Jahresrückblick 2019 Teil 5 - Die Plätze 12 und 11

So, und da ist die erste Hälfte des Jahresrückblicks schon wieder geschafft. Heute also Halbzeit, mit den Plätzen 12 und 11.

Platz 12: OUR SURVIVAL DEPENDS ON US - Melting the Ice in the Hearts of Men

  1. Galahad - "Dissolving the Illusion of All Worldy Things" (12:02)
  2. Gold and Silver - "Which God, Which King, Which Law Condemns Us to Everlasting Slavery?" (10:14)
  3. Songs of the Lower Classes (13:24)
  4. Sky Burial - "Survival Depends on the Mercy of the Elements" (10:52)

Junge, Junge. Gerade einmal vier Lieder in der Tracklist, aber man muss einen halben Roman schreiben. Our Survival Depends On Us aus Österreich gibt es schon geraume Zeit (laut Internetrecherche seit 1999), 2005 erschien ihr erstes Album, aufmerksam auf die Band wurde ich aber erst mit dem 2015er Drittwerk "Scouts on the Borderline Between the Physical and Spiritual World". Das vierte Album "Melting the Ice in the Hearts of Men" (ja, sie mögen ausufernde Titel) war 2019 dann das erste, das ich mir von der Band gekauft habe.

 

Sollte man den Stil von Our Survival Depends On Us benennen, so wäre das gar nicht mal so einfach. Doom Metal ist sicherlich die Basis, aber weder geht es bei der Band in Richtung Epik (Candlemass), noch in Richtung Death-Doom der Marke My Dying Bride. Doomig ist hier vor allem das Tempo, das die ganze Zeit über sehr getragen ist.

Durch die Zugabe von akustischen Gitarren, Keyboards und Orgeln sowie gelegentlichen Geigeneinsprengseln bekommt die Musik der Band einen leicht folkigen Touch, wobei das auch nur so halb zutrifft. Es ist schwer zu beschreiben, "Melting the Ice in the Hearts of Men" ist jedenfalls durchzogen von einer leicht mystischen, oft sehr sehnsuchtsvollen Atmosphäre, transportiert dabei aber für mich vor allem Zuversicht und positive Energien. Die Musik ist langsam, schleppend und geheimnisvoll, dennoch aber nicht finster, viel mehr wirken die Lieder wie Durchhalteparolen, die Mut machen und Kraft geben wollen.

"Galahad", der erste Song, hat noch gewisse Primordial-Anleihen, was vor allem daran liegt, dass deren Frontmann Alan Averill hier als Gastsänger fungiert und einen Teil der Vocals beisteuert. 

"Gold and Silver" ist musikalisch eigentlich nicht sehr viel anders, dennoch habe ich die Primordial-Assoziation hier aber überhaupt nicht mehr. In zehn schleppenden Minuten spannen Our Survival Depends On Us den Bogen von ruhigen, sanften Melodien über packende Doppel-Lead-Gitarren-Passagen hin zu kraftvollem und energiegeladenem Doom Metal. Dabei lassen sie sich auch durchaus Zeit für minutenlange Instrumentalpassagen, bauen Spannung auf und steigern die Intensität, ehe Sänger Mucho Kolb wieder mit theatralischer Stimme zu singen beginnt. Die ganze Zeit wird die erwähnte, irgendwie helle und zupackende Stimmung dabei beibehalten. Wie man gleichzeitig so düster und doch positiv klingen kann, kommt für mich fast einem Rätsel gleich.

