Jahresrückblick 2019 Teil 6 - die Plätze 10 und 9

Willkommen in der zweiten Halbzeit meines persönlichen Jahrespolls 2019 - hier sind die Plätze 10 und 9.

Platz 10: ROME - Le Ceneri Di Heliodoro

  1. Sacra Entata (4:35)
  2. A New Unfolding (3:29)
  3. Who Only Europe Know (3:39)
  4. The West Knows Best (3:22)
  5. Feindberührung (3:55)
  6. Fliegen wie Vögel (4:44)
  7. One Lion's Roar (3:29)
  8. Black Crane (3:16)
  9. La Fin D'un Monde (0:57)
  10. The Legion of Rome (3:04)
  11. Uropia o Morte (3:45)
  12. Desinvolture (6:31)

Der Output des Luxemburger Projektes Rome ist schon allein quantitativ nach wie vor mehr als beeindruckend. Je nach dem, ob man EPs mitzählt, nur in limitierten Editionen erhältliche Bonus-Alben berücksichtigt und die 2011 unter dem Namen "Die Æsthetik der Herrschaftsfreiheit" erschienenen drei Platten einzeln oder zusammen zählt, ist "Le Ceneri di Heliodoro" irgendwas zwischen dem elften und siebzehnten Album aus der Feder von Chef Jerome Reuter - und das seit 2006.

 

Nachdem Reuter auf dem Vorgängeralbum "Hall of Thatch" (2018) sehr persönlich und reduziert zu Werke gegangen war, hat "Le Ceneri di Heliodoro" wieder einen politischen / historischen Überbau, was mir ehrlich gesagt bei dieser Band auch deutlich mehr liegt. Das neue Album von Rome beschäftigt sich mit Europa, dessen Zerfall und Identität, seinem Verhältnis zu Amerika und ähnlich großen Themen.

Musikalisch ist Rome meiner Meinung nach das beste Album seit dem 2009er Meisterwerk "Flowers from Exile" gelungen, eventuell finde ich "Le Cenerei di Heliodoro" sogar noch einen Tacken besser. Nun kenne ich immer noch nicht alle Alben, die Jerome Reuter gemacht hat, gerade mit der Frühphase Romes bin ich noch relativ wenig vertraut, dennoch ist es aber sicher, zu sagen, dass das aktuelle Album ganz oben mitmischt. Das Album klingt wieder ein wenig militärischer, treibender als zuletzt und wirkt auf mich deutlich energiegeladener als die Band noch auf "The Hyperion Machine" geklungen hatte. Man ist wieder wütender unterwegs, die transportierte Message wirkt nachdrücklicher, intensiver, eindringlicher. 

Das vorherrschende Element bleibt dennoch oft die Akustikgitarre, auf der Reuter finstere Folksongs und -balladen spielt und mit seiner sonoren Stimme dazu singt. Dabei gelingen ihm wieder sehr viele Ohrwürmer, genau genommen ist jeder der neun 'richtigen' Songs (zieht man Intro, Outro und das Zwischenstück "La Fin D'un Monde" ab) ein solcher Ohrwurm. Auf "Le Ceneri di Heliodoro" stehen tatsächlich nur Hits, ohne Ausnahme. Wie bei Rome üblich werden die akustischen Passagen immer wieder von militärischen, teils fast industrial-artigen Elementen ergänzt und kontrastiert. Dazu zählen mehrsprachige Sprachsamples, Marching Drums und sonstige Percussions, diverse orchestral und auf merkwürdige Weise immer historisch klingende Aufnahmen ("Desinvoluture"), inbrünstig gebrüllte Kampfparolen wie "Immer wieder Widerstand!" ("A New Unfolding") oder auch mal Aufnahmen von Flugzeugmotoren und Jerichotrompeten ("Fliegen wie Vögel"). 

 

Die Stimmung auf "Le Ceneri di Heliodoro" ist bandtypisch sehr düster, niemals aber hoffnungslos. Man merkt, wie sehr dem sich laut Interview in erster Linie als Europäer und erst in zweiter Linie als Luxemburger sehenden Reuter das Thema des Albums am Herzen liegt. Songs wie "A New Unfolding", "The Legion of Rome" oder "Black Crane" sind durchzogen von einer gewissen Jetzt-erst-recht!-Stimmung, einem Sich-nicht-unterkriegen-lassen-Wollen. Auf der anderen Seite stehen reine Balladen wie das Westernfeeling verbreitende "The West Knows Best" und das unfassbare, mit mächtigen Chören versehene "Uropia o Morte", bei dem Rome endgültig alle Melodieregister ziehen und ihren bisher vielleicht besten Song überhaupt geschrieben haben.

