Jahresrückblick 2020 - Teil 7

Der erste Monat 2021 ist schon wieder rum, der Lockdown geht weiter und nach wie vor habe ich jede Menge Zeit zur Verfügung. Kommen wir also zum siebten Teil des großen Jahresrückblicks 2020

2018 hatten The Ocean den ersten Teil  ihres "Phanerozoic"-Projektes veröffentlicht und 2020 folgte dann mit "Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic"  der zweite und abschließende Teil der Reihe. Inhaltlich wird weiterhin die Geschichte der Entwicklung des Lebens auf der Erde erzählt und endet mit dem bis heute andauernden Zeitalter des Känozoikums.

"Phanerozoic II" startet mit "Triassic" (vermutlich der beste Song des kompletten Projekts) und dem fast viertelstündigen "Jurassic Cretaceous", bei dem erneut Jonas Renkse von Katatonia als Gastsänger involviert ist, absolut phänomenal. "Triassic" verfügt über diverse griffige Hooks und bei den klar gesungenen Passagen über echtes Ohrwurmpotenzial, bricht aber auch immer wieder aus und walzt alles platt, was sich ihm in den Weg stellt. "Jurassic Cretaceous" ist vermutlich der komplexeste Song der "Phanerozoic"-Reihe, das Stück wirkt fast wie ein eigenes kleines Album in sich, voller Dramatik und Abwechslung. Haushoch türmen sich die Gitarren und Drums auf, nur um kurze Zeit später ganz sanft in eine ruhige, an Tools "Schism" erinnernde Passage zu münden, an die sich wieder der laute und eingängige Chorus anschließt, dem dann wiederum eine Passage folgt, in der auf einmal Blasinstrumente die Richtung vorgeben.

Nach diesem furiosen Auftakt, der bereits die erste LP einnimmt, verlieren sich The Ocean für meinen Geschmack teilweise etwas zu sehr in ruhigen und entspannten Passagen. Die Songs werden ab dem dritten Stück "Palaeocene" deutlich kürzer und kompakter, sind in der Albummitte ("Eocene" bis "Miocene - Pliocene") aus meiner Sicht aber nicht mehr so mitreißend wie die beiden eröffnenden Stücke und das erste "Phanerozoic"-Album. Das ist immer noch tolle Musik, aber gelegentlich wirkt es auf mich ein wenig wie ein Anhängsel an alles, was bis einschließlich "Jurassic Cretaceous"  passiert war. Der ein oder andere Ausbruch hätte diesem Material eventuell nicht geschadet. Mit "Pleistocene", gegen dessen Ende The Ocean sich beinahe schon in Black-Metal-Gefilde vorprügeln, steigt das Energielevel vorübergehend wieder an, mit dem sehr entspannten "Holocene" endet das Album dann eher ruhig und beschaulich. Trotz des saustarken Beginns von "Phanerozoic II" würde ich als Album daher dem ersten Teil knapp den Vorzug geben, nichtsdestotrotz ist auch The Oceans aktuelles Album eine spannende, absolut hörenswerte und vor allem sehr eigenständige Platte. 

Die Aufmachung des Albums ist zudem erneut der reine Wahnsinn. Ein großformatiges Buch mit vielen Fotos und Infos gehört zumindest bei der Deluxe-Version genauso zum Umfang wie ein hölzerner USB-Stick mit reichlich Live-Material und anderem Zeug, dazu kommen diese runden, LP-großen Lyrics-Sheets und überhaupt die ganze Aufmachung an sich, die man nur als Augenweide bezeichnen kann. Mir fällt kein anderes Album ein, das derart liebevoll, hochwertig und detailverliebt gestaltet ist wie die beiden "Phanerozoic"-Alben von The Ocean. Insgesamt ein in sich stimmiges, abgeschlossenes und schlichtweg rundes Paket, das in seiner Konsequenz einfach nur beeindruckend ist.



