Jahresrückblick 2020 - Teil 9

Wir kommen auf die Zielgerade - willkommen im vorletzten Teil des Jahresrückblicks 2020 - da insgesamt nur noch vier Alben besprochen werden, bestehen die letzten beiden Teile aus jeweils nur zwei vorgestellten Platten.

Ich weiß bis jetzt nicht, warum "I", das erste Album von JeGong im Herbst im Rock Hard besprochen wurde. Vielleicht ist es die Tatsache, dass die Platte auf dem Label von The Ocean, Pelagic Records, erschien, denn mit Rockmusik hat dieses Album nur im allerentferntesten Sinn etwas zu tun. Letztlich egal, denn natürlich war das gut so, denn andernfalls hätte ich wohl nichts davon mitbekommen, dass es JeGong überhaupt gibt, geschweige denn wie gut mir ihre Musik gefällt. Es handelt sich bei dieser Band um ein Zwei-Mann-Projekt, bestehend aus Dahm Majuri Cipolla (Mono) und Retro Mäder (Sum Of R). Beide Projekte sagen mir aber ehrlicherweise maximal vom Namen her etwas.

"I" ist ein rein instrumentales Album. Stilistisch finde ich es einigermaßen schwierig zu umschreiben.

Ausgehend vom Krautrock der 70er Jahre bewegen sich JeGong in allerlei verschiedene Richtungen sternförmig weiter und haben dabei Berührungen mit Ambient, Chillout, Postrock und teils eher soundtrackartigen Klangcollagen und -kulissen, die an dystopische Science-Fiction-Filme erinnern. Monotonie und Wiederholung sind wichtige Elemente auf "I", ungeduldigen Menschen wird hier mit Sicherheit viel zu wenig passieren. 

Allen anderen aber öffnen sich ganze Welten. Der Einstieg in "I" ist nicht leicht, die Platte umfasst 14 Songs und dauert stolze 76 Minuten, man bekommt also einiges an Material, das zumindest mich in seiner Andersartigkeit zunächst einmal durchaus herausgefordert hat. Mit der Zeit kommt man aber immer besser in die Musik von JeGong hinein. Nachdem ich ja große Teile von 2020 im Home Office verbracht habe, was sich in 2021 so fortsetzt, habe ich festgestellt, dass "I" bei mir auch super als leise Hintergrundmusik während der Arbeit funktioniert. Die instrumentale, oft eher meditative und zum Teil durchaus minimalistische Ausrichtung hat etwas beruhigendes, was bei einem stressigen Bürotag nie schaden kann. "I" eignet sich aber genauso gut zum Hören über Kopfhörer und langsamen, gedanklichen Wegdriften. 

Manchmal folgen die Stücke von JeGong einer erkennbaren Songstruktur und sind vom Aufbau her gar nicht so weit von klassischer Rockmusik weg ("Sowing Dragons Teeth", "Ghost City", "3 People, A Donkey and 2 Souls" ), auf der anderen Seite stehen Stücke wie "Frames of Reference", "Black Monk Lurking" oder "Hollow White Star", in denen JeGong sich in soundtrackartigen, oft leicht kratzigen Klanglandschaften verlieren und in denen ihre Musik tatsächlich eher Untermalung zu einem Schwarzweiß-Film zu sein scheint. Der Stil ihrer Musikvideos (s. unten) passt jedenfalls sehr gut zu der Stimmung, die die Musik bei diesen Liedern erzeugt.  Stücke wie "The Great Return of an Escaped Spirit" , "Faces of Earth" oder "Spirit, The Horse" liegen stilistisch irgendwo zwischen diesen beiden Polen. Insgesamt ist "I" eine sehr außergewöhnliche und spannende Platte, die ich in den letzten Monaten immer mal wieder gerne aufgelegt und mich darin verloren habe. 



