Jahresrückblick 2019 Part 3 - die Plätze 16 und 15

Der Jahresrückblick 2019 geht in die dritte Runde - hier sind meine Plätze 16 und 15.


Platz 16: IQ - Resistance

  1. A Missile (6:39)
  2. Rise (6:49)
  3. Stay Down (7:54)
  4. Alampandria (3:47)
  5. Shallow Bay (6:30)
  6. If Anything (6:02)
  7. For Another Lifetime (15:21)
  1. The Great Spirit Way (21:43)
  2. Fire and Security (5:25)
  3. Perfect Space (8:32)
  4. Fallout (19:53)

Elf Studioalben in stolzen 37 Jahren - IQ waren noch nie eine Band, die in besonders hohem Tempo Alben herausbringt. Stattdessen ließen sie sich immer die Zeit, die sie brauchten, um eine neue Platte fertigzustellen. Dafür konnte man sich abgesehen von einer kurzen Phase Ende der Achtziger, in der Peter Nicholls vorübergehend nicht mehr der Sänger der Band war, eigentlich immer darauf verlassen, dass die fünf Briten dann auch entsprechende Qualität abliefern würden - mit Ausnahme des Vorgängerwerks "The Road of Bones" (2014). Dies enthielt zwar einige brillante Songs, für mich leider aber auch zu viel Füllmaterial, gestreckt auf zwei CDs. Besonders der Longtrack "Without Walls" vermochte mich nicht zu überzeugen.

Umso skeptischer war ich, als "Resistance" erneut als Doppel-CD angekündigt wurde, wenn auch als 'reguläres' Doppelalbum und nicht wie bei "The Road of Bones" als Einzelalbum mit Bonus-CD - vor allem, weil es gleich drei Longtracks jenseits der Viertelstundenmarke enthalten sollte.

Um das Fazit vorwegzunehmen: Auch, wenn es an ihre Hochphase von "Subterranea" bis "Dark Matter" nicht ganz heranreicht, so ist "Resistance" ein sehr starkes Album geworden, das den Vorgänger sehr klar hinter sich lässt und sich aus meiner Sicht in etwa auf dem Level des 2009er Albums "Frequency" befindet, vermutlich ist "Resistance" sogar etwas besser geworden.

 

Was man auf alle Fälle sagen kann ist, dass "Resistance" IQs bis dato abwechslungsreichstes Album geworden ist. Und trotz der stilistischen Vielfalt wirkt es in sich sehr geschlossen und eben wie ein Album und nicht bloß eine Ansammlung von Songs. Dabei erwischen IQ nach meinem Dafürhalten einen relativ ungünstigen Einstieg: "A Missile" überzeugt mich bis jetzt als Opener nicht so richtig, wirkt hektisch und unaufgeräumt, Neil Durants fanfaren- und chorartige Keyboards stehen mir zudem zu sehr im Vordergrund. Das durch ein stimmungsvolles Intro eingeleitete, sich langsam aufbauende, schön düstere Atmosphäre-Wunderwerk "Rise" wäre aus meiner Sicht klar die bessere Wahl für den Opener gewesen.

Abgesehen davon gibt es an der ersten CD wenig auszusetzen. "Stay Down" braucht fünf Minuten, um von der sanften Ballade langsam zum schleppenden Düstersong zu werden, der in eine ähnliche Kerbe wie "Rise" schlägt und in der Form auch auf "Dark Matter" (2004), IQs für mich bestem Album, eine gute Figur gemacht hätte. "Alampandria" fällt weitgehend instrumental aus, beginnt ruhig und mit orientalischen Einsprengseln, bevor es dann mit für Bandverhältnisse harten Gitarren, flächigen Keyboards und typischem IQ-Rhythmen zu den wenigen Zeilen überleitet, die Nicholls in diesem Song singt. Am Ende darf Michael Holmes noch eines seiner elegischen Soli spielen. Grandiose Nummer, die für mich gerne auch doppelt so lang hätte ausfallen dürfen. 

