Jahresrückblick 2020 - Teil 3

Weiter geht's. Obwohl das hier erst der dritte Teil ist und gerade einmal neun Alben vorgestellt wurden, befinden wir uns bereits so im April bis Mai. Das Jahr 2020 lief offensichtlich sehr schleppend an, habe ich zwar eigentlich gar nicht so wahrgenommen, aber es scheint so gewesen zu sein.


Die Band Villagers Of Ioannina City legte im Jahr 2020 nach fünfjähriger Pause ihr zweites reguläres Album vor. Genaugenommen stammt "Age of Aquarius" bereits aus dem Spätsommer 2019, war aber lange Zeit nur als Download erhältlich. Erst 2020 erschien das Album dann endlich auch bei uns als LP/CD und wird darum hier im Rahmen des Rückblicks 2020 vorgestellt.  Im Vergleich zum Vorgänger "Riza" wurde der Anteil musikalischer Elemente aus der griechischen Heimat der Band ein ganzes Stück reduziert. Es gibt diese Elemente noch, sie stehen aber nun weiter im Hintergrund und sind nicht mehr so dominant wie auf dem ersten Album. Das führt einerseits dazu, dass "Age of Aquarius" in sich geschlossener und etwas leichter zugänglich klingt als "Riza", auf der anderen Seite hat man das exotische, sehr eigenständige Element ein wenig eingebüßt, auch wenn diese Einflüsse in Songs wie "Dance of Night" oder "Father Sun" immer noch deutlich wahrnehmbar sind.  Meiner Meinung nach ist "Aqe of Aquarius" dennoch das bessere Album.

Das liegt an den Songs, die zwar immer noch ziemlich ausschweifend sind und die acht Minuten Spielzeit nur in Ausnahmefällen unterschreiten, aber trotzdem einfach besser durchkomponiert und strukturierter sind als auf dem ersten Album. Sänger Alex Karametis hat zudem ziemlich an seiner Stimme gearbeitet und klingt auf dem neuen Album besser, sicherer und scheint mehr Raum einzunehmen. 

Die Lieder sind wie gesagt immer noch recht ausladend und folgen nicht immer einem klassischen Strophe/Chorus-Muster. Vielmehr wirken die meisten eher Songs wie Reisen, sich langsam formende Landschaften, die sich entwickeln, während man die Songs hört. Einen Kritikpunkt, den man dabei anbringen könnte, ist, dass die Songreihenfolge ein wenig eigentümlich anmutet. Während die erste Hälfte des Albums ausschließlich aus schleppenden und langsamen Songs besteht, stehen in der zweiten Albumhälfte mit "Millennium Blues" , "Cosmic Soul"  und "For the Innocent" dann drei Stücke hintereinander, die das Tempo mehr anziehen. Ich hätte es im Sinne der Abwechslung glaube ich besser gefunden, wenn die Songs tempomäßig in ihrer Reihenfolge etwas besser durchmischt worden wären. Das ist dann aber auch schon der einzige Punkt, den ich Villagers Of Ioannina City an dieser Stelle ankreiden würde. Eine gute Stunde dauert die Reise in diese musikalische Welt, eine Stunde, in der man ganz hervorragend entspannen, abschalten und dem Alltag entfliehen kann, und mehr kann man ja eigentlich nicht verlangen.



"Demons of the Mind", das erste Full-Length-Album der aus Baden-Württemberg  stammenden Formation The Alligator Wine war für mich vermutlich die Überraschung des letzten Jahres und führte meinen Jahrespoll auch für einen langen Zeitraum klar und deutlich an, um dann kurz vor knapp doch noch kassiert zu werden (dazu später mehr). Reingehört in das Album habe ich aufgrund eines interessanten Reviews des Kollegen Andreas Schiffmann im Rock Hard. Und ich wurde nicht enttäuscht, sondern im Gegenteil bereits beim ersten Anhören komplett umgepustet.

The Alligator Wine verwenden keine Saiteninstrumente, sondern nur Drums sowie Orgeln, Keyboards, Synthesizer. Was sich eher wie eine moderne Version von Kraftwerk liest, rockt aber in Wirklichkeit trotz fehlender Gitarren höllisch und animiert eigentlich durchgehend zum Tanzen, Hüpfen und Freuen. "Demons of the Mind" ist die Gute-Laune-Platte des Jahres. Dabei wird es manchmal, besonders in den langsameren und teilweise balladesken Songs wie "Loraine" (für mich der Soundtrack zu einem Western, der nie gedreht wurde), "Sweetheart on Fire"  oder auch dem Otis Taylor-Cover "Ten Million Slaves" durchaus auch ein wenig düsterer. Auf der anderen Seite stehen dann Mega-Ohrwürmer wie "Mamãe", "The Flying Carousel" oder "Voodoo" (wieso zur Hölle hat diesen Song noch niemand vor The Alligaor Wine geschrieben und wieso führt er nicht weltweit sämtliche Hitparaden an?), bei denen die Sonne mit einer Wucht und Kraft aufgeht, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. 

