Jahresrückblick 2019 Teil 7 - die Plätze 8 und 7

Langsam aber sicher nähern wir uns der Speerspitze. Heute geht es hier weiter mit den besten Alben 2019, diesmal mit den Plätzen 8 und 7.

Platz 8: TOOL - Fear Inoculum

  1. Fear Inoculum (10:20)
  2. Pneuma (11:53)
  3. Litanie Contre la Peur (2:14)
  4. Invincible (12:44)
  5. Legion Inoculant (3:10)
  6. Descending (13:27)
  7. Culling Voices (10:05)
  8. Chocolate Chip Trip (4:48)
  9. 7empest (15:43)
  10. Mockingbeat (2:05)

Fucking 13 Jahre hat es gedauert, bis Tool endlich 2019 mit ihrem fünften Album, "Fear Incoculum" betitelt, um die Ecke und aus dem Quark kamen. In der Zeit zwischen "10.000 Days" und "Fear Inoculum" wurde der Verfasser dieser Zeilen erst 30, dann 40 Jahre alt. Und dann erscheint das Album endlich und irgendwie ist es, als wären sie nie weg gewesen. Ist das jetzt gut oder schlecht? 

 

Man muss schon sagen, dass der Großteil des Materials auf dem neuen Album durchaus auf "Lateralus" oder "10.000 Days" hätte stehen können, ohne dort sonderlich aus dem stilistischen Rahmen zu fallen. Besonders die Songs "Schism", "Lateralus", "Jambi" und "Wings for Marie" sind es, die irgendwie immer wieder auf "Fear Inoculum" durchzuschimmern scheinen. Besonders experimentierfreudig oder auch nur wagemutig gehen Tool auf ihrem fünften Album also nicht vor. Die vier Musiker sind nun mal inzwischen auch eher gesetztere Herren in der zweiten Lebenshälfte und keine jungspundigen Entdecker mehr. Reicht das für Tool, reicht mir das als Fan? Ich muss sagen, ja, es reicht mir tatsächlich.

"Fear Inoculum" mag sich keine neuen Welten mehr erschließen wie seinerzeit "Ænima" oder "Lateralus" - Tool sind aber trotzdem nach wie vor Tool. Binnen weniger Minuten bin ich gefangen in dieser Platte und komme erst wieder raus, wenn die letzten Noten von "7empest" verklungen sind (das komplett bescheuerte Outro "Mockingbeat", ohnehin nur Teil der Download-Version dieses Albums, würde ich tatsächlich als Störfaktor bezeichnen). 

Tool verstehen es immer noch wie abgesehen von Rush keine andere Band, Komplexität und Hitpotenzial miteinander zu verknüpfen. Man kann sich "Fear Inoculum" ganz entspannt und in Ruhe anhören, hier klingt nichts mathematisch, durchgerechnet, verkopft oder kalt - Vorwürfe, die man immer wieder mitbekommt, wenn es um die Band geht und die ich wirklich so wenig nachvollziehen kann wie kaum etwas anderes. Im Gegenteil, wie schon immer bei dieser Band klingt auch dieses Album völlig lebendig, organisch und klar mehr gefühl- denn kopfgesteuert. Auf der anderen Seite kann man sich aber auch in Details verlieren, wie den im Hintergrund von "Pneuma" vor sich hinklackernden Tablas von Danny Carey, Justin Chancellors genialen Bassläufen im Titeltrack oder "Descending" oder dem irrwitzigen Breakgewitter, auf dem im Grunde der komplette Song "7empest" aufbaut.

Bisher war es bei Tool immer so, dass die drei Musiker und der Gesang Maynard James Keenans vollkommen gleichberechtigt nebeneinander standen. Ich finde, das ist bei "Fear Inoculum" ein wenig anders und hier gibt es tatsächlich dann auch doch einen Unterschied zum bisherigen Schaffen der Band. Keenan nimmt sich deutlich zurück, es gibt oft minutenlange Instrumentalpassagen, in denen er überhaupt nicht zu hören ist, bei "Descending" betrifft das sogar die komplette zweite Hälfte des immerhin über dreizehnminütigen Songs. Auch in "Pneuma" erschrickt man fast, wenn Keenan nach dem ellenlangen Instrumentalpart in der Songmitte plötzlich wieder zu singen beginnt. An manchen Stellen hätte es auf "Fear Inoculum" für mich dann auch gerne noch etwas mehr Gesang sein dürfen. Meistens passt es aber durchaus, dass die Musik das Bild dominiert und die Stimme eher ein Zusatz ist. Lediglich der instrumentale Teil von "Invincible", in dem bis auf dem ewigen Herumgeschrubbe auf ein und demselben Riff einfach nichts passiert, ist mir etwas zu eintönig ausgefallen. 

