Listensofa - New Model Army

Nachdem das Listensofa zu Iron Maiden mir sehr viel Spaß gemacht hat und der Artikel zudem so viel Resonanz hervorrief wie bislang kein anderer (wobei das in erster Linie an der Band und nicht am Format gelegen haben dürfte, da mache ich mir nichts vor), präsentiere ich Euch heute die zweite Ausgabe des Listensofas.

Und da dachte ich mir, kann man ja auch gleich mal in die Vollen gehen. Denn die Briten von New Model Army sind, wie ich hier an anderer Stelle schonmal erwähnte, meine Lieblingsband. Sowas ist natürlich immer schwierig festzulegen und vor allem im Grunde auch vollkommen sinnfrei, aber über die Jahrzehnte gesehen ist es dann wohl die Band um Justin Sullivan, die sich in meinem Herzen auf den Thron gespielt hat. Es geht also quasi um alles für mich.

 

New Model Army sind zudem eine Band, bei der ich tatsächlich alle Alben essenziell finde und auf keines verzichten würde, die Festlegung der Reihenfolge war also einigermaßen schwierig. Zudem gehören sie zu den Bands, bei denen für mich nicht automatisch der alte Kram auch der beste ist. Daher dachte ich mir, ich fordere mich mal selbst heraus und versuche, ein Listensofa für New Model Army zu erstellen. Von der Vorgabe, wirklich nur die reinen Studioalben einzubeziehen, weiche ich diesmal teilweise etwas ab, warum, steht dann in den entsprechenden Reviews. Los geht’s:


Platz 13: Strange Brotherhood (1998)

Wie gesagt, alle Alben dieser Band sind für mich unverzichtbar, so auch diese Platte von 1998, New Model Armys siebtes Album. Nach einer fünfjährigen Veröffentlichungspause erblickte "Strange Brotherhood" das Licht der Welt. Das letzte Album mit Drum-Urgestein Robert Heaton, der die Band nach den Aufnahmen aus gesundheitlichen Gründen verließ und 2004 leider verstorben ist, hat im Grunde nur ein Problem: Es wirkt nicht wie ein Album, sondern mehr wie eine Ansammlung von Songs. New Model Army schaffen es nicht, der Platte über die gesamte Spielzeit einen übergreifenden Spannungsbogen oder auch nur eine homogene Atmosphäre zu verleihen. Vielmehr wirkt das Album wie Stückwerk, wie eine Sammlung von Liedern, die sich eben über die Pause angesammelt hatten, was es vermutlich ja auch ist. An den Songs selber gibt es hingegen wenig zu kritisieren. Über das experimentelle "Whites of their Eyes" kann man geteilter Meinung sein und "Big Blue" nervt mit seinen merkwürdigen Chören, ansonsten ist hier aber eigentlich alles im grünen Bereich. Zu den Highlights zählen natürlich der Opener "Wonderful Way to Go", der mir live jedes Mal mit Ansage an einer bestimmten Stelle die Tränen in die Augen treibt, die wunderschöne Ballade "Queen of my Heart", das düster-wütende "Killing" sowie das entspannte und unendlich cool daherswingende "Headlights". Ein sehr gutes Album, dem eben ein wenig das große Gesamtbild fehlt. Aufgrund vieler herausragender Einzelsongs aber trotzdem Pflicht.

 

Platz 12: Carnival (2005)

Ab hier wurde die Reihenfolge wirklich schwierig für mich und vermutlich entschied zu einem nicht unerheblichen Teil einfach die Tagesform. "Carnival", Album Nummer 9 von 2005, ging ebenfalls eine fünfjährige Veröffentlichungspause voraus. Im Gegensatz zu "Strange Brotherhood" wirkt "Carnival" aber wie aus einem Guss. Das Album bietet im Grunde klassisches Army-Material, ist aber über weite Strecken oft im Midtempo verankert und zudem teilweise sehr perkussiv ("Red Earth", "Another Imperial Day", "Too Close to the Sun"). New Model Army hatten schon immer diese 'Zweite Reihe'-Lieder, die hinter den offensichtlichen Hits zunächst etwas zurückstehen, in Wahrheit aber keinen Deut schwächer, wenn nicht sogar besser sind. "Carnival" ist ein Album voll von diesen Songs. "Prayer Flags" und "Island" sind die einzigen Songs, die zumindest dezent in Richtung Hit gehen, der Rest erschließt sich eigentlich erst mit mehrmaligem Hören, zündet dann aber umso mehr. New Model Army legen hier sehr viel Wert auf eine in sich geschlossene, sehr dichte Atmosphäre, bestes Beispiel sind wohl das höllisch intensive "Carlisle Road" und das schon erwähnte "Another Imperial Day", das live auch gerne a capella von Sullivan vorgetragen wird und dann eher wie eine Ansprache oder eine Rede wirkt. Der extrem finstere Text über Migration und Flucht und die Art und Weise, wie das reiche Europa mit diesen Menschen umgeht, ist fast 15 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch derart aktuell, dass einem schlecht wird. Nicht zuletzt deswegen wohl am Ende der herausragendste Song von "Carnival".