"Shallow Bay" ist eine wunderschöne Ballade mit den für Peter Nicholls typischen, geschichtenerzählerartigen Gesangslinien, Piano und einem weiteren fantastischen Holmes-Solo. Der Wechsel im Text zwischen  "A shallow bay" bzw. "I shall obey" sorgt zudem für Freude beim Wortspiel-Nerd. "If Anything" erinnert musikalisch an eine Mischung aus Bruce Springsteens "Streets of Philadelphia" und "Hold on my Heart" von Genesis, ein eher introvertierter, nachdenklicher Song mit elektronischen Drums, an dessen Ende nach ein paar Soundeffekten eine gewaltige, an "Sacred Sound" erinnernde Kirchenorgelmelodie in den ersten Longtrack "For Another Lifetime" überleitet. Dieser fasst die erste CD noch einmal gut zusammen, fügt viele verschiedene Parts und Stile zu einem großen Ganzen zusammen und überzeugt auch mit gekonntem Spannungsaufbau - dennoch ist dieser Song aus meiner Sicht der 'schwächste' der drei überlangen Lieder auf diesem Album, er hat gelegentlich nämlich auch ein paar (wenige) Längen.

 

"The Great Spirit Way", der Opener der zweiten CD, ist da schon ein anderes Kaliber und muss sich vor anderen Mammutkompositionen aus dem Hause IQ ("The Enemy Smacks""The Narrow Margin", "Harvest of Souls") keineswegs verstecken. Wie so häufig bei diesen Megatracks von IQ merkt man überhaupt nicht, wie die Zeit vergeht, wähnt sich durch die ausladende Musik und Nicholls' erzählhaften Text- und Gesangsstil einmal mehr in einem Film ohne Bild. Ganz großartige Nummer, in der auch der Spannungsbogen perfekt sitzt, es schlicht keine überflüssige Sekunde gibt und einem ob der dargebotenen Melodien eins ums andere Mal das Herz aufgeht. Ähnliches gilt für den zweiten Zwanzigminüter "Fallout", der die zweite CD und somit  das Album beschließt. Eventuell nicht ganz so abwechslungsreich wie "The Great Spirit Way", atmosphärisch aber mindestens ebenso dicht und mit vielen Passagen ausgestattet, in die man sich einfach nur hineinlegen will. Besonders gelungen finde ich die Passage nach etwa 15 Minuten, die zunächst wie das epische Finale des Songs anmutet, einem Showdown gleich kollabiert der ganze Song in sich selbst, Dramatik ohne Ende, aus diesem Part wird dann aber in das eigentliche Ende übergeleitet, das von sanften Keyboards und Nicholls' nachdenklichem Gesang dominiert wird und beinahe wie ein Abspann wirkt. Großes Kino.

Die beiden zwischen den Longtracks eingebetteten "Fire and Security" und "Perfect Space" gehen da beinahe etwas unter. Erstgenannter fällt recht kompakt und eingängig aus, hätte auch auf "Frequency" stehen können und überzeugt auf voller Linie. "Perfect Space" ist hingegen der einzige Song von "Resistance", den ich bis jetzt nicht richtig verinnerlicht habe und der ein bisschen an mir vorbei läuft. Es wirkt ein wenig ziellos und unentschlossen, zudem irgendwie unruhig und ohne echte Richtung. 

 

Über den größten Teil dieses knapp zweistündigen Albums können IQ allerdings auf ganzer Linie überzeugen. Den Opener hätte ich wie gesagt anders gewählt und vielleicht einfach an die Stelle von "Perfect Space" gesetzt, das man dann hätte ganz weglassen können, aber erstens ist das Geschmackssache und zweitens ja auch ohnehin nur meine persönliche Meinung. Auf der Habenseite stehen zwei komplett überragende Longtracks, eine überwiegend grandiose erste CD und das ebenfalls tolle "Fire and Security". Das ist deutlich mehr, als ich unter den eingangs beschriebenen Vorzeichen erwartet hätte.

IQ sind wieder da und ich freue mich bereits sehr auf das Konzert in Oberhausen Ende Januar.



