Jahresrückblick 2020 - Teil 6

Mittlerweile befinden wir uns zeittechnisch im absoluten Hochsommer. Die dumme Seuche war ein wenig aus der Wahrnehmung verschwunden, auch wenn natürlich weiterhin Distanz und Verzicht auf Kontakte angesagt war. Kreative Bands mit tollen neuen Alben gab es aber zum Glück weiterhin, hier sind drei davon.


Hinter Maggot Heart verbirgt sich Linnéa Olsson, die in der Vergangenheit vor allem mit Beastmilk / Grave Pleasures und The Oath von sich reden gemacht hat.  Maggot Heart ist nun ihr eigenes Projekt und "Mercy Machine" das zweite Album, wobei ich das 2018er Debüt "Dusk to Dusk" bisher nicht kenne. 

Auf "Mercy Machine" präsentiert Olsson zehn Songs, die ohne Umschweife und sehr direkt zuschlagen. Die Metallic-Lackierung, die eine Band wie Grave Pleasures noch auf ihrer Musik hatte, ist weg. "Mercy Machine" ist bis aufs Grundgerüst abgeflext, klingt sehr direkt, sehr ehrlich, gnadenlos und hässlich. Ein regnerischer Abend in einem heruntergekommenen Teil einer kaputten Großstadt. 

Die Platte versprüht an allen Enden und Ecken den Geist des Punk, vermischt mit ein bisschen Apokalypse der Marke Voivod oder Killing Joke und auch einigen Reminiszenzen an Bands wie Siouxsie And The Banshees. Linnéa Olssons Gesang klingt oft angepisst ("Gutter Feeling", "Justine"), ebenso oft aber auch fast apathisch bis teilnahmslos ("Second Class", "Mercy Machine", "Lost Boys"), wird stets aber mit einer gesunden Portion Arroganz und Herablassung vorgetragen. Das passt wunderbar zu der beschriebenen Atmosphäre der Musik, dieser Filterlosigkeit und Direktheit, die daran liegt. "Mercy Machine" klingt dreckig und kaputt, und genau das ist die Stärke dieses Albums. Das und die Fähigkeit Olssons, Hits am laufenden Band zu schreiben. Denn bei allem Schmutz, den sie einem vor den Kopf wirft, umgarnt sie den Zuhörer auf der anderen Seite mit wunderbaren Melodien, die sich zum Teil schon beim ersten Hören ins Hirn fressen, wie z. B. beim Opener "Second Class" oder "Roses".  Bei anderen Songs dauert das etwas länger, aber nach ein paar Durchläufen des Albums wird man auch "Sex Breath", "Lost Boys" oder "Senseless" nicht mehr los. 

Maggot Heart haben mit ihrem zweiten Album eine Platte vorgelegt, die es einem aufgrund ihrer Atmosphäre nicht immer einfach macht und auf die man Bock haben muss. "Mercy Machine" ist aber auf der anderen Seite eben auch ein Album voll von Hits, die man dann doch immer wieder hören mag. Darin liegt eine gewisse Ambivalenz, aber ich nehme es so wahr. Fest steht jedenfalls, dass dieses Album eine kleine Perle ist, auch wenn man sich an der scharfkantigen Schale drumherum schonmal blutige Finger holt.



Die Münsteraner Long Distance Calling flogen bislang ziemlich unter meinem Radar bzw. was ich von ihnen kannte (eher einzelne Songs als ganze Alben), hat mich ehrlich gesagt nie sonderlich mitgerissen. Mit ihrem inzwischen siebten Studioalbum "How Do We Want to Live?" hat sich das aber schlagartig geändert - was für ein Album!

Bevor ich auf die Musik eingehe, zunächst einmal ein Wort zur Produktion: 2020 gab es aus meiner Sicht kein Album mit besserem Klag, die Produktion von "How Do We Want to Live?" ist schlichtweg unglaublich, sehr raumgreifend und dabei ausgewogen und speziell unterm Kopfhörer entsteht ein regelrecht räumliches, dreidimensionales Klangbild, das einem die Kinnlade offenstehen lässt. Absolute Meisterklasse.

