Jahresrückblick 2018 Part 4 - Die Plätze 12 bis 10

Der Januar ist schon wieder zur Hälfte rum - Zeit für den vierten Part des Jahresrückblicks 2018. Wir kratzen an den Top 10.


Platz 12: MINISTRY - AMERIKKKANT

  1. I Know Words (3:15)
  2. Twilight Zone (8:02)
  3. Victims of a Clown (8:17)
  4. TV5 / 4Chan (0:49)
  5. We're Tired of It (2:47)
  6. Wargasm (6:19)
  7. Antifa (4:56)
  8. Game Over (5:00)
  9. AmeriKKKa (8:29)

Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als George W. Bush Präsident der Vereinigten Staaten war und man sich eigentlich nichts Groteskeres als diesen Clown im mächtigsten Amt der Welt vorstellen konnte? Sehnt sich noch irgendjemand nach diesen aus heutiger Sicht geradezu angenehm normalen Zeiten zurück?

Wenn die Präsidentschaft von Donald Trump auch nur einen einzigen, winzigen positiven Aspekt hat, dann ist es, dass Ministry noch einmal ein richtig gutes Album hinbekommen haben. Nachdem die letzten Auswürfe von Al Jourgensens zwischenzeitlich eigentlich auch einmal aufgelöster Band "Relapse" (2012) und "From Beer to Eternity" (2013) allein aufgrund der Cover-Artworks bzw. Albentitel vom Verfasser dieser Zeilen schon aus Selbstschutz ignoriert wurden, war ich gespannt, ob Ministry an ihre vor Wut und Frust nur so triefenden drei Alben, die während der Amtszeit von George W. Bush veröffentlicht wurden, noch einmal anknüpfen würden können. Antwort: Sie können. Aber ganz anders, als ich erwartet hatte.

Die Zeit der Raserei und des Hochgeschwindigkeitsgeprügels ist abgesehen von dem von Fear Factory-Sänger Burton C. Bell herausgebrüllten "We're Tired of It" vorbei. Stattdessen setzen Ministry auf Gesamtatmosphäre. Das wieder herrlich subtil betitelte "AmeriKKKant" erschafft eine unwirkliche Albtraumwelt, die leider nur allzu real ist. "We will make America great again!" lallt das Arschloch aus dem weißen Haus im Intro "I Know Words" über eine soundtrackartige, finstere Klangcollage. Mit den beiden langen Songs "Twilight Zone" und "Victims of a Clown" wird dann die wahre Stärke von "AmeriKKKant" richtig herausgearbeitet: Ministry bauen hier ein Gebäude aus langsamen, walzenden Riffs, einer Unmenge von Samples und Al Jourgensens heiserem Gesang auf, und es entspinnt sich eine Albtraumatmosphäre, die mich bei diesem Album von Beginn an gepackt hat. Sie ballern nicht wütend herum, sie zertrümmern nicht alles zu Staub und spucken auf die Überreste, wie das bei einem Song wie "No W" damals der Fall war – viel mehr scheint Jourgensen resigniert zu haben. Trumps Amerika ist derart krank und kaputt, dass der einzige Weg zu sein scheint, hierfür zumindest einen angemessenen Soundtrack zu schreiben. Das deutlich an den Titelsong von "Filth Pig" (1995) angelehnte "Twilight Zone" ist vollkommen monoton und nimmt schier kein Ende – es ist genau der kranke Sumpf und die Horrorkulisse, die es eben beschreibt. Mit "Victims of a Clown" ist Ministry ein richtiger Hit gelungen. Um ein Sprachsample aus Charlie Chaplins "Der große Diktator", das quasi als Hook fungiert, baut die Band diesen Song auf, und ihnen gelingt dabei tatsächlich so etwas wie ein Ohrwurm. Die Atmosphäre aus Scratches, Sprachsamples und dem im Hintergrund herumblubbernden Bass ist unglaublich dicht und wirklich böse. 

