Jahresrückblick 2020 - Teil 4

Nach einigen neuen und jüngeren Bands in den ersten drei Teilen des Jahresrückblicks kommen im vierten Teil vor altem alte Hasen zur Sprache, die alle schon seit Jahrzehnten dabei sind. Viel Spaß!


Psychotic Waltz waren immer eine Band, mit der ich nie so richtig warm geworden bin. Abgesehen von ihrem letzten Album "Bleeding", das ich immer mochte, stand ich vor dem Großteil ihres Materials normalerweise wie der Ochs vorm Berg und hatte keine Ahnung, was sie wollen. Ich fand das immer schade, denn eigentlich sollte es von den Zutaten her genau mein Ding sein. Das 'Nachfolgeprojekt' von Buddy Lackey/Devon Graves unter dem Namen Dead Soul Tribe lag mir da schon eher, wobei ich mich hier auch meist auf die Alben "A Murder of Crows" und "A Lullaby for the Devil" beschränkte.

Nach langer Pause sind Psychotic Waltz nach diversen Liveaktivitäten also 2020 mit einem neuen Album, ihrem fünften, zurückgekehrt. "The God-Shaped Void" nennt es sich, verfügt über eines der schönsten Cover-Artworks der letzten Jahre, und es ist tatsächlich inzwischen mein Lieblingsalbum aus dem ganzen Waltz/Dead Soul Tribe-Universum. Die neue Platte verknüpft die Eingängigkeit und das stringente Songwriting von "Bleeding" mit der versponnenen, mystischen Atmosphäre des Klassikers "Into the Everflow", und die ein oder andere Melodie, die auf "A Murder of Crows" hätte stehen können, höre ich ebenfalls heraus. Best of all worlds sozusagen.

In meist eher getragenem bis mittlerem Tempo walzen (hihi) Psychotic Waltz sich in einer knappen Stunde  durch elf Stücke. Jeder Song für sich genommen ist ein kleines Wunderwerk des Progressive Metal, allerdings muss man in Summe auch sagen, dass "The God-Shaped Void" an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Abwechslung  nicht geschadet hätte. Die Songs sind wie gesagt größtenteils in ähnlichem Tempo gehalten und verfügen auch alle über eine ähnliche Atmosphäre. Lediglich der Bonustrack "Season of the Swarm" bricht aus meiner Sicht etwas aus diesem Muster aus, zieht das Tempo ein wenig mehr an und wirkt auch atmosphärisch etwas anders, direkter, als der Rest. Diese (wollte man es böswillig formulieren) Gleichförmigkeit  kann gegen Ende des Albums dann manchmal ein wenig ermüdend werden. Auf der anderen Seite ist jeder einzelne Song so gut, dass ich keinen von ihnen streichen wollen würde. Letztlich also meckern auf sehr hohem Niveau.

Großartig finde ich die immer wieder durchschimmernde, leicht orientalische Note, bei der ich kaum festmachen kann, woher diese eigentlich kommt. Vermutlich sind es die Melodieführungen von Songs wie "Stranded" , "The Fallen" oder "All the Bad Men", die diese Assoziation aus irgendwelchen Gründen in mir wachrufen, es könnte aber auch einfach die Stimmfarbe von Buddy Lackey sein. "The God-Shaped Void" enthält wie bereits geschrieben keine schwachen Songs, dennoch gib es ein paar Stücke, die noch einmal zusätzlich herausragen. Neben den schon erwähnten "Stranded" und der göttlichen Halbballade "The Fallen" wären das aus meiner Sicht vor allem der dreist Rammsteins "Reise, Reise" zitierende Opener "Devils and Angels", das düstere, komplexe "While the Spiders Spin" und "Demystified", das mit seiner Querflöte tolle Akzente setzt. 

Insgesamt ist Psychotic Waltz mit diesem Album ein sehr beeindruckendes Comeback geglückt und in dieser Form würde ich es sehr begrüßen, wenn sie dauerhaft dabei blieben.



Spätestens seit seinem 2012er Meisterwerk "Blues Funeral" gehört Mark Lanegan zu meinen absoluten Lieblingskünstlern. Der Output dieses Mannes, zu dem auch diverse Kollaborationen gehören, ist ein Fass ohne Boden, zumal eigentlich auch kein Jahr vergeht, in dem Lanegan nicht mit neuer Musik aufwartet. Zumindest über sein reines Solo-Schaffen habe ich inzwischen aber einen ganz guten Überblick und nenne die Alben alle mein Eigen.

"Straight Songs of Sorrow" ist immerhin nun das 13.  Album unter seinem eigenen Namen und wurde als eine Art Soundtrack zu seiner Autobiographie "Sing Backwards and Weep", die ebenfalls 2020 erschien, veröffentlicht. 

Dementsprechend persönlich ist "Straight Songs of Sorrow" ausgefallen, und da Mark Lanegan auf ein ziemlich bewegtes Leben zurückblickt, ist die neue Platte auch klar weniger in sich geschlossen, als das in den letzten Jahren bei Alben wie "Gargoyle" oder "Phantom Radio" der Fall war, zudem ist sie weniger eingängig und mit 15 Songs in ziemlich genau einer Stunde auch recht umfangreich. Kurz gesagt: "Straight Songs of Sorrow" ist nicht gerade das ideale Einstiegsalbum in das Werk dieses spannenden Künstlers, sondern vermutlich eher etwas für Leute, die sein Schaffen schon länger verfolgen - was ich wie gesagt und zum Glück tue.

