Jahresrückblick 2020 - Teil 2

Bevor es mit den nächsten drei Alben weitergeht, an dieser Stelle ein kleiner Hinweis in eigener Sache: Am Ende dieses (und jedes weiteren) Artikels findet Ihr den Link zu einer Spotify-Liste mit ein paar Highlights aus den vorgestellten Alben. Die Liste ist 'live', wächst also parallel zu den Blogeinträgen. Viel Spaß!


Die grobe Genre-Einordung "Langsamer Metal mit weiblichen Vocals" hat für mich in den letzten Jahren  einige Highlights hervorgebracht, ich denke da zum Beispiel an Messa, Universe217 und vor allem natürlich Wolvennest. Lotus Thief gehen mit ihrem dritten Album "Oresteia" ebenfalls in diese Ecke. Bisher kannte ich von der Band nur das Debüt "Rervm", das ich irgendwann mal bei einem Sale der Plattenfirma mitgenommen hatte, weil mir das Cover gefiel. Das Album fand ich dann auch ganz gut, aber ein wenig versponnen und habe es letztlich nicht sehr häufig gehört. Mit "Oresteia" haben Lotus Thief aber nun ein richtig famoses Album hingelegt. Es enthält acht Songs, dauert keine 40 Minuten und genau genommen sind eigentlich nur viereinhalb der acht Tracks "echte" Songs, beim Rest handelt es sich um atmosphärische und meist instrumentale Zwischenspiele und Outros. Die Seite rateyourmusic.com gibt als Stilbeschreibungen für Lotus Thief u. a. "Atmospheric Sludge Metal" und "Blackgaze" an und mangels besserer Beschreibungen würde ich das einfach mal so unterschreiben.

Die Band agiert meist langsam und getragen, Sängerin Bezaelith singt recht erhaben und feierlich dazu, das Ganze erinnert oft eher an eine Art Messe, was durch die synthielastigen und ambientartigen Zwischenstücke noch verstärkt wird. An einigen wenigen Stellen bricht es aber auch aus der Band heraus, das Tempo wird angezogen und der Gesang wird fauchend aggressiv. Diese Passagen sind aber immer schnell wieder vorbei und wirken eher wie Farbtupfer. "Oresteia" ist insgesamt vor allem sehr atmosphärisch und durch die geringe Spieldauer dazu auch noch überaus kurzweilig. Ein wenig kann man es sich tatsächlich wie eine zugänglichere Version von Wolvennest vorstellen.

Inhaltlich ist man im Gegensatz zu vielen Kolleg*innen übrigens nicht in irgendwelchen spirituellen Okkultregionen unterwegs, sondern "Oresteia" basiert auf der griechischen Mythologie, genauer auf der Figur des Atreus. Sehr gutes Album, mit dem Debüt werde ich es bei Gelegenheit dann auch noch einmal probieren. 

Bei der Deluxe-Version des Albums (auch bei Bandcamp verfügbar) gibt es übrigens noch drei Bonustracks, bei denen es sich um "Ambient Cuts" von regulären Stücken des Albums handelt. Nicht essenziell, aber durchaus hörenswert, die drei Euro Aufpreis kann man da schon investieren.



Zum ersten Mal tauchen nun richtig alte Hasen im Jahresrückblick 2020 auf. My Dying Bride veröffentlichten stolze 30 Jahre nach ihrem ersten Demo "Towards the Sinister" im letzten Jahr ihr 13. reguläres Studioalbum, das auf den schönen Titel "The Ghost of Orion" getauft wurde.  Die Band hat einige schwere Jahre hinter sich, diverse Besetzungswechsel standen an und vor allem ging Sänger Aaron Stainthorpe, dessen Tochter schwer erkrankte und bei der es lange nicht klar war, ob sie überlebt, durch eine schwere Krise. Fünf Jahre vergingen so seit ihrem letzten Album "Feel the Misery", meiner Meinung nach ihr bis heute bestes. "The Ghost of Orion" wurde zudem bis auf die Texte komplett von Gitarrist Andrew Craighan komponiert. Gemessen an diesen Vorzeichen ist es vielleicht kein Wunder, dass das Album auf mich recht zerrissen wirkt und nie ein wirkliches Albumfeeling aufkommt. Gleich drei Stücke, die eher Interlude- oder Outrocharakter haben ("The Solace", "The Ghost of Orion", "Your Woven Shore") stehen auf dem Album. Was bei Lotus Thief super funktioniert, stört den Fluss bei My Dying Bride aber meiner Meinung nach recht erheblich, zumal das auch noch viel zu lange "The Solace" in der Albummitte platziert wurde und für mich schlicht einen Totalausfall darstellt.

