Jahresrückblick 2019 Part 2 - die Plätze 18 und 17

Das schwierigste am Jahresrückblick sind eigentlich immer diese kurzen Einleitungstexte, damit hier auf der Startseite eben irgendetwas steht. Naja, wieder geschafft. Hier sind die Plätze 18 und 17.


Platz 18: VALLEY OF THE SUN - Old Gods

  1. Old Gods (6:00)
  2. All We Are (5:00)
  3. Gaia Creates (2:15)
  4. Dim Vision (3:55)
  5. Shiva Destroys (1:16)
  6. Firewalker (1:37)
  7. Into the Abyss (6:42)
  8. Faith is for Suckers (3:30)
  9. Buddha Transcends (1:19)
  10. Means the Same (3:59)
  11. Dreams of Sands (6:05)

Bis zum Freak Valley Festival 2019 kannte ich Valley Of The Sun nicht einmal namentlich. Auf besagtem Festival sah ich sie aber live (als erste Band überhaupt, die ich dort mitbekam) und war einigermaßen angetan. Darum und auch wegen der sehr schicken Aufmachung der LP kaufte ich mir kurze Zeit später dann das Album und hatte seitdem jede Menge Spaß mit "Old Gods".

Musikalisch würde ich den Stil der Band auf diesem Album als eine Mischung aus Stoner- und Alternative-Rock bezeichnen.

Einflüsse von Bands wie Kyuss und Queens Of The Stone Age treffen auf Versatzstücke von Bands wie Tool oder Alice In Chains

Diese Alternative-Einflüsse kommen meiner Meinung nach vor allem bei den drei längeren Songs zum Tragen, weniger bei den kürzeren und schnelleren Liedern wie "Dim Vision" oder "Firewalker".

 

Was ich an "Old Gods" besonders mag, ist die Verbindung von Kompaktheit und Komplexität. Mit gerade einmal 42 Minuten Gesamtspieldauer fällt das Album auf der einen Seite nämlich durchaus kompakt aus,  wirkt auf den Punkt, recht schnörkellos und unverspielt. Auf der anderen Seite bringen Valley Of The Sun in diesen 42 Minuten aber eine ganze Menge unter, und auch der Aufbau des Albums wirkt durchdacht und fast konzeptionell: Vergleichsweise lange Lieder am Anfang jeder LP-Seite und am Ende des Albums. Drei instrumentale Zwischenstücke, jeweils benannt nach einer anderen Gottheit. Plus fünf kürzere Songs, die zum Großteil schneller und direkter daherkommen als die eher im Midtempo agierenden längeren Lieder. 

Das Ganze wirkt vom Aufbau her auf mich sehr durchdacht, auf der anderen Seite brechen Valley Of The Sun dann aber den scheinbar spirituellen Überbau dieses Albums mit einem Songtitel wie "Faith Is for Suckers" wieder auf. Leider liegt "Old Gods" kein Textblatt bei, ich könnte mir vorstellen, dass die Platte textlich nämlich recht spannend sein könnte, und wie das eben so ist: Wenn man nichts zum Mitlesen hat, achtet man einfach weniger auf die Lyrics - zumindest bei mir ist das so.

Valley Of The Sun ist mit "Old Gods" jedenfalls ein einerseits sehr spannendes und abwechslungsreiches, andererseits ein sehr kurzweiliges, tanzbares Album gelungen. 

Die drei längeren Songs verfügen über langsame, sich steigernde Aufbauten und erinnern mich des öfteren an My Sleeping Karma - nur eben mit Gesang. Die kürzeren Songs hingegen kommen ohne Umschweife auf den Punkt, sind eingängig und machen einfach Spaß. Aufgelockert durch die drei instrumentalen Zwischenspiele wird aus "Old Gods" so eine richtige Wundertüte, die sehr nachhaltig ist und sich bislang nicht im geringsten abgenutzt hat.

Sänger Ryan Ferrier verfügt zudem über eine tolle Stimme mit einem recht breiten Spektrum, die er sehr songdienlich einsetzt. Einen Song wie "Dim Vision" peitscht er mit kraftvollem Gesang zusätzlich nach vorne, auf der anderen Seite wirkt er zum Beispiel bei "Into the Abyss" deutlich entspannter und scheint in aller Seelenruhe auf der Musik zu thronen, die die Band unter ihm ausbreitet.

 

Valley Of The Sun ist mit "Old Gods" jedenfalls ein richtiges Kleinod geglückt, eine meiner schönsten Neuentdeckungen aus dem Jahr 2019. Zeit wird's, dass ich mich auch einmal mit dem Backkatalog der Band befasse, der immerhin zwei weitere Alben und zwei EPs umfasst.