Das Schöne an Rome und auch an diesem Album ist, dass man die Musik auch hören und genießen kann, ohne sich parallel mit dem Textheft bewaffnet mit den historischen und politischen Hintergründen zu beschäftigen. Man braucht also kein abgeschlossenes Politikstudium, um "Le Ceneri die Heliodoro" mögen und wertschätzen zu können, es funktioniert auch einfach so als tolles Album. Wenn man aber eintauchen will in die Gedankenwelt und politischen Ansichten Reuters, so kann man das eben trotzdem machen. Eine fantastische Platte.



Platz 10a: ROME - The Dublin Session

  1. Gair Na Lionn (1:48)
  2. Antenora (2:28)
  3. Evropa Irredenta (4:04)
  4. Holy Ennui (2:31)
  5. Slash 'n' Burn (3:49)
  6. Vaterland (3:18)
  7. Mann für Mann (2:42)
  8. Rakes and Rovers  (3:30)
  9. Matt's Mazurka (1:22)

2019 brachte gleich zwei Veröffentlichungen aus dem Hause Rome, und auf die zweite möchte ich hier auch noch eben kurz eingehen. Im Mai 2019 reiste Bandkopf Jerome Reuter nach Dublin, wo er innerhalb einiger Tage mit diversen irischen Gastmusikern "The Dublin Session" aufnahm. 

Alle enthaltenen Songs wurden speziell für diesen Anlass komponiert und sind somit brandneu. Zum Rome-typischen Neo- oder Dark Folk wird auf "The Dublin Session" nun noch eine gehörige Portion Irish Folk addiert, was natürlich ausgezeichnet funktioniert. Zur Instrumentierung gehören logischerweise auch landestypische Instrumente wie Uilleann Pipes, Bouzuki und Violine.

"The Dublin Session" dauert leider nur 25 Minuten und hat somit eher EP-Charakter, was die Länge anbelangt. 

Die Verbindung von typisch irischem Pub Folk wie "Antenroa" oder "Holy Ennui" und den von Reuter bekannten Finsterballaden wie "Evropa Irredenta" gelingt sehr gut. "Rakes and Rovers" wirkt beinahe wie ein Dropkick Murphys-Song im Rome-Gewand.

Zwei Welten treffen aufeinander und verschmelzen zu einer Einheit, die es in sich hat. Tolle Platte, die man gehört haben sollte, wenn man auch nur im entferntesten etwas mit Folkmusik anfangen kann.



Platz 9: MARK LANEGAN BAND - Somebody's Knocking

  1. Disbelief Suspension (3:16)
  2. Letter Never Sent (3:31)
  3. Nigh Flight to Kabul (3:30)
  4. Dark Disco Jag (3:55)
  5. Gazing From the Shore (3:42)
  6. Stitch It Up (3:03)
  7. Playing Nero (4:16)
  8. Penthouse High (6:23)
  9. Paper Hat (4:27)
  10. Name and Number (3:39)
  11. War Horse (2:51)
  12. Radio Silence (4:03)
  13. She Loved You (5:30)
  14. Two Bells Ringing at Once (4:49)

Auch Mark Lanegan ist alles andere als veröffentlichungsfaul. Kollaborationen und Remix-Alben nicht mitgezählt, ist "Somebody's Knocking" bereits das zwölfte Solo-Album des früheren Sängers der Screaming Trees.

Einen ganz schönen Brocken hat Lanegan seinen Zuhörern da diesmal kredenzt. 14 Songs in knapp einer Stunde Spielzeit, das ist einiges an Material, das da auf den geneigten Fan einprasselt, und ich muss zugeben, anfangs hatte ich ein paar Probleme mit "Somebody's Knocking". Irgendwie packten mich die wenigsten Lieder so richtig, das Album wirkte auf mich zudem irgendwie zerstückelt und verbreitete wenig Album-Atmosphäre. Da man aber weiß, dass Lanegan keinen halbgaren Scheiß abliefern würde, blieb ich dran und wurde reich belohnt.

