Jahresrückblick 2019 Teil 10 - die Plätze 2 und 1

Was lange währt und so... nachdem 2020 zu einem Fünftel schon wieder vorbei ist, findet der Jahresrückblick 2019 nun doch noch ein Ende. Hier sind meine Plätze 2 und 1.

Platz 2: LIGHTNING DUST - Spectre

  1. Devoted to (5:58)
  2. Run Away (3:03)
  3. Led Astray (3:27)
  4. Inglorious Flu (3:13)
  5. When it Rains (3:31)
  6. Joanna (4:21)
  7. More (2:45)
  8. A Pretty Picture (2:56)
  9. Competitive Depression (1:51)
  10. 3am / 100 Degrees (7:01)

Amber Webber und Joshua Wells, die beiden Köpfe hinter Lightning Dust, waren bis vor Kurzem ja parallel auch noch bei Black Mountain beschäftigt. Vor deren aktuellem Album "Destroyer" stiegen die beiden aber aus, um sich künftig deutlich mehr auf Lightning Dust zu fixieren. Das Ergebnis ist, dass Black Mountain ein eher enttäuschendes Album veröffentlichten, das etwas ziellos vor sich hindümpelt und keine Chance hatte, 2019 meine Top 20 zu knacken. Und auf der anderen Seite ist das Ergebnis "Spectre"Lightning Dusts viertes Album und meiner Meinung nach klar ihr bisher bestes - trotz des nach wie vor großartigen Zweitwerks "Infinite Light" (2009).

 

Webber und Wells haben mit "Spectre" eine unglaubliche Platte geschaffen. Zehn Songs sind auf dem Album enthalten und es sind schlicht und einfach zehn perfekte Lieder. Jeder einzelne Song verfügt über Melodien, die mir komplett die Schuhe ausziehen. Folk meets Pop meets Singer/Songwriter-Musik. Manchmal agieren Lightning Dust ganz reduziert, werden die Stücke nur von sanften Akustikgitarren oder Piano getragen, über die Webber ihre unfassbaren Melodien singt ("Inglorious Flu", "More", die zweite Hälfte des zweigeteilten "3am / 100 Degrees"), mal geht es etwas flotter und zum Teil beinahe rockig zu ("Run Away", "Competitive Depression", die erste Hälfte von "3am / 100 Degrees"), mal präsentieren sie dramatische, sich steigernde Balladen ("Led Astray", "Joanna"), mal verlieren sie sich in finsteren Landschaften mit wabernden Synthies und "Stranger Things"-Intromusik-Atmosphäre ("Devoted to"). 

Egal, welches Lied man sich von "Spectre" herauspickt, man hat eine absolute Perle vor sich. Die Atmosphäre ist oft eher düster und melancholisch, nie aber hoffnungslos oder niederschmetternd - im Gegenteil. Songs wie "When it Rains" oder "A Pretty Picture" sind trotz aller Melancholie und Nachdenklichkeit irgendwie aufbauend und erhebend, 'uplifting', wie der Brite sagt.

Und auch die Songs, die stimmungstechnisch eigentlich eher todtraurig sind, wie das schlichtweg nicht zu beschreiben gute "Joanna", haben irgendetwas an sich, was eher aus der Dunkelheit heraus- als tiefer hineinführt. Lieder wie Lichter am Ende des Tunnels.

Das herausragendste Element bei Lightning Dust ist natürlich die Stimme von Amber Webber. Das war schon immer so, auf "Spectre" wird das aber noch einmal deutlicher als in der Vergangenheit. Webbers Stimme ist unfassbar, sie klingt immer leicht fiebrig, irgendwie außerweltlich,  über den Dingen schwebend und doch erdverbunden. Sie singt unglaublich eindringlich, selbst an den Stellen, an denen sie nur ganz sanft und leise agiert. Die Stimme bohrt sich ins Herz und packt einen zugleich meterdick in Watte. Webber klingt gleichzeitig entrückt, weit entfernt und auf der anderen Seite so, als wäre sie im gleichen Raum wie man selbst. Der Albumtitel "Spectre" ist eigentlich die perfekte Umschreibung für diesen Gesang, in einem englischen Review zu "Infinite Light" habe ich damals mal etwas von 'haunting otherworldliness' gelesen, und das trifft es auf den Punkt.