Die Frequenz, mit der Jerome Reuter neues Material seines Projektes Rome unters Volk bringt, ist inzwischen fast schon beängstigend. Nachdem 2019 mit "Le Ceneri di Heliodoro" und "The Dublin Session" gleich zwei Alben erschienen waren, kam mit "The Lone Furrow" 2020 bereits die nächste Platte. Zwischenzeitlich waren mit "Käferzeit" und "Gärten und Straßen" (mir beide bisher unbekannt) zwei weitere Alben erschienen, die zwar keine Songs im herkömmlichen Sinne, sondern eher ambientlastiges Material und Soundcollagen enthielten, aber ja dennoch als neue  Alben zu werten sind. Und nur ein halbes Jahr nach "The Lone Furrow" liegt mit dem 2021er "Parlez-Vous Hate?" nun bereits das nächste, reguläre Rome-Album vor. Wahnsinn. Hier soll es nun aber um "The Lone Furrow" gehen, das Ende August 2020 das Licht der Welt erblickte.  Reuter versicherte sich auf diesem Album der Mithilfe zahlreicher durchaus prominenter Gäste, so wirken auf "The Lone Furrow" unter anderem Nergal (Behemoth), Joseph D. Rowland (Pallbearer) und Alan Averill (Primordial) mit. Rome sind deswegen jetzt aber nicht auf einmal zur Metalband mutiert. "The Lone Furrow" bietet nach wie vor die bandtypische Mischung aus dunkler Neofolk-Musik, Singer/Songwriter-Passagen und Military-Elementen. Letztere stehen auf dem Album im Vergleich zum Vorgänger wieder etwas weiter im Vordergrund ("Tyriat Sig Tyrias", "Kali Yuga Über Alles"). Überhaupt ist "The Lone Furrow" zwar auch wieder sehr eingängig ausgefallen, ist aus meiner Sicht aber vor allem in der zweiten Hälfte etwas weniger songorientiert als "Le Ceneri Di Heliodoro" , "Flowers from Exile" oder "The Hyperion Machine"

Hits gibt es dennoch satt auf diesem Album. Seien es der Song mit Alan Averill ("Ächtung, Baby!" - Songtitel des Jahres), die Nummer mit Nergal ("The Angry Cup"), in deren Mittelteil der Behemoth-Frontmann mit einer Art Beschwörungsformel in seiner polnischen Muttersprache zu hören ist, der klassische Rome-Folk-Song "The Twain" oder die wunderschöne Ballade "On Albion's Plain" - meisterhafte Songs, die man einmal hört und nie wieder vergisst. Wie Reuter es schafft, sich trotz seines enormen Outputs und stilistischen Rahmens eigentlich nicht zu wiederholen, ist schon beeindruckend. In der zweiten Albumhälfte gibt es aber auch ein paar weniger eingängige Momente, zum Beispiel die fast soundtrackartigen, von Spoken-Word-Passagen dominierten und offenbar zusammengehörenden "The Weight of Light" (geht es nur mir so, oder klingt Jerome Reuter hier irgendwie massiv nach Christian Bale?) und "The Lay of Iria" sowie das beeindruckende "Palmyra", bei dem Reuter gesanglich von Laure Le Prunenec von der Band Igorrr unterstützt wird und das eine starke Dead Can Dance-Schlagseite aufweist.

Insgesamt gefällt mir "The Lone Furrow" aufgrund seiner noch etwas düstereren Ausrichtung und der größeren stilistischen Bandbreite noch ein wenig besser als "Le Ceneri di Heliodoro". Tolles Album, spannende Band, trotzdem ist die Schlagzahl, mit der Rome neue Musik veröffentlichen, mir langsam ehrlich gesagt etwas zu hoch, weswegen ich bei "Parlez-Vous Hate?" nun trotz der erneut hohen Klasse erstmal ausgesetzt habe. Wobei die Betonung hier wohl auf 'erstmal' liegt, ich kenne mich doch.



