Jahresrückblick 2020 - Teil 8

Langsam aber sicher neigen wir uns dem Ende des Jahresrückblicks zu. Weiter geht es mit den nächsten drei Alben.

Ich hatte im Vorfeld ja ein wenig die Befürchtung, dass "Ellengæst", das neue Album von Crippled Black Phoenix, eine relativ ziellose Angelegenheit werden könnte. Der Grund für diese Befürchtung war, dass Sänger Daniel Änghede nicht mehr dabei ist und sich die Band der Mithilfe einer größeren Anzahl von Gastsängern versichert hatte, während zugleich Sängerin Belinda Kordic mehr Anteile übernahm. Ich dachte, dabei würde dann vermutlich eher eine lose Ansammlung von Songs, aber kein richtiges Album herauskommen. Nun, Crippled Black Phoenix belehrten mich eines besseren, denn das Gegenteil ist der Fall: "Ellengæst" klingt so in sich geschlossen, kohärent und kompakt wie vermutlich kein Album der Band zuvor. Das mag auch an der für diese Band relativ überschaubaren Spielzeit des Albums liegen, die nicht einmal eine Stunde beträgt. Dennoch schaffen es die Damen und Herren um Bandkopf Justin Greaves, die neue Platte wie eine Einheit wirken zu lassen, zudem dürfte es ihr bisher finsterstes Album überhaupt sein.

Ich war ja der Ansicht, dass der Vorgänger "Great Escape" nicht mehr topbar sei, aber inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher. "Ellengæst" ist seinem Vorgänger mindestens ebenbürtig, und an manchen Tagen fand ich es auch durchaus noch besser. Die ersten fünf Songs plus das Zwischenstück "(-)" sind durchzogen von einer dunklen, zupackenden und verzweifelten Stimmung, sehr intensiv und fast körperlich greifbar. Der Opener "House of Fools", der von Anathemas Vincent Cavanagh gesungen wird, ist dafür ein Paradebeispiel, trotz einer durchaus vorhandenen Eingängigkeit ist der Song ein ganz schöner Brocken, den an den Anfang eines Albums zu stellen man sich erstmal trauen muss. "Lost", bei dem Cavanagh neben Belinda Kordic ebenfalls zu hören ist, hat ein noch größeres Hitpotenzial und ist zugleich noch finsterer, hier zeichnet Greaves ein absolut hoffnungsloses und schwarzes Bild der Menschheit. 

"In the Night", gemeinsam intoniert von Belinda Kordic und Black-Metal-Koryphäre Gaahl, nimmt das Tempo komplett raus, eingeleitet durch ein längeres Sprachsample, das für sich genommen schon finster genug ist, entwickelt sich der Song im Laufe seiner knapp neun Minuten zu einer Mischung aus walzendem Doom Metal und einer pechschwarzen Version von Pink Floyd. Genial. "Cry of Love" verbeugt sich tief vor Fields Of The Nephilim, bevor mit "Everything I Say" nochmal in die Untiefen der menschlichen Seele abgetaucht wird, ein schleppender, sich immer weiter hinabschraubender Song mit erneut sehr eingängigem Chorus.

Nach diesen 40 überaus finsteren Minuten wirkt "The Invisible Past", intoniert von Jonathan Hulten (Ex-Tribulation), wie so eine Art Licht am Ende des Tunnels. Auch dieser Song ist langsam, schleppend und dunkel, scheint aber von innen heraus zu strahlen und zu leuchten, besonders in seiner zweiten Hälfte entwickelt er sich so zu einer Art Ausweg, den das Album aus der vorab aufgebauten Finsternis aufzeigt, ohne ihn aber selbst zu beschreiten. Von der Wirkung erinnert mich das sehr an "Sear Me III" auf My Dying Brides "The Light at the End of the World"

Den Abschluss bildet das von Belinda Kordic gesungene Bauhaus-Cover "She's in Parties", das an Coolness und Lässigkeit kaum noch zu schlagen ist und vermutlich die beste Coverversionen ist, die Crippled Black Phoenix  bislang aufgenommen haben. So endet "Ellengæst" dann, und immer wenn ich es höre, bin ich mir sicher, dass es wohl doch meine Lieblingsplatte von Crippled Black Phoenix seit "The Resurrectionists"  oder vielleicht sogar überhaupt  ist. Chapeau für dieses Album!



