Jahresrückblick 2019 Teil 9 - die Plätze 4 und 3

Im vorletzten Teil des Jahresrückblicks 2019 präsentiere ich heute meine Plätze 4 und 3.

Platz 4: CULT OF LUNA - A Dawn to Fear

  1. The Silent Man (10:36)
  2. Lay Your Head to Rest (6:23)
  3. A Dawn to Fear (8:53)
  4. Nightwalkers (10:48)
  5. Lights on the Hill (15:06)
  6. We Feel the End (7:05)
  7. Inland Rain (7:00)
  8. The Fall (13:03)

Der Preis für das stilsicherste und geschmackvollste Artwork geht in diesem Jahr an Cult Of Luna aus Schweden. Ihr aktuelles Album "A Dawn to Fear" ist zumindest in der Deluxe-Version ein echtes Schmuckstück inklusive großformatigem, dicken Hardcover-Buch mit schicken Schwarz-Weiß-Fotos en masse. Dazu jeweils 2 LPs bzw CDs (obwohl "A Dawn to Fear" längentechnisch auch knapp auf einer einzelnen CD Platz gefunden hätte), das macht schon echt etwas her. Solche Releases sind der Grund, warum ich trotz aller Nutzung von Streaming und Co. auch in 10 oder 20 Jahren noch Platten in physischer Form kaufen werde.

 

Nach dem Weltraum ("Mariner" (2016)) und einer Metropolis-artigen Großstadt ("Vertikal" (2013)) geht es auf "A Dawn to Fear" in den finstersten Wald, zu dunklen Seen und ans stürmische Meer, oder um es kurz zu machen: In die Natur. Diese Assoziation kommt zumindest bei mir beim Hören der neuen Platte durchgehend auf und wird durch die erwähnten Fotos in dem Buch noch zusätzlich verstärkt. Cult Of Luna verzichten zu Beginn ihres neuen Albums auf großes Vorgeplänkel, Intro oder langsamen Spannungsaufbau, sondern gehen mit "The Silent Man" nach kurzem Gitarrengefiepe und-geschrammel direkt in die Vollen. In vergleichsweise hohem Tempo pflügen sie durch den Album-Opener und gönnen dem Hörer nur mit dem ruhig angelegten Mittelteil eine kurze Verschnaufpause.

Solche Momente gibt es immer wieder auf diesem Album. So ist"We Feel the End"  ein durchgängig ruhig angelegtes Stück mit klarem Gesang, und auch die erste Hälfte des Titelsongs setzt auf atmosphärische Gitarren und Synthies, sanftes Drumming und den klaren Gesang des Gitarristen Fredrik Kihlberg, ehe der Song dann in der zweiten Hälfte Fahrt aufnimmt. Die ersten Minuten des Albumhighlights "Lights on the Hill" sind ebenfalls recht ruhig und getragen angelegt. Ansonsten aber suppen, schieben, dröhnen und walzen sich Cult Of Luna durch die Songs auf diesem Album, Riffs wie Bergmassive ("Nightwalkers"!), Songs wie Kontinentalverschiebungen. Dazu schreit sich Sänger Johannes Persson die Seele aus dem Leib und liefert dabei eine Wahnsinns-Performance zwischen Wut und Verzweiflung ab, man hört, wie er einfach alles in diese Songs legt. Das dadurch transportierte Energielevel ist unfassbar hoch. Persson scheint stets mit voller Inbrunst zu singen und gönnt sich keine Pause. Nicht zuletzt aufgrund durchaus auch ausufernder Instrumentalpassagen wird das aber niemals langweilig oder eintönig.

Die Melodien, die Cult Of Luna dabei unter ihren Vulkanausbrüchen von Songs verstecken, sind überragend. So ist zum Beispiel das Riff von "Lay Your Head to Rest" schon als Ohrwurm zu bezeichnen, mein Lieblingsriff aus 2019. Auch "Nightwalkers" "The Silent Man", "Lights on the Hill" oder "The Fall" verfügen über Melodiebögen und Passagen, die es wirklich in sich haben und die sich bei jedem Hören des Albums hartnäckiger festsetzen. Bestes Beispiel ist vielleicht "Lights on the Hill", das nach den ersten ruhigen Minuten plötzlich aufbraust und eine großartige Melodie nach der anderen übereinander schichtet, bis man von der so erzeugten Wand schlichtweg niedergewalzt wird. Dieses Stück fasst "A Dawn to Fear" vermutlich so gut zusammen wie kein anderes, was für eine epische und erhabene Viertelstunde, die den Hörer dann am Ende in das atmosphärische "We Feel the End" entlässt, bei dem man erstmal durchschnaufen kann.

