Jahresrückblick 2020 - Teil 5

So, die Hälfte wäre in etwa geschafft. Weiter geht es mit dem fünften Teil des Jahresrückblicks 2020.

King Buffalo sind eine Band, die ich vorletztes Jahr auf dem Freak Valley Festival kennengelernt habe, und dort gut, aber nicht überragend fand. Das änderte sich 2020 mit dem Release ihrer neuen EP "Dead Star", die es inklusive des Bonustracks (einer Editversion des Openers "Red Star") auf eine Spielzeit von 40 Minuten, also durchaus ganz normale Albumlänge, bringt. Aufgrund eines euphorischen Reviews von Herrn Mühlmann im Deaf Forever hörte ich mir die Platte an und war sofort begeistert. Im Zuge dessen zündete dann auch das restliche Material der Band, inzwischen stehen alle Platten hier herum, T-Shirts füllen den Schrank und mein 2020 stand ganz im Zeichen von Freak Valley-Musik wie Giöbia und eben King Buffalo.

Die A-Seite der EP gehört allein dem zweigeteilten, insgesamt über eine Viertelstunde langen "Red Star", das hypnotisch und sanft pluckernd beginnt und ein wenig an das letzte Album "Longing to be the Mountain" anknüpft. Im Laufe der Spielzeit wird das Lied aber langsam lauter, fordernder und nach ca. zehn Minuten geben King Buffalo dann für ihre Verhältnisse richtig Gas und man kann schon von Metal sprechen - an dieser Stelle beginnt Part 2 des Stücks. Das Tempo ist vergleichsweise hoch, die Riffs mächtig und im Hintergrund sorgen tiefe Keyboardflächen für viel Raum. Großartiger Weltraum-Rock, wie ich ihn 2020 sehr schätzen gelernt habe.

Die B-Seite enthält insgesamt vier Stücke, nur bei "Eta Carinae" wird es nochmal etwas ausufernder, die übrigen drei Songs bleiben jeweils unter kompakten vier Minuten, hier kommen King Buffalo also sehr schnell auf den Punkt und zeigen, dass sie neben ausuferndem Psychedelic Rock eben auch griffige, knackige Songs schreiben können. "Echo of a Waning Star" beginnt ruhig und introvertiert, lebt vor allem von der herrlich sonoren Stimme Sean McVays. Und auch, wenn später die ganze Band einsetzt, so bleibt das Lied doch die ganze Zeit über eher balladesk und vor allem überaus entspannt. "Ecliptic" überzeugt mit 80er Space-Synthies und elektronischen Drums. Das rein instrumentale Stück, erneut unterlegt mit tiefen, im Hintergrund herumwabernden Keyboardteppichen ist schön düster und wirkt beinahe wie der verlorengegangene Soundtrack zu irgendeiner alten Weltraum-Serie. "Eta Carinae" bietet klassischen King Buffalo-Stoff, überaus rhythmisch, immer wieder von kurzen Percussion-Einsprengseln aufgelockert rockt sich die Band durch dieses Stück, das eher nach Wüste als nach Raumfahrt klingt. Besonders der ca. nach der Hälfte beginnende Part, bei dem McVay endlos cool über die wie ein Dieselmotor im Leerlauf dahintuckernde Musik singt, ist einfach nur grandios. Beschlossen wird "Dead Star" von seinem Titelsong, der akustisch und balladesk beginnt, im zweiten Teil dann aber etwas lauter und intensiver wird, trotzdem aber die ganze Zeit wieder überaus entspannt und ja, durchaus bekifft bleibt. Danach ist diese EP, die ich wie gesagt eigentlich eher als Album wahrnehme, vorüber. Insgesamt ist "Dead Star" die bislang abwechslungsreichste Veröffentlichung von King Buffalo. Die Band hat kürzlich angekündigt, 2021 einiges vorzuhaben und gleich mehrere Platten veröffentlichen zu wollen - ich bin gespannt.



