Ayreon - Live in Tilburg

Ayreons 1998er Überwerk "Into the Electric Castle" ist aus meiner Sicht das großartigste Album, das der niederländische Musiker und Übernerd Arjen Lucassen in seiner Karriere geschaffen hat.

Als diese Platte damals erschien, war das für mich etwas völlig Neues. Versatzstücke aus 30 Jahren Heavy Metal, Progressive Rock, Space Rock, Folk und Psychedelic Rock werden verquickt zu einer nicht ganz zweistündigen Rockoper.

Acht Sängerinnen und Sänger, die jeweils eine Figur der Geschichte verkörpern, ein Erzähler, der als omnipotenter Strippenzieher durch die Story führt, und ein vollkommen nerdiges und teilweise durchaus auch nicht untrashiges Konzept. 

Fertig ist eines meiner Lieblingsalben, das bis heute nichts von seinem Glanz verloren hat und für mich zu den besten der 1990er Jahre zählt.

 

 

 

 

2018 wurden dann im Zuge eines wirklich edlen Re-Releases Konzerte angekündigt, bei denen das Werk erstmals zu seiner vollumfänglichen Aufführung kommen sollte. Insgesamt vier Shows sollten es sein, dargeboten an drei aufeinanderfolgenden Tagen, allesamt im 013 Poppodium im niederländischen Tilburg. Der Vorverkauf startete im Oktober 2018, also fast ein Jahr im Voraus, dennoch waren die vier Shows in kurzer Zeit ausverkauft, insgesamt 12.000 Besucher wollten sich diese Nummer nicht entgehen lassen.

Dementsprechend lang war die Schlange vor dem Einlass, diese zog sich wirklich einmal um den kompletten Häuserblock herum. Aber wie das in Holland eben so ist, es lief alles sehr entspannt, schnell, diszipliniert und super organisiert und man war deutlich schneller in der Halle, als es zunächst zu befürchten stand. Respekt!

Da vor dem Konzert darum gebeten wurde, keine Handyfotos und -videos zu machen, sondern die Show einfach mit diesen analogen Gadgets namens Augen zu genießen (was fast durchgehend auch respektiert wurde), gibt es diesmal auch hier nur Text.

Wir besuchten die letzte der vier Shows, die zudem die zweite war, die an diesem Tag stattfand. Im Vorfeld hatte ich ein wenig spekuliert, ob das nun eher ein Vor- oder ein Nachteil sein würde bezüglich der Ausgelaugtheit oder eben auch des Enthusiasmus der beteiligten Musiker und SängerInnen. Fazit: Sollte bei irgendjemandem so etwas wie Ermüdungserscheinungen vorgelegen haben, so hat man es zumindest zu keiner Sekunde gemerkt. Von Beginn an waren sämtliche Akteure mit einer Spielfreude und einem Feuereifer bei der Sache, dass es eine wahre Freude war.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann waren es am Ende insgesamt 24 Personen, die die Bühne bevölkerten. Natürlich (bis auf das große Finale ganz am Ende) nicht immer gleichzeitig, sondern jeweils die gerade handelnden Figuren sowie die benötigten Musiker. Da aber allein die Band aus Drummer, Bassist, Keyboarder und drei Gitarristen bestand und zusätzlich noch ein Cellist, ein Violinist, ein Querflötist sowie drei Background-SängerInnen diverse Parts beisteuerten, waren trotzdem immer mindestens acht bis zehn Leute zugleich auf der Bühne, es gab also jede Menge zu sehen.

Das betraf auch das Bühnenbild, man hatte tatsächlich eine riesige Burg auf die Bühne gebaut, auf deren Türmen und Mauern musiziert und gesungen wurde und durch deren Tor die SängerInnen häufig die Bühne betraten. Ein riesiger Videoscreen sorgte im Hintergrund zudem durchgehend für die passende Atmosphäre, darauf liefen zu den Songs passende Videos oder es waren Artworks des Coverkünstlers Jeff Bertels zu sehen, die zum Teil auch animiert waren.

Mit Fish, Anneke van Giersbergen, Damian Wilson, Edwin Balogh, Edward Reekers und Arjen Lucassen selbst waren immerhin sechs der acht Original-SängerInnen dabei. Die Rolle von Sharon den Adel übernahm für die Live-Konzerte Simone Simons (Epica), und Ex-Bodine-Frontmann Jay van Feggelen wurde durch John Jaycee Cuijpers (u. a. Praying Mantis) mehr als würdig ersetzt.

Die Rolle des Erzählers und gottähnlichen Wesens "Forever" wurde von John De Lancie übernommen, den der ein oder andere sicherlich noch in seiner Rolle "Q" aus "Star Trek – The Next Generation" in Erinnerung hat. Hier schloss sich insofern ein Kreis, dass die gesamte Figur "Forever" seinerzeit wiederum von der Rolle des "Q" inspiriert war und im Grunde auf dieser basierte. De Lancie machte seine Sache unglaublich gut. Seine Texte waren im Vergleich zum Album vollständig umgeschrieben und hatten aus meiner Sicht deutlich mehr Witz, Bissigkeit, aber auch mehr Tiefgang. Ob De Lancie seinen Part selber umgetextet hat, entzieht sich meiner Kenntnis, die diebische Freude und der Heidenspaß, den er bei seinen Vorträgen auf dem rechten Turm der Burg hatte, waren ihm aber überdeutlich anzuhören und anzusehen.