Mit einem Brocken ähnlichen Ausmaßes, nämlich "The Fall", geht das Album dann zu Ende. Lange, atmosphärische Instrumentalpassagen wechseln sich ab mit gewaltigen Wutausbrüchen und infernalischem Gebrüll, bevor das Stück dann mit ähnlich wenig Firlefanz zu Ende geht, wie "The Silent Man" fast 80 Minuten zuvor begann. "With no eyes she appears, but I am no longer there." brüllt Persson, ein letzter großer Akkord, ein paar Knarrgeräusche und dann ist "A Dawn to Fear" zu Ende.

 

Für die Detailverliebtheit dieser Platte und auch die große Mühe, die in ihr steckt, spricht übrigens auch der sehenswerte, recht aufwändige und unten verlinkte Kurzfilm, der im Prinzip die beiden Songs "The Silent Man" und "Lay Your Head to Rest" zu einem einzigen, durchgehenden Musikvideo zusammenfasst.

Was für eine Platte. Natürlich werfen Cult Of Luna dem Hörer hier einen ganz schönen Brocken hin, der erst einmal verarbeitet werden will. Durch die abwechslungsreiche Gestaltung der Songs, die meisterhaften Arrangements und die meiner Meinung nach unfassbar mächtige Produktion gelingt dies aber eigentlich schon nach kurzer Zeit und mit jedem Anhören des Albums ein wenig mehr. "A Dawn to Fear" ist ein Meisterwerk vor dem Herrn und lässt Bands wie Neurosis (oder zumindest deren letzte ca. drei Alben), die für die Schweden sicher ein großer Einfluss waren, meilenweit hinter sich. Großartig! 



Platz 3: NEW MODEL ARMY - From Here

  1. Passing Through (5:58)
  2. Never Arriving (4:59)
  3. The Weather (4:45)
  4. End of Days (4:10)
  5. Great Disguise (4:34)
  6. Conversaton (4:09)
  7. Where I Am (3:53)
  8. Hard Way (5:19)
  9. Watch and Learn (3:38)
  10. Maps (3:50)
  11. Setting Sun (5:59)
  12. From Here (7:57)

Die beste Band der Welt, also New Model Army, feiert im Jahr 2020 ihr vierzigjähriges Bestehen. Ein Jahr vorher brachten die Herren um das letzte verbliebene Gründungsmitglied Justin Sullivan ihr Album "From Here" heraus. Es ist das vierzehnte oder fünfzehnte Album der Band, je nach Zählweise (die Band selber zählt den 2014er Release "Between Wine and Blood", den ich eher als EP wahrnehme, als eigenes Album). New Model Army haben in ihrer Karriere noch nie ein schlechtes oder auch nur durchschnittliches Album herausgebracht, selbst das etwas zerrissen wirkende "Strange Brotherhood" von 1998 enthält derart viele essenzielle Lieder, dass man hier in keinem Fall von einer verzichtbaren Platte sprechen kann.

Und dann kommt "From Here" heraus, nach 39 Jahren Bandgeschichte. Und es ist das beste New Model Army-Album nicht nur dieses Jahrtausends, sondern gleich das beste seit dem 1990er Album "Impurity", das wie an anderer Stelle geschrieben an vielen Tagen das für mich beste Album der Band überhaupt ist. 

Mir fällt tatsächlich kein anderes Beispiel ein, bei dem eine Band zu einem solch späten Karrierezeitpunkt noch einmal ein derartiges Meisterwerk herausgehauen hat wie New Model Army mit "From Here". Maximal Rush, die mit ihrem letzten Album "Clockwork Angels" auch noch einmal richtig vom Leder gezogen hatten, waren zu diesem Zeitpunkt bereits ähnlich lang unterwegs wie New Model Army jetzt. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie gut "From Here" geworden ist. Platz 3 im Poll ist ihnen gegenüber an sich eine wirklich komplette Unverschämtheit, aber wie bereits im Review zu Golds "Why Aren't You Laughing?" erwähnt, war 2019 einfach außergewöhnlich stark. Im Grunde sind die ersten fünf Plätze in diesem Jahr alle gleichauf und dass New Model Army nun auf Platz 3 gelandet sind, ist eine komplette Tagesformentscheidung gewesen. Egal, kommen wir zum Album:

 

"From Here" entstand innerhalb kürzester Zeit, ich meine, dass es keine zwei Wochen waren, in einem abgelegenen Studio an einem norwegischen Fjord. Ich finde, dass man das hört. Die Band klingt so direkt und irgendwie auf sich selbst reduziert wie schon lange nicht mehr. Die warme, unheimlich schöne Produktion von "From Here" erzeugt den Eindruck, dass man als Hörer direkt neben der Band steht, mit ihr zusammen im Studio ist und sie nur für einen selbst musiziert.

