Jahresrückblick 2018 Part 1 - Die Plätze 21 bis 19

Wieder geht ein Jahr zu Ende, Zeit für den obligatorischen Jahresrückblick. 2018 fand ich musikalisch ziemlich stark, wobei viele Platten sehr dicht beieinander liegen und es sich gerade im Mittelfeld dieses Polls eigentlich eher um ausgewürfelte Tagesform handelt als um eine wirklich ernstzunehmende Reihenfolge. Des Weiteren kam ich auf insgesamt 21 Alben, zu denen ich gerne etwas sagen würde. Da ist eine Top 20 natürlich schwierig. Egal, denn: Meine Seite, meine Regeln. Im folgenden also nun der erste Teil meiner persönlichen Top 21 des Jahres 2019.


Platz 21: A FOREST OF STARS - GRAVE MOUNDS AND GRAVE MISTAKES

Grave Mounds and Grave Mistakes

  1. Persistance is All (1:40)
  2. Precipice Pirouette (10:18)
  3. Tombward Bound (9:52)
  4. Premature Invocation (7:30)
  5. Children of the Night Soil (6:38)
  6. Taken by the Sea (8:06)
  7. Scripturally Transmitted Disease (10:58)
  8. Decomposing Deity Dance Hall (8:56)

 

Folklore for the Flies

  1. So Much Walking Dust (Parasite for Sore Eyes) (5:35)
  2. Plight of the Uneven Heathen (7:12)

Die wahnsinnigen Engländer von A Forest Of Stars veröffentlichten 2018 ihr fünftes Album ʺGrave Mounds and Grave Mistakesʺ. Die Band behält ihr Konzept, in Wirklichkeit aus der viktorianischen Zeit zu stammen, natürlich bei. Das Album ist also laut Aufdruck eigentlich von 1898. Man muss sie einfach mögen. Im Vergleich zum Vorgänger ʺBeware the Sword You Cannot Seeʺ  (2015) fällt das neue Album meiner Meinung nach ein kleines bisschen weniger (größen)wahnsinnig und dafür etwas songorientierter aus, wobei das natürlich im A Forest Of Stars-Rahmen zu verstehen ist. ʺGrave Mounds and Grave Mistakesʺ ist immer noch sehr avantgardistisch und man meint die meiste Zeit, eher einer Theateraufführung beizuwohnen als eine Metalplatte zu hören. Aber gerade in der ersten Hälfte wirkt das Material auf mich etwas fokussierter, der Black Metal-Anteil ist wieder höher als zuletzt, es gibt weniger gesprochene Passagen, weniger Soundtrack. Nach wie vor verbindet diese Band aber auf einzigartige Weise ihren Black Metal mit groß angelegten, oft fast folkig wirkenden Melodien und ist auch immer noch sehr ausschweifend unterwegs. Unter knapp sieben Minuten geht auf ʺGrave Mounds and Grave Mistakesʺ nichts, man nimmt sich stets die Zeit, die nötig ist, um die Geschichte vernünftig zu Ende zu erzählen.

An Sänger Mister Curse dürften sich wieder einmal die Geister scheiden. Seine Stimme ist schon sehr speziell und das gelegentlich an Pumuckl erinnernde Gekreische, das immer an der Grenze zum Wahnsinn kratzt, wirkt gelegentlich leicht überkandidelt. Man muss da schon Bock drauf haben. Sängerin Katheryne, Queen of the Ghosts hat diesmal weniger Anteile am Gesang und ihren ersten Lead-Einsatz auch erst im sechsten Song, dem balladesken ʺTaken by the Seaʺ. Mit ʺDecomposing Deity Dance Hallʺ sparen sich A Forest Of Stars den besten Song des Albums (und meiner Meinung nach wohl auch ihrer bisherigen Karriere) bis ganz zum Schluss auf. Es beginnt als relativ 'normaler' A Forest Of Stars-Song und wird dann im Verlauf tatsächlich zu etwas tanzbarem, bei dem man sich vorstellen kann, dass es 1898 in einer Düster-Disco hätte laufen können, wenn es da so etwas schon gegeben hätte.

Auf der beigelegten Bonus-EP ʺFolklore for the Fliesʺ gibt es noch zwei Extrasongs zu hören, die stilistisch aus dem Rahmen fallen, sich aber qualitativ hinter dem Albummaterial nicht zu verstecken brauchen und die man eigentlich schon alleine für den Songtitel ʺParasite for Sore Eyesʺ haben muss. 

Ganz weit vorne ist ʺGrave Mounds and Grave Mistakesʺ übrigens wieder beim Artwork. In dieser Hinsicht haben A Forest Of Stars schon immer mehr und besseres abgeliefert als 99 % der anderen Bands, mit ihrem aktuellen Album schießen sie jedoch den Vogel ab. Zwar mag die Idee des als Zeitung gestalteten Booklets nicht wirklich neu sein, es ist aber sehr liebevoll und detailverliebt umgesetzt. Dazu kommen Gimmicks wie die offenbar von der Band selbst in Handarbeit zusammengeklöppelte Box außenrum oder der beigelegte Briefumschlag mit speziellen Postkarten aus dem  ʺGentlemen‘s Club of A Forest of Starsʺ. Großartig. Wenn die Kunstform 'Album', also das Album als Gesamtkunstwerk aus Musik, Texten und Artwork, so liebevoll zusammengefügt wird wie hier, geht mir immer das Herz auf.