Seit seinem 2006er Über-Album "The Great Western" warte ich darauf, dass James Dean Bradfield, hauptberuflich Sänger und Gitarrist einer meiner Lieblingsbands, nämlich der Manic Street Preachers, noch einmal mit einem Soloabum um die Ecke kommt. 2020 war es dann endlich soweit und "Even in Exile" erschien. Das Album behandelt das Leben, Schaffen und schließlich den Tod des chilenischen Sängers, Liedermachers, Schauspielers, Regisseurs und Aktivisten Victor Jara, der auch auf dem Frontcover abgebildet ist. Von Bradfield hingegen taucht nicht einmal der Name auf. Jara, der sich in seinen Songs und mit seinen politischen Aktionen immer für die Rechte von Arbeitern einsetzte, wurde 1973 im Alter von 41 Jahren im Zuge des Pinochet-Putsches verhaftet, gefoltert und letztlich ermordet. 

Wer Bradfield und seine Hauptband kennt, weiß, dass solche historischen Figuren und Geschichten sie schon des Öfteren zu Songs inspiriert haben. Dass ein ganzes Album dabei herauskommt, ist jedoch das erste Mal. Im Vergleich zu Bradfields erstem Soloalbum fällt "Even in Exile" eine ganze Ecke düsterer und nachdenklicher aus, ist weniger eingängig und haut einem die offensichtlichen Hits nicht gleich im Dutzend um die Ohren, so wie es bei "The Great Western" der Fall war. Songs wie "There'll Come a War" oder "From the Hands of Violeta" sind dunkel, nachdenklich, regelrecht introvertiert.  Mit "Seeking the Room with the Three Windows" und "Under the Mimosa Tree" gibt es zudem gleich zwei rein instrumentale Stücke. Man merkt beim Hören, dass hier eine Geschichte bzw. eine Biographie erzählt wird und der Inhalt auch die musikalische Ausrichtung vorgibt.

Dennoch ist auch "Even in Exile" voll von griffigen Elementen und eingängigen Melodien, die Singleauskopplung "The Boy from the Plantation" ist beispielsweise der größte Ohrwurm, mit dem ich letztes Jahr zu kämpfen hatte, das Lied bin ich manchmal für mehrere Tage nicht mehr losgeworden, nachdem ich es gehört hatte.  Auch den Opener "Recuerda", "Without Knowing the End (Joan's Song)" oder "Thirty Thousand Milk Bottles" kriegt man so schnell nicht wieder aus dem Kopf, wenn man sie einmal gehört hat. Hier zeigen sich die rund 30 Jahre Songwriting-Erfahrung, die Bradfield inzwischen auf dem Buckel hat. 

Emotionaler Höhepunkt ist das Stück "The Last Song", das erzählt, wie Victor Jara im Gefängnis zunächst die Hände gebrochen wurden, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte. Anschließend forderten ihn die Wärter zum Singen auf, um ihn zu verhöhnen - als er das tat, wurde er zunächst zusammengeschlagen und dann erschossen. "The Last Song" schnürt einem mit seinem Text, der der fast klassischen Singer/Songwriter-Instrumentierung beinahe ein wenig entgegenläuft, regelrecht die Kehle zu. Mit dem sehr ruhigen, an zwei Stellen aber laut aufbrausenden "Santiago Sunrise" setzt das Album anschließend dann einen kraft- und hoffnungsvollen Schlusspunkt.

James Dean Bradfield, das wird beim Hören mehr als offensichtlich, hat sich mit der Geschichte Jaras wirklich befasst und versucht, diese angemessen und würdevoll nachzuerzählen - da ist es nur folgerichtig, dass er mit "La Partida" auch ein Stück des chilenischen Musikers covert. "Even in Exile" ist ein ernstes und nachdenkliches Album geworden, das aber immer von Hoffnung und Zuversicht durchzogen ist. Ein Songwriter setzt einem anderen ein musikalisches Denkmal, und das, wie ich finde, überaus gelungen. 