Highlight der Platte ist der dritte Song, der "Song of the Lower Classes", eine Art Kampfhymne aus Sicht geschundener Knechte, Lohnsklaven und Arbeiter, die für den König und den Adel Getreide anbauen und Gewänder nähen müssen, selber aber nichts zu essen und anzuziehen haben. Da der Text den englischen Arbeiterrechtler Ernest Charles Jones zitiert, stammen die verwendeten Bilder eher aus dem 19. Jahrhundert, sind aber natürlich ohne weiteres in die Moderne übertragbar. Fast eine Viertelstunde nimmt die Band sich Zeit für dieses Lied, wird langsam immer fordernder, ehe gegen Ende epische Chöre die Anklagen und Forderungen Jones' intonieren und man unweigerlich Bilder von Revolution und Generalstreik im Kopf hat - der kleine Arbeiter wehrt sich und fordert seine Rechte ein. "Song of the Lower Classes" ist ein wahres Manifest, ein unglaublicher Song, in dem Our Survival Depends On Us diese geniale Mischung aus verzweifelten Melodien und der 'Jetzt erst recht!'-Aufbruchstimmung  endgültig auf die Spitze treiben. Nach einer wütenden Passage, die das alles noch einmal untermauert, endet das Lied dann ganz sanft mit Keyboardteppichen und leise gespielten Geigen. Atmosphärisch nicht mehr zu schlagen, komplett irre und unter Umständen das beste Lied, das 2019 hervorgebracht hat.

Das abschließende Instrumental "Sky Burial" fällt im Vergleich zu den ersten drei Liedern für mich dann leider etwas ab, irgendwie kommt nach "Song of the Lower Classes" eine Art Bruch in der Platte. Es dauert beinahe sieben Minuten, bis das Intro des Songs vorbei ist, bei dem man aus meiner Sicht einfach Zeuge der titelgebenden Himmelsbestattung wird. Gitarren, die aber nicht wirklich eine Melodie spielen, Geräusche, Keyboards, Gemurmel und meditativ bis schamanisch wirkende Gesänge sind hier zu hören, unterm Kopfhörer ist das auch durchaus eindrucks- und stimmungsvoll, meiner Meinung nach aber vielleicht ein bisschen lang. Die letzten Minuten sind dann instrumentaler Rock, hier zieht die Band das Tempo erstmals an und ist ein wenig schneller unterwegs. Eigentlich ist "Sky Burial" schon ein guter Song, aber nach den drei übrigen Liedern und besonders  "Song of the Lower Classes" finde ich, dass er die Spannung einfach nicht ganz halten kann. Egal.

 

Our Survial Depends On Us ist mit "Melting the Ice in the Hearts of Men" jedenfalls ein über einen Großteil der Spielzeit sehr beeindruckendes Album gelungen, das teilweise mit einer Intensität daherkommt, an die 2019 nichts anderes herangekommen ist. Der zudem sehr eigenständige Stil der Band macht es zusätzlich aufregend, sodass es sicher spannend sein wird, den weiteren Weg dieser Band in den nächsten Jahren zu verfolgen.

Achja: Die Aufmachung der LP von Ván Records im Klappcover und mit richtig dickem Booklet ist einmal mehr vorbildlich. Wie schön es wäre, wenn sich andere Labels daran zumindest einmal ein entferntes Beispiel nehmen würden.



Platz 10: THE MOTH GATHERER - Esoteric Oppression

  1. The Drone Kingdom (9:06)
  2. Motionless in Oceania (7:58)
  3. Utopia (6:53)
  4. The Failure Design (7:29)
  5. Phosphorescent Blight (11:23)

The Moth Gatherer haben mich in Prinzip bereits mit den ersten Minuten des Openers "The Drone Kingdom" in der Tasche. Drone-artiges, tiefes Gewaber, ein an eine Schiffsglocke erinnerndes Geräusch und eine Synthesizer-Melodie im Sound  einer nebelhorngroßen Trompete oder Posaune erschaffen im Zusammenspiel mit dem Titel "The Drone Kingdom" sofort Bilder vor dem geistigen Auge. Blade Runner- bis Metropolis-artige Häuserschluchten, Regen, menschenleere Straßen, tiefste Nacht, eine sich bis zum Horizont ziehende Stadt direkt an der Küste, an die selbstverständlich turmhohe Wellen schlagen. 