Platz 15 - HELMS ALEE - Noctiluca

  1. Interachnid (3:25)
  2. Beat Up (3:05)
  3. Play Dead (3:57)
  4. Be Rad Tomorrow (6:21)
  5. Lay Waste, Child (5:33)
  6. Illegal Gurdian (6:13)
  7. Spider Jar (3:00)
  8. Pleasure Torture (3:10)
  9. Pandemic (3:13)
  10. Word Problem (3:01)

"Noctiluca" ist bereits das fünfte Album der drei Damen und Herren von Helms Alee, mir war die Band bis zu diesem Jahr aber überhaupt kein Begriff. Aufmerksam wurde ich, weil Emma Ruth Runde das Album über ihren Twitter-Account empfahl und ich daraufhin einfach einmal reinhörte. Helms Alee sind nur zu dritt und das besondere ist, dass sich alle drei Bandmitglieder den Gesang teilen. Gitarrist Ben Verellen ist dabei eher fürs Grobe zuständig und erinnert mit seinem wütenden Gebrüll gelegentlich an Neurosis oder ältere Mastodon. Bassistin Dana James und Schlagzeugerin Hozoji Matheson-Margullis teilen sich auf der anderen Seite die melodischen Vocals und singen des öfteren auch im Verbund.

 

Stilistisch werden Helms Alee je nach Quelle als Sludge Metal, Stoner Metal, Post-Hardcore oder Noise Rock bezeichnet. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte aus diesen Schubladen, bzw. sie passen im Grunde in jede davon. Kylesa können hier und da sicher als Anhaltspunkt dienen, Helms Alee wirken auf mich aber etwas basischer und gleichzeitig abgeklärter.  

Interessant ist der Aufbau von "Noctiluca" mit kurzen und kompakten Songs jeweils am Beginn und am Ende der Platte und drei etwas ausladenderen Titeln in der Mitte. Dadurch entsteht ein wellenartiger Aufbau, der dem Album einen interessanten und speziellen Fluss gibt, ein wenig als würde man (dem maritimen Überbau von Band und Album entsprechend) mit einem Segelschiff verschiedene Phasen eines Sturms durchfahren.

Helms Alee legen bei allen durchaus vorhandenen wütenden Passagen in Songs wie "Beat Up", "Play Dead" oder "Illegal Guardian" aber immer auch den Fokus auf die melodischen Elemente. Am deutlichsten tritt dies wohl in "Spider Jar" zutage, dem größten Hit des Albums, der sich bereits beim ersten Anhören als Ohrwurm entpuppt und sich ordentlich festfrisst. Aber auch der Opener "Interachnid", das leicht postrockige "Be Rad Tomorrow" oder das schwebende, fast psychedelisch anmutende "Pandemic" verfügen über eingängige, sich festsetzende Gesangsmelodien. 

Trotz des einigermaßen engen stilistischen Rahmens ist "Noctiluca" ein recht abwechslungsreiches Album mit vielen verschiedenen Ideen und Stimmungen. Oftmals passiert dabei auch viel auf kleinem Raum, bestes Beispiel ist vermutlich "Pleasure Torture", das in gerade einmal drei Minuten den Bogen von leicht waberndem Postrock zu wütenden Hardcore-Passagen spinnt. 

Vielleicht auch aufgrund der Trio-Besetzung wirkt das Album über die gesamten Spielzeit trotz manch etwas versponnener Passage immer sehr basisch und fast simpel, manchmal zumindest oberflächlich regelrecht unscheinbar. Kein Firlefanz, dafür erd- (oder besser see-)verbundener, auf den Punkt kommender harter Rock. Durch die zahlreichen Wechsel beim Gesang gelingt es Helms Alee zudem, "Noctiluca" über die gesamte Spieldauer stets spannend und abwechslungsreich zu gestalten. Im abschließenden "Word Problem" fasst die Band ihre Platte noch einmal schön zusammen, melodischer Gesang der Damen, bevor zum Ende hin noch einmal wütend gebrüllt werden darf und das Album dann abrupt endet. 

 

Ich gebe zu, ich bin mit Themen und Konzepten aus der Seefahrt, dem Leben im Meer und ähnlichem immer sehr gut zu bekommen und das schadet gewiss auch in diesem Falle nicht. "Noctiluca" funktioniert aber auch ohne das maritime Element, es ist einfach ein verdammt gutes Album einer spannenden Band. Im Februar spielen Helms Alee quasi unmittelbar vor meiner Haustür, hier ist ein Besuch dann natürlich Pflicht.



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