 

"Spectre" ist ein Wunderwerk, eine angemessene Beschreibung für dieses Album fällt schwer bzw. ist im Grunde unmöglich. Es ist eines dieser Alben, die einen beim ersten Hören bereits dermaßen plattmachen, dass man in diesem Moment weiß, dass man hier auf eine Perle gestoßen ist, die einen bis zum bitteren Ende begleiten wird. Eines dieser Alben, die selbst im Musiknerd-Freundeskreis im Grunde keine Sau kennt, was einerseits eine komplette Schande und andererseits genau richtig so ist. Eines jener Alben, die man hört und sich dabei fragt, wieso zur Hölle man überhaupt noch andere Platten kaufen soll. Es ist ein perfektes Album und im Moment finde ich es schwer vorstellbar, wie Lightning Dust zukünftig hier noch einmal drankommen wollen. Aber wer weiß, was die beiden noch für Wunderwerke bereithalten. 



Platz 1: DISILLUSION - The Liberation

  1. In Waking Hours (2:10)
  2. Wintertide (12:37)
  3. The Great Unknown (5:54)
  4. A Shimmer in the Darkest Sea (7:31)
  5. The Liberation (12:03)
  6. Time to Let Go (5:47)
  7. The Mountain (12:22)

Ich habe ja schon an mehreren Stellen in diesem Jahresrückblick die qualitative Unfassbarkeit des Musikjahres 2019 erwähnt. Wirklich jedes der Alben ab Platz 5 gehört an sich an die Spitze des Polls. Und ich habe auch bei wirklich jedem Verfassen der Reviews zu den Plätzen 5 bis 2 gedacht, dass ich der jeweiligen Platte Unrecht tue - zumal ich mir beim Schreiben der Reviews die Alben immer parallel noch einmal über Kopfhörer anhöre, was es nicht einfacher macht.

Es gibt eine Sache, die Platz 1, "The Liberation", das dritte Album der Leipziger von Disillusion von den anderen Plätzen unterscheidet: Von Gold, Cult Of Luna, New Model Army und Lightning Dust war ich vorher schon Fan und habe dementsprechend tolle Alben erwartet, auch wenn diese Erwartungen in einigen Fällen noch deutlich übertroffen wurden. Bei Disillusion ist das anders.

Mit den beiden anderen Alben bin ich entweder gar nicht wirklich vertraut ("Back to Times of Splendor" (2004)) bzw. kann damit wenig bis nichts anfangen ("Gloria" (2006)). "The Liberation", ganze dreizehn Jahre nach "Gloria" veröffentlicht, überrollte mich ohne jede Vorwarnung und vollständig unerwartet und vielleicht ist das der Grund, warum es nun an der Spitze meines Polls steht.

 

"The Liberation" enthält nach seinem Intro sechs Songs, drei lange und drei kürzere. Und Disillusion schaffen es, dass mich jeder Song auf dieser Platte noch ein bisschen mehr packt als der vorangegangene. "Wintertide" ist eigentlich bereits unglaublich, "The Great Unknown" setzt da aber noch einen drauf. Und so geht es tatsächlich bis zum Album-Abschluss "The Mountain" weiter. Spätestens ab dem Titelsong scheint eine Steigerung beim Hören an sich menschlich nicht mehr möglich zu sein - Disillusion schaffen es aber trotzdem noch zweimal. 

