Jahresrückblick 2019 Part 1 - die Plätze 20 und 19

Wieder geht ein Jahr zu Ende. 2019 startete erstmal gar nicht so beeindruckend und lief aus meiner Sicht ziemlich langsam und verhalten an, was tolle, neue Alben angeht. In der zweiten Hälfte jedoch gab das Jahr dann plötzlich Vollstoff, und gerade im letzten Quartal erschien noch einiges an hochklassigem Material, sodass das Musikjahr 2019 dann insgesamt doch noch ein verdammt starkes war. Zeit also für den traditionellen Jahresrückblick. Tatsächlich schon der vierte auf dieser Seite. Kinder, wie die Zeit vergeht.


Platz 20: OPETH - In Cauda Venenum

  1. ivets Trädgård / Garden of Earthly Delights (3:28)
  2. Svekets Prins / Dignity (6:35)
  3. Hjärtat Ved Vad Handen Gör / Heart in Hand (8:29)
  4. De Närmast Sörjande / Next of Kin (7:10)
  5. Minnets Yta / Lovelorn Crime (6:33)
  6. Charlatan (5:28)
  7. Ingen Sanning Är Allas / Universal Truth (7:30)
  8. Banemannen / The Garroter (6:44)
  9. Kontinuerlig Drift / Continuum (7:22)
  10. Allting Tar Slut / All Things Will Pass (8:32)

Opeths immerhin dreizehntes Album hört auf den Namen "In Cauda Venenum" und erschien in gleich zweifacher Ausführung - nämlich jeweils  in schwedischer und englischer Sprache. Laut Bandkopf Mikael Åkerfeldt handelt es sich bei der englischen Fassung aber eher um einen Bonus bzw. einen Kompromiss. Da er aus eigener Erfahrung aus seiner Jugend wusste, dass es Leute gibt, die sich Musik, deren Texte sie nicht verstehen, gar nicht erst anhören (Anmerkung: Wie doof muss man sein?), bekam er wohl kalte Füße und nahm schnell noch eine Version mit englischen Texten auf, damit auch niemand was verpasst - die 'richtige' Version ist aber die schwedische, und bis auf eine Ausnahme habe ich auch ausschließlich diese gehört. 

Erstens ist dies nun mal die, die die Künstler als die von ihnen ursprünglich erdachte Version angeben und zweitens waren Opeth nun auch noch nie eine Band, die für ihre besonders tollen oder tiefschürfenden Texte bekannt war - ergo: Who cares, ob man was versteht?

 

"In Cauda Venenum" ist das erste Alben nach dem 'Stilwechsel' der Band ("Heritage" (2011)), bei dem ich keine deutliche Steigerung mehr wahrnehme. Ehrlich gesagt war dies aber auch schwer möglich, denn das 2016er Werk "Sorceress" ist meiner Meinung nach tatsächlich Opeths bestes und es war kaum vorstellbar, dass man hier noch einmal einen würde draufsetzen können. Viel mehr sehe ich "In Cauda Venenum" in etwa gleichauf mit "Pale Communion" aus dem Jahr 2014. Dabei beginnt es herausragend. Das Intro "Livets Trädgård" ist ein wahres Zitatfeuerwerk. Hier treffen Pink Floyds "On the Run", Filmmusik von Fabio Frizzi und der "Yellow Submarine"-Soundtrack aufeinander und bilden zusammen ein atmosphärisch dichtes, unheimliches Stück, das sich für ein Intro zudem auch sehr viel Zeit nimmt. Das sich anschließende "Svekets Prins" beginnt anschließend mit epischen Chören, schwedischen Sprachsamples (diese ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses Album) und einem mitreißenden Gitarrensolo, ehe es ganz ruhig wird und Åkerfeldt mit zerbrechlicher Stimme zu singen beginnt. Erst nach vier Minuten taucht so etwas wie ein Chorus auf, die Musik ist wieder lauter, bombastischer, der Frontmann singt so gut wie nie und dann ist das Stück auch schon zu Ende. Bliebe "In Cauda Venenum" auf diesem Niveau, so wäre es erstens deutlich weiter oben in meinem Poll und zweitens vermutlich tatsächlich doch noch einmal eine Steigerung zu "Sorceress". Und bis Song Sechs, "Charlatan", geht es auch vielversprechend weiter. 

