Jahresrückblick 2018 Part 5 - Die Plätze 9 bis 7

Langsam wird es ernst - Hier sind die Plätze 9 bis 7 meines Jahres 2018.


Platz 9: A PERFECT CIRCLE - EAT THE ELEPHANT

  1. Eat the Elephant (5:13)
  2. Disillusioned (5:53)
  3. The Contrarian (3:58)
  4. The Doomed (4:41)
  5. So Long, And Thanks for All the Fish (4:26)
  6. TalkTalk (4:15)
  7. By and Down the River (5:04)
  8. Delicious (3:48)
  9. DLB (2:06)
  10. Hourglass (5:14)
  11. Feathers (5:48)
  12. Get the Lead Out (6:40)

Stolze 14 Jahre sind seit dem letzten A Perfect Circle-Werk "eMOTIVe" ins Land gezogen und ehrlich gesagt war mir überhaupt nicht klar, dass die Band noch existiert. Dementsprechend überrascht war ich, als im Herbst 2017 ein neues Album angekündigt wurde. Bis es dann endgültig soweit war, vergingen noch einmal sieben Monate, aber im April 2018 erblickte "Eat the Elephant", das vierte Album der Band um Billy Howerdel und Maynard James Keenan, dann endlich das Licht der Welt.

Anfangs kamen mir viele Songs recht minimalistisch vor, wirkten teilweise eher wie Gerüste, an denen noch eine Verkleidung fehlt. Bestes Beispiel ist eigentlich direkt der eröffnende Titeltrack. Klavier, sanftes Drumming, Keenans zurückhaltender Gesang, sanft wummernder Bass. Eigentlich eher eine ruhige Blues-Nummer. Damit ein Rock-Album zu eröffnen, ist zumindest gewagt. Den Eindruck dieser Reduziertheit hatte ich aber auch bei einigen anderen Liedern wie "The Contrarian" oder "TalkTalk". Die Platte klang unnahbar, teilweise fast spröde, außerdem unterkühlt. Zwar gab es ein paar gute Hooklines, aber dennoch perlte die Musik erst einmal ein bisschen an mir ab. Eins war aber klar: Es ist ein sauspannendes Album. Kaum ein anderes Album habe ich 2018 öfter gehört als "Eat the Elephant", und mittlerweile ist sie komplett verinnerlicht.

Der Eindruck, dass die Songs eher Grundgerüste sind, hat sich vollständig verflüchtigt, die Lieder sind natürlich fertig und genau so, wie sie sein müssen. Dass ich Songs wie "Disillusioned" oder "The Doomed" mal als unterkühlt wahrgenommen habe, kann ich aus heutiger Sicht überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Der Eindruck hat sich sogar vollkommen ins Gegenteil verkehrt, "Eat the Elephant" ist ein Album mit sehr warmem Klang, es klingt fast heimelig. Songs wie bequeme Ohrensessel, in die man sich hineinsetzen und entspannen kann.

Es mag am weißen Artwork liegen, aber ich empfinde die Platte zudem stimmungstechnisch als ziemlich hell. Natürlich spielen A Perfect Circle eigentlich immer noch düstere Rockmusik, aber es scheint alles weiß zu strahlen, "Eat the Elephant" wirkt oft hell, positiv, ohne aber in oberflächlichen Gute-Laune-Quatsch abzudriften. Und: Jeder Song ist ein Hit. Vordergründig wird sowas natürlich am ehesten an einer poppigen Rocknummer wie "So Long, And Thanks for All the Fish" klar, ein Lied mit unfassbarem Ohrwurmpotential. Aber auch alle übrigen Lieder haben sich mit der Zeit wirklich hartnäckig festgesetzt, auch zunächst eher unscheinbare Kandidaten der Marke "Delicious" oder "By and Down the River". Selbst das krude "Hourglass", mit dem ich anfangs wirklich überhaupt nichts anfangen konnte, möchte ich inzwischen nicht mehr missen – es bildet im Gegenteil sogar einen wichtigen Kontrast zum restlichen Material. Lediglich das Abschlusslied "Get the Lead Out" mit seinem irgendwie verstimmt klingenden Klavier will sich bis heute nicht richtig festsetzen, aber gut ist auch dieser Song, der besonders durch seine hypnotischen Elemente und seine Monotonie überzeugt. Als Abschluss dieses Albums funktioniert der Song super, an anderer Stelle wäre das aber glaube ich nicht der Fall gewesen. Alles richtig gemacht also.