Platz 11: The Love of Hopeless Causes (1993)

"Here Comes the War", das Eröffnungsstück dieses Albums, war damals mein bewusster Erstkontakt mit New Model Army. Ich hörte dieses Lied tatsächlich im Radio – heute komplett unvorstellbar – und es zog mich vollständig in seinen Bann. Besonders das Ende, bei dem Sullivan sich in einen wahren Wutrausch brüllt, haute mich mit meinen 15 Lenzen natürlich völlig um. Mein nächster Schritt war dann, mir eine Best-of der Band zu besorgen ("History", vor diesem Album erschienen, der Song war da also nicht mal drauf) und der Rest ist dann Geschichte. Mal abgesehen von "Understand U", das ich tatsächlich als so ziemlich einzigen Komplettausfall in der Geschichte dieser Band wahrnehme, und dem etwas unscheinbaren "Afternoon Song" ist "The Love of Hopeless Causes" durchgehend hochklassig. Sein einziges Problem sind vermutlich die vier übermächtigen Vorgängeralben, an die es nicht ganz heranreicht. Ansonsten habe ich hier absolut nichts zu meckern.

"Fate" schlägt die meisten, wenn nicht gar alle Army-Songs in dieser Midtempo-Machart mit links, das dramatische und intensive "White Light" über eine Nahtoderfahrung Sullivans, die er auf der Bühne nach einem elektrischen Schlag hatte, ist der nächste Kracher. "My People", das Samples aus den Tagen der Samtrevolution in Prag beinhaltet, sorgt für dicke Gänsehaut. "Bad Old World", das ich immer als Fortsetzung bzw. Antwort auf "Green and Grey" wahrnehme und das ebenfalls zu den besten Liedern dieses Albums zählt, beendet "The Love of Hopeless Causes" schließlich fast schon beschwingt.



Platz 10: High (2007)

Der größte Kritikpunkt an "High" ist für mich tatsächlich das Cover, bei dem man statt des althergebrachten New Model Army-Logos ernsthaft auf einen hässlichen Standard-Font setzte, der dieses ansonsten wie immer sehr schöne und stimmungsvolle Artwork von Joolz für mich ziemlich entstellt. Naja. Der Nachfolger von "Carnival" fällt ein wenig offener und weniger in sich gekehrt, dafür etwas abwechslungsreicher aus. Die getragenen und ruhigen Songs sind dabei für mich dieses Mal die Highlights. "High", "Rivers", "Into the Wind" und vor allem das schlicht kaum zu beschreiben schöne "Sky in your Eyes" (dessen zweite Strophe für mich zu Sullivans schönsten und besten Lyrics gehört, obwohl sie 'nur' eine Erinnerung an einen bestimmten, persönlichen Moment beschreibt) sind allesamt überragend. Aber auch die rockigen Songs wie der Opener "Wired" oder "Nothing Dies Easy" können alles. Eine weitere Stärke von "High" ist zudem der sehr warme, angenehme, fast heimelige Sound, der vor allem in atmosphärisch dichten Songs wie "Dawn" und "Breathing" zum Tragen kommt. Es ist eine Schande, so ein geniales Album bereits auf Platz 10 verbraten zu müssen, aber was soll ich machen, die Band hat nun einmal derart viele Überalben herausgebracht, dass es sich leider nicht vermeiden ließ. Aber es tat weh.