Das Album beginnt mit dem perkussiven und unruhigen "I Wouldn't Want to Say" schon ziemlich ungewöhnlich und experimentell, der Song braucht einige Durchläufe, um sich festzusetzen. Mit dem akustischen "Apples from a Tree" und der wunderschönen Wave-Ballade "This Game of Love", die Lanegan im Duett mit seiner Frau Shelley Brien singt, geht es danach zunächst in sanftere Gefilde, bevor sich mit "Ketamine" der nächste Brocken anschließt, den man sich erst einmal erschließen muss.  Und so geht es im Prinzip weiter mit "Straight Songs of Sorrow" - Hits, wie man sie von Mark Lanegan gewohnt ist, wie "Bleed All Over", das auch auf dem letzten Album "Somebody's Knocking" eine gute Figur gemacht hätte, stehen Songs wie "Internal Hourglass Discussion" oder "Ballad of a Dying Rover" gegenüber, die zunächst überhaupt nicht ins Ohr gehen und bei denen es hilft, parallel die sehr persönlichen Texte mitzulesen. Bei "Churchbells, Ghosts", "Daylight in the Nocturnal House" oder dem abschließenden "Eden Lost and Found" wiederum geht man ob der gebotenen Dramatik und der unfassbaren Gesangsmelodien dann wieder umgehend kaputt.

Dreh- und Angelpunkt des Albums scheint das recht zentral platzierte "Skeleton Key" zu sein, eine siebenminütige Ballade, in der Lanegan mit grabestiefer Stimme sein Innerstes schonungslos offenlegt, so nah hat er seine Hörer selten an sich herangelassen. Gänsehaut und ein Knoten im Magen sind hier garantiert. "Straight Songs of Sorrow", das hat man glaube ich rauslesen können, ist kein einfaches Album, aber wieder einmal ein verdammt gutes.  Es wirkt wie eine Katharsis und stellenweise auch wie ein Seelenstriptease, bei dem, was dieser Mann alles erlebt und durchgemacht hat, grenzt es an ein Wunder, dass er noch unter uns weilt. Für mich bleibt Mark Lanegan der spannendste Solokünstler unserer Zeit und "Straight Songs of Sorrow" macht da einmal mehr keine Ausnahme.



Sechs Jahre ist es schon wieder her, dass die Einstürzenden Neubauten mit "Lament" zuletzt von sich reden machten, seit dem letzten regulären Studioalbum "Alles wieder offen" sind sogar 13 Jahre vergangen. Blixa Bargeld hat in der Zwischenzeit mit Teho Teardo zwei spannenden Alben herausgebracht und auch der Rest der Band war nicht untätig. Dennoch war es mal wieder an der Zeit für ein 'ganz normales' Neubauten-Album, dementsprechend gespannt war ich auf das neue Werk "Alles in Allem".

Das neue Album hat einen starken Berlin-Bezug, was  bereits an Songtiteln wie "Am Landwehrkanal", "Tempelhof" oder "Wedding" deutlich wird und sich auch durch die meisten der Songtexte zieht. Nach dem noch vergleichsweise wilden Opener "Ten Grand Goldie", bei dem es gerade percussiontechnisch ordentlich zur Sache geht, entwickelt sich "Alles in Allem" zu einem sehr ruhigen und nachdenklich wirkenden Album. Lediglich "Zivilisatorisches Missgeschick", bei dem wie in alten Tagen unter dem Einsatz verschiedener Werkzeuge und Materialien noch einmal ordentlich Lärm gemacht wird, braust hier und da gewaltig auf.

Ansonsten geht es wie gesagt eher ruhig zu auf "Alles in Allem", allerdings scheint die Ruhe oft trügerisch zu sein, vordergründig 'schöne' und melodiöse Songs wie "Taschen" (bei dem ebensolche tatsächlich als Instrumente eingesetzt werden), "Seven Screws" oder "Grazer Damm" haben die ganze Zeit über etwas lauerndes, abwartendes, schlagen dann aber doch nicht zu - oder zumindest nicht offensichtlich. Eher schleichen sie sich hinterrücks an, um einem dann das Messer an die Kehle zu setzen.

Meine persönlichen Highlights von "Alles in Allem" sind "Möbliertes Lied", der Titelsong sowie "Grazer Damm", bei denen die Einstürzenden Neubauten es verstehen, die Musik trotz aller Ruhe derart packend zu gestalten, dass man voller Anspannung zuhört und wissen will, wie es weiter geht. Die erzählerischen, malerischen Texte tun speziell in diesen Songs ihr übriges dazu. "Alles in Allem" ist ein sehr spannendes Album, aus meiner Sicht gibt das Album den Texten und der Stimme Blixa Bargelds noch mehr Raum als das bisher oft der Fall war. Der starke Berlin-Bezug ist ein zusätzliches Element, von dem man aber wohl  eher etwas hat, wenn man selbst eine tiefere Verbindung zu der Stadt hat, was ich nicht habe - er stört aber als Nicht-Berliner auch nicht weiter.  Ich fand es schon immer sehr schwierig, die Musik der Neubauten mit Worten zu beschreiben, man muss sie einfach hören. Auch für "Alles in Allem" kann ich das allerdings nur dringend empfehlen - es lohnt sich.




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