Platz 20: BLACK SPACE RIDERS - AMORETUM VOL. 1 & VOL. 2

Amoretum Vol. 1

  1. Lovely Lovelie (4:09)
  2. Another Sort of Homecoming (3:54)
  3. Soul Shelter (Inside of Me) (6:03)
  4. Movements (8:00)
  5. Come and Follow (4:24)
  6. Friens Are Falling (5:02)
  7. Fire! Fire! (Death of a Giant) (5:53)
  8. Fellow Peacemakers (7:28)

Amoretum Vol. 2

  1. Before My Eyes (3:18)
  2. Lovelovelovelovelovelovelovelovelove! (Break the Pattern of Fear (4:59)
  3. Walls Away (4:00)
  4. Sláinte (Salud, Dinero, Amor) (3:24)
  5. Assimilating Love (2:17)
  6. In Our Garden (5:41)
  7. Leaves of Life (Falling Down) (6:02)
  8. Body Move (2:50)
  9. Take Me to the Stars (4:28)
  10. Ch Ch Ch Ch, Pt. 1 (The Ugly Corruptor) (6:46)
  11. Ch Ch Ch Ch, Pt. 2 (Living in My Dream) (3:23)
  12. Chain Reaction (3:26)
  13. No Way (3:24)
  14. The Wait is Never Over (12:44)

Sprach ich in der Einleitung von ʺMeine Seite, meine Regelnʺ? So ist es. Und darum pfusche ich jetzt erneut und fasse die beiden ʺAmoretumʺ-Alben, die in Wirklichkeit im Abstand von etwa einen halben Jahr veröffentlicht wurden, hier einfach zu einem Platz zusammen. Weil ich es kann.

2015 hatten die Münsteraner Black Space Riders mit ihrem ʺRefugeeumʺ-Album bei mir für eine faustdicke Überraschung gesorgt. Ich hatte die Band zuvor nicht gekannt und war von ʺRefugeeumʺ wirklich sehr begeistert.

2018 erschienen also diese beiden Nachfolgealben, ʺVol. 1ʺ kam bereits im Januar heraus. Vorab kann ich schon einmal sagen, dass dieser Teil mir besser gefällt als der zweite. ʺAmoretum Vol. 1ʺ wirkt in sich geschlossener, durchdachter, mehr wie ein Album, das auch als solches konzipiert ist. Dabei loten die Black Space Riders ihr Spektrum hier bereits ziemlich weit aus: Es beginnt mit zwei straighten Rocksongs, wobei ʺAnother Sort of Homecomingʺ eine gewisse Wave-Schlagseite hat. Im halbballadesken und ausladenden ʺMovementsʺ wird es auf einmal bluesig, bevor sich mit ʺCome and Followʺ ein Song anschließt, der eine derartige 90er Alternative/Crossover-Schlagseite hat, dass ich als mit dieser Musik zu dieser Zeit Aufgewachsener durchgehend ein fettes Grinsen im Gesicht habe. Auch ʺFire! Fire! (Death of a Giant)ʺ lädt mit seinem Groove zum Tanz ein, bevor mit dem epischen, postrockigen ʺFellow Peacemakersʺ der erste ʺAmoretumʺ-Teil zu seinem Ende kommt. Stilistisch ist hier also bereits eine sehr hohe Bandbreite vertreten, dennoch wirkt dieses Album eben wie ein Album, in sich geschlossen und die Songs ergeben auch in genau dieser Reihenfolge Sinn. 

 

Im Sommer erschien dann ʺAmoretum Vol. 2ʺ, und es ist nicht nur deutlich länger (zwei LPs im Gegensatz zu einer beim ersten Teil), sondern auch in jeder Hinsicht die Grenzen weiter auslotend. Die Songs sind kürzer, die Songs sind länger. Die Songs sind härter, die Songs sind ruhiger. Die Songs sind schneller, die Songs sind langsamer. Die Black Space Riders nehmen quasi ʺVol. 1ʺ als Basis und expandieren dann in jede Richtung. Heraus kommt dabei ein Album, das mir insgesamt einen Tick zu lang ist und auf dem zwar das meiste, für mich aber nicht alles so schön funktioniert wie beim ersten Teil. Teilweise gelingen die Experimente wirklich gut wie im Gute Laune-Partysong ʺSláinte (Salud, Dinero, Amor)ʺ oder dem zweigeteilten ʺCh Ch Ch Chʺ, das sich in insgesamt zehn Minuten vom ganz leise beginnenden Geflüster immer mehr steigert und eine finstere Drohkulisse aufbaut, bevor es dann im zweiten Teil in einem wahren Rifforkan explodiert. Auch die Disco-Tanznummer ʺBody Moveʺ hat was für sich und macht durchaus Laune. Auf der Habenseite stehen zudem das wunderschöne ʺIn Our Gardenʺ, außerdem ʺNo Wayʺ, bei dem es der Band irgendwie gelingt, wavigen Rock mit fast schon blackmetallischem Gebrüll zu verbinden, sowie einige andere Songs wie ʺWalls Awayʺ oder ʺLeaves of Life (Falling Down)ʺ, die auch auf ʺAmoretum Vol. 1ʺ hätten stehen können.