Platz 9: Vengeance (1984)

Wie eingangs erwähnt, weiche ich diesmal von der Besprechung der reinen Studioalben an einigen Stellen etwas ab, und das hier ist der erste Fall. "Vengeance" ist das Debütalbum der Band, enthielt ursprünglich nur acht Songs und war gerade einmal eine knappe halbe Stunde lang. Näher am Punk war die Band musikalisch nie wieder. 1987 kam dann unter "Vengeance – The Independent Story" eine um zahlreiche Songs erweiterte Fassung heraus. Diese enthielt neben dem Album noch die Tracks der vorangegangenen bzw. nachfolgenden EPs und zwei BBC-Session-Liveaufnahmen. Da die Songs in der Reihenfolge ihres ursprünglichen Erscheinens auf dieser Platte standen, war "Christian Militia", der eigentliche Opener des Albums, hier erst der sechste Song. Diese Version von "Vengeance", nun 18 Songs und eine Stunde lang, war die, mit der ich aufgewachsen bin. 2012 wiederum erschien dann mit "Vengeance: The Whole Story 1980-1984" eine weitere Version, hier war das Album wiederum an den Anfang der CD gestellt worden, dann folgten die EP-Songs und auf einer zweiten CD standen diverse bisher schwer oder gar nicht erhältliche Demos und BBC-Session-Songs. Ziemliche Versions-Verwirrung also. Die 2012er Version ist aber wohl die ultimative und vor allem umfassendste, insgesamt beinhaltet sie 37 Stücke. Lieder, die zu meinen Lieblingen gehören, vor allem die ungezügelte Punk-Attacke "Betcha", das ungeschliffene "Tension" sowie die schon deutlich ausgereifteren "1984" und "No Man's Land" waren bzw. sind also eigentlich gar nicht Teil des Albums. Egal, denn für mich gehören sie eben trotzdem dazu. Die Highlights des Albums selbst sind meiner Meinung nach die finsteren und teils zynischen "Christian Militia" und "Spirit of the Falklands", das live immer zu den Höhepunkten gehörende "A Liberal Education", und natürlich der alles überstrahlende Titelsong, der vor Wut nur so überkocht und dessen Selbstjustiz-Text man sicher diskutieren kann, der für mich aber genauso gehört und sein muss. Ein tolles Debüt, das aber noch zahlreiche Male gesteigert werden sollte.

Platz 8: Today is a Good Day (2009)

Album Nummer 11 erschien 2009 und war nach den etwas introvertierten Alben von "Eight" bis "High" deutlich wütender und lauter. Das Album ist das letzte mit dem langjährigen Bassisten Nelson, der die Band immerhin 20 Jahre lang begleitet hatte. Der Opener und Titelsong ist wüst und ungestüm, hier merkt man die Wut, die in der Band und vor allem ihrem Sänger steckte. Auslöser war die Bankenkrise bzw. das Platzen der Finanzblase kurze Zeit vorher. "Today is a Good Day" wirkt wie ein Ausrufezeichen am Anfang des Albums, hallo, wir sind noch da, wir haben noch was zu sagen und sind zudem stinksauer. Danach geht es zwar dann etwas gemäßigter zu, aber die innere Unruhe und Zerrissenheit, die Verzweiflung über den Scheiß, der auf der Welt passiert, merkt man deutlich. Das ruhige, aber trotzdem von Anspannung durchsetzte "Ocean Rising" kannte man bereits von Sullivans Solo-Album "Navigating by the Stars", ansonsten sind es auf diesem Album vor allem die schnelleren und härteren Songs, die zu meinen Favoriten gehören ("States Radio", "Arm Yourselves and Run", "Mambo Queen of the Sandstone City"). Vollkommen überragend ist zudem "Autumn" mit seinem herzzerreißenden Chorus. Das Lied steht für mich in der Tradition dieser zweiten Songs auf Army-Alben, die nach dem Opener zunächst fast unscheinbar wirken, in Wahrheit aber zu den völligen Großtaten der jeweiligen Schaffensperioden zählen, "Fate", "Stupid Questions", "Space“ oder "Lights Go Out" wären weitere Beispiele für diese Art von Songs. Der leider nur im Innen-Artwork verwendete Schädel mit den Blumen ist zudem vermutlich mein Lieblings-Artwork von Joolz bzw. New Model Army. Was für eine großartige Platte.

