Jahresrückblick 2018 Part 6 - Die Plätze 6 bis 4

Langsam aber sicher nähern wir uns schon wieder dem Ende des Rückblickes auf das Jahr 2018. Ab zum Endspurt mit den Alben der Platze 6 bis 4.


Platz 6: EMMA RUTH RUNDLE - ON DARK HORSES

  1. Fever Dreams (4:50)
  2. Control (4:10)
  3. Darkhorse (6:12)
  4. Races (5:34)
  5. Dead Set Eyes (4:58)
  6. Light Song (5:50)
  7. Apathy on the Indiana Border (4:46)
  8. You Don't Have to Cry (5:44)

Emma Ruth Rundle, die in der Vergangenheit in verschiedene Bands und Projekte wie Red Sparowes, Marriages und The Nocturnes involviert war, ist seit einigen Jahren auch solo unter ihrem eigenen Namen unterwegs. "On Dark Horses" ist bereits ihr viertes Solo-Album. Das schöne ist, dass sie sich von Album zu Album steigert. Die Vorgänger, insbesondere "Marked for Death" (2016), waren auch schon nicht von schlechten Eltern, aber mit "On Dark Horses" setzt die kalifornische Künstlerin da noch einmal locker einen drauf.

Im Prinzip hat sie stilistisch diesmal gar nicht so viel geändert, agiert aber insgesamt noch etwas düsterer, langsamer, ausladender, härter und auch epischer als auf dem Vorgängeralbum. Sie reizt die Extreme also etwas mehr aus, lediglich die ganz ruhigen Klänge hat sie ein wenig zurückgeschraubt. Die Songs sind im Schnitt etwas länger, und Emma Ruth Rundle nimmt sich einfach etwas mehr Zeit, um ihre Geschichten zu erzählen.

Herausgekommen ist ein wirklich saustarkes Album zwischen düsterem Folk, krachigem Alternative Rock und gelegentlichen Berührungen mit postrockigen Gefilden. Insbesondere die Mitte des Albums (von "Darkhorse" bis "Light Song") gefällt mir dabei wirklich ausnehmend gut. Die Lieder verfügen bei aller Finsternis und Unnahbarkeit immer über gute Melodien und Hooklines, Emma Ruth Rundle legt auf einen guten Song ebenso viel Wert wie auf eine passende Atmosphäre. Speziell "Darkhorse" und "Dead Set Eyes" sind waschechte Hits, richtige Ohrwürmer.

Meine Lieblingssongs auf "On Dark Horses" sind das noch am ehesten als Ballade durchgehende "Races", das aufgrund der Gitarren eine Art unheilvolle und dunkle Westernstimmung verbreitet, sowie der alles andere als helle "Light Song", bei dem Emma Ruth Rundle sich den Gesang mit Gitarrist/Pianist Evan Patterson teilt.

Die Platte klingt insgesamt ziemlich introvertiert, und auch wenn die Band hier und da schon recht mächtige Soundwände aufbaut, so kommt es doch nie zu der großen Lärmexplosion, die hin und wieder irgendwie kurz bevor zu stehen scheint. Stattdessen gelingt Emma Ruth Rundle das Kunststück, ein zwar sehr finsteres, aber gleichzeitig wunderschönes Album geschaffen zu haben. Bedrohliche Songs, die man aber trotzdem immer wieder hören will, dunkle Welten, von denen man aber nicht genug bekommt. Ein wirklich großes Album.


Platz 5: ARENA - Double Vision

  1. Zhivago Wolf (4:47)
  2. The Mirror Lies (6:57)
  3. Scars (5:16)
  4. Paradise of Thieves (5:09)
  5. Red Eyes (6:40)
  6. Poisoned (4:27)
  7. The Legend of Elijah Shade (22:38)

Seit ihrem 1998er Überwerk "The Visitor" bin ich Fan dieser Band, habe sie viele Male live gesehen und ihre bewegte und immer etwas instabile (auf neun Alben hat die Band inzwischen vier Sänger, vier Bassisten und zwei Gitarristen verbraten) Laufbahn verfolgt.