Und so geht es weiter. Neben dem erwähnten Uptemposong "We're Tired of It", der schneller vorbei ist, als man gucken kann, zieht lediglich "Antifa" das Tempo ein wenig an. Ansonsten regiert die Walze. "Game Over" ist streckenweise so langsam, das es beinahe zum Stillstand kommt. Jourgensen setzt bei "AmeriKKKant" vollständig auf die Gesamtatmosphäre, und das gelingt meiner Meinung nach fast schon überragend gut. Besonders unterm Kopfhörer entfacht "AmeriKKKant" seine ganze Stärke. Eine gute Dreiviertelstunde dauert dieses Album, das man sich mehr als einen Soundtrack für ein komplett aus den Fugen geratenes Land vorstellen muss. Achtet man bewusst auf die Samples beispielsweise in "Wargasm", kann einem Angst und Bange werden.

Diese Platte ist gleichzeitig Moment- und Bestandsaufnahme sowie ein Statement. Und wie einst schon Rush wussten: "Tough times demand tough songs."


Platz 11: CRONE - GODSPEED

  1. Lucifer Valentine (2:28)
  2. The Ptilonist (6:50)
  3. Mother Crone (4:23)
  4. The Perfect Army (5:48)
  5. Leviathan's Lifework (5:47)
  6. H (She's Not Dead, She Is a Ghost) (6:12)
  7. Demmin (5: 14)
  8. Godspeed (12:24)

Crone waren für mich 2018 vermutlich die schönste und beste Neuentdeckung. Es handelt sich bei der Band um ein Nebenprojekt von Phil 'sG' Jonas (Secrets Of The Moon) und Markus Renzenbrink (Embedded), das nach einer 2014 veröffentlichten EP im Jahre 2018 sein Debütalbum vorlegte.

Die Musik auf "Godspeed" kann man wohl am ehesten als 'Dark Rock' bezeichnen. Wie auf diesem Album alles ineinandergreift und zusammenpasst, hat mich im letzten Jahr sehr beeindruckt. Die Musik ist oft eher introvertiert und zurückhaltend, ohne aber verhuscht zu wirken. Im Gegenteil erscheinen Crone bei aller Introvertiertheit oft auch sehr kraftvoll. Das Tempo ist dabei die meiste Zeit eher getragen, dennoch sind die Songs voneinander alle klar zu unterscheiden, jedes Lied hat seine eigene Handschrift und seine eigene Identität. Das passiert auf ganz unterschiedliche Weise. "The Ptilonist" beispielsweise ist um eine eingängige, nach Pink Floyd klingende Gitarrenmelodie aufgebaut, die einen hohen Wiedererkennungswert hat. "Mother Crone" überzeugt mit einem Ohrwurmchorus, der bereits nach einem Hördurchgang fest im Gehirn fest verankert ist. Und "Leviathan's Lifework" wiederum prägt sich durch seine aufbrausenden "Choir! Choir!"-Rufe ein. So ein Wiedererkennungsmerkmal haben alle Songs, die trotz ihrer Verschiedenheit untereinander trotzdem alle wie aus einem Guss wirken - "Godspeed" ist ein Album, nicht bloß acht Songs in beliebiger Reihenfolge. 

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal bildet sG's Stimme, die eine wie ich finde sehr eigenständige und interessante Klangfarbe hat und die fantastisch zur Musik passt. Mein persönlicher Lieblingssong ist der atmosphärische Titeltrack, der das Album abschließt und in dessen Mitte Herman Hesses Gedicht "Im Nebel" von einer tiefen, sonoren Stimme rezitiert wird – Gänsehaut.

Sehr interessant ist zudem das textliche Konzept von "Godspeed" – abgesehen von "Leviathan's Lifework", dem der Roman "Leviathan" von Paul Auster zugrunde liegt, basiert jeder Song auf einem tragischen und/oder berühmten Todesfall aus dem wahren Leben.