Das Live-Album des Jahres 2020 stammt von Nick Mason's Saucerful Of Secrets. Wie jeder weiß, war Nick Mason Schlagzeuger von Pink Floyd und ist als solcher das einzige Floyd-Mitglied, das erstens von Gründung bis Ende der Band dabei war und zweitens als einziges auf sämtlichen Alben der Band gespielt hat. Im Gegensatz zu seinen Ex-Bandkollegen Roger Waters und David Gilmour machte Mason aber bis dato nie solo von sich reden. Mit seinem Projekt Saucerful Of Secrets hat sich das nun geändert. Die Band besteht neben Mason aus vier weiteren Mitgliedern, mit Guy Pratt, der bei Pink Floyd und später auch bei David Gilmours Soloband seit Jahrzehnten den Bass bedient, ist auch ein alter Bekannter aus dem Bandumfeld dabei. Ein weiteres prominentes Gesicht ist Gary Kemp, den man vor allem von Spandau Ballet kennt. In deutlich kleinerem Rahmen als das bei Pink Floyd bzw. Waters und Gilmour der Fall ist, nämlich im Londoner Roundhouse, wurde dieses Live-Album 2019 mitgeschnitten und dann 2020 in verschiedenen Formaten veröffentlicht. Ich entschied mich aufgrund der beiliegenden DVD für die Doppel-CD-Ausgabe. Auf der DVD hat man die Möglichkeit, sich das Konzert als solches anzusehen oder eine Art Tourfilm zu wählen, bei dem das Konzert gelegentlich durch kurze Behind The Scenes- und Interviewsequenzen unterbrochen wird. 

Der Band beim Performen zuzuschauen, ist die reine Freude. Nick Mason hält im Hintergrund mit einem seligen Dauergrinsen alles zusammen, während sich die drei Leute vorne auf der Bühne unterstützt von Keyboarder Dom Beken die Bälle zuspielen. Der Spaß und die Spielfreude, die die fünf Herren dabei durchgehend an den Tag legen, sind extrem ansteckend, spätestens beim dritten Song "Lucifer Sam" hat die Band einen im Sack und man kann nicht anders, als fröhlich grinsend mitzuwippen.

Saucerful Of Secrets beschränken sich vor allem auf die psychedelische Frühphase von Pink Floyd, das neueste gespielte Material stammt vom 1971er Album "Meddle". Neben offensichtlichen Hits wie "Arnold Layne", "See Emily Play", "Astronomy Domine" und "One of the Days" packt die Band auch jede Menge obskures Material aus.  Dazu gehören zum Beispiel "Vegetable Man", ein Song von 1967, der auf keinem Album von Pink Floyd war und erst 2016 im Zuge des "Early Days"-Boxsets erstmals offiziell veröffentlicht wurde. Weitere Raritäten sind zum Beispiel "Green is the Colour" vom Soundtrackalbum "More", "Obscured by Clouds" vom gleichnamigen Album oder das nur als Single veröffentlichte "Point Me at the Sky".

Insgesamt 22 Stücke werden in knapp 100 Minuten zum besten gegeben. Highlights gibt es ohne Ende - seien es die vor Energie strotzenden "Arnold Layne" und "Vegetable Man", bei denen man meint, eine Gruppe 20jähriger vor sich zu haben, das in Auszügen gespielte, gänsehautverursachende "Atom Heart Mother" oder die Mutter aller Psychedelic-Songs,"Set the Controls for the Heart of the Sun", das Saucerful Of Secrets auf die doppelte Spielzeit der Albumversion auswalzen. Auch das titelgebende "A Saucerful of Secrets" wird absolut grandios dargeboten.

Das tollste ist aber einfach der unglaubliche Spaß, den die fünf alten Säcke, die eigentlich eher wie Lausbuben wirken, bei diesem Konzert versprühen. Zusammen mit Gilmours "Live at Pompeii" das beste, was seit "The Division Bell" bzw. dem Ende von Pink Floyd aus deren Umfeld erschienen ist.




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