 

"Fear Inoculum" klingt zudem schlichtweg nicht zu fassen gut. Es ist eine wahre Freude, wie großartig Musik klingen kann, wenn sie vernünftig und sorgfältig produziert ist. Egal ob in voller Lautstärke vor der Anlage, über Kopfhörer, auf den schrottigen Lautsprechern im Auto oder dem noch schrottigeren Bluetooth-Speaker im Büro - "Fear Inoculum" klingt immer großartig und immer besser als alles andere, was man davor oder danach hört.

Das in der Mitte des Albums stehende "Descending" ist mein Lieblingssong des Albums, bei dieser zurückhaltenden und doch irgendwie allumfassenden Düsternis geht mir das Herz auf, und wenn dann in der Mitte des Liedes diese Space-Synthies wieder auftauchen, die vor 18 bzw. 13 Jahren schon die Songs "Reflection" und "Rosetta Stoned" miteinander verknüpften, ist endgültig alles aus und ich will eigentlich nur noch auf die Knie fallen. Es ist absolut faszinierend, mit welch überragender Lässigkeit Tool hier musizieren. Und diese, ich kann es wirklich nur so nennen, Überlegenheit zieht sich durch das komplette Album. 

Man mag ihnen, wenn man denn unbedingt möchte, vorwerfen, dass sie sich auf ihrem neuen Album nichts wirklich Neues getraut haben (vielleicht wollten sie das aber ja auch gar nicht?). Man muss aber zeitgleich konstatieren, dass Tool ihre ganzen Epigonen, die in den letzten Jahr(zehnt)en aus dem Boden schossen, Bands, denen man attestierte 'irgendwie wie Tool zu klingen' oder 'eine gute Ersatzdroge fürs Original' zu sein, auch im Jahre 2019 immer noch mit dem kleinen Finger der linken Hand, mit einem Dutzend gespielter Noten und gesungener Wörter nicht bloß aus der Halle fegen, sondern gleich komplett überflüssig oder vergessen machen. 

"Fear Inoculum" ist ein saustarkes Album geworden, das vielleicht nicht ganz an "Ænima" oder "Lateralus" (meiner Meinung nach bis jetzt noch immer das beste Album dieses Jahrtausends) heranreichen mag, das aber ja auch gar nicht muss. Eigentlich zeigt es im Gegenteil auf, dass dieses ständige Vergleichen von neuen Alben mit den Klassikern, zu dem auch ich durchaus neige, ein einziger großer Quatsch ist. Denn "Fear Inoculum" ist eben trotzdem komplett großartig und überragend, ein einziges großes Nach-Hause-Kommen. Und ja, das reicht mir nicht nur bloß, ich bin damit tatsächlich vollkommen zufrieden und rundum glücklich.



Platz 7: ANGEL OLSEN - All Mirrors

  1. Lark (6:19)
  2. All Mirrors (4:42)
  3. Too Easy (2:57)
  4. New Love Cassette (3:26)
  5. Spring (3:23)
  6. What It Is (3:17)
  7. Impasse (4:23)
  8. Tonight (4:38)
  9. Summer (4:05)
  10. Endgame (5:20)
  11. Chance (5:59)

"All Mirrors" - es ist schwer, sich einen passenderen Titel für das neue Album von Angel Olsen vorzustellen oder auszudenken. Das Bild von den zwei Seiten des Spiegels ist zwar ein vielbemühtes, aber das macht es ja deswegen nicht weniger wahr. Ein Spiegel reflektiert außerdem die Person, die sich darin betrachtet. Und mein Eindruck ist, dass es auf "All Mirrors" um nichts anderes geht.