Black Metal und Western? Kann das funktionieren? - Aber hallo kann es das! Das vierte Studioalbum "A Romance with Violence" der mir bis dato unbekannten Wayfarer war das letzte Album, das ich in 2020 kennenlernte (die beiden, die noch kommen, habe ich erst 2021 entdeckt) und es wirbelte meinen Jahrespoll noch einmal ziemlich durcheinander. Wayfarer stammen aus Denver, Colorado und obwohl "A Romance with Violence" Ennio Morricone gewidmet ist, sind die Western-Einflüsse der Band eher an die Musik des ebenfalls aus Denver stammenden David Eugene Edwards angelehnt, der vor allem durch seine Bands 16 Horsepower und Wovenhand bekannt ist.

Der Black Metal von Wayfarer geht hingegen eher in die epische Richtung einer Band wie Wolves In The Throne Room. Beides zusammen ergibt eine völlig eigenständige, originelle und spannende Mischung. Wayfarer nehmen sich ordentlich Zeit. Drei der fünf Stücke (plus zwei Intros bzw. Zwischenstücke) auf dem Album sprengen die Zehn-Minuten-Marke, es gibt ausufernde Instrumentalpassagen, in denen die Band gewaltige Soundwände hochzieht, die Gesamtatmosphäre steht klar im Vordergrund. Während das zweigeteilte "Gallows Frontier" zu Beginn des Albums noch auf rein fauchende Black-Metal-Vocals setzt (wobei sich die Stimme in eher tieferen Regionen Richtung Schammasch bewegt), kommt für die übrigen drei Stücke auch klarer Gesang hinzu. Insbesondere das musikalisch eher ruhige "Fire & Gold" erhält dadurch eine starke Wovenhand-Schlagseite und erinnert zum Teil sogar etwas an The Cure. In den beiden Stücken "Masquerade of the Gunslingers" und "Vaudeville", in denen Wayfarer sämtliche ihrer musikalischen Einflüsse von fast wavigem Gothic-Americana bis hin zu Black Metal verarbeiten und verknüpfen, ist "A Romance with Violence" aus meiner Sicht am stärksten.

Die Band setzt auch Instrumente wie Slide Guitar und Hammondorgel ein, was die Westernstimmung natürlich verstärkt. Anhand von Songtiteln wie "The Iron Horse" oder "Masquerade of the Gunslingers" sowie am Album-Artwork kann man sehen, dass sich die Westernthematik nicht nur in der Musik des Albums wiederfindet, sondern sich auch durch die Texte zieht und eben das übergreifende Thema ist. Spannend finde ich dabei den Ansatz, dass Wayfarer hier nicht in typischer John-Wayne-Manier den Wilden Westen glorifizieren, sondern im Gegenteil den Ansatz verfolgen, die typische, stark verklärende und romantisierende Sichtweise, wie man sie aus vielen Filmen kennt, zu entzaubern und zu dekonstruieren. In Booklet der LP schreiben sie dazu: "We dream of a world that can resist the seduction of violence - from its intrusions into the everyday, to far reaching systems of hate, oppression and tyranny. The romance must come to an end. May the gunslingers live and die in our myths and our songs, not in the streets we walk."

Wie ich finde ein guter Ansatz und eine positive Message, die "A Romance with Violence" dann schlussendlich zu einer richtig runden Sache macht.




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Kommentare: 2
  • #1

    Ingo (Freitag, 05 März 2021 20:49)

    Und auf Grund deiner Rezension dürfen sich Wayfarer über einen weiteren Vinyl Kauf freuen. Den Vorgänger fand ich damals nicht ganz so spannend und hätte wahrscheinlich auch nicht in die neue reingehört. Jetzt muss ich dem Vorgänger aber auch nochmal eine Chance geben.
    Unglaublich tolles Album, welches hier seit Tagen, zuhause und im Auto, rauf und runter läuft.

  • #2

    Ploppi (Samstag, 06 März 2021 12:42)

    Geile Sache, das freut mich. �