Kommen wir zur Musik. Long Distance Calling sind bekanntermaßen eine Band, die überwiegend instrumental agiert, auf dem neuen Album gibt es mit "Beyond Your Limits" lediglich einen Song mit Gesang.

Dennoch vermag es die Band, in ihren Liedern Geschichten zu erzählen und ganze Welten zu erschaffen. Nun enthält "How Do We Want to Live?" relativ viele Sprachsamples und Spoken-Word-Passagen, was den Einstieg in besagte Welten sicherlich erleichtert, dennoch gibt es wenige Bands, die (fast) ohne Texte im herkömmlichen Sinn auskommen und trotzdem derart spannende und zugleich nachvollziehbare Songs schreiben können. 

Das Album, das macht schon der Titel klar, beschäftigt sich mit Themen wie künstlicher Intelligenz, moderner Technik und der Frage, in welchem Maße die Menschen davon ihr Leben bestimmen lassen wollen bzw. sollten. Was passiert, wenn künstliche Intelligenz das Steuer übernimmt, wie wägt man Nutzen gegen Risiken ab etc. - hier werden grundlegende Fragen behandelt - und das alles ohne Texte. Stattdessen soll man sich als Zuhörer eben seine eigenen Gedanken machen und tut das auch ganz automatisch. Musik, Artwork und Sound greifen perfekt ineinander und bilden dafür die Grundlage.

Lediglich die immer wieder  eingestreuten Sprachsamples, die teilweise Literatur zu dem Thema zitieren (so enthält beispielsweise "Hazard" ein Zitat aus "Smarter Than Us: The Rise of Machine Intelligence" von Stuart Armstrong), geben Gedankenanstöße und Anhaltspunkte. Auch diverse Filmzitate (keine Filmsamples, sondern wirklich nachgesprochene Zitate) ziehen sich durch das Album. So beginnt "Ashes" zum Beispiel mit dem Monolog über den Vergleich von Menschen und Viren, den Agent Smith in "The Matrix" hält, und das Ende von "Sharing Thoughts" enthält ein Zitat aus "2010: The Year We Make Contact" über die Gleichwertigkeit von natürlichem und künstlichem Leben.

All das wäre aber wenig wert, wenn die Musik nicht auch alleine die Spannung halten könnte. Aber das kann sie - und wie. Die Lockerheit, mit der Long Distance Calling in einem Song wie "Voices" zwischen schwebenden Science-Fiction-Passagen mit "Blade Runner"-Atmosphäre und treibenden Gitarrenparts wechseln, kann eigentlich nur als Weltklasse bezeichnet werden.

Wie in "Fail / Opportunity" elektronisches Drumming auf sanfte Streicher trifft, und wie diese gegensätzlichen Elemente sich ergänzen und so die beiden Themen Technik und Mensch sozusagen wieder zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden, ist genial.

Und diese Momente ziehen sich durch das gesamte Album. Die Synthie-Passagen erinnern immer wieder an 1980er Science Fiction, die Musik klingt aber dabei trotzdem modern und irgendwie auch zeitlos. Es gibt keinen Song auf "How Do We Want to Live?", der nicht mitreißend und sauspannend ist. Mich persönlich reißt "Beyond Your Limits", der einzige Song mit Gesang, manchmal ein wenig aus dem Fluss und den Welten, in die ich bis dahin abgedriftet bin, aber das ist dann auch schon der einzige Kritikpunkt und liegt vermutlich ohnehin nur an mir. Long Distance Calling haben mit dieser Platte ein wirklich komplett großartiges Werk vorgelegt, an dem aus meiner Sicht für Fans spannend inszenierter Rockmusik absolut kein Weg vorbeiführt und das die Messlatte für künftige Veröffentlichungen und andere Bands verdammt hoch legt.