"Demons of he Mind" ist ein Hitsammelsurium, das sich gewaschen hat. "Crocodile Inn", "Voodoo" und "Mamãe" stechen aus der Ohrwurmparade noch einmal zusätzlich heraus, aber es ist tatsächlich jedes einzelne Lied auf dieser Platte ein unfassbarer Hit. Anfangs hatte ich etwas die Befürchtung, dass sich dieses Album zu schnell abnutzen könnte, aber das ist zum Glück absolut nicht der Fall. The Alligator Wine, die übrigens nur aus zwei Personen bestehen, verstehen es auf "Demons of the Mind" perfekt, ihre sehr eingängigen Songs derart nachhaltig zu gestalten, dass man sie ständig wieder hören will und sie sich eben genau gar nicht abnutzen. Ein komplettes Meisterwerk, und wie großartig ist es, dass im völligen Untergrund noch immer derartige Perlen vergraben liegen? Göttlich.



Beim nächsten Album, das ich hier vorstellen möchte, kann ich leider nicht wie üblich mit einem mies beleuchteten Handyfoto aufwarten, ich bitte um Nachsicht. "All in Good Time" der Band Familiars habe ich bisher nämlich lediglich als Download erworben. Das liegt daran, dass die aus Ontario stammende Band offenbar keinen deutschen oder auch nur europäischen Vertrieb hat. Man kann das Album zwar über ihre Bandcampseite kaufen, die Versandkosten bewegen sich dann aber in Sphären, die mich bisher vom Kauf absehen ließen. Schade, aber vielleicht wird das ja in Zukunft noch was. Ansonsten werde ich wohl bald in den sauren Apfel beißen und es einfach bestellen.

"Heavy Canadiana Psychedelic Rock", so beschreiben Familars ihre Musik und das passt wohl wie die Faust aufs Auge.

Dunkle Western-Atmosphäre trifft auf herrliche Schweineorgeln ("Homestead"), fette Riffs auf meist melodischen, gelegentlich auch mal etwas räudigeren Gesang, wobei nie stumpf herumgebrüllt, sondern eben einfach rau und mit Reibeisenstimme gesungen wird. Der Gesang ist im Mix zudem recht weit im Hintergrund, was jetzt nicht heißen soll, dass man die Stimme kaum hört. Aber der Gesang, gerade die sanfter gesungenen Passagen, stehen eben nicht vor der Musik, sondern gleichberechtigt daneben. Dieses Element, das die Stimme manchmal beinahe etwas geisterhaft wirken lässt, gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen dieser Platte.

Ein weiteres ist das Schlagzeug, bzw. vor allem die Becken. Diese klingen einfach mal wieder so, wie Becken klingen müssen, zischen und peitschen wunderbar und haben nicht diesen merkwürdig toten, abgehackten Klang, den man bei modernen Produktionen oft hört. Der Song "The Common Loon" ist hier ein gutes Beispiel, die Becken klingen einfach geil, es gibt kein besseres Wort dafür. Gleiches gilt übrigens für den Bass, wie der zum Beispiel in "Barn Burning" vor sich hinplockert, als wären die Saiten dick wie Seile, macht einfach nur Spaß.

Familiars lassen ihren Songs die Zeit, die diese zur Entfaltung brauchen, es gibt auch mal längere Instrumentalpassagen, wenn ein Song dies erfordert. "All in Good Time" ist schön heavy, lässt aber immer wieder auch Luft an die Songs, Passagen, in denen sich die Gitarren etwas zurücknehmen und wo die Songs regelrecht entspannt klingen, um dann kurze Zeit später wieder aufzubrausen ("Rocky Roost"). Einen richtigen Hit hat "All in Good Time" nicht zu bieten, die Songs wirken bei den ersten Durchgängen eigentlich durch die Bank eher unscheinbar und setzen sich erst nach und nach fest. Das Album dauert nur eine Dreiviertelstunde, wirkt aber eigentlich länger. Damit ist nicht gemeint, dass es langweilig ist, ganz im Gegenteil. Aber das fehlende Hit-Element erfordert schon ein wenig, dranzubleiben und sich mit der Musik auseinanderzusetzen. Tolles, vordergründig zunächst eher unscheinbares Album, mit dem zu beschäftigen sich wirklich lohnt.




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