Bei "Long Day Good Night", dem neuen Album von Fates Warning von einer Enttäuschung zu reden, wäre zu hart und würde der Sache auch nicht gerecht. Trotzdem muss ich sagen, ich hatte mir ein wenig mehr erwartet von diesem Album, das gerüchteweise das letzte der Band sein könnte. Eventuell liegt das aber einfach nur an mir. Fates Warning waren schon immer eine Band, die bei mir eher den Kopf als das Herz angesprochen hat.  Ausnahmen von dieser Regel sind der Vorgänger "Theories of Flight" und das 2000er Album "Disconnected" (das ich übrigens für ihr bestes halte, auch wenn ich damit weltweit vermutlich so ziemlich der einzige bin), bei denen bei mir auch auf der emotionalen Ebene eine Menge passiert. Dazu kommt noch, dass ich generell nur mit der Ray-Alder-Phase der Band überhaupt etwas anfangen kann. Nach dem grandiosen Vorgänger hatte ich mir wohl dann einfach ein wenig mehr von "Long Day Good Night" erwartet, vermutlich eben auch wegen der Andeutungen, es könne der Abschied der Band sein. Das ändert aber nichts daran, dass "Long Day Good Night" ein gutes Album ist - es ist bei mir allerdings wieder ein reines Kopfalbum und hat schon allein deswegen für mich mehr mit "Darkness in a Different Light" als mit "Theories of Flight" gemeinsam. Zudem finde ich es zu lang. 13 Songs in über 70 Minuten schütteln sich Fates Warning hier aus dem Ärmel, und obwohl kein schlechter Song dabei ist, finde ich das einfach zu viel Material. Dies zusammen mit der Tatsache, dass "Theories of Flight" mich einfach mehr anspricht und für mich das bessere Album ist, führte dazu, dass ich "Long Day Good Night" nicht so oft gehört habe, wie es das Album vielleicht verlangt oder verdient hätte, sondern eben dann doch immer eher beim Vorgänger lande.

"Long Day Good Night" ist meiner Meinung nach in seiner Mitte ("Now Comes the Rain" bis "When Snow Falls") am stärksten. Diese sechs Songs sind allesamt fantastisch, auf der Habenseite stehen außerdem der Opener "The Destination Onward" und der letzte Song, passenderweise "The Last Song" betitelt, der recht emotional ist und dessen Text man durchaus als Abschied der Band verstehen kann. Der Rest des Albums ist aus meiner Sicht okay bis gut, kommt an das übrige Material aber nicht heran. Speziell mit dem Longtrack "The Longest Shadow of the Day" kann ich diesmal erstaunlich wenig anfangen, das Stück wirkt auf mich recht ziellos und mir ist zu viel Solo-Gedudel drin, dem Vergleich mit einem Stück wie "The Light and Shade of Things" hält "The Longest Shadow of the Day" für mich jedenfalls nicht stand. 

Insgesamt also eine schwierige Angelegenheit, dieses Album. Hätten Fates Warning es um drei bis vier Songs gekürzt, hätte ich vermutlich deutlich weniger Schwierigkeiten damit. So bleibt ein sehr umfangreiches Album und jede Mange Material, das mich aber zu mehr als einem Drittel erstaunlich kalt lässt, was ich selber schade finde. 