Die erste Hälfte von "From Here" wirkt dabei wundervoll in sich geschlossen. Das unruhige, getriebene "Passing Through" ist ein dramatischer Auftakt, ehe sich mit "Never Arriving", "The Weather" und "End of Days" drei Songs anschließen, die irgendwie zusammen zu gehören scheinen, fast wie ein einziges, langes Lied wirken - die Songs sprechen eine Sprache. Mit dem unfassbar schönen "Great Disguise" wird das Tempo etwas herausgenommen, der recht offen und weit inszenierte Song würde als typische Army-Lagerfeuer-Akustiknummer aber ebenso funktionieren. "Conversation" beendet die erste Hälfte des Albums dann ruhig und nachdenklich. Akustikgitarren waren bis hier oft dominierend, außerdem das treibende, rollende Drumming von Michael Dean, sowie Dean Whites atmosphärisch dichte Keyboardteppiche. 

Die zweite LP von "From Here" wirkt auf mich etwas weniger in sich geschlossen, hier unterscheiden sich die Songs stärker voneinander, musikalisch und atmosphärisch. "Where I Am" als Opener der zweiten LP ist fast schon unverschämt eingängig, wie man nach 39 Jahren solche Hits aus dem Ärmel schütteln kann, ist mir vollkommen unverständlich, gleiches gilt für das rockige "Watch and Learn", den einzigen Song, in dem New Model Army  musikalisch auf diesem Album richtig wütend werden. Songs wie "Hard Way"  oder das von Cello unterstützte "Maps"  legen den Fokus dann wieder mehr auf die Atmosphäre, sind schwelgerisch, ausladend und scheinen den Hörer einfach in den Arm nehmen zu wollen.

Die letzten beiden Lieder, "Setting Sun" und "From Here" scheinen dann wieder direkt zusammen zu gehören, bauen aufeinander auf und sind ohneeinander irgendwie gar nicht denkbar. Hier fällt vor allem Justin Sullivans Gesang auf, der zurückhaltender und tiefer ist, als man das von ihm gewohnt ist. 

Das Break in der Mitte von "Setting Sun" mit seinen sanften Chören, die im Hintergrund immer lauter werden, und Sullivans "I'm coming back, I'm coming back!" bilden den atmosphärischen Höhepunkt dieser Platte, die Intensität dieser Passage ist in Worten nicht ausdrückbar und lässt einen beim Zuhören vor Ehrfurcht erstarren. Der abschließende Titelsong schlägt dann wie gesagt in eine ähnliche Kerbe, hier weiß gerade zu Beginn vor allem der Basslauf zu gefallen, über den Sullivan dann leise und zurückhaltend zu singen beginnt, während Michael Dean mit seinem tribalartigen Schlagzeugspiel den Song vorantreibt. Der Song wird treibender, fordernder und dringlicher, textlich wird man gleichzeitig eingenordet, Sullivan wäscht dem Hörer ordentlich den Kopf, fordert auf, die Perspektive nicht zu verlieren, sich selber nicht so wichtig zu nehmen und das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren. 

 

Die Texte von "From Here" sind ohnehin ein Kapitel für sich, das hier jetzt den Rahmen sprengen würde. Insgesamt wirken die Lyrics auf mich diesmal eher betrachtend. Man tritt einen Schritt zurück, sieht so wieder das ganze Bild und kann Dinge besser einordnen. "So let's all go home now, look ourselves in the mirror, throw our heads back and laugh" lauten die letzten Zeilen des Albums, eine schöne Zusammenfassung, die man natürlich in verschiedene Richtungen auslegen kann und das vermutlich auch soll. Viel mehr möchte ich an der Stelle zu den Texten gar nicht sagen, am besten macht man sich selber ein Bild und ordnet das, was Sullivan einem sagen will, für sich selber ein. Eine Message haben die Band und ihr Frontmann jedenfalls auch nach 40 Jahren noch, auch wenn sie diesmal vielleicht nicht ganz so direkt ausfällt wie noch auf Songs wie "Die Trying" vom Vorgängeralbum. 

"We are bored of the fireworks, now we want to see the fire. We're long past being careful of what we wish for" heißt es in "End of Days", und diese Zeilen fassen vielleicht am besten zusammen, was New Model Army ihren Hörern mit auf den Weg geben wollen. "From Here" ist ein unfassbares Album, es ist ein absolutes Highlight in einer an grandiosen Alben wahrlich nicht gerade armen Diskographie. Man möchte sich tief verbeugen.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0