Platz 7: Eight (2000)

Langsam wird die Auswahl einer Reihenfolge wirklich schwer, denn mit "Eight", dem logischerweise achten Album der Band, sind wir endgültig in der Region 'Olymp' angekommen. Ab jetzt folgen eigentlich nur noch Zehnpunkte-Platten, meiner Meinung nur als epochal im Schaffen der Band und als mindestens essenziell für die Rockmusik an sich zu bezeichnen.

"Eight" ist insofern etwas ungewöhnlich, da es mit "Flying Through the Smoke" seinen so ziemlich sperrigsten Song an den Anfang stellt. Das unruhige, anfangs fast ziellos wirkende Lied geht zunächst nicht wirklich ins Ohr, das gibt sich dann aber irgendwann recht schnell. Mit der Mundharmonika-Ballade "You Weren't There", die so herzzerreißend schön und verzweifelt ist, dass ich nicht mal Worte dafür habe, geht es weiter. "Orange Tree Roads", das mit seinen Streichern an "Impurity"-Tage erinnert, sowie das sowohl in Sachen Finsternis als auch von der Machart in Leonard Cohen-Regionen vorstoßende "Someone Like Jesus" sind die nächsten Knaller.

Die weiteren Höhepunkte von "Eight" sind die Baumbesetzer-Nummer "Snelsmore Wood", das entspannte und ausladende "Peakakariki Beach" sowie "Leeds Road 3am". Letztgenannter ist wohl mein Lieblingssong auf diesem Album. Ein düsterer, sich immer weiter steigernder Song. Besonders trägt dazu auch Neudrummer Michael Dean bei, der in die Fußstapfen von Robert Heaton treten musste und diese sicherlich nicht gerade leichte Aufgabe mehr als beeindruckend erfüllte und bis heute erfüllt. Der Text von "Leeds Road 3am", der mich in seiner erzählerischen Art immer sehr stark an die alten Alben von Bruce Springsteen erinnert hat, gehört zudem zu den besten dieser Band überhaupt. Ja, "Eight" ist vollkommen fantastisch und ich kann erneut nur betonen, dass es eigentlich unwürdig ist, so ein Album bereits jetzt nennen zu müssen.



Platz 6: Winter (2016)

"Winter" ist das derzeit noch aktuelle Album von New Model Army, bevor sie im Spätsommer/Frühherbst ihre neue Platte "From Here" werden folgen lassen. Nach dem etwas experimentelleren "Between Dog and Wolf" geht "Winter" wieder einen Schritt zurück und bietet klassisches, typisches Army-Material. Die musikalische Spannbreite von eher introvertierten, melancholischen Songs wie "Winter" oder "After Something" über für die Band typische Rocksongs wie "Born Feral" und "Eyes Get Used to the Darkness" bis hin zu einem Wutausbruch wie "Burn the Castle" ist dabei wie immer sehr groß. Gerade "Burn the Castle" wirkt derart energiegeladen, wütend und aufbrausend, dass man kaum glauben mag, dass die Band zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als 35 Jahren aktiv war. Nichts, aber auch gar nichts ist an Relevanz, Dringlichkeit und einfach dem unbedingten Wunsch, sich zu den Missständen in der Welt zu äußern, verloren gegangen.

Bestes Beispiel ist dafür aber ausgerechnet der ruhigste Song, nämlich "Die Trying". Ein Lied über die Flüchtlingskrise, ziemlich schonungslos, was den Text anbelangt, während es musikalisch beinahe wie eine Lagerfeuerballade wirkt. Gerade auch live merkt man, wie wichtig dieses Lied der Band ist. "Die Trying" ist einer der eindringlichsten Momente im Schaffen von New Model Army. "Winter" steht den Klassikern und frühen Alben dieser Band im Grunde in gar nichts nach, und es gibt wohl nicht viele Bands, über die man derartiges nach so langer Zeit noch sagen kann. Das Cover zählt zudem zu ihren schönsten.

Platz 5: The Ghost of Cain (1986)

30 Jahre vor "Winter" erschien "The Ghost of Cain", das dritte Album der Band. Ein erster Besetzungswechsel hatte stattgefunden, Moose Harris hatte Stuart Morrow am Bass ersetzt. Das nach der Ur-Version von "Vengeance" kürzeste Album von New Model Army ist natürlich ein völliger Klassiker und absoluter Meilenstein. Mit "51st State" enthält es ihren wohl mit Abstand bekanntesten Song, den nun wirklich jeder kennt, der zwischen 1970 und 2000 geboren ist und jemals irgendeine Party, Hochzeit oder sonstige Feierlichkeit besucht hat. Dass er trotzdem immer noch nicht totgedudelt ist, zeigt, was für ein guter Song das ist.