Das geht vom Fall der fünfjährigen Marylin DeMont, die 1934 zusammen mit ihrem Vater von der Golden Gate-Bridge sprang ("Mother Crone"), über den Fall des 1975 spurlos verschwundenen Sängers Jim Sullivan, der von Los Angeles nach Nashville fahren wollte und dort niemals ankam ("Godspeed"), und endet bei Alan Kurdi, einem 2015 im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingskind, dessen Bild um die Welt ging ("The Perfect Army"). 

Diese Texte, deren Hauptpersonen in kurzen Liner Notes im Booklet jeweils kurz vorgestellt werden, verleihen dem Album eine zusätzliche, teilweise unheimliche Ebene und jede Menge Tiefgang. Crone ist mit "Godspeed" jedenfalls ein echter Achtungserfolg geglückt, der mich 2018 oft gefesselt hat.


Platz 10: MESSA - FEAST FOR WATER

  1. Naunet (2:31)
  2. Snakeskin Drape (5:04)
  3. Leah (8:09)
  4. The Seer (8:19)
  5. She Knows (7:45)
  6. Tulsi (7:00)
  7. White Stains (6:17)
  8. Da Tariki Tariquat (4:20)

"Feast for Water" ist nach dem 2016er Debüt "Belfry" das zweite Album der italienischen Doom-Band Messa. Das anfangs etwas ungewöhnlich scheinende Artwork mit Aufnahmen von Schwimmern bzw. Tauchern passt bei etwas genauerer Betrachtung eigentlich perfekt zu diesem Album. Denn es ist tatsächlich so, dass man sich in "Feast For Water" hineinlegen und davon hinabziehen lassen kann. "Snakeskin Drape" geht für Doom-Verhältnisse noch relativ flott zur Sache, danach nehmen Messa aber das Tempo weitgehend raus. Entsprechend werden auch die Songs länger und ausladender. 

Ich habe bisher bewusst nicht von Doom Metal gesprochen, denn das würde die Musik auf "Feast for Water" nur unzureichend beschreiben. Rock spielt eine mindestens ebenso große Rolle, und auch der Blues schimmert in den ruhigen Passagen von Songs wie "Leah" oder "She Knows" immer wieder nicht nur durch, sondern übernimmt gleich ganz die Führung. Und auch das Saxophon in "Tulsi" hat natürlich eine deutliche Blues-Schlagseite, wobei dieser Song in der ersten Hälfte teilweise auch in fast schon blackmetallische Raserei ausartet. Es passiert stilistisch also eine ganze Menge auf diesem Album.

Insgesamt wirkt "Feast for Water" ebenso kraftvoll wie zerbrechlich. Das gilt für die Musik genauso wie für den wirklich beeindruckend guten Gesang von Frontfrau Sara. Am besten sind Messa für mich immer dann, wenn sie mit Laut/Leise-Dynamiken spielen wie in "Leah", "She Knows" oder "White Stains". Diese Songs weisen schöne Wellenbewegungen auf und erzählen Geschichten.

Die Stimmung ist – es ist immerhin Doom – natürlich finster, aber nie so drückend oder zermalmend, wie das bei anderen Bands der Fall ist. Messa lassen ihrer Musik sehr viel Luft zum Atmen, manchmal klingt das Album trotz aller Schwermut fast schon leichtfüßig. Ein schöner Kontrast. Ein Attribut, das ich im Zusammenhang mit diesem Album gelesen habe war 'sinnlich' – das umschreibt es im Grunde perfekt. Mit dem stimmungsvollen, leicht orientalisch anmutenden Instrumental "Da Tariki Tariquat" endet "Feast For Water" nach etwa 50 Minuten. 

Messa zeigen, dass Doom trotz aller Finsternis auch schön klingen kann, ohne dabei aber auch nur ansatzweise kitschig zu sein oder in epische Gefilde á la Solitude Aeturnus abzudriften – eine verdammt gelungene Platte.

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