 

"Hjärtat Ved Vad Handen Gör" ist der schnellste und härteste Song des Albums, verfügt über einen fantastischen Chorus und grandiose Melodien. "Minnets Yta" ist eine kitschtriefende, weit ausholende Bombastballade und erinnert diesbezüglich tatsächlich fast an die frühen Neunziger und Bands wie Guns N' Roses oder Extreme (kennt noch jemand den "Song for Love"?), auch wenn es natürlich musikalisch damit nicht allzu viel gemein hat. Gemeint ist dieser wirklich überbordende Hang zum Kitsch und das einfach völlige Ignorieren der Frage, ob das noch Rock 'N' Roll ist. Erneut ist Åkerfeldts Gesang in diesem Song schlicht nur als herausragend zu bezeichnen.

Das teils jazzige "Charlatan" mit dudeliger Orgel und frickeligem Schlagzeugspiel könnte nerven, wäre es nicht so unglaublich gut gespielt und produziert. In der zweiten Hälfte geht das Lied in eher soundtrackartige Gefilde über, erneut bestimmen Sprachsamples (man hört hier die Töchter und Partnerinnen von Åkerfeldt und Gitarrist Fredrik Åkesson) die Atmosphäre, flächige Keyboards und Mönchsgesänge komplettieren das Bild. Immer wieder verbreitet "In Cauda Venenum" ein gewisses Spukfilm-Flair, beispielsweise auch im balladesken "Banemannen"

In der zweiten Hälfte des Albums variieren Opeth aber für meinen Geschmack zu wenig, um die Spannung, die sie in der ersten Hälfte aufgebaut haben, auch wirklich halten zu können. Ab "Ingen Sanning Är Allas" bewegen sich alle Songs mehr oder weniger im gleichen langsamen Tempo und man vergisst fast ein wenig die Achterbahnfahrt, an der man bis "Charlatan" teilgenommen hatte. Die Songs in der zweiten Albumhälfte sind für sich genommen alle gut, insbesondere "Allting Tar Slut" und das schon erwähnte "Banemannen", trotzdem ist da mindestens einer, wenn nicht gar zwei Songs zuviel, um die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten. 

 

Insgesamt ist das natürlich Meckern auf extrem hohen Niveau, dennoch haben Opeth dieses Spannungsbogen meiner Meinung nach auf "Sorceress" besser hinbekommen und verlieren mich darum in der zweiten Hälfte ihres neuen Albums ein wenig. 

Nichtsdestotrotz ist aber auch "In Cauda Venenum" wieder ein sehr gutes Album geworden, die mit viel Firlefanz ausgestattete Box (das Foto zeigt längst nicht alles, was da drin ist, sondern nur die relevanten Sachen) macht zudem wie üblich bei dieser Band wieder ordentlich was her.



Platz 19: RAMMSTEIN - Rammstein

  1. Deutschland (5:22)
  2. Radio (4:37)
  3. Zeig Dich (4:15)
  4. Ausländer (3:51)
  5. Sex (3:56)
  6. Puppe (4:33)
  7. Was Ich Liebe (4:28)
  8. Diamant (2:34)
  9. Weit Weg (4:20)
  10. Tattoo (4:11)
  11. Hallomann (4:11)

Ganze zehn Jahre ließen Rammstein sich Zeit, ehe sie im Spätfrühling 2019 dann endlich mit ihrem siebten, schlicht "Rammstein" betitelten Album um die Ecke kamen. Zunächst einmal ist es lustig, dass auch fast ein Vierteljahrhundert nach "Herzeleid" die Provokationsmaschine Rammstein bestens funktioniert. So sorgte ein vorab veröffentlichter, kurzer Ausschnitt aus dem "Deutschland"-Video, in dem die Band als KZ-Häftlinge kurz vor der Exekution zu sehen war, mit einer fast schon als grotesk zu bezeichnenden Erwartbarkeit bei Hinz und Kunz für den üblichen, selbstgerechten Entrüstungssturm, statt zumindest einmal das komplette Lied, oder (huch!) gar das vollständige Video abzuwarten, das dann den Zusammenhang herstellte und natürlich wie üblich zu keiner Sekunde in Richtung 'rechte Ecke' auslegbar war.  Nein, man muss natürlich immer der erste sein, der die Nazisau durchs Dorf treibt und fleißig Likes und Herzchen erntet. So dumm wie peinlich, so lustig wie vorhersehbar. Egal, kommen wir zum Album:

 

Ähnlich wie Opeth starten auch Rammstein unglaublich stark in ihr Album und bauen dann später leider etwas ab. Der Start von "Rammstein" gehört allerdings zum besten, was diese Band jemals fabriziert hat. "Deutschland" würde ich mit einem halben Jahr Abstand nun tatsächlich sogar als bestes Lied bezeichnen, was die Herren jemals aufgenommen haben. War für eine Dramatik, Epik, was für eine perfekte Produktion, was für grandiose Melodien, was für ein großartiger Text, was für ein toller Song. Song Zwei, "Radio", der sich sowohl im Video als teilweise auch musikalisch vor den legendären Kraftwerk verbeugt, ist ebenfalls ganz große Kunst. Ein recht ungewöhnlicher Song für Rammstein, textlich geht es zurück zu DDR-Zeiten, in denen westliche Radiosendungen so ziemlich die einzige Möglichkeit für die Bandmitglieder waren, um neue Musik zu hören. Und auch als in Westdeutschland aufgewachsener kam ich nicht umhin, mich an Abende und Nächte zu erinnern, in denen man mittels Walkman und mies kopierten Kassetten neue, spannende Welten entdeckte. Toll.