Das eröffnende, düstere und böse "The Hunt" ist vermutlich mein Lieblingssong des Albums. Auch hier geht es wieder ums Thema Selbstjustiz, zumindest ist der Text durchaus so auslegbar. "Poison Street", "Lights Go Out", "Western Dream" und "Heroes" zeigen neben den bereits genannten Liedern das unglaubliche Gespür dieser Band für Hitmelodien und Refrains, die sich massiv im Gehirn festsetzen. Das von knarzendem Bass und mit Hall unterlegten Riffs auf der Akustikgitarre dominierte "Master Race" beendet das Album erneut ziemlich wütend und durchaus zynisch. "The Ghost of Cain" ist neben "Strange Brotherhood" das einzige Album der Band, dessen Cover ein Foto zeigt, in diesem Fall eine Lederjacke mit dem eingearbeiteten, nur zum Teil lesbaren Schriftzug "Only stupid bastards use heroin". Nach dem Song "Heroin" (einer B-Seite des Vorgänger-Albums) das zweite, sehr deutliche Statement der Band gegen diese zu dieser Zeit in ihrem Umfeld sehr populäre Droge kurz hintereinander. Ansonsten bleibt zu dieser Platte noch zu sagen, dass sie das coolste Bandfoto der gesamten Karriere enthält.

Platz 4: No Rest for the Wicked (1985)

Das zweite Album der Band und das einzige, bei dem ich mit den Texten bis heute nicht wirklich vertraut bin, da die von mir besessene (und inzwischen seit langem ausgetauschte) Billig-CD-Version einfach keine abgedruckten Lyrics enthielt. Inzwischen habe ich sie natürlich längst nach- und mitgelesen, aber abgesehen von "Better than Them" und "No Rest" habe ich trotzdem bis heute nicht so ein enges Verhältnis zu den Texten, wie das bei den anderen Alben der Band der Fall ist. "No Rest for the Wicked" ist ein unglaubliches Album. Die Hitausbeute ist mit den beiden genannten Songs sowie "Frightened", "Grandmother's Footsteps", "My Country" und "Drag it Down" ähnlich hoch wie bei "The Ghost of Cain", mir liegen die Songs stimmungstechnisch und musikalisch vielleicht noch eine winzige Spur näher als beim Nachfolgealbum, aber im Grunde sind die Platzierungen an dieser Stelle absolut willkürlich. Den Ausschlag gibt letztendlich vermutlich das Lied "Better than Them", das unter Umständen das beste ist, das diese Band jemals aufgenommen hat. Der von Akustikgitarren, unruhigem Drumming und Justin Sullivans verzweifeltem und sehnsüchtigem Gesang bestimmte Song, geht wirklich ans Herz und ist einfach in sich perfekt. Gleiches gilt für "No Rest" (den ich jahrelang nur in der unwürdigen Edit-Version der "History"-Best-of kannte), den man ohne jeden Zweifel als perfekten Rocksong bezeichnen kann und muss. Mit dem hektischen "Shot 18" und dem ultradüsteren, fast soundtrackartigen "The Attack" endet "No Rest for the Wicked" beinahe ein wenig experimentell. Die Kreativität dieser Band in ihrer Frühphase ist unfassbar, quasi im Jahrestakt gab man Legendenalbum um Legendenalbum heraus, "No Rest for the Wicked" ist da bloß das erste in einer Reihe von vielen.



Platz 3: Between Dog and Wolf / Between Wine and Blood (2013 und 2014)

"Between Dog and Wolf", das zwölfte Album der Band, erschien 2013 und war das erste Album mit Bassist Ceri Monger, der Nelson ersetzt hatte. Besonders live ist Monger meiner Meinung nach ein echter Zugewinn, der (wenn die Optik nicht täuscht) deutlich jüngere Bassist treibt die Band headbangend und mit großer Energie vor sich her, sorgt für jede Menge Bewegung auf der Bühne und kommt zum Teil schon wie ein zweiter Frontmann rüber.