Diesmal hat sich am Line-Up zum Vorgänger "The Unquiet Sky" (2015) allerdings nichts geändert. "Double Vision" ist das inzwischen dritte Album mit Sänger Paul Manzi und die Formkurve zeigt weiterhin steil nach oben. Es ist sogar so, dass "Double Vision" das beste Arena-Album seit dem 2000er Meisterstück "Immortal?" darstellt, womit ich ehrlich gesagt nicht mehr unbedingt gerechnet hatte.

Nicht nur kommen sie vollkommen ohne Füllmaterial aus, sie haben auch ein paar ihrer besten Songs überhaupt geschrieben. Da wäre zum Beispiel "Scars", eine Halbballade, die das schönste Gitarrensolo John Mitchells seit vielen Jahren enthält und zudem mit dem großartigen "Help Me!"-Part eine augenzwinkernde Brücke zu ihrem Publikumsliebling und klassischen Konzert-Rausschmeißer-Song "Crying For Help VII" schlägt.

Oder "The Mirror Lies", ein kompakter Siebenminüter, an dem einfach alles stimmt und der in einem Chorus gipfelt, in dem Manzi seine ganze Klasse ausspielen kann. Was für ein großartiger Song, für mich der beste des Albums. Viel kann auch "Paradise of Thieves", das ich anfangs eher unscheinbar fand, das aber mit seiner Mischung aus AOR-Sounds und "Grace Under Pressure"-Rush-Reminiszenzen (der Gitarrensound!) in Wirklichkeit völlig großartig ist. Gleiches gilt für das vom Aufbau her ungewöhnliche "Red Eyes", das den düstersten Song des Albums darstellt, sowie für den Opener "Zhivago Wolf", der noch am ehesten ans Vorgängeralbum erinnert. Lediglich "Poisoned", die Ballade, fällt im Vergleich zum Rest minimal ab. Ausgerechnet zu diesem Song dreht die Band dann ihren ersten Videoclip ihrer mittlerweile 24jährigen Karriere – meine Wahl wäre da eher auf "Scars" gefallen, aber was will man machen. Ein sehr guter Song ist auch "Poisoned", aber meiner Meinung nach eben nicht ganz so gut wie der Rest.

Dass "Double Vision" eine Verbindung zu "The Visitor" hat, merkt der Profi natürlich schon am Albumtitel, der dem eines Songs des 1998er Albums entspricht. Im Abschlusstrack "The Legend of Elijah Shade" wird dies dann aber überdeutlich. Im bisher längsten Song ihrer Karriere wiederholen Arena zwar kein musikalisches Thema ihres Klassikers, es gibt aber immer wieder Passagen während dieser stolzen 23 Minuten, die an Stellen auf "The Visitor" erinnern, kleinere Anspielungen und Hinweise, und auch textlich findet man so manchen Querverweis. Der Anfang des Songs erinnert zudem deutlich an "The Butterfly Man" vom "Immortal?"-Album. Hier hatte ich ja schon lange vermutet, dass der Visitor und der Butterfly Man in Wirklichkeit ein und dieselbe Person sind, aber das würde nerdtechnisch an dieser Stelle deutlich zu weit führen. Es ist aber schön, das in gewisser Weise bestätigt zu haben.

"The Legend of Elijah Shade" ist in sieben Parts unterteilt, es kommt trotz der Länge zu keiner Sekunde Langeweile auf, im Gegenteil finde ich sogar, dass Arena sich an der ein oder anderen Stelle durchaus noch etwas mehr Zeit hätten nehmen können, um Melodien und Stimmungen zu ihrer vollen Entfaltung zu bringen. Einen Song dieser Länge schlüssig und ohne überflüssiges Gedudel zu komponieren, muss man erst einmal schaffen. Und auch, wenn der Abschlusstrack nicht ganz an ihren anderen Zwanzigminüter "Moviedrome" heranreicht, so hätte ich nicht gedacht, dass noch einmal ein derartiges Songmonster in Arena stecken würde. Grandios und ein fantastischer Abschluss dieses tollen Albums.

