Jahresrückblick 2020 - Teil 1

Ich muss wohl niemandem mehr erzählen, was 2020 für ein merkwürdiges und ja irgendwie auch ziemlich beschissenes Jahr war. Der Grund dafür dürfte wohl jedem klar sein. Nichts hatte ich 2020 so viel wie Zeit - und auf der anderen Seite kaum etwas so wenig wie Motivation, den Blog hier mit Leben zu füllen. Zu einen einzigen lumpigen Artikel im Sommer hat es abseits der obligatorischen Rückschau auf 2019 gereicht - pathetic.

 

Was mir ebenfalls fehlt, ist die Motivation, hier den gewohnten Jahrespoll abzufrühstücken mit den Plätzen 20 bis 1 oder Ähnlichem. Irgendwie ist das Konzept langsam ausgelutscht. Ich dachte mir daher, ich könnte den Jahresrückblick ja einmal anders gestalten, nämlich chronologisch. Ich habe mir eine Liste gemacht, was 2020 so an neuer Musik in die Sammlung gewandert ist und auch eine grobe Übersicht darüber, wann ich welches Album kennengelernt bzw. der Sammlung hinzugefügt habe. Ergo sei dieses Mal auf Platzierungen und Charts geschissen. Ich habe jetzt hier eine Liste von ca. 25 bis 30 Alben, zu denen ich (voraussichtlich) etwas schreiben mag.

Dies wird grob in der Reihenfolge geschehen, in der ich diese Platten kennengelernt habe, also nicht zwingend in der Reihenfolge, in der sie veröffentlicht wurden und schon gar nicht in der Reihenfolge, wie sie mir gefallen. Als Ansatz erscheint mir das irgendwie ein wenig spannender als das übliche Platz X bis 1. Here we go.


Am Anfang wird zunächst einmal grob gepfuscht. "Modern Panic", das zweite Album der griechischen Band Deaf Radio, ist eigentlich schon aus dem Jahr 2019. Kennengelernt habe ich es tatsächlich am 30.12.2019, da war es bereits zu spät, um noch für den entsprechenden Jahresrückblick Beachtung zu finden. Daher fühlt sich "Modern Panic" für mich wie ein Album aus 2020 an und wird darum an dieser Stelle auch erwähnt.

Deaf Radio spielen eine Art Stoner Rock mit Einflüssen aus Alternative und einfach klassischen Rock, garniert mit einem Gespür für die richtig großen Melodien und daher einem ziemlichen Hitpotenzial. Gerade in den schnelleren und härteren Songs wie "Death Club" und "Dance Like a Reptile" können sie nicht verbergen, nicht unerheblich von Queens Of The Stone Age beeinflusst zu sein. Richtig spannend wird "Modern Panic" aber immer dann, wenn sie aus diesem Schema ausbrechen und andere Einflüsse zulassen. Das ist vor allem bei den langsameren und ausladenderen Stücken wie "Animals", "Astypelea" und dem grandiosen Titelsong der Fall. Hier nehmen Deaf Radio das Tempo jeweils etwas raus und fügen ihrem Sound eine gehörige Portion Epik hinzu, die mich bisweilen an ähnlich gelagerte Stücke auf den späteren Soundgarden-Alben wie "Down on the Upside" denken lässt. Über allem thront der ebenso kraftvolle wie melodische Gesang ihres Sängers Dimitris Sakellariou, der über eine fantastische Stimme verfügt. Hier und da werden Assoziationen zu Josh Homme wach und mehrfach habe ich auch gelesen, Sakellariou würde an Michael Poulsen von Volbeat erinnern, was ich allerdings nicht im Ansatz nachvollziehen kann. "Modern Panic" bleibt durch das Wechselspiel von schnellen, harten Songs und den ausschweifenden, experimentelleren Stücken die ganze Zeit über spannend und ist überdies ganz hervorragend produziert. Eine dieser Platten, bei denen man sich so richtig danach sehnt, diese Band endlich einmal live zu erleben.