Fazit: Mit "Eat the Elephant" ist es A Perfect Circle gelungen, ihrem bisherigen Meisterwerk "Thirteenth Step" (2003) einen würdigen Bruder an die Seite zu stellen.


Platz 8: RIVERSIDE - WASTELAND

  1. The Day After (1:48)
  2. Acid Rain (6:02)
  3. Vale of Tears (4:48)
  4. Guardian Angel (4:23)
  5. Lament (6:10)
  6. The Struggle for Survival (9:31)
  7. River Down Below (5:42)
  8. Wasteland (8:26)
  9. The Night Before (4:08)

Fast drei Jahre ist es mittlerweile schon wieder her, dass Riverside-Gitarrist Piotr Grudziński im Alter von gerade einmal 40 Jahren völlig überraschend verstarb. Logisch, dass sein Tod die Band in eine tiefe Krise stürzte, und es war nicht immer klar, ob sie daraus noch einmal zurückkehren würden. 2017 erschien mit "Eye of the Soundscape" dann ein Doppel-Album, das einige der bisherigen Riverside-Instrumentalsongs mit neuer instrumentaler Musik verknüpfte, an deren Aufnahmen Grudziński noch beteiligt gewesen war. "Wasteland" bzw. "Waste7and" (wie es laut Frontcover heißt) stellte 2018 nun das erste reguläre Riverside-Album ohne den langjährigen Gitarristen dar. Um es gleich vorwegzunehmen:

"Wasteland" ist unglaublich gut geworden, vermutlich so gut, wie es unter diesen Voraussetzungen überhaupt nur möglich war. Es ist das beste Album seit dem 2009er Überwerk "Anno Domini High Definition".

Ich hatte in den vergangenen drei Jahren wirklich einen Heidenrespekt davor, wie die Band mit dem Tod ihres Gründungsmitglieds umging, wie sie ihn zum Beispiel live ersetzten, ohne ihn aber vergessen zu machen, und was sie über den Entstehungsprozess von "Wasteland" nach außen kommunizierten, immer im Gedenken an ihren verstorbenen Freund, aber ohne dass die Tragödie dabei vor allem anderen stand. Passenderweise erzählt das neue Album in seinen Texten die Geschichte von ein paar Überlebenden, die sich nach einer nicht näher benannten Apokalypse unterirdisch verkriechen, sich neu formieren und organisieren und dann am Ende des Albums den Schritt nach draußen bzw. an die Oberfläche wagen. Es erfordert nicht viel Fantasie, das Ganze als Sinnbild für die Band an sich und ihre letzten drei Jahre zu deuten.

Die Musik auf "Wasteland" klingt 100 % nach Riverside, dennoch gibt es natürlich Änderungen. Man erkennt die Band zu jeder Sekunde, genau wie man aber immer merkt, dass etwas anders ist als vorher. Wie der Band das gelingt, ist in meinen Augen absolut genial. Zunächst einmal gibt das Album in Songs wie "Acid Rain", "Vale of Tears" oder dem Instrumental "The Struggle for Survival" wieder deutlich mehr Gas als das letzte reguläre Album "Love, Fear and the Time Machine" (2015), andererseits wirkt es trotzdem introvertierter. Ansonsten erinnern gewisse Passagen oder Stimmungen natürlich hier und da an Alben aus dem Backkatalog (bei welcher Band ist das nicht so?), dennoch hört man meiner Meinung nach zu jeder Sekunde, dass "Wasteland" einen Neubeginn darstellt, gleichzeitig aber eben auch den Abschluss einer schlimmen Phase.

Eine Art Riverside 2.0.