2020 gab es so gut wie keine Livekonzerte im klassischen Sinn. Viele Bands nutzen die Möglichkeit des Streamings und spielten Konzerte in leeren Hallen (Disillusion) , im Homestudio (Devin Townsend), im Proberaum (New Model Army)  oder auch mal im heimischen Wohnzimmer (Angel Olsen) und übertrugen das dann live in die ganze Welt. Dabei gab es einige Highlights zu erleben. Eines davon lieferten die Niederländer*innen von Gold, die im April ein ca. 45minütiges Konzert spielten, das man dann live am Fernseher verfolgen konnte. Später wurde dieses Konzert unter dem Titel "The Isolation Sessions" über Bandcamp veröffentlicht. Das Konzert konzentriert sich logischerweise größtenteils auf das aktuelle Album "Why Aren't You Laughing?", aber auch Stücke von "No Image" und "Optimist" kamen zum Zuge. Gold spielten tolle, intensive Versionen ihrer Stücke, aufgrund der logischerweise fehlenden Publikumsreaktionen ist das Live-Feeling natürlich recht überschaubar, dennoch sind die Versionen von "The Isolation Sessions" durchaus spannende Alternativen zu den bestehenden Studiosongs.

Im Sommer folgte dann zunächst eine EP namens "The Bedroom Sessions", die fünf Songs enthielt. Sängerin Milena Eva und Gitarrist  Thomas Sciarone hatten für diese Veröffentlichung sehr reduzierte Versionen von Gold-Songs aufgenommen (drei von "Why Aren't You Laughing?", einen von "Optimist") und diese um eine textlich veränderte, gänsehautverursachende Coverversion des Bob Dylan-Klassikers "Blowin' in the Wind" ergänzt. Direkter klang diese Band wohl nie, die Stücke erklingen hier bis auf ihr Grundgerüst reduziert, durch den Einsatz von viel Hall und gelegentlich auftauchenden Synthie-Flächen ist "The Bedroom Sessions" aber keine herkömmliche Unplugged-Veranstaltung, sondern zeigt die beiden kreativen Köpfe hinter Gold von einer zwar recht introvertierten, aber auch sehr nahbaren Seite. Großartig.

Kurze Zeit später kam mit "The Archive Sessions" die dritte Gold-Veröffentlichung des Jahres 2020. Hierbei handelt es sich um unveröffentlichtes Material und Demoversionen aus dem Jahren 2014 bis 2020, also aus der Zeit der Arbeiten am zweiten Album "No Image" bis heute. Bei insgesamt sieben der elf Songs handelt es sich um bis dato unbekannte Stücke, die übrigens vier sind Demoversionen bzw. Home Recordings von Songs, die man von den regulären Studioalben kennt. Highlights aus meiner Sicht sind "Remains", ein Demosong von 2020, den Gold aber zusammen mit dem ebenfalls enthaltenen "The Great Depression" zunächst wieder fallengelassen hatten, sowie das aus den Aufnahmen zu "Why Aren't You Laughing?" stammende Lied "Imposter", das meiner Meinung nach auf diesem ohnehin ja schon unglaublich guten Album noch zu den besten Songs gehört hätte. Wahnsinnig gut.

Aber auch die Demoversionen bekannter Stücke wie "He Is Not" sind für Fans absolut interessant. Gold zeigen sich hier sehr verletzlich und unperfekt, bei den Demos sitzt manchmal nicht jeder Ton, man hört, dass die Band noch ausprobiert und es sich teils um 'Work in Progress'-Material handelt. Das betrifft vor allem die Demos aus der Zeit von "No Image". Man kommt der Band hier sehr, sehr nah und dass sie solches Material mit ihren Fans teilen, macht sie noch einmal ein Stück toller, als sie sowieso schon sind.

"The Isolation Sessions", "The Bedroom Sessions" und "The Archive Sessions" wurden dann im Spätsommer auch zusammen auf Vinyl unter dem Titel "Recession" veröffentlicht. Ein zweifach aufklappbares Gatefold mit einem Fach für jede LP, abgerundet durch sehr ausführliche, handgeschriebene Liner Notes von Milena Eva. Für Fans ist "Recession" ganz klar eine absolute Pflichtveranstaltung, und wie Gold das merkwürdige Jahr 2020 zum bisher produktivsten ihrer Karriere gemacht haben, davor kann man nur den Hut ziehen.



Spotify-Playlist "Thekenumschau 2020"

(Die Spotify-Liste muss leider ohne Gold auskommen, da die Songs von "Recession" dort nicht gelistet sind. Alle drei enthaltenen Veröffentlichungen sind aber über die Bandcamp-Seite der Band verfügbar.

 


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