Jahresrückblick 2018 Part 3 - Die Plätze 15 bis 13

Im Jahrespoll 2018 nehme ich mir heute meine Plätze 15 bis 13 vor.


Platz 15: HAMFERÐ – TÁMSINS LIKAM

  1. Fylgisflog (9:04)
  2. Stygd (6:58)
  3. Tvístevndur Meldur (5:39)
  4. Frosthvarv (4:57)
  5. Hon Syndrast (6:10)
  6. Vápn í Anda (10:51)

"Támsins Likam", die dritte Platte von Hamferð, war 2018 mein Erstkontakt mit dieser Band von den Färöer Inseln. So wie ich es verstanden habe, handelt es sich bei den bisherigen drei Veröffentlichungen inhaltlich um eine nun abgeschlossene Trilogie, die jedoch rückwärts erzählt wurde, sprich: Ich kenne jetzt den Anfang der Geschichte.

Hamferð spielen auf "Támsins Likam" Doom Metal, sollte ich einen Vergleich ziehen, so würde ich sagen, dass die Band am ehesten wie eine verträumte, zerbrechliche und irgendwie nahbare Version von My Dying Bride klingt.

Die Musik pendelt zwischen ruhigen, eben sehr zerbrechlichen Passagen und mächtigen, zermalmenden Riffs hin und her. Hamferð können sowohl äußerst heavy als auch sehr filigran agieren, und diese Wechsel passieren teilweise innerhalb weniger Sekunden. Ebenso wandelbar wie die Musik zeigt sich Sänger Jón Aldará. Sein Gesang fällt auf "Támsins Likam" sehr variabel aus. Während er in den ruhigen Passagen zurückhaltend, fast flüsternd singt, packt er bei den härteren Stellen oft abgrundtiefe Growls aus, die die finstere Stimmung dieses Albums natürlich noch verstärken. Zusätzlich dazu intoniert der gute Mann des Öfteren aber auch sehr kraftvoll dargebotenen Klargesang. Besonders dieser Gesang, der hoch und voller Energie ist, fügt "Támsins Likam" ein theatralisches Element hinzu, das anderen Bands oft abgeht. Man wähnt sich teilweise in einem Film, dass man die Texte nicht versteht, verstärkt diesen Eindruck sogar noch, da man sich so quasi seine eigenen Bilder dazu ausdenken und seine eigene Geschichte ersinnen kann.

Nicht, dass ich jemals auf den Färöer Inseln gewesen wäre (sie sind allerdings auf jeden Fall ein Wunschziel für die nächsten Jahre), aber wenn man sich im Internet Bilder der dortigen Landschaft anguckt, dann passt die Musik von Hamferð schon sehr, sehr gut dazu. So wie es dort aussieht, hört sich dieses Album an. Auf den ersten Blick rau und ungeschliffen, aber wenn man genauer hinguckt, eben auch wunderschön. "Támsins Likam" in genau dieser Landschaft zu hören, am besten an der Küste und bei Sturm, ist seit 2018 jedenfalls ein erklärtes Ziel von mir.

Hamferð ist mit diesem Album ein absolutes Kleinod gelungen.


Platz 14: BLACK MOTH - ANATOMICAL VENUS

  1. Istra (5:17)
  2. Moonbow (4:13)
  3. Sisters of the Stone (4:10)
  4. Buried Hoards (4:32)
  5. Severed Grace (6:18)
  6. A Lover's Hate (3:17)
  7. Screen Queen (4:07)
  8. Tourmaline (4:32)
  9. A Thousand Arrows (4:52)
  10. Pig Man (3:48)

Auch mit Black Moth aus England hatte ich 2018 meinen ersten bewussten Kontakt. "Anatomical Venus" ist das dritte Album der Band um Frontfrau Harriet Hyde. Die Musik von Black Moth zu beschreiben, finde ich gar nicht so einfach, dabei geht es hier eigentlich sehr direkt und geradeaus zu. Die Basis ist auf jeden Fall Rock, am ehesten Stoner Rock, es gibt jedoch immer wieder auch Ausflüge in Richtungen wie Alternative, dann wird es mal ein wenig psychedelischer oder auch mal ein bisschen metallisch. Dabei klingen Black Moth auf jeden Fall immer sehr heavy und agieren mit ordentlich Druck.