Platz 17: LEPROUS - Pitfalls

  1. Below (5:52)
  2. I Lose Hope (4:44)
  3. Observe the Train (5:07)
  4. By My Throne (5:44)
  5. Alleviate (3:42)
  6. At the Bottom (7:20)
  7. Distant Bells (7:22)
  8. Foreigner (3:51)
  9. The Sky is Red (11:50)
  10. Golden Prayers [Bonus Track] (4:28)
  11. Angel [Bonus Track] (6:27)

Bei keinem anderen Album habe ich mich 2019 derart schweren Herzens für die CD statt die LP entschieden wie bei Leprous' sechstem Album "Pitfalls". Ich finde das Bild ohnehin sehr stimmungsvoll, seit ich aber in einem Interview mit Sänger/Keyboarder Einar Solberg seine Bedeutung erfahren habe, finde ich es noch doofer, es nur in diesem Briefmarkenformat zu besitzen: Auf "Pitfalls" geht es textlich um Solbergs schwere Depression, mit der dieser in den letzten Jahren zu kämpfen hatte, und der flötenspielende Zwerg auf der Schulter der an sich ja sehr mächtig wirkenden Buddhastatue steht für die Gedanken, die man sich als an Depression leidende Person selbst über die eigene Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit und Wertlosigkeit einredet und mit denen man sich letztlich selbst zu Fall bringt. Diese Aussage Solbergs hatte mich ziemlich beeindruckt und hätte ich das Album da noch nicht besessen, hätte ich vermutlich einfach dann doch die LP gekauft. Der Grund, warum es die CD wurde, ist nämlich lediglich der Bonustrack "Angel", ein Cover des Klassikers von Massive Attacks "Mezzanine", eines meiner Lieblingsalben und eines der besten darauf enthaltenden Lieder. "Angel" ist wie gemacht für Solbergs Stimme, und obwohl Leprous es im Grunde (ergänzt um Gitarren) einfach nur nachspielen, hat mich das schon lange vor "Pitfalls" veröffentlichte Video zu dem Song ziemlich mitgerissen, ich wollte den Song unbedingt haben und er befindet sich nun mal eben nur auf der CD-Version. Naja. 

 

"Pitfalls" ist im Grunde mit Platz 17 viel zu niedrig in meiner Jahresliste. Ich finde, dass es ihr bestes Album seit dem Überwerk "Coal" (2013) ist. Warum dann nur Platz 17? Nun - aufgrund der Thematik habe ich "Pitfalls" tatsächlich nicht sehr oft gehört und nur selten Lust, das Album aufzulegen. Das liegt jetzt nicht am Thema an sich, sondern daran, dass Leprous bzw. Solberg es derart intensiv umsetzen, dass mir das sehr nahe gegangen ist und mich teilweise auch ziemlich runtergezogen hat. 

Grundsätzlich ist es toll, wenn Musik oder Kunst allgemein so etwas kann und schafft. Es gibt aber gewisse Alben (andere Beispiele wären Anathemas "Judgement", Pain Of Salvations "Remedy Lane" oder auch Teile von Pink Floyds "The Wall"), die den Zuhörer derart nah an das Seelenleben und das Innere der/des Komponisten heranlassen, dass es teilweise ist, als lese man verbotenerweise in einem Tagebuch. Seelenstriptease to the Max. Bei "Pitfalls" kommt zusätzlich hinzu, dass ich Gedankengänge wie Solberg sie hat, durchaus nachvollziehen kann und es auf mich eben nicht wirkt wie selbstmitleidiges Gewinsel, für das man Texte wie die von "Below" oder "At the Bottom" vielleicht halten könnte, wenn man keine Antenne für so etwas hat oder/und das Gesagte nicht aus eigener Erfahrung oder dem engen Umfeld kennt. 

Von daher war es sehr schwer, so schwer wie bei keinem Album, "Pitfalls" irgendwie in diese Rangordnung hineinzubringen, da es sich aufgrund der beschriebenen Inhalte so einer Wertung eigentlich völlig entzieht. 

Lässt man diesen Aspekt außen vor und bewertet lediglich die Musik, so bewertet man aber natürlich nur die Hälfte des Albums. Schwierig, eigentlich nicht lösbar. Die wenigen Male, die ich das Album wirklich aufmerksam gehört habe, taten jedenfalls ziemlich weh und letztlich habe ich es darum nicht so verinnerlicht wie manch andere Platte, die dann am Ende höher gelandet ist. Darum nur Platz 17.

 

Zur musikalischen Ausrichtung sei noch kurz gesagt, dass Leprous es auf "Pitfalls" meistens deutlich reduzierter und introvertierter angehen lassen als man es von ihnen kennt. Songs wie "I Lose Hope", "Observe the Train" oder "Distant Bells" sind musikalisch eher ruhig, leise, nach innen gekehrt, dennoch durchzogen von einer greifbaren Anspannung und Unruhe. 

Die Refrains von "Below" und vor allem "Alleviate" sind derart schön, dass einem unweigerlich die Tränen kommen, "Alleviate" ist eigentlich sogar schon zuviel des Guten, es ist kaum auszuhalten schön. "Foreigner" fällt etwas aus dem Rahmen, wirkt moderner und rockiger als der Rest, erinnert zum Teil fast an Steven Wilsons Solowerke, der einzige Song, der für mich eine gewisse Aufbruchstimmung transportiert. Der abschließende Longtrack "The Sky is Red" ist meiner Meinung nach zu lang und monoton ausgefallen, besonders in der zweiten Hälfte. Zwar ist dieses Zupackende, Ausweglose in diesem Part musikalisch sehr schön umgesetzt, aber es wirkt nach vorangegangenen Tränentälern wie "Alleviate" und "Observe the Train" auf mich einfach nicht mehr so intensiv wie es vielleicht gedacht war. 

"Pitfalls" ist ein schwieriges Album. Mir geht es nach dem Hören solch kathartischer Eruptionen normalerweise immer besser (vgl. Soldat Hans aus 2018), beim aktuellen Album von Leprous ist das anders. Es ist ein tolles Album, aber ich fühle mich danach beschissen. Und mir das selber und absichtlich anzutun, dazu habe ich dann eben einfach selten Lust. 


Kommentar schreiben

Kommentare: 0