Mit der Punknummer ʺAssimilating Loveʺ sowie dem meiner Meinung nach leider ziemlich nervigen ʺLovelovelovelovelovelovelovelovelove! (Break the Pattern of Fear)ʺ gibt es aber auch zwei Songs, die mich eher nicht ansprechen. Gravierender ist jedoch die Tatsache, dass ʺVol. 2ʺ  für mich irgendwie nicht diese tolle Album-Atmosphäre des ersten Teils vermittelt, sondern eher wie eine lose Ansammlung von Songs wirkt.

Das liest sich jetzt alles negativer, als es gemeint ist. Mit den beiden ʺAmoretumʺ-Teilen haben die Black Space Riders knapp zwei Stunden neue Musik aufs Volk losgelassen, und mindestens anderthalb Stunden davon sind absolut hochklassig. Generell ist es sehr beeindruckend, wie eine Band stilistisch derart breit aufgestellt sein kann und dabei trotzdem aber immer nach sich selbst klingt. Für meinen Geschmack wäre bloß beim zweiten Teil des Albums (ein bisschen) weniger mehr gewesen. Davon abgesehen ist ʺAmoretumʺ uneingeschränkt empfehlenswert, wer nur Bock auf ein Album hat, sollte meiner Meinung nach das erste wählen. Dieses eignet sich, wie ich finde, übrigens auch perfekt als Einstiegsalbum in die Welt der Black Space Riders.



Platz 19: OWL - NIGHTS IN DISTORTION

  1. We Are Made for Twilight (7:12)
  2. Transparent Monument (5:30)
  3. Anamnesis (4:33)
  4. Inanna in Isolation (7:08)
  5. Abortion of Emapthy (4:04)
  6. Madness is the Glory of this Life (6:38)

Owl, von dieser Band kannte ich bis vor Kurzem ehrlich gesagt noch nicht einmal den Namen. Aufmerksam auf ʺNights in Distortionʺ wurde ich durch das wirklich originelle Review von Oliver Uschmann im Rock Hard irgendwann im Sommer oder Herbst. Der Mann sprach mir mit seinem Text über Situationen aus der Jugend, in denen man bestimmte Alben kennenlernte (und an die ihn die Owl-Platte erinnerte) derart aus der Seele, dass ich da reinhören musste. Und: Treffer, versenkt.

Nach einer ganzen Reihe von EPs ist ʺNights in Distortionʺ das insgesamt dritte Album von Owl und das erste seit dem Jahr 2013. Bisher bin ich noch nicht dazu gekommen, mich mit der Musik vor ʺNights in Distortionʺ zu befassen, werde das aber sicher noch nachholen. Darum kann ich das neue Album aber logischerweise nicht mit dem übrigen Material der Band vergleichen, sondern es nur alleine für sich betrachten. Auf ʺNights in Distortionʺ spielen Owl grob gesagt eine Mischung aus Doom- und Death Metal, gemischt mit Fields of the Nephilim-artigem Finsterkram. Besonders Musik und Stimmung des Fields-Albums ʺEliziumʺ (meiner Meinung nach ihr bestes) dürften auf ʺNights in Distortionʺ einen gewissen Einfluss gehabt haben. Auch die Altvorderen der britischen Frühneunziger-Doomgrößen hört man hier und da heraus, meiner Meinung nach insbesondere ganz alte Anathema (ʺTransparent Monumentʺ). Manche Passage erinnert mich zudem an die letzten beiden Alben von The Ruins Of Beverast. Wie gesagt, das sind die Einflüsse. Owl sind aber keine bloße Kopie, sondern machen da schon sehr viel eigenes draus. Die Stimmung auf ʺNights in Distortionʺ ist sehr finster, viel Raum für Licht bleibt da nicht, alles wirkt sehr bedrückend und niederwalzend. Auch wenn es hier und da mal etwas ruppiger zugeht, so steht bei Owl aber dennoch immer die Melodie im Vordergrund und Atmosphäre ist wichtiger als alles andere. 

ʺNights in Distortionʺ ist insgesamt nur 35 Minuten lang, kommt mir aber beim Hören länger vor. Das liegt aber natürlich nicht daran, dass die Musik langweilig wäre, sondern eben an der beschriebenen zupackenden und herabziehenden Atmosphäre. Das Album wirkt wie ein Strudel, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Tempo ist fast immer getragen, der Gesang verzweifelt, zwischen Resignation und Wut pendelnd, die Stimmung schwarz und hoffnungslos. Owl ist mit ihrem dritten Album ein atmosphärisch sehr dichtes Werk gelungen, das mich 2018 oft in seinen Bann gezogen hat und das ich recht häufig aufgelegt habe. Da ich die Band wie gesagt vorher überhaupt nicht kannte, eine schöne Überraschung.

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