"The Liberation" ist das spannendste und kreativste Metal-Album seit ewigen Zeiten. Besonders in den drei langen Stücken zeigt die Band ein Verständnis für Arrangements und Songaufbauten, das seinesgleichen sucht. Vor nicht ganz 20 Jahren veröffentlichte ein gewisser Devin Townsend ein Album namens "Terria". Das war meiner Meinung nach das letzte Mal, dass eine Band resp. ein Künstler es geschafft hat, mit einer fast schon als unverschämt zu bezeichnenden Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit solche Songgebirge aufzutürmen wie es Disillusion auf "The Liberation" tun. Wie in Songs wie dem Titelsong oder "The Great Unknown" mit Dynamiken gespielt wird, wie einfach und augenscheinlich mit links hier Soundwände wie Bergmassive hochgezogen werden, um kurze Zeit später völlig natürlich in einer ganz ruhigen Passage aufgelöst zu werden, da bleibt einem schlicht die Spucke weg.

Die verfremdeten Berg- und Winterlandschaften vom Cover und aus dem sonstigen Artwork des Albums scheinen auf einmal lebendig zu werden, die Songs sind allesamt wie Überflüge über die unwirtlichen und doch wunderschönen Landschaften, die man dort sieht. Man wähnt sich eigentlich durchgängig in Alaska oder Kanada, irgendwo auf einem verschneiten Berggipfel, Wind und Regen peitschen mit gewaltiger Kraft ins Gesicht, während ein paar hundert Meter weiter aber schon wieder die Sonne durch die Gewitterwolken bricht.  Beim ruhiger angelegten "A Shimmer in the Darkest Sea" mit seinen erhabenen Chören kann ich nicht anders als mental neben Captain Crozier an Deck der HMS Terror zu stehen und die Nordwest-Passage zu suchen. Die Musik von Disillusion ist unglaublich visuell und wenn man auch nur einen Funken Fantasie im Leib hat, tun sich hier beim Anhören wirklich ganze Welten auf.

Bei allem Eskapismus schaffen Disillusion es aber trotzdem, immer energiegeladen zu klingen, sie legen die Zügel nie aus der Hand, und sei ein Song wie "The Liberation" auch noch so ausschweifend - sie wissen immer ganz genau, was sie tun, das Lied entgleitet ihnen zu keiner Sekunde, alles folgt einem Plan, ohne aber konstruiert oder berechnet zu klingen. Die Songs leben, atmen, es sind zwar einerseits gewaltige Ungetüme, andererseits aber dann doch 'nur' Songs. Diese Balance, mit der Disillusion die Kontrolle behalten, ihren Kompositionen aber auf der anderen Seite so unglaublich viel Raum geben, ist absolut bemerkenswert und ich finde, dass man sowas tatsächlich nicht allzu oft hört.

 

Interessant ist ansonsten noch, dass die Songs auch untereinander aufeinander Bezug nehmen, textlich scheint hier einiges, wenn nicht gar alles zusammenzugehören, es gibt wiederkehrende Motive und Formulierungen, gerade das Motiv des Loslassens und/oder Losgelassenwerdens zieht sich wie ein roter Faden durch das Album.

Mit dem epischsten Song des Albums, nämlich "The Mountain", endet "The Liberation" dann nach knapp einer Stunde. "The Mountain" ist fast eher Soundtrack als Song, hier liegt der Fokus klar auf der Atmosphäre, man wähnt sich spätestens nach fünf Minuten und dieser unglaublichen Trompeten-Passage in einem Western, der aber am Nordpol spielt. Gewaltige Epik, packende Dramatik, Melodien wie aus einer anderen Welt. Diverse Male kommt "The Mountain" völlig zum Stillstand, scheint zu Ende zu sein und geht dann erneut los. "Where were you?" flüstert eine Stimme nach acht Minuten, wieder täuscht das Lied sein Ende vor, bevor sich auf einmal ein gewaltiges Gitarrenriff aus dem Nichts erhebt, der Song noch einmal aufbraust und sich zu seinem furiosen Ende erhebt, das alles plattwalzt und unter sich begräbt. Bester Song eines komplett unfassbaren Albums, bester Song des Jahres 2019.

50 Jahre nachdem Black Sabbath den Heavy Metal erfunden haben (ich stelle das jetzt einfach mal so vereinfacht wie verkürzt dar), lebt die Stilrichtung dank solcher kreativer Wunderwerke wie Disillusions Drittwerk immer noch und bleibt auch immer noch spannend. Dafür vielen Dank!


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