"Between Dog and Wolf" als Album ist hingegen relativ introvertiert und für Bandverhältnisse recht ruhig. Die Band experimentierte hier vor allem mit Rhythmen, Percussions nehmen deutlich mehr Raum ein als vorher, repetitive Backing-Vocals sorgen in Songs wie "Horsemen" oder "Did You Make it Safe?" zusätzlich für eine Atmosphäre, die die Songs teilweise eher wie Beschwörungen als wie normale Rocksongs wirken lässt. Das Album ist in sich geschlossen, die Songs werden hier sozusagen der Gesamtatmosphäre untergeordnet, wichtig ist das große Gesamtbild. Zumindest ist dies mein Eindruck und mein Empfinden. Auch relativ typische Lieder wie "Seven Times" oder "Tomorrow Came" sind so arrangiert und platziert, dass ein gewaltiges, düsteres und teilweise geheimnisvolles Bild entsteht. In "I Need More Time" schreit sich Justin Sullivan seine Verzweiflung darüber, dass die Zeit immer schneller vergeht, er aber noch so viel zu sagen und mitzuteilen hat, von der Seele. Die experimentelle Ausrichtung dieser Platte ist absolut grandios gelungen und packt mich bis heute völlig, weswegen ich die Scheibe tatsächlich vor diversen Klassikern sehe.

Die ein Jahr später nachgeschobene 6-Track-EP "Between Wine and Blood" setzt diese Ausrichtung teilweise fort, hier stehen für mich aber wieder die Songs im Vordergrund. Mit dem wütenden "Angry Planet", dem meditativen "Sunrise" sowie dem fast schon wavigen "Devil's Bargain" hat man weitere Göttergaben im Gepäck, die übrigen drei Songs sind kaum schwächer. "Between Wine and Blood" enthält neben diesen sechs Studiosongs außerdem eine 11-Track-Live-CD mit Songs von "Between Dog and Wolf". Auf der Homepage der Band wird "Between Wine and Blood" als eigenes Album geführt, für mich gehören die beiden Scheiben allerdings zusammen und daher habe ich sie hier so zusammengefasst.

Platz 2: Thunder and Consolation (1989)

"Thunder and Consolation" ist wohl das Klassiker-Album von New Model Army, vermutlich die Platte, die die meisten Fans als ihren Liebling dieser Band angeben würden. Das Coverartwork ist ikonisch, vermutlich hat Joolz in ihrem Leben kein Motiv öfter tätowiert. Ich war viele Jahre lang der Meinung, dieses Album enthalte 15 Songs und wäre über eine Stunde lang. Grund war, dass ich den CD-Release hatte. Dieser enthält eben besagte 15 Lieder. Was ich nicht wusste ist, dass die ursprüngliche Version von "Thunder and Consolation" aber nur zehn Tracks enthielt und der Rest Bonus-Songs (z. B. von der "New Model Army"-EP, auch im Bild zu sehen) waren, da sie an keiner Stelle irgendwie als solche gekennzeichnet waren. "125 mp/h" sowie die vier letzten Lieder der CD gehören eigentlich überhaupt nicht zum Album, eigentlich endet es mit "Archway Towers" – was bei genauerem Nachdenken auch absolut Sinn ergibt, denn einen besseren Abschlusstrack als das apokalyptische "Archway Towers" kann man sich kaum vorstellen.

"Thunder and Consolation" ist musikalisch deutlich breiter aufgestellt, als das bis dato der Fall gewesen war, Keyboards und Streichern wird erstmals Raum gegeben, auch stimmungstechnisch deckte man mehr Schattierungen als bisher ab.

Ansonsten enthält das Album mit "I Love the World" (sehr oft mein Lieblingslied der Band) wohl den besten aller Army-Opener, sowie mit dem an Dramatik nicht mehr zu toppenden "Green and Grey" und der Akustik-Nummer "Family Life", die einem beide schlicht und einfach das Herz aus der Brust reißen, locker drei der besten zehn Lieder dieser Band. Auch "225" (was für ein prophetischer bzw. immer noch verdammt aktueller Text über Digitalisierung und Überwachung) und "Ballad of Bodmin Pill", das diese Band in fünf Minuten perfekt zusammenfasst, sind klare Zehnpünkter, ebenso "The Charge" und "White Coats", die zwar eigentlich zu den Bonustracks zählen, für mich aber eben wie beschrieben zum Album gehören. Mit "Vagabonds" gibt es den nach "51st State" wohl bekanntesten Song von New Model Army, den ich aber mal eine ganze Zeit lang echt über hatte. Inzwischen mag ich ihn aber wieder sehr gerne. Objektiv betrachtet (sofern man so etwas albernes wie Musik objektiv zu betrachten überhaupt tun kann oder sollte) ist "Thunder and Consolation" also wohl das beste Album der Band. Und an fünf von zehn Tagen hätte ich das hier auch so geschrieben. Aber heute ist eben keiner dieser fünf Tage.

