Jahresrückblick 2020 - Teil 10

The end is nigh!

Die letzten beiden Alben, die ich im Jahresrückblick 2020 besprechen möchte, habe ich beide tatsächlich erst im neuen Jahr kennen- und schätzengelernt. Ich präsentiere hiermit den letzten Teil des musikalischen Rückblicks auf das Jahr 2020.

"For Their Love" ist bereits das vierte Album von Other Lives, eine Band, die ich bis vor einigen Wochen nicht einmal namentlich kannte. Ihre Musik beschreiben sie selber als Mischung aus "heady Baroque pop", "broody, windswept electro alt-rock" und "Ennio Morricone-tinged Americana". Das kann man vermutlich so stehen lassen, diese Beschreibung war im Endeffekt auch das, was mich neugierig auf "For Their Love" machte, das mir von einem Bekannten eben mit genau diesem Hinweistext empfohlen wurde.

Reminiszenzen an Wovenhand oder 16 Horsepower sind bei der Musik von Other Lives immer wieder zu entdecken, auf der anderen Seite sind sie schon allein durch Einsatz von Instrumenten wie Violinen, Trompeten, Mundharmonika und Harmonium noch etwas näher an der Folkmusik, auch weil die Gitarren meist akustisch oder unverzerrt sind und Schlagzeug und Percussion zurückhaltend eingesetzt werden. Auch Einflüsse von Townes van Zandt und dem "Lost in the Dream"-Überalbum von The War On Drugs meine ich herauszuhören. Dazu kommt eine latente Western-Schlagseite, die in der Tat immer wieder an die Soundtracks von Ennio Morricone erinnert, die Melodieführungen scheinen teilweise direkt aus den Filmen entsprungen zu sein, für die er damals die Musik schrieb ("All Eyes - For Their Love", We Wait").

So viel zu den Einflüssen, die von Other Lives aber nicht bloß kopiert, sondern zu einer ganz eigenen, originellen und stimmigen Melange verarbeitet werden, die in Summe ihre Musik dann wiederum ziemlich einzigartig und auch eigenartig klingen lässt. "For Their Love" ist durchzogen von einer leicht fiebertraumhaften, unwirklichen Atmosphäre, zugleich melancholisch und nachdenklich sowie hoffnungs- und farbenfroh und voller vielleicht nicht im Wortsinne positiver, aber guter Energie. Das irgendwie leicht verbaut, aber unglaublich heimelig aussehende Haus vom Coverartwork und aus den Videoclips zum Album, das Other Lives offenbar auch als Aufnahmestudio für dieses Album diente, spiegelt die Atmosphäre dieser Platte eigentlich perfekt wider. Irgendwie merkwürdig, aber eben schön.

Dass jeder der zehn Songs ein kleiner Hit ist und manche von ihnen über Jahrhundertmelodien verfügen, die sich schon beim ersten Anhören ins Hirn fräsen ("Sound of Violence", "Dead Language", "Hey Hey I", "Sideways"), ist dabei fast schon Nebensache. Dramatische Balladen wechseln sich ab mit eher Aufbruchsstimmung verbreitenden Folksongs, aber immer liegt diese hintergründige, unwirkliche Atmosphäre dahinter, fantastisch. Other Lives ist mit diesen Album eine wirklich großartige Platte geglückt, eines der schönsten Alben, die ich aus 2020 gehört habe, vermutlich sogar das schönste überhaupt.



The Black Angels sind eine Band, die sich in den letzten Jahren zu absoluten Favoriten von mir gemausert haben. Je älter ich werde, desto mehr scheine ich abzudriften in Richtung Psychedelic / Space / Stoner / Alternative / Was auch immer-Rock, und The Black Angels gehören da mit Göttergaben wie "Phosphene Dream" und "Passover"  zu meinen ganz großen Lieblingen. Alex Maas, ihr Sänger, veröffentlichte Anfang Dezember 2020 sein erstes Soloalbum, das auf den Namen "Luca" getauft wurde. 

Wenn man, so wie ich gerade, Alex Maas' Album direkt im Anschluss an das Album von Other Lives hört, bemerkt man eigentlich keinen Bruch, sondern eher einen fließenden Übergang. "Luca" ist weniger im Folk verwurzelt, versprüht aber eine "For Their Love" nicht unähnliche Atmosphäre. Diese wird allerdings eher mit sanften Gitarren, Mellotron und dem exotischen Optigan erzeugt, auch eine Pedal Steel Guitar kommt zum Einsatz und gelegentlich ist sogar eine Harfe zu hören. "Luca" ist ein sehr ruhiges und introvertiertes Album, und auch gesanglich hält sich Maas im Vergleich zu seiner Hauptband eher zurück. Das sirenenhafte, durchaus etwas androgyne Gesangselement der Black Angels ist auf "Luca" nur gelegentlich zu erahnen ("500 Dreams"), meist singt Alex Maas aber leiser und etwas tiefer. 

"Luca" wirkt zunächst etwas unscheinbar, die ersten Songs tropfen an einem vorbei und wirklich viel setzt sich zunächst nicht fest, auch wenn der Opener "Slip Into" durchaus über einprägsame Melodien verfügt, aber man muss hier schon zu- und nicht bloß hinhören. Erst mit fortlaufender Spielzeit und bei weiteren Hördurchgängen entfaltet Maas' Solodebüt seine Schönheit und seine Stärken, und Lieder wie "Been Struggling", "All Day""American Conquest"  oder das an das Fleet Foxes-Stück "Oliver James" erinnernde "The City" beginnen sich langsam festzusetzen.  Alex Maas hat mit "Luca" ein schönes Debütalbum vorgelegt, das sich stilistisch von seiner Hauptband schon recht deutlich unterscheidet, dennoch ist eigentlich immer herauszuhören, wer hier am Werk ist. Das Album braucht wie geschrieben ein paar Durchläufe, gerade auch, weil es so leise und zurückhaltend ist, schleicht sich dabei aber dann unbemerkt immer mehr ein und die Songs wirken mit jedem Hören vertrauter.  

LP-Käufern sei noch gesagt, dass "Luca" wirklich äußerst spartanisch aufgemacht ist und nicht einmal über einen Text-Einleger verfügt. Dafür ist die Hülle aus einem sehr griffigen, fast lederartigen Material, was ich bei einer LP in der Form bis jetzt auch noch nicht hatte. 




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Kommentare: 2
  • #1

    Ingo (Montag, 22 März 2021 09:15)

    Mit Other Lives noch so ein Volltreffer, von dem ich vorher auch nie gehört hatte. Danke dafür!

  • #2

    Ploppi (Montag, 22 März 2021 11:43)

    Cool, danke :)