In Songs wie dem unbeschreiblich schönen "Guardian Angel" oder "The Night Before" lässt Sänger Mariusz Duda den Hörer sehr nah an sich heran, gerade wenn man weiß, worum es inhaltlich eigentlich geht. Mit "River Down Below", das mich stimmungstechnisch immer an Anathema in ihrer stärksten Phase Ende der Neunziger erinnert, gelingt Riverside zudem ihr größter Hit seit "02 Panic Room" (2007).

"Wasteland" ist ein kleines Meisterstück geworden, nicht nur, aber gerade auch unter den beschriebenen Vorzeichen.


Platz 7: MOTOROWL - ATLAS

  1. Infinite Logbook (5:41)
  2. The Man Who Rules the World (6:11)
  3. Atlas (6:53)
  4. To Give (5:36)
  5. To Take (5:38)
  6. Cargo (5:57)
  7. Norma Jean (9:10)

Vor etwa zwei Jahren gab es im hiesigen Saturn-Markt wieder einmal so eine Ramschladen-Aktion, bei der diverse Rock- und Metalalben für je 6.66 € (originell as fuck natürlich) unters Volk geworfen wurden. Im Zuge dieser Aktion nahm ich mir Motorowls Debüt "Om Generator" mit, schlicht und einfach, weil ich den Bandnamen gut fand. Eine gute Platte, die dann aber ehrlich gesagt wieder ein bisschen in Vergessenheit geriet. Anfang 2018 sah ich die Thüringer dann als Vorgruppe der Black Space Riders live, und dort hinterließen sie mächtig und nachhaltig Eindruck bei mir.

Dementsprechend gespannt war ich natürlich auf ihr zweites Album "Atlas", das dann im Sommer 2018 veröffentlicht wurde. Dann trotz der recht hohen Erwartungen trotzdem noch positiv überrascht zu werden, war natürlich prima.

Motorowl konnten sich auf "Atlas" in wirklich jeder Hinsicht im Vergleich zu ihrem Debütalbum (das ich im Zuge von "Atlas" wieder häufiger gehört und schätzen gelernt habe) steigern, teilweise deutlich. Sie spielen immer noch eine Mischung aus Doom Metal, Rock, Stoner und teilweise psychedelischen Einsprengseln, aber mit was für Songs! Wo andere Bands sich gerne mal in stumpfem Gedröhne, Gefuzze und endlosen Wiederholungen verlieren, behalten Motorowl immer den Song im Auge und haben ein Händchen für Ohrwurmmelodien. "Infinite Logbook", "To Give" oder "Cargo" verfügen über Hooklines, die sich mit Macht festsetzen und einen nicht mehr loslassen.

Zudem klingt "Atlas" ungleich epischer als sein Vorgänger. Wo "Om Generator" irgendwie noch relativ geerdet wirkte, scheint "Atlas" in Richtung Weltraum zu expandieren. Alles an diesem Album klingt groß, weit und räumlich. Das liegt natürlich zu einem guten Teil auch an der perfekten Produktion, die die Musik unglaublich gut unterstützt und wirklich wie die Faust aufs Auge passt. Aber auch die Musik tendiert in diese Richtung. Wenn zum Beispiel am Ende des schlichtweg sauguten Orgel-Solos im Titelsong der letzte Chorus explodiert, entstehen die Supernova-Bilder vor dem geistigen Auge von ganz allein.

Ebenfalls einen großen Schritt nach vorne gemacht hat Sänger Max Hemmann, seine Stimme klingt klarer, voller, einfach besser. Er scheint mehr aus sich herauszukommen, sich mehr zu trauen und sich in seiner Rolle einfach wohler zu fühlen.

Man merkt vermutlich, ich bin wirklich restlos begeistert von "Atlas". Es ist heavy wie die Sau (der abschließende Longtrack "Norma Jean" begräbt echt alles unter sich), es ist melodisch. Es findet die genau richtige Balance aus eingängigen Melodien und schwelgerischen Instrumentalteilen und es nimmt das Beste, was die harte Rockmusik in den letzten 40 Jahren hervorgebracht hat und formt daraus etwas Neues, Eigenes, was auch zu keiner Sekunde angestaubt oder aufgewärmt klingt.

Vollkommen großartig, und ich kann nur hoffen, dass Motorowl uns auf diesem Niveau noch für viele Jahre und Platten erhalten bleiben.

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