 

"Somebody's Knocking" ist nämlich selbstverständlich einmal mehr absolut grandios geworden. Die ersten sieben Songs allein sind der Wahnsinn, in relativ kompakten Stücken präsentiert der Meister hier Hit auf Hit und ein anfangs unscheinbarer Song wie zum Beispiel "Gazing From the Shore" ist natürlich in Wirklichkeit ein weiteres kleines Wunderwerk. Selbiges gilt auch für das vorab ausgekoppelte "Stitch It Up", das genau wie der Opener "Disbelief Suspension" eher im rockigen Uptempo agiert. "Letter Never Sent" ist ein anderes Beispiel. Anfangs lief das Lied an mir vorbei, inzwischen empfinde ich das etwas David Bowie-artige Stück fast als das beste des Albums. 

Lanegan verwendet auf "Somebody's Knocking" mehr elektronische Elemente, beispielsweise im perfekt betitelten "Dark Disco Jag", das wunderbar in einem Ranzschuppen wie dem "Tech Noir" aus dem ersten Terminator-Film laufen könnte und generell einfach nach fieser Gothic-Spelunke aus den Achtzigern klingt, gleiches gilt für "Penthouse High", das von Synthies und elektronisch klingenden Drums dominiert wird. Grandios. Auch "Night Flight to Kabul" schlägt mit seinem pumpenden Bass zumindest stimmungstechnisch irgendwie in diese Kerbe.

Zwar hat sich das Gefühl, es bei dieser Platte eher mit einer Ansammlung von Liedern als einem wirklichen Album zu tun zu haben, inzwischen weitgehend gelegt, dennoch ist es so, dass "Somebody's Knocking" sehr abwechslungsreich ausgefallen ist und Lanegan sich hier an vielen verschiedenen Stimmungen und Stilen versucht. Eins ist aber allen Songs gemein: Sie sind durchzogen von einer irgendwie urbanen, städtischen Atmosphäre, das Album wirkt wie die Momentaufnahme, wie der Soundtrack eines Tages oder Abends in einer Großstadt. Diese Atmosphäre ist es, die das Album für mich ein wenig von seinen sonstigen Werken abhebt. Diese wirkten oft etwas bodenständiger, irgendwie ländlicher, man wähnte sich eher in der Natur statt im Großstadtdschungel. Meiner Meinung nach ist der andere Eindruck, den "Somebody's Knocking" diesbezüglich macht, aber gar nicht mal so sehr der Musik, sondern eher der direkteren, moderneren Produktion geschuldet.

 

In der zweiten Hälfte fand ich das Album anfangs dann doch etwas zu lang, was eventuell daran liegt, dass die Songs "Penthouse High", "Radio Silence", "Name and Number" und "She Loved You" alle im etwa gleichen Tempo angelegt sind, auch wenn sie wiederum recht verschiedene Stimmungen transportieren. Aus heutiger Sicht, nachdem ich das Album wirklich oft gehört habe, würde ich maximal "Name and Number" weglassen, der Song fällt für mich zum Rest des Albums etwas ab, aber was ist schon ein nicht ganz so toller Song unter 13 weiteren? Eben.

Erwähnen möchte ich ansonsten noch "Playing Nero" und "Two Bells Ringing at Once" - diese beiden wirklich nur als unfassbar schön zu bezeichnenden Balladen schließen die B- bzw. die D-Seite des Albums ab und bilden so jeweils einen tollen Abschluss für jede der beiden LPs. Wenn Lanegan mit seiner tiefen sonoren Stimme und dem leichten Vibrato mit den Worten "Can't believe what I'm hearing - Stone cold - Statuary blue - on the telephone" den Song "Playing Nero" einleitet, ist binnen Sekunden alles aus. Gänsehaut in Parkastärke. Was für eine Stimme, was für ein Songwriter, für mich klar die beste Stelle auf diesem Album. Der von tiefen Synthies getragene Song vermittelt zudem eine großartige, Twin Peaks-artige Stimmung. Und das musikalisch etwas hellere, dafür todtraurige "Two Bells Ringing at Once" steht dem in nichts nach. Diese beiden Balladen sind für mich die absoluten Highlights eines an Höhepunkten wahrlich nicht armen Albums.

Fazit: Es dauert unter Umständen ein bisschen, bis "Somebody's Knocking" seine ganze Klasse und Schönheit offenbart, das Warten lohnt sich aber definitiv.


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