Ja, ich bin nüchtern und ja, ich liebe visuelle Musik, die so etwas in mir auslöst und nein, ich hatte das unten verlinkte Video zu "The Drone Kingdom" vor dem heutigen Tag noch nicht gesehen.

 

Zwei Minuten später starten The Moth Gatherer dann in kompletter Bandstärke in ihr Album. Das große Vorbild der ebenfalls aus Schweden stammenden Band dürften wohl Cult Of Luna sein. The Moth Gatherer orientieren sich zum Teil schon recht deutlich an den Großmeistern, von einer bloßen Kopie würde ich allerdings nicht sprechen. The Moth Gatherer sind insgesamt ein bisschen zugänglicher, was einerseits an den noch etwas deutlicher herausgearbeiteten Melodien liegen dürfte, anderseits vermutlich aber auch einfach an der übersichtlicheren Spieldauer ihrer Platte. "Esoteric Oppression" dauert keine 45 Minuten, wo Cult Of Luna auf der anderen Seite die Spielzeit einer CD ja gerne voll ausnutzen.

"Esoteric Oppression" ist das dritte Album der Stockholmer, wobei die ersten beiden hier auch im Schrank stehen. Diese hatte ich mir, wenn ich mich richtig erinnere, mal im Zuge irgendeiner Spotify o. ä.-Empfehlung günstig im Bundle geschossen, auch für gut befunden, nachhaltig hängen blieben sie aber aus irgendeinem Grunde nicht. Mit der neuen Platte ist das allerdings ganz anders. "Esoteric Oppression" fesselt mich von der ersten bis zur letzten Sekunde und hat nach dem knappen Jahr, das es inzwischen auf dem Markt und in meinem Besitz ist, auch durchaus den Langzeittest bestanden. 

"A Bright Celestial Light" und "The Earth is the Sky", die ersten beiden Alben der Band, habe ich seither zwar noch nicht wieder aufgelegt, habe das aber eigentlich ständig vor. Aber wenn dann mal wieder ein Abend oder Wochenende zum Musik hören Zeit ist, wandert doch immer wieder das aktuelle Album auf den Plattenteller. Es wird wirklich langsam Zeit für den Lottogewinn, damit ich endlich mal mehr Zeit habe, den ganzen Tag Musik zu hören - vielleicht sollte ich mal anfangen zu spielen.

 

The Moth Gatherer halten auf "Esoteric Oppression" über die gesamte Spielzeit die Spannung. Trotz des an sich ja eher eng gesteckten stilistischen Post/Sludge Metal-Rahmens aus langsamem und mächtigem Geriffe, aggressivem Gesang und flächigen  Keyboards sind die Songs durchaus abwechslungsreich gestaltet. "The Drone Kingdom" wartet beispielsweise mit einer Gastsängerin auf, während in "Motionless in Oceania" oder "The Failure Design" auch Zeit für ruhigere Ambient-Passagen bleibt, die zusätzlich für Spannung sorgen. Die eingangs beschriebene, urbane Science Fiction-Atmosphäre bleibt ebenfalls (vielleicht mit Ausnahme des etwas 'bodenständiger' wirkenden "Utopia") die ganze Zeit erhalten und hebt im letzten Song "Phosphorescent Blight" mit seinem langen, sich bedächtig steigernden instrumentalen Mittelteil dann endgültig Richtung Weltraum ab. Das Outro mit an- und abschwellenden Keyboard-Sounds und einer langsam darin verschwindenden, nur aus zwei Tönen bestehenden Melodie führt am Ende wieder zurück in die namenlose Stadt vom Beginn des Albums.

"Esoteric Oppression" mag vielleicht keine sonderlich eigenständige Platte sein, aber erstens ist es trotzdem ein verdammt gutes Album und zweitens kann man sich weiß Gott an schlimmeren Bands als Cult Of Luna orientieren. 

Mit ihrem dritten Album haben sich The Moth Gatherer jedenfalls endgültig auf mein Radar gespielt und ich bin gespannt, was die Zukunft für diese und von dieser Band noch bereithält.


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