Auch ansonsten bin ich mit "The Ghost of Orion" leider nicht wirklich warm geworden. Songs wie "Your Broken Shore" und "Tired of Tears", in dem Stainthorpe das erwähnte Trauma verarbeitet, klingen irgendwie recht glattgezogen und ohne Kanten, was vermutlich einfach mit der Produktion zusammenhängt. Zudem wurden sämtliche klaren Gesangslinien auf dem Album gedoppelt, was als Gimmick mal ganz nett sein mag, auf Albumdistanz zumindest mich aber eher nervt. Mit den beiden Zehnminütern "The Long Black Land" und "The Old Earth" sparen sich My Dying Bride die beiden besten Songs für die zweite Albumhälfte auf und für sich genommen sind diese auch wirklich stark, den Vergleich mit den Highlights des Backkatalogs halten aber auch diese Songs leider nicht stand. 

Ich glaube, dass "The Ghost of Orion" (übrigens ihr schönstes Coverartwork überhaupt) ein sehr wichtiges Album für die Band und speziell für Aaron Stainthorpe war. Mich hat es aber insgesamt leider eher enttäuscht und zu keinem Zeitpunkt derart mitgerissen wie sein Vorgänger oder die großen Alben der Band aus den späten 1990ern und frühen 2000er Jahren. Schade. Aber ich hoffe einfach auf das nächste Album, denn dass My Dying Bride ihr Pulver nun verschossen haben, glaube ich trotzdem nicht.



"Summerland", das zweite Album der niederländischen Band Dool, ist tatsächlich das einzige Album aus 2020, das ich auf CD gekauft habe. Der Grund war hier eigentlich vor allem das schicke, großformatige Artbook sowie die Bonus-CD "The Ascent to Summerland", die neben einer abgewandelten und noch ruhigeren, sphärischen Version des Titelsongs einen vollwertigen neuen Song namens "Khione" enthält, der durchaus zu den Highlights dieser Veröffentlichung zählt.

Im Vergleich zum 2017er Debüt "Now Here, There Then" haben Dool ihren psychedelischen Hardrock noch etwas gestrafft und aufs Wesentliche reduziert, die Songs kommen etwas schneller auf den Punkt und sind nach meinem Dafürhalten auch etwas eingängiger ausgefallen. Fast alle Songs auf "Summerland" verfügen an mindestens einer Stelle über eine griffige Melodie mit Ohrwurmpotenzial, die sich festsetzt und im Gedächtnis bleibt. Sängerin Ryanne van Dorst überzeugt mit ihrem manchmal fast zurückhaltenden, dann aber immer wieder aufbrausenden Gesang. Ihre Stimme scheint auf den ersten Eindruck gar nichts besonderes zu sein, verfügt aber über eine gewisse eigene Note, einen schwer greifbaren Charme, der mich ziemlich anspricht.

"Summerland" klingt in sich geschlossener und homogener als das Debüt, das ich wiederum eigentlich erst im Zuge des Zweitlings richtig kennen- und schätzen gelernt habe. Welches Album mir jetzt besser gefällt, ist schwer zu sagen, aber vermutlich würde ich "Summerland" ganz knapp den Vorzug geben. Highlights sind für mich das abwechslungsreiche "God Particle", der ruhige und düstere Titelsong (der in der erwähnten Bonustrack-Version noch deutlich weiter in diese Richtung geht und beinahe in Dead Can Dance-Gewässern fischt), das eingängige "Khione", bei dem es mich wundert, wieso Dool es nicht aufs reguläre Album gestellt haben, sowie das abschließende, epische, am Doom Metal kratzende "Dust & Shadow", das noch am ehesten die Brücke zum ersten Album schlägt. Spannende Band, von der wir glaube ich in Zukunft noch einiges erwarten können.




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