlwind
  • Burn the Castle
  • Drag it Down
  • Devil
  • States Radio
  • A Liberal Education
  • Brother
  • Winter
  • White Coats
  • These Words
  • Too Close to the Sun
  • Guessing
  • Today is a Good Day
  • Autumn
  • Fate
  • Green and Grey
  • Drummy B
  • Island
  • Get Me Out
  • Purity
  • Stupid Questions
  • Angry Planet
  • Betcha

Die Thekenumschau wünscht allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage und eine erholsame Weihnachtszeit!

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