"Zeig Dich" ist musikalisch der erste wirklich typische Song des Albums, verfügt aber neben einem Wahnsinnsrefrain zudem über einen ihrer besten Texte. Es geht um Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche. Groß finde ich, wie man die Zeile "Zeig Dich! - Versteck Dich nicht!" sowohl auf Opfer als auch auf Täter anwenden kann. "Ausländer" verfügt über eine ähnliche Ambivalenz. Den größten Ohrwurm des Albums kann man ebenfalls in verschiedene Richtungen auslegen. Geht es um Groupies? Geht es um Sextourismus wie seinerzeit bei "Pussy"? Geht es um die Angst des deutschen Vaters, dass der Migrant ihm seine Tochter wegnimmt? Besteht da überhaupt ein Unterschied zum Sextouristen in Thailand? Das ebenfalls grandiose Video fügt eine weitere Ebene hinzu. Dieses Spiel mit verschiedenen Ebenen haben Rammstein schon immer wie keine zweite Band beherrscht und bringen es hier endgültig zur Perfektion.

 

Nach diesen vier Songs bleibt "Rammstein" ein gutes Album, das Niveau des Eröffnungsquartetts wird dann aber nicht mehr erreicht. "Sex" ist lustig und kann als Parodie auf dummdeutschen Schlager gewertet werden. "Puppe" ist ein typischer Rammstein-Horrorsong aus der "Dalai Lama"- oder "Spring"-Ecke. Hier lässt vor allem der Chorus mit einem vollkommen aus der Haut fahrenden Till Lindemann aufhorchen, der hier mit seinem geisteskranken Geschrei ernsthaft gestört rüberkommt. Große Nummer. "Was Ich Liebe" finde ich musikalisch einigermaßen verzichtbar, der in Richtung Depression auslegbare Text gehört hingegen zu den besseren. Genau umgekehrt verhält es sich mit "Weit Weg". Textlich geht die Spannernummer eher als Durchschnitt durch, musikalisch hingegen finde ich den zugleich schleppenden wie auch treibenden Song grandios. 

Die Akustikballade "Diamant" zeigt Rammstein reduziert wie nie. Durchaus gelungen, für mich aber nicht  unbedingt essentiell. 

Mit "Tattoo" gibt es wie auf eigentlich jeder Rammstein-Platte auch wieder einen Komplettausfall. Musikalisch erinnert das Lied stark an "Halleluja" (die Refrains sind meiner Meinung nach sehr ähnlich), textlich geht es eben um Tattoos, ein Thema, mit dem ich wenig bis nichts anfangen kann, und zudem fühlt sich das ganze auch ein wenig nach "Adios"-Recycling an, auch wenn in dem Song nicht Tinte, sondern Heroin unter die Haut gespritzt wurde. 

Mit dem düsteren "Hallomann", dessen Bass-Intro mich übrigens massiv an Faith No Mores "Falling to Pieces" erinnert, legen Rammstein am Ende dann aber noch einmal ordentlich nach. Der Abschlusstrack kommt qualitativ für mich durchaus an die ersten vier Lieder der Platte heran und beendet "Rammstein" daher  mit einem richtigen Highlight.

 

Insgesamt würde ich "Rammstein" genau in der Mitte der Diskographie einsortieren. An "Herzeleid" und besonders "Mutter" und "Reise, Reise" reicht es nicht heran, "Sehnsucht", "Rosenrot" und "Liebe Ist Für Alle Da" lässt man hingegen teils deutlich hinter sich.

Ehrlich gesagt ist das mehr, als ich im Vorfeld erwartet hatte und die ersten vier Songs sowie "Puppe", "Weit Weg" und "Hallomann" würde ich auch ohne zu zögern auf einer imaginären Best Of der Band verbraten. Insgesamt also ein schönes Comeback, bleibt abzuwarten, ob die nächste Platte wieder zehn Jahre dauert bzw. ob überhaupt noch einmal eine kommt. Zu wünschen wäre es.


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