Bei allem Lob sei aber noch ein Wort der Kritik gestattet: Das Albumcover ist schon echt ein Angriff auf den guten Geschmack und in dieser Hinsicht klar der Tiefpunkt der Diskographie. Das wäre dann aber auch schon alles. Ansonsten kann ich mich bei den Briten nur für dieses schlichtweg großartige Album bedanken. Ich freue mich jetzt schon auf die Tour im April.


Platz 4: MORNE - TO THE NIGHT UNKNOWN

  1. To the Night Unknown (7:34)
  2. Not Our Flame (11:58)
  3. The Blood is Our Own (9:16)
  4. Scorn (7:54)
  5. Show Your Wounds (5:06)
  6. Night Awaits the Dawn (9:11)
  7. Shadowed Road (6:35)
  8. Surrendering Fear (9:14)

Ganze fünf Jahre zogen ins Land, bis Morne ihrem 2013er Album "Shadows" einen Nachfolger spendierten. Die an zwei Positionen (Gitarre und Bass) umbesetzte Band veröffentlichte dann 2018 endlich ihr viertes Album unter dem Namen "To the Night Unknown".

Die Hauptänderung zu den bisherigen Alben dürfte sein, dass Morne nun in dem ein oder anderen Song tatsächlich Gitarrensoli verwenden. Das wirkt zunächst ungewohnt und wie ein Fremdkörper, passt aber dann doch eigentlich erstaunlich gut zu ihrer Musik. Ansonsten hat sich nicht allzu viel am Stil der Band verändert. Weiterhin spielen Morne irgendeine Mischung im Umfeld von Doom, Hardcore, Crust, Sludge und Post Metal, wobei mindestens zwei dieser Begriffe für mich eh ziemlich schwammig sind.

Aber man merkt: Es geht weiterhin langsam, walzend, finster und überaus wütend zu. Eine Band wie Neurosis, die sicherlich mal ein großer Einfluss für Morne waren, überholt man meiner Meinung nach inzwischen spielend. Wo erstere zumindest, was neue Musik angeht, eigentlich nur noch ihr Erbe verwalten (was nach dieser Karriere und Diskographie natürlich auch völlig in Ordnung ist), bleiben Morne aber weiterhin spannend und schaffen es, mitreißende Songs und spannende Alben zu veröffentlichen. "To The Night Unknown" bildet da erwartungsgemäß keine Ausnahme, es ist nach dem immer noch ungeschlagenen, allerdings noch deutlich harcorelastigeren Debüt "Untold Wait" inzwischen sogar mein Lieblingsalbum der Band.

Acht Songs in 66 Minuten – Morne nehmen sich wie üblich ordentlich Zeit, um ihre Songungetüme aufzubauen und auszuwalzen. "To the Night Unknown" ist heavy, langsam, monoton. Sänger Milosz Gassan wütet sich durch die Songs, schreit sich die Seele aus dem Leib, klingt ebenso verzweifelt wie stocksauer. "To the Night Unknown" ist ein schwarzer Klumpen Wut. Das Album wirkt auf den ersten Blick gewaltig, beinahe übermächtig, und man wird beim Hören quasi unter den schleppenden und alles zermalmenden Riffs von Songs wie "Scorn" oder "Night Awaits the Dawn" begraben, die Platte walzt über einen hinweg wie ein rostiger Panzer oder ein Vulkanausbruch. Dabei wirkt sie ebenso unnahbar wie der schwarze Monolith aus "2001 – A Space Odyssey" – und übt eine ebenso große Anziehungskraft und Faszination aus. Einmal in "To the Night Unkown" eingehört, lässt einen das Album nicht mehr los. Das alles dann bei völlig fantastischem Sound, der bei aller Wucht stets differenziert genug klingt, um das Ganze nicht im lärmenden Chaos untergehen zu lassen.

Licht gibt es im Grunde keins auf diesem Album, das Universum von Morne ist schon ein sehr dunkles, lediglich die erwähnten Gitarrensoli setzen hier und da einen kleinen Kontrastpunkt. Ansonsten regiert die schwarze Monotonie, aber genauso möchte man diese Art von Musik ja auch haben. Für meine Begriffe ist dieser Stil nicht besser machbar als Morne das 2018 auf ihrem vierten Album getan haben.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0