Jahrsrückblick 2019 Part 4 - die Plätze 14 und 13

Ich würde ja gerne mal wissen, wieso die Fotos, die ich mit dem Handy mache, jedesmal aussehen wie durch ein Handtuch aufgenommen. Ich kann machen, was ich will - Filter an, Filter aus, Licht von oben, unten, links oder rechts. Jedesmal nur verwaschener Müll. Naja, immerhin habe ich so wieder den Einleitungstext voll bekommen. Hier also meine Plätze 14 und 13.


Platz 14: SCHAMMASCH - Hearts of No Light

  1. Winds that Pierce the Silence (4:20)
  2. Ego Sum Omega (8:20)
  3. A Bridge Ablaze (3:08)
  4. Qadmon's Heir (8:03)
  5. Rays Like Razors (6:36)
  6. I Burn Within You (5:54)
  7. A Paradigm of Beauty (7:47)
  8. Katabasis (8:05)
  9. Innermost, Lowermost Abyss (15:05)

Bevor ich mich der Musik auf diesem Album zuwende, möchte ich anmerken, dass "Hearts of No Light" mein persönliches Lieblingscover 2019 ist. Nun mag der Engel mit Trompete nicht gerade die Neuerfindung des Rades sein, aber die Perspektive und vor allem die Farbgestaltung dieses Bildes sprechen mich sehr an. Ich habe auch schon während des Hörens des aktuellen Albums der Schweizer von Schammasch einfach mal 20 Minuten das Cover betrachtet und mich an diesen großartigen Farben erfreut. Klarer LP-Kauf und das beste Argument für das große Format. Soviel erstmal dazu.

 

Für Schammasch-Verhältnisse fällt "Hearts of No Light" beinahe schon übersichtlich aus. Auf CD nur eine Scheibe und 'gerade mal' 67 Minuten lang. Nach dem letzten regulären Album "Triangle", das immerhin als Dreifach-Album daherkam, war das Ende der Fahnenstange diesbezüglich offenbar erreicht. Wobei Sänger und Gitarrist C.S.R. im Interview schon wieder durchblicken ließ, dass es sich beim neuen Album erneut dann doch wieder um den ersten Teil oder Auftakt von etwas Größerem handelt. Aber egal, im Moment steht "Hearts of No Light" erst einmal für sich allein, und da macht es eine verdammt gute Figur.

Ich finde Black Metal ja vor allem immer dann gut und spannend, wenn er nicht aus Skandinavien stammt. So auch hier.

"Hearts of No Light" ist ein unglaublich gut produziertes, sehr spannendes und abwechslungsreiches Album. Black Metal ist auch hier wieder eigentlich nur die Basis, von der aus Schammasch in verschiedene Richtungen vorstoßen. 

Der instrumentale Opener "Winds that Pierce the Silence" gibt nach dramatischer Klavier-Einleitung mit einem düsterrockigen Part die Richtung schon ein wenig vor. Rein musikalisch könnte das auch von Fields Of The Nephilim oder Sisters Of Mercy stammen.

Solche Parts gibt es immer wieder, beispielsweise in der zweiten Hälfte von "Quadmon's Heir", das zunächst als reiner Black Metal-Song beginnt, dann aber das Tempo weitgehend rausnimmt und sich stattdessen in dunklen , erhabenen Klanglandschaften verliert, durchzogen von repetitiven Gitarrenmelodien, ehe sich gegen Ende nach und nach mehrstimmige, klare Chorgesänge aus der Musik erheben und dem Song eine sakrale Atmosphäre verleihen. 

"Ego Sum Omega", "Katabasis" oder "Rays Like Razors" hingegen gehen eher direkt zu Werke, das Tempo ist hier zumeist höher, nie aber rasend. Allen Songs, auch den schnelleren, haftet aber ein beschwörendes, im positiven Sinne monotones Element an. So wirkt die diverse Male wiederholte Zeile "These fires beyond death will never rise again" aus "Rays Like Razors", unterlegt von gewaltigen Gitarren und rollenden Drums, eher wie eine Beschwörungsformel als wie ein Chorus.