Armored Saint sind eine Band, die ich eigentlich schon immer gut fand, von der ich aber aus  mir selbst nicht erklärbaren Gründen nie ein Album gekauft hatte. Ich habe sie mehrfach live gesehen und war jedes Mal begeistert und nahm mir vor, mir nun endlich mal die Alben zuzulegen - und vergaß es dann doch wieder. Nicht zuletzt wegen Deppen wie mir fristet die Band vermutlich seit Anbeginn ein derartiges Schattendasein, wie sie es eben tut. Diesmal aber bekam ich es endlich hin und kaufte "Punching the Sky", das achte Album der Band, nachdem es mich bei einem Spotify-Durchlauf vollkommen geplättet hatte. Am Rande: Das ist vermutlich der andere Grund für die mangelnde Popularität von Armored Saint - acht Alben in 36 Jahren ist nun auch nicht gerade viel. Hin wie her, "Punching the Sky", das kann ich jetzt schonmal verraten, ist mein Album des Jahres 2020. 

Dass man im Jahr 2020 noch ein klassisches Heavy Metal-Album herausbringen kann, das derart frisch, unverbraucht, energiegeladen und einfach nur fantastisch ist, hat mich ziemlich überrascht. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wann es zuletzt ein Album mit einfach reinem, unverfälschtem und klassischem Metal gegeben hat, das mich derart begeistert hat wie "Punching the Sky" - in meiner aktiven Musikhörerkarriere, die sich nun auch bereits im 32. Jahr befindet vermutlich noch nie, seit der damaligen Initialzündung mit dem schwarzen Album von Metallica. 

Jeder der elf Songs auf "Punching the Sky" trifft exakt ins Schwarze. Wie die Band beispielsweise in "End of the Attention Span" einfach alles wegbügelt wie ein Haufen Jugendlicher, ist mit 'beeindruckend' noch nicht einmal ansatzweise angemessen beschrieben. Sei es der unglaublich spannende und originelle, mit einem Jahrhundertchorus versehene Opener "Standing on the Shoulders of Giants", sei es ein Highspeed-Song wie "Missile to Gun", sei es ein Midtempobrett wie "Bubble" oder das abwechslungsreiche, spannend arrangierte "Do Wrong to None" - egal welchen Song man auswählt, es ist ein Instant Classic. 

Neben dem wirklich unfassbar guten Opener sind es vor allem die Songs "Fly in the Ointment" und "Lone Wolf", die mich auf "Punching the Sky" am meisten begeistern. "Fly in the Ointment" , das sich in seinen Strophen tief vor Iron Maidens "Remember Tomorrow" verbeugt, ist ein weiterer Midtemposong, erneut ausgestattet mit einem legendären Refrain, den ich letztes Jahr teils über Tage nicht losgeworden bin - und es hat nicht einmal genervt. Was für ein perfektes Lied. Und "Lone Wolf" mit seiner überlebensgroßen Coolness und unglaublichen Melodieführung macht mich sogar noch fertiger. Bei dem mehrstimmig gesungenen "Yeah..." im Chorus muss ich immer ganz kurz an Alice In Chains denken, dann stimmt John Bush sein "Lone wolf, lone wolf, peppered by debris..." an und ich kann nicht anders, als vor Begeisterung schier einzugehen. Wie kann man denn nur so unglaublich lässig, gleichzeitig kraftvoll und noch dazu voller Spaß und Lebensfreude klingen wie es John Bush auf diesem Album tut? Ich kann es drehen und wenden wie ich will, ich finde keinen Schwachpunkt an "Punching the Sky", selbst das in manchen Reviews als Füller bezeichnete "Bark, No Bite" ist komplett großartig und der Ruhepunkt mit "Unfair" kurz vor dem Ende super gesetzt. Dazu kommt eine perfekte Produktion. 

Ohne jeden Zweifel mein Album des Jahres 2020 und aus meiner Sicht tatsächlich das beste Metal-Album seit ewigen Zeiten, vermutlich tatsächlich seit den 1980er Klassikern von Metallica. Ja, das mag der ein oder die andere als übertrieben ansehen, aber ich empfinde es so. Armored Saints"Punching the Sky" hat sich für mich tatsächlich so angefühlt, als würde ich die Musikrichtung Heavy Metal noch einmal ganz neu für mich entdecken. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass das noch möglich ist. Second to None - Zehn Punkte mit Sternchen. Danke für diese Platte!




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