Gazpacho aus Norwegen haben 2020 mit "Fireworker", auf dessen Cover ich irgendwie immer eine stilisierte Version der kleinen Raupe Nimmersatt zu erkennen meine, bereits ihr elftes Studioalbum vorgelegt. Wirklich vertraut bin ich eigentlich nur mit den Alben "Tick Tock" (2009), "Molok" (2015) und dem schier unfassbar guten "Demon" (2014), bei dem man sich immer abwechselnd im Prag des 19. Jahrhunderts und auf dem Dachboden des ersten "rec"-Films wähnt. "Demon" ist eines der besten Album der 2010er Jahre, und mit "Fireworker" kommen Gazpacho dort auch nicht ganz heran - was ich aber auch nicht erwartet hatte, denn so ein Album schreibt man in aller Regel nur einmal.

"Fireworker" ist aber von den mir bisher bekannten Gazpacho-Platten klar die Nummer Zwei.

Lediglich fünf Songs stehen auf dem Album, wobei das eröffnende "Space Cowboy" mit fast 20 Minuten Spielzeit eine komplette LP-Seite einnimmt. Dann folgen drei kürzere Stücke, bevor es mit dem viertelstündigen "Sapien", das ebenfalls eine Vinyl-Seite für sich allein beansprucht, noch einmal ausufernd wird.

"Fireworker" liegt wie eigentlich immer bei Gazpacho wieder ein durchdachtes Konzept zugrunde, das erneut philosophische und religiöse Motive mit Horror-Elementen und reichlich düsterer Fantasy vermischt. Wenn ich es richtig verstanden habe, so ist laut Konzept in jedem Menschen eine fremde Entität namens Fireworker oder Lizard (dessen genaue Herkunft bleibt letztlich unklar, ist aber wohl nicht irdisch) am Werk, die sich bei Bedarf auf das Bewusstsein eines jeden 'aufschalten' und die Kontrolle übernehmen kann - das, was die Menschen als Instinkte wahrnehmen und bezeichnen. Das einzige Ziel des Fireworkers, der als eine Art Schwarm-Parasit am Ende trotzdem nur ein Wesen ist, ist das Überleben, und so benutzt er die Menschen als Vehikel, um diesen Zweck zu erfüllen. Das mal als grobe Zusammenfassung des textlichen Inhaltes.

Musikalisch gehen Gazpacho ein wenig mehr in die Extreme ihres Soundspektrums, und "Space Cowboy" ist dafür vermutlich das beste Beispiel. Von Passagen, die wirklich komplett ruhig und entspannt sind, über leicht jazzige Versatzstücke sind bis hin zu ausladenden, fast orchestralen Parts mit einem gewaltigen Chor ist alles vertreten. Die grundsätzliche Ausrichtung ist aber wie bei Gazpacho üblich auch auf "Fireworker" eher ruhig. Gewaltige Keyboardteppiche, sanft und weich wie riesige Kissen, bilden oft das Fundament der Musik der Band,  elektronische Sounds wechseln sich mit von Piano oder Streichern dominierten Passagen ab und über all das spinnt Sänger Jan Henrik Ohme mit sanfter, einschmeichelnder Stimme sein Netz. Trotz der teils sehr amtlichen Songlängen gibt es nur selten längere Instrumentalpassagen, Ohmes Gesang ist im Grunde allgegenwärtig.

Mit Rockmusik hat "Fireworker" trotz durchaus rockiger Passagen im Titeltrack oder dem Albumhighlight "Sapien" nur noch am Rande zu tun. Verzerrte Gitarren tauchen nur im Ausnahmefall auf und wirken dann wie in der kurzen Passage in "Space Cowboy" fast wie Fremdkörper. Es dominieren meist sanftes Drumming, Klavier, Streicher und Keyboards. "Fireworker" hat oft mehr von einem Soundtrack, alles wird der Gesamtatmosphäre untergeordnet, die Story ist genau so wichtig wie die Musik. Vielleicht noch mehr als "Demon" ist "Fireworker" ein Gesamtkunstwerk. Nichts für jeden Tag, aber ab und an gibt es nichts besseres.




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