Das Ganze liest sich vermutlich fürchterlich verkopft, albern und klingt so überhaupt nicht nach Rock 'n' Roll. Und dabei habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass zum Beispiel Damian Wilson in der Rolle des "Knight" ernsthaft die ganze Zeit mit Schwert und metallenem Brustpanzer über die Bühne stolzierte oder John Jaycee Cuijpers als "Barbarian" tatsächlich in einen dicken Fellmantel gehüllt war. Ja, das ganze hatte teilweise eher was von Musical als von Rockkonzert, zumindest vordergründig. Es waren aber die tierische Spielfreude der fantastisch zusammenspielenden Band, die von Gorefest-Schlagzeuger Ed Warby gekonnt zusammengehalten wurde, und der sichtbar unbändige Spaß, den wirklich alle Beteiligten auf der Bühne hatten, die das Ganze dann eben doch sehr locker und problemlos über die Schwelle trugen.

Es war eben genau gar nicht verkopft, hüftsteif oder wirkte aufgesetzt, sondern tatsächlich ein Rockkonzert im besten Sinne. Das Publikum rastete in wirklich einer Tour aus, es gab immer wieder Szenenapplaus für besonders gelungene Performances und die Stimmung kochte von Beginn an über. 

Zudem war der Gig ein einziger Gänsehaut-Garant. Den ersten 'richtigen' Song "Isis and Osiris" habe ich fast vollständig durch einen Tränenschleier wahrgenommen, weil es einfach so mitreißend, ergreifend und ja: schlichtweg schweinegeil war, was die Damen und Herren da auf der Bühne ablieferten. Abgesehen von "Isis and Osiris" war es der Teil von "Across the Rainbow Bridge" bis "Cosmic Fusion", der mich am meisten begeisterte. Für mich ist das auch auf Platte der beste Part dieses Albums und live war es einfach dann die reine Perfektion. Gesanglich herausragend waren vor allem Anneke van Giersbergen, Damian Wilson und Edwin Balogh, die wirklich noch die kühnsten Erwartungen übertrafen.

Aber auch sonst gab es nichts zu meckern. Ex-Marillion-Sänger Fish merkt man sein fortgeschrittenes Alter zwar schon etwas an und die Stimme ist einfach nicht mehr die gleiche wie in den Achtzigern, von seinem Charisma hat der Riese hingegen nichts verloren.

Der "Into the Electric Castle"-Teil der Show war, um es einmal zusammenzufassen, großartigstes Entertainment und über weite Strecken einfach ein perfektes Konzert, das meiner Meinung sogar an die legendären Star One-Konzerte Anfang der 2000er heranreichte.

Nach etwa 110 Minuten "Electric Castle" begann dann Teil Zwei des Konzertes, unter "...and other tales" zusammengefasst. Anstatt hier weiter auf Ayreon-Material zu setzen, hatte man sich aber entschieden, Arjen Lucassens sonstigen (Ex-)Projekten jeweils einen Song zu widmen. Für mich war das leider die falsche Entscheidung, denn mal abgesehen von Star One sehe ich Lucassens andere Projekte und Bands ehrlich gesagt schon als weitestgehend verzichtbar oder aber zumindest als eine Liga unter Ayreon an. Das ist logischerweise Geschmackssache, aber anstelle von Guilt Machine- oder Stream Of Passion-Songs hätte ich lieber noch ein paar Sachen aus den "Universal Migrator"- oder "The Human Equation"-Alben von Ayreon gehört. Mit Ausnahme des Ambeon-Songs "Ashes" und des abschließenden "Songs of the Ocean" (Star One) blieb dieser etwa 50minütige letzte Teil des Konzerts für mich daher hinter dem Hauptteil zurück.

Dass ich Fish in diesem Leben noch einmal Marillions "Kayleigh" singen hören würde, hätte ich auf der anderen Seite aber dann auch nicht gedacht. Und auch, wenn die Version etwas weichgespült klang und durch unnötige Backing Vocals ergänzt wurde – das war schon ein besonderer Moment. Vor dem letzten Song hielten der sichtbar gerührte und nervöse Arjen Lucassen sowie Keyboarder Joest van den Broek, der offenbar als eine Art musikalischer Leiter fungierte, noch eine längere Dankesrede, und vor allem Lucassen war anzumerken, dass ihm die Publikumsreaktionen und überhaupt die Realisierung dieses Projektes wirklich zu Herzen gingen. Zum abschließenden "Songs of the Ocean" waren dann neben wirklich allen beteiligten Musikern und SängerInnen auch noch Teile der Crew mit auf der Bühne und feierten gemeinsam eine Riesenparty.

Glücklich und zufrieden strömten die Leute danach aus der Halle, lachende und zufriedene Gesichter, wohin man blickte, so wie es im Idealfall ja auch sein sollte. Und so bleibt am Ende eigentlich nur zu sagen:

Danke, Arjen!

 

Setlist Ayreon:

 

- Welcome to the New Dimension

- Isis and Osiris

- Amazing Flight

- Time Beyond Time

- The Decision Tree

- Tunnel of Light

- Across the Rainbow Bridge

- The Garden of Emotions

- Valley of the Queens

- The Castle Hall

- Tower of Hope

- Cosmic Fusion

- The Mirror Maze

- Evil Devolution

- The Two Gates

- "Forever" of the Stars

- Another Time, Another Space

 

- Shores of India

- Ashes

- Out in the Real World

- Twisted Coil

- Kayleigh

- Pink Beatles in a Purple Zeppelin

- Songs of the Ocean

 

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