Jahresrückblick 2019 Teil 8 - die Plätze 6 und 5

Der Jahresrückblick dauert 2020 etwas länger als gewohnt. Man möge mir das nachsehen, es ist gerade ziemlich viel los und ich komme zu nichts. Dafür bleibt es dann eben auch länger spannend. Hier also meine Plätze 6 und 5 des Jahres 2019.

Platz 6: BAD RELIGION - Age of Unreason

  1. Chaos from Within (1:50)
  2. My Sanity (2:58)
  3. Do the Paranoid Style (1:45)
  4. The Approach (2:25)
  5. Lose Your Head (2:50)
  6. End of History (2:46)
  7. The Age of Unreason (2:40)
  8. Candidate (2:45)
  9. Faces of Grief (1:04)
  10. Old Regime (2:42)
  11. Big Black Dog (2:06)
  12. Downfall (2:36)
  13. Since Now (1:43)
  14. What Tomorrow Brings (3:09)

1994 erschien mit "Stranger than Fiction" das Bad Religion-Album, mit dem ich in das Schaffen dieser Band einstieg. Bis heute ist es, trotz der Achtziger-Klassiker wie "No Control" und "Against the Grain", mein Lieblingsalbum der Band, ein Zehn-Punkte-Werk, das seit 25 Jahren wirklich sehr regelmäßig bei mir läuft. "Age of Unreason", das siebzehnte Album dieser grandiosen Band, würde ich tatsächlich als ihr bestes seit ebenjenem "Stranger than Fiction" bezeichnen. Sicherlich war nicht alles grandios, was Bad Religion seit 1994 fabriziert haben, Alben wie "The Gray Race", "The Empire Strikes First" und "New Maps of Hell" sind aber eben doch schweinegeil, echte Schwergewichte. 

 

"Age of Unreason" - ich weiß noch, wie ich das Album vor inzwischen einem dreiviertel Jahr das erste Mal hörte und es mir die Tränen in die Augen trieb, weil es mir so sehr aus der Seele sprach. Garantiert hatte es wieder irgendeine Trump-Nachricht gegeben oder auch etwas innenpolitisches, das man bis dato noch für unmöglich gehalten hatte. Inzwischen sind neun Monate vergangen, was damals für Aufregung sorgte, ist längst vergessen oder Alltag. Gegen Trump lief ein erfolgloses Impeachment-Verfahren und innenpolitisch ist die nächste Grenze überschritten worden, in Thüringen paktieren FDP und CDU offen mit dem faschistischen Gesocks, eine Luftpumpe wie Lindner weiß davon, gibt sogar grünes Licht dafür  und es gibt trotzdem keine Konsequenzen. Das alles hätte ich an dem Tag, an dem ich "Age of Unreason" das erste mal hörte, noch für unmöglich gehalten.

Wahnsinn wird Normalität, die Welt wird immer bekloppter und was dann in einem weiteren Jahr für Grenzen gefallen sind und was dann zur Normalität geworden ist, kann man sich vorstellen, möchte es aber eigentlich lieber nicht. "Age of Unreason" eben.

Und in diese Stimmung platzen Bad Religion dann mit einer Zeile wie "Sometimes there's no sane reason for optimism" aus "My Sanity". Wie kann man sie da nicht lieben? Beim ersten Durchlauf von "Age of Unreason" mit Textblatt hätte ich im Grunde bei jedem Song Greg Graffin und Brett Gurewitz am liebsten angerufen, um ihnen "Ja, ja, ja! Ihr habt ja sowas von Recht!" zuzuschreien. "Shake, shake, shake with fear with fear, waive your rights like you just don't care" (aus "Do the Paranoid Style") - yes! Oder "I don't believe in golden ages or presidents who put kids in cages" (aus "End of History") - yes, fucking yes! In fast jedem Song gibt es solche Zeilen, die man sich am liebsten auf Shirts drucken oder gleich quer übers Gesicht tätowieren lassen möchte. 

Das tollste an "Age of Unreason" aber ist, dass das alte Bad Religion-Feeling, das der Band meiner Meinung nach auf den letzten beiden Platten ein wenig bis ein wenig mehr abhanden gekommen war, wieder da ist. Woran das liegt, ist schwer festzumachen, denn natürlich machen sie eigentlich nicht viel anders als in der Vergangenheit. Aber diesmal sprechen die Songs eben wieder nicht nur das Hirn, sondern vor allem auch das Herz an. Außerdem ist es eigentlich schlicht unmöglich, zu Hochtempo-Melodiegranaten wie "Do the Paranoid Style" (Ohrwurm des Jahres), "Old Regime" oder "Faces of Grief" nicht die Einrichtung zu zerlegen. Apropos "Faces of Grief" - wie unglaublich angepisst die alten Männer hier klingen und mit was für einer Wut die Mitt- bis Endfünfziger hier alles in Schutt und Asche legen, ist ein Quell unendlicher Freude. Die Melancholie, die auch die schnellen Songs zum Teil durchzieht ("The Approach", "Age of Unreason") macht die Sache dann richtig rund.

Aber auch im Midtempo machen Bad Religion einfach alles richtig. "Candidate" oder das originelle "Lose Your Head", bei dem die Band anscheinend versucht hat, mit Bad Religion-Mitteln eine Art Beatles-Song zu schreiben, stehen dem Highspeed-Geballer qualitativ in nichts nach. Da kann man ihnen auch nachsehen, dass "Big Black Dog" schon eine in Teilen recht dreiste Kopie des "The Empire Strikes First"-Titelsongs ist. Bis zum Ende hält die Band das Niveau, setzt mit "Since Now" gar einen der größten Hits fast ganz ans Ende des Albums. Lediglich "Downfall" kann das schwindelerregende Niveau des restlichen Albums aus meiner Sicht nicht ganz halten - geschenkt!