"Anatomical Venus" ist einfach eine saugute Rockplatte, die eigentlich für jeden Freund härterer Gitarrenklänge irgendetwas bereithalten sollte. Das liest sich zwar wie eine Floskel, entspricht aber der Wahrheit. Die Band hat zudem ein ziemlich gutes Händchen für subtile Ohrwurm-Melodien, die einem erst einmal recht unscheinbar vorkommen, sich aber dann sehr hartnäckig festsetzen ("Istra", "Severed Grace", "Screen Queen"). Dazu klingt dieses Album ziemlich wütend und teilweise richtig angepisst ("Sisters of the Stone", "Pig Man"). Das wiederum führt mich zu der anderen Ebene von "Anatomical Venus", nämlich der textlichen. Der Albumtitel ist inspiriert vom Wachsmodell einer Frau, das im 18. Jahrhundert in Italien von (natürlich männlichen) Chirurgen entwickelt wurde. Vorgeblich als reine Studienobjekte entwickelt, waren diese Puppen wohl von unnötiger Schönheit und verfügten über fast erotische Ausstrahlung. Die Chirurgen konnten sich dann über diese Wachsfiguren hermachen und sie Stück für Stück auseinandernehmen, die Eingeweide inspizieren etc. Sozusagen das ultimative Männerspielzeug und ein Meisterstück der Übergriffigkeit und Grenzüberschreitung. Diese "Anatomical Venus" wiederum wird von Black Moth bzw. Texterin Harriet Hyde nun als Sinnbild bzw. Metapher für das benutzt, was Männer Frauen im Laufe der Jahrhunderte angetan haben. Teilweise scheint es wirklich um die Wachsmodelle selber zu gehen ("Severed Grace"), größtenteils befassen sich die Lyrics aber eben mit der weiblichen Psyche und der Sicht einer Frau auf eine von Männern dominierte Welt – sei es einfach nur das Rockbusiness oder eben auch weit darüber hinaus.

Mir fällt kein anderes Album ein, das dieses Thema vorher schon einmal derart konsequent aufgegriffen hätte. Allein deswegen ist "Anatomical Venus" schon interessant. Wenn dann noch so starke, wütende Musik dabei herauskommt, führt an dieser Platte dann einfach gar kein Weg mehr vorbei.


Platz 13: THE OCEAN – PHANEROZOIC I: PALAEOZOIC

  1. The Cambrian Explosion (1:54)
  2. Cambrian II - Eternal Recurrence (7:51)
  3. Ordovicium - The Glaciation of Gondwana (4:49)
  4. Silurian - Age of Sea Scorpions (9:36)
  5. Devonian - Nascent (11:05)
  6. The Carboniferous Rainforest Collapse (3:08)
  7. Permian - The Great Dying (9:22)

The Ocean, die auf diesem Album als "The Ocean Collective" firmieren, hatte ich seit dem 2007er Album "Precambrian" ein wenig aus den Augen verloren. Der Tipp eines Freundes, mir das neue Album einmal anzuhören, wurde natürlich trotzdem befolgt und ich habe es nicht bereut. Was für eine Wucht von einer Platte!

Zunächst einmal möchte ich auf die Aufmachung des Albums eingehen. Das Foto gibt maximal unzureichend wieder, wie edel und einfach toll das alles aufgemacht ist. Die farbigen LPs, diese 3D-Relief-Hülle, diese gravierte Holzbox außenrum. Dazu kommen eine schwere Schieferplatte, in die ein The Ocean-Artwork eingraviert wurde, und ein echtes Fossil – dieses konnte man sich aussuchen, zur Auswahl standen u. a. auch ein Dinosaurierzahn oder ein 450 Millionen Jahre alter Trilobit – in meinem Fall ist es ein Ammonit, der stolze 100 Millionen Jahre auf dem Buckel hat. Da wird man beim Auspacken schon ein wenig ehrfürchtig.

Aber was nutzt die tollste Aufmachung, wenn die Musik nichts taugt? Diese überzeugt aber zum Glück auf "Phanerozoic I: Palaeozoic" ebenfalls auf der ganzen Linie. In oft überlangen Songs zelebrieren The Ocean ihre Musik, sind dabei inzwischen melodischer geworden als auf "Precambrian" (ja, es wird Zeit, dass ich mich mit den diversen Alben seit 2007 endlich eingehend befasse) und meiner Meinung nach auch abwechslungsreicher. In ausschweifenden Songs wechseln sich aggressive und melodische Vocals ab, insgesamt klingt die Musik sehr atmosphärisch und irgendwie unfassbar groß. Das passt natürlich wiederum zum Inhalt, denn mit der Evolution des Lebens auf der Erde in der Zeit zwischen der kambrischen Explosion und dem großen Massenaussterben in der Perm-Trias-Krise umspannt man mal eben einen Zeitraum von fast 300 Millionen Jahren (da ich weder Geologe noch Biologe bin, hoffe ich, dass ich das jetzt richtig recherchiert habe). Dementsprechend groß und allumfassend klingt die Musik auf "Phanerozoic I: Palaeozoic". Dazu passt auch der Sound, der vermutlich der beste ist, den ich 2018 auf einem Album gehört habe. Es ist unfassbar, wie wuchtig und zugleich differenziert dieses Album klingt, wie mächtig und gleichzeitig detailverliebt. Jonas Renkse von Katatonia hat im Song "Devonian – Nascent" einen Gastauftritt und setzt diesem Album mit seinem schwebenden, wie immer etwas außerweltlich klingenden Gesang dann endgültig die Krone auf.

Das ganze Konzept des Albums und der Band mag von außen verkopft wirken, die Musik hingegen ist es überhaupt nicht. "Phanerozoic I: Palaeozoic" wirkt im Gegenteil sehr gefühlvoll und vor allem lebendig. Ein kleines Meisterwerk.

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