Weiter geht es mit "The Outskirts of Reality", Album Nummer Drei von Yuri Gagarin aus Schweden. Nimmt man den Bandnamen und das Artwork des Albums zusammen, kann man sich schon ungefähr denken, wohin die Reise geht. Richtig, ins Weltall. Das war bei Yuri Gagarin schon immer so und nimmt man den kleinen Astro- bzw. vermutlich eher Kosmonauten, der ähnlich einem Maskottchen auf jedem ihrer Cover zu sehen ist, als wiederkehrendes Element, so kann man vermutlich davon ausgehen, dass die Alben von Yuri Gagarin auch inhaltlich zusammenhängen bzw. eine fortlaufende "Geschichte"  erzählen. Die Anführungszeichen deshalb, weil die Band auch weiterhin rein instrumental agiert, eine Story gibt es also maximal im Kopf des Zuhörers. Im Gegensatz zum Vorgänger "At The Center of All Infinity", dessen Klasse meiner Meinung nach mit dem neuen Album knapp verfehlt wird, drücken Yuri Gagarin auf ihrer aktuellen Platte deutlich mehr aufs Tempo, insbesondere der Opener "QSO" peitscht förmlich durch die Boxen und kann tatsächlich schon als Metal bezeichnet werden, selbiges gilt für den abschließenden Titelsong. Auch das fast viertelstündige "Oneironaut" ist schneller als vom Vorgänger gewohnt, klingt dabei aber wieder sehr entspannt. Über die Spielzeit wird der Song immer lauter und intensiver, ist sehr monoton und nimmt einen mit auf eine gedankliche Reise zu den merkwürdigen Planeten und Welten, wie sie auf dem Cover abgebildet sind. Kraut/Spacerock der allerfeinsten Sorte, die Musik lässt die Bilder vor dem geistigen Auge eigentlich von alleine entstehen und speziell "Oneironaut" eignet sich hervorragend zum gedanklichen Wegdriften und ist Eskapismus in seiner schönsten Form. Yuri Gagarin schaffen es trotz allem Ausschweifen und Gejamme immer, fokussiert zu klingen und blubbern nicht bloß sinnlos vor sich hin. Starkes Album, das ich in der Rückschau betrachtet viel zu selten aufgelegt habe.



Nur eine Woche nach Yuri Gagarin kamen die Italiener von Giöbia Anfang Februar mit ihrer neuen Platte "Plasmatic Idol" um die Ecke, die auf jeden Fall den Wettbewerb im Farben-Tourette 2020 locker für sich entscheiden kann, gerade in der Kombination aus pink-violettem Cover und giftgrünem Vinyl. Herrlich! Musikalisch bedienen Giöbia natürlich eine ähnliche Richtung wie Yuri Gagarin, sind dabei allerdings deutlich abwechslungsreicher und haben bei vielen Songs auch Gesang dabei.  Los geht es aber auch hier rein instrumental, "Parhelion" ist das perfekte Beispiel für Spacerock, wie ich ihn haben will. Wunderbar abgehoben und schwerelos, endlos viel Hall, großartige Melodien und bei aller Außerweltlichkeit stets geerdet genug, damit man dem Ganzen auch als Song folgen kann. Besser ist diese Art von Musik für mich schlicht nicht machbar. In langsamen und rein kompositorisch eher klassischen Rocksongs wie "Heart of Stone", "In the Dawnlight" und "Haridwar" fügen Giöbia ihrer Musik auch Vocals hinzu, die Stimme von Sänger Bazu ist aber natürlich standesgemäß mit Hall und sonstigen Effekten unterlegt und wirkt so oft eher wie ein zusätzliches Instrument. Immer wieder, zum Beispiel im abwechslungsreichen "The Escape" oder dem fantastischen Mittelteil von "Far Behind", driften Giöbia aber komplett in den Weltraum ab, spacige Synthies, die hier und da an die Landsleute von Goblin gemahnen, sanft vor sich hin pluckernde Gitarren und dazu dann teilweise noch die verfremdete Stimme, großes Kino.

Der Titelsong "Plasmatic Idol", der recht früh auf dem Album steht, fungiert eher als eine Art kurzes instrumentales Zwischenstück. Am Ende des letzten Songs "The Mirrors House" knüpfen Giöbia dann die Brücke zu ebenjenem Titelsong, in dem sie dessen Synthiemelodie noch einmal aufnehmen und so den Kreis schließen. "Plasmatic Idol" ist ein Paradebeispiel für entspannte, um nicht zu sagen bekiffte Rockmusik, ein einziger großer Trip, aber eben immer mit dem nötigen Fokus und dem Blick auf dem Song. Spannend und entspannend zugleich. Mit "Plasmatic Idol" ist Giöbia ihr bis dato bestes Album geglückt und keine Platte habe ich im letzten Jahr häufiger aufgelegt als diese. 



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Kommentare: 2
  • #1

    Rivrav (Mittwoch, 06 Januar 2021 09:28)

    Sehr schön... Sehr sehr schön.... Dein Blog ist cool.

  • #2

    Tobi Thekenumschau (Mittwoch, 06 Januar 2021 14:12)

    Vielen Dank :)