Ein großer Vorteil bei Schammasch ist, dass man die Texte verstehen kann, was ja im Black Metal nun weiß Gott (hihi) nicht immer so ist. C.S.R. singt klar verständlich und mit relativ tiefer Stimme, sodass die Vocals nicht bloß zusätzliches Instrument sind, sondern man sich an ihnen eben auch ein wenig festhalten kann. 

Besonders bemerkenswert finde ich dann noch den Song "A Paradigm of Beauty". Hier ist es Schammasch gelungen, Spätachtziger- bzw. Frühneunziger-Düsterrock aus der eingangs erwähnten Fields-Schule mit Metal zu verknüpfen. Die Gitarren nach zweieinhalb Minuten klingen sogar nach Héroes Del Silencio. Dort herum baut die Band dann einen absoluten Hit mit klar gesungenem Chorus und ja, hier ist ihnen tatsächlich ein richtiger Ohrwurm geglückt, den ich teilweise für Tage nicht mehr losgeworden bin. Gothic Rock / Wave meets Black Metal - geil.

Im abschließenden Instrumental "Innermost, Lowermost Abyss" lassen Schammasch sich dann ordentlich Zeit, "Hearts of No Light" stimmungsvoll ausklingen zu lassen. Die erste Hälfte des Songs wird bestimmt von akustischer Gitarre, Keyboarduntermalung und Percussions. Dieser Part des Songs erinnert mich zum Teil ziemlich an das "Saurian Meditation"-Album von Karl Sanders. In der zweiten Hälfte dominiert wiederum die Monotonie. Die Musik ist hier eher ambient-artig, tiefe Keyboardflächen bestimmen das Bild, eine kurze, mit endlos viel Hall unterlegt Melodie legt sich darüber und es entsteht der Eindruck großer Weite, Leere und Dunkelheit. Ganz langsam kommt ein Flüstern bzw. Murmeln hinzu, gegen Ende wird alles lauter, die Stimmen sind nun weiter im Vordergrund, bleiben aber unverständlich. Kurz wird es richtig laut, bevor das Stück abrupt abbricht, dann beenden vier tiefe Paukenschläge den Song und damit auch das Album. 

Manch einer mag so eine viertelstündige Instrumentalabfahrt, in deren zweiter Hälfte vordergründig zudem nichts zu passieren scheint, als öde empfinden. Ich hingegen stehe tierisch auf so einen Kram, weil man sich wunderbar darin verlieren und das Kopfkino einschalten kann.

 

Schammasch haben mit "Hearts of No Light" ein für ihre Verhältnisse kompaktes und wie ich finde auch relativ zugängliches Album geschaffen, schrecken auch vor fast poppigen Melodien in "A Paradigm of Beauty" nicht zurück und machen damit alles richtig. Aus der Ecke ganz klar das beste, was 2019 hervorgebracht hat.



Platz 13: BRUTUS - Nest

  1. Fire (3:49)
  2. Django (3:06)
  3. Cemetery (3:55)
  4. Techno (3:36)
  5. Carry (3:01)
  6. War (4:39)
  7. Blind (2:22)
  8. Distance (3:06)
  9. Space (2:46)
  10. Horde V (4:04)
  11. Sugar Dragon (7:44)

Brutus hatten mich ja im Spätherbst auf ihrem Konzert als Vorgruppe von Cult Of Luna ziemlich umgeblasen. Wie das immer so ist und weil ich ein Depp bin, nahm ich das aber natürlich nicht zum Anlass, mir die aktuelle Platte "Nest" danach einmal anzuhören. Nein, es bedurfte eines Geburtstagsgeschenkes der besten Freundin der Welt, damit ich mich endlich damit befasste - und so wirbelten Brutus meinen eigentlich schon (zumindest grob) feststehenden Jahrespoll vier Tage vor Toresschluss tatsächlich noch einmal durcheinander. Platz 13 ist darum auch vorläufig - hätte ich für dieses Album mehr Zeit gehabt, wäre es sicher noch weiter vorne gelandet, zumindest glaube ich das. Time will tell.