Platz 1: Impurity (1990)

Wenn ich mich richtig erinnere, so war "Impurity" das erste Album der Band, das ich vollständig kannte, nach der Best-of also sozusagen mein Einstieg. Nun ist es ja oft so, dass Einstiegsalben eine ganz besondere Rolle für den Fan einer Band einnehmen, aber bei New Model Army und mir ist das eigentlich nicht wirklich so. Dafür spricht schon, dass ich mir tatsächlich nicht 100%ig sicher bin, ob "Impurity" wirklich mein Einstieg war. Von daher ist dieser Faktor zu vernachlässigen.

Das vierte der vier großen Alben zwischen 1985 und 1990 und heute ist es mein Liebling, trotz der gewagten Cover-Farbwahl des roten Bandlogos auf violettem Grund. Was sich auf "Thunder and Consolation" schon mehr als angedeutet hatte, wurde hier konsequent weitergeführt: Die Punk-Anteile sind auf "Impurity" im Grunde ganz verschwunden, dafür wird den Streichern und Keyboards noch mehr Raum gegeben, was zu einer noch melancholischeren und teils folkigeren Ausrichtung führte als beim Vorgänger.

Lediglich der Opener "Get Me Out" hat aufgrund seines hohen Tempos noch eine gewisse Verbindung zu den punkigen Wurzeln, danach aber regiert auch bei den schnelleren Songs ("Whirlwind", "Lust for Power") die Melancholie. Nun habe ich während dieses Listensofas bereits "Better than Them" und irgendwie auch "I Love the World" als beste New Model Army-Songs bezeichnet. Eigentlich ist es aber "Purity". Vom einleitenden Akustikgezupfe, über das akustische Lagerfeuer-Riff, über die erzählenden Strophen, den melancholischen, trotzdem leicht aufbrausenden Chorus, die unfassbaren Streichermelodien nach dem Refrain bis hin zum abschließenden Violinen-Solo ist dieses Lied die vollkommene und absolute Perfektion. Wie oft ich mir beim Mitsingen hier schon die Seele aus dem Leib geröhrt habe, ist unzählbar. "Purity" steht auf einem grandiosen Album noch ein winziges Stück über dem Rest und stahlt als hellster Stern am Himmel dieser legendären Band.

Ansonsten ist "Impurity" aber natürlich auch ein perfektes Album. Das nachdenkliche, perfekt betitelte, da leicht außerweltlich wirkende "Space", das experimentelle "Innocence", die sanfte Akustikballade "Marrakesh", die schon wieder nach Lagerfeuer klingende Melodie-Göttlichkeit "Eleven Years", das kryptisch betitelte "Luhrstaap", das sich textlich mit dem Zerfall der DDR befasst und über dessen Titel ich schon die abstrusesten Theorien gelesen habe (keine konnte mich überzeugen) sowie das finale "Vanity", das in seiner fast trostlosen Nachdenklichkeit das Album düsterer beendet, als es bis hierhin gewirkt hat – es sind allesamt perfekte Songs.

 Heute sehe ich "Impurity" vorne, morgen wieder "Thunder and Consolation" - letztlich ist es einfach auch egal.


Wer bis hierin durchgehalten hat, dem danke ich für ihre/seine Geduld. New Model Army sind die beste Band der Welt und es war darum an der Zeit, ihnen hier ein kleines Denkmal zu errichten.

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Kommentare: 1
  • #1

    Knitter (Mittwoch, 14 August 2019 10:05)

    Super Liste und toll geschrieben. Auch wenn die Reihenfolge schwierig ist, weil gerade im mittleren Bereich die Qualitätsunterscheide echt minimal sind, passt das denke ich sehr gut. Nur Impurity ist bei mir ein Stückchen weiter unten (kratzt so an der Top 5), aber das ist dann persönlicher Geschmack und Tagesstimmung.