 

Bad Religion ist hier ein kleines Wunder geglückt, sie haben sich mit Vollgas zurück in mein Herz gespielt und offensichtlich hat ihnen die ungewöhnlich lange Pause seit "True North" gut getan. Sie sind wieder da, und das auf einem Level wie zu ihren besten Zeiten. Ich bin begeistert!



Platz 5: GOLD - Why Aren't You Laughing?

  1. He Is Not (4:22)
  2. Things I Wish I Never Knew (4:03)
  3. Why Aren't You Laughing? (4:13)
  4. Please Tell Me You're Not the Future (3:45)
  5. Taken by Storm (5:12)
  6. Wide-Eyed (3:59)
  7. Lack of Skill (3:33)
  8. Truly, Truly Disappointed (6:44)
  9. Killing at Least 13 (5:21)
  10. Mounting into Bitterness (4:44)
  11. Till Death Do Us Part (4:54)

2017 hatte es für das Vorgänger-Album "Optimist"  noch für die Pole Position in meinem beschaulichen Jahresrückblick gereicht, das aktuelle Album "Why Aren't You Laughing?" landet hingegen 'nur' auf dem fünften Platz. Ich möchte betonen, dass das nicht daran liegt, dass Gold das Niveau des Vorgängers nicht halten konnten - ganz im Gegenteil - es liegt schlicht an der noch stärkeren Konkurrenz im Musikjahr 2019. Nach meinem Dafürhalten sind "Optimist" und "Why Aren't You Laughing?" absolut gleichauf und nehmen sich überhaupt nichts. 

 

Wie auch schon beim letzten Mal stimmt auch auf dem vierten Album der Niederländer*innen wieder alles, vor allem das Gesamtpaket. Die Art und Weise, wie zum Beispiel das eigenwillige, durchaus leicht verstörende Coverartwork und Texte wie "Wide-Eyed" oder "Truly, Truly Disappointed" ineinandergreifen, ist schlichtweg meisterhaft. Überhaupt, die Texte. Diese sind aus meiner Sicht sehr viel mehr auf den Punkt, weniger verklausuliert und größtenteils einfach direkter als bei "Optimist". Milena Eva beschäftigt sich auf dem neuen Album mit verschiedenen Themen, vieles dreht sich aber um die Eckpunkte Depression verbunden mit dem Tragen einer 'Maske' in der Öffentlichkeit sowie Feminismus und dem Eintreten für Gleichberechtigung in einer nach wie vor überwiegend männlich dominierten Welt. Manchmal versteckt Milena Eva sich noch hinter Metaphern, oftmals aber wird sie sehr direkt und damit auch verletzlich. So beschäftigt sich "Things I Wish I Never Knew" zum Beispiel mit einem traumatischen Kindheitserlebnis, "Truly, Truly Disappointed" geht sehr offen mit dem Thema Depression um und "He Is Not" dreht sich um Verlust und Trauer. 

Musikalisch behalten Gold im Grunde die Linie des Vorgängers bei, gehen aber viel mehr in die Extreme. So beinhalten "Taken by Storm" und "Please Tell Me You're Not the Future" (Songtitel des Jahres!) Passagen, die durchaus als Black Metal durchgehen. Auf der anderen Seite nehmen Sogs wie "Killing at Least 13" das Tempo komplett raus, sind ganz ruhig und leise, wirken sehr fragil und drohen bei der leichtesten Brise auseinderzufallen. Die 'typischen' Gold-Rocksongs, irgendwo in der Schnittmenge aus Post- und Indierock ("Wide-Eyed", "He Is Not", Lack of Skill"), runden das Bild ab. 

Großartig an Gold ist außerdem natürlich ihr Humor. Denn anstatt in Selbstmitleid zu versinken wirken viele Songs erstens durchaus angriffslustig und sind zweitens auch mit einer guten Portion Sarkasmus ausgestattet. Zudem ist das Hitgespür der Band schon wirklich außergewöhnlich. Ohrwürmer finden sich jede Menge auf "Why Aren't You Laughing?", die Songs beinhalten aber immer einen derartigen Tiefgang, dass sie trotz aller Eingängigkeit niemals flach wirken oder gar anfangen zu nerven. Unter der Oberfläche von Liedern wie "He Is Not" oder "Mounting into Bitterness" verbergen sich große Untiefen, finstere Welten, in die man eintauchen kann, während die Melodien der Songs derart sitzen, dass man nicht verloren gehen kann.

 

Gold sind eine der, wenn nicht gar die eigenständigste und spannendste Band, die es in der Rockmusik derzeit zu hören gibt. Die Band ist auf einem unfassbaren kreativen Niveau und das anfangs erwähnte Gesamtpaket trifft derart exakt mein Geschmackszentrum, dass es zum Teil beinahe unheimlich ist. Platz 5 ist eigentlich ein kompletter Witz und es tut mir im Grunde  jetzt schon  leid, aber was soll ich machen? 2019 war einfach komplett unfassbar. Trotzdem, eigentlich gehört "Why Aren't You Laughing?" mindestens aufs Treppchen. Sorry! Nächstes Mal wieder!


Kommentar schreiben

Kommentare: 0