 

'Post Hardcore' sagt die Rate Your Music-Seite von Brutus. Ich will das mal glauben, da ich mich mit Stilbeschreibungen in diesem ganzen (Post-)Hardcore/Sludge/Noise/Stoner-Gerödel einigermaßen schwer tue. Im derzeit wohl spannendsten aller Rock- und Metal-Genres passiert jedenfalls sehr viel und es fällt schwer, da irgendwie mitzukommen. 

Die drei Belgier*innen von Brutus haben mit "Nest" jedenfalls ein saugutes Album gemacht und ich kann nun irgendwie nicht mehr nachvollziehen, warum ich das Debüt "Burst" seinerzeit eher anstrengend fand. Da ich aber wie bereits erwähnt ein Depp bin, habe ich "Burst" nach dem Konzert in Köln bisher auch noch nicht wieder aufgelegt - es fehlt eben auch manchmal einfach an Zeit, auch wenn das eine billige Ausrede ist.

Auf "Nest" hingegen stimmt eigentlich alles. Klar singt Stefanie Mannaerts oft auf 100 oder mehr Prozent, immer aus voller Kehle, immer Vollgas und das ist wohl am ehesten auch das, was mich ursprünglich an der Band genervt hat. Gut, manchmal, wie in "Techno" oder "Carry" schlägt sie auch ein paar leisere Töne an, um dann aber kurze Zeit später wieder zu explodieren. Genau das finde ich nun aber auf einmal total super. Eventuell ist es anders gemischt als auf "Burst" (ich habe zumindest den Eindruck, dass inzwischen etwas mehr Hall auf der Stimme liegt als beim Debüt), aber sehr wahrscheinlich habe ich 'damals' vor zwei Jahren nur einfach nicht gut genug hingehört.

Brutus schaffen es zudem, bei elf Songs auch elf Hits zu präsentieren. Einiges, zum Beispiel "Django", "War" oder "Space" (diese "Ooohooh-yeeheeah"- Gesangsmelodie... leck mich doch!) geht sofort und ohne Umschweife ins Ohr. Aber auch Songs, die zunächst etwas sperrig rüberkommen, entfalten spätestens beim dritten Hören ihr Hitpotenzial und nageln einen einfach nur gnadenlos an die Wand. 

Apropos "War" - dessen ruhiges Intro ist vielleicht der tollste Moment der gesamten Scheibe. Hier singt Mannaerts dem ersten (falschen) Eindruck nach eigentlich wieder ein bisschen 'zu laut' für die ruhige Musik, aber das ist eben einfach Quatsch. Sie klingt an dieser Stelle ganz leicht heiser oder angeschlagen, ein Hauch von Zerbrechlichkeit liegt in der Luft und dazu dann diese Melodie. Absolut großartig. 

"Nest" bleibt auf durchgehend hohem Niveau, Hit reiht sich an Hit und das Album macht einfach nur unglaublich viel Spaß. Das letzte Stück "Sugar Dragon" ist doppelt so lang wie die übrigen Lieder und fällt ein wenig aus dem Rahmen, ist ausladender, epischer und noch raumgreifender als der Rest. Ein Freund meinte kürzlich, dass ihn speziell "Sugar Dragon" teilweise ziemlich an Gold (Spoiler: zu denen komme ich noch) erinnern würde, und so ganz verkehrt liegt er damit nicht.

 

Brutus ist mit "Nest" (und ihrem Konzert) jedenfalls die aus meiner Sicht positivste Überraschung des Musikjahres 2019 geglückt. Und wie gesagt, wenn ich in einem halben Jahr noch einmal auf 2019 zurückblicke, dann ist "Nest" vermutlich in der Top 5. 


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