Ich habe mich ehrlich gesagt nicht groß mit Hintergrundberichten oder Interviews zu dieser Platte befasst, sondern sie einfach gehört und die Texte mitgelesen. Und für mich macht es den Eindruck, als erzählten die Songs eine fortlaufende Geschichte. Der Opener "Lark" scheint zurückzublicken auf eine vergangene Beziehung, die dann ab dem zweiten Song reflektiert und nacherzählt wird. Zwischen "Impasse" und "Tonight" erfolgt die Trennung, dann kommt die Befreiung, dann der Schmerz und am Ende wieder die Reflektion und vielleicht das erste kleine Licht am Ende des Tunnels.

All das mag auch Einbildung sein, aber wenn man die Texte liest, so kommt zumindest bei mir dieser Eindruck einer fortlaufenden und zusammenhängenden Geschichte an - die eventuell am Ende wieder an ihrem Anfang ist und von neuem beginnt.

 

Was die eingangs erwähnten zwei Seiten des Spiegels betrifft, so mache ich dies an der scheinbaren Widersprüchlichkeit zwischen Musik und Texten auf "All Mirrors" fest. Während die Texte sehr persönlich und verletzlich wirken, so werden bei der Musik oft die ganz großen Gesten aufgefahren. Acht der elf auf "All Mirrors" enthaltenen Songs beinhalten opulente Streicherarrangements, die oft fast orchestral anmuten. In den übrigen Songs dominieren schwere Synthies.

"All Mirrors" wirkt wie der Soundtrack zu einem dramatischen Schwarzweißfilm, bei dem David Lynch Regie geführt hat. Nicht selten erinnern die Arrangements und teilweise auch die Melodien an die Arbeiten, die George Martin seinerzeit mit den Beatles zu "Yellow Submarine"- oder "Sgt. Pepper"-Zeiten ablieferte. Das Ende von "Lark" hat zum Beispiel viel von "It's All Too Much", und diverse Streicher-Einsprengsel in "New Love Cassette" oder "What It Is" könnten direkt von der orchestralen B-Seite des "Yellow Submarine"-Albums stammen. Und ein Song wie "A Day in the Life" scheint hier und da ebenfalls Pate gestanden zu haben.

Das soll nun nicht heißen, dass Angel Olsen hier blind kopiert, es soll bloß die Richtung aufzeigen, in die das Ganze teilweise geht. Über oder vielleicht besser hinter all dieser musikalischen Opulenz, diesem eigentlich unglaublich dick aufgetragenen Bombast singt Olsen mit beschwörender Stimme, oft eher sanft und introvertiert, manchmal aufbrausend und sirenenhafter. Oder um es kurz zu machen: Was für eine grandiose Stimme diese Frau hat! "Impasse" ist vielleicht das beste Beispiel. Das Lied ist musikalisch mehr Soundtrack als Song im herkömmlichen Sinne, Streicher wabern durchs Bild, Olsen singt tief, ganz leise und sanft, es wirkt fast unheimlich. Dann brausen Musik und Stimme auf, "Don't you know, don't you know, don't you know" singt sie nun deutlich höher und lauter, bevor das Lied am Ende wieder genauso ruhig endet, wie es begann und langsam im schwarzen Nichts verschwindet. 

Lediglich der Refrain von "Summer" fällt ein wenig aus dem stilistischen Rahmen, ist etwas singer/songwritermäßig instrumentiert als der Rest. Angel Olsen scheint unmittelbar neben dem Hörer zu stehen, klingt fast fiebrig, während sie einem die Zeilen "Took a while but I made it through. If I could show you the hell I'd been to" direkt ins Ohr singt. 

"All Mirrors" ist ein einzigartiges Album, ausladende Gesten und gewaltige Arrangements treffen auf Stille und große Verletzlichkeit. Manchmal scheint es fast so, als würde Olsen sich hinter all dem musikalischen Breitwandbombast verstecken und vielleicht ist das auch so. Auf der anderen Seite lässt sie ihre Hörer aber eben auch ganz nah an sich heran. Das ist diese Ambivalenz, die das Album ausmacht.

Auf einer Seite des auch in der LP-Version sehr umfangreichen Booklets sieht man drei gewaltige, von schräg unten fotografierte Kronleuchter, die eine noch viel gewaltigere Halle erleuchten, welche man aber in der Dunkelheit des Fotos gerade noch so erahnen kann, man muss schon genau hinschauen, um sich die Größe dieses Raums zumindest vorstellen zu können. Das perfekte Foto zur Musik, genau so muss man sich "All Mirrors